Willkommen beim XXL – Kunstmagazin
 

Ai Weiwei

Translocation – Transformation

Ai Weiweis Schaffen ist Ausdruck seiner kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte, Kultur und Politik seiner Ai Weiweiheimat und reflektiert auf mehr oder weniger subtile Weise seine eigene Biografie.

Die vielschichtigen Verknüpfungen von Geschichte und Gegenwart erhöhen die Faszination, die von der monumentalen Installation Circle of Animals/Zodiac Heads ausgeht, die der Künstler am großen Wasserreservoir an der Südseite des Belvedere aufgestellt hat. Mit den zwölf die Tierkreiszeichen des chinesischen Horoskops darstellenden bronzenen Köpfen reagiert der Künstler auf die 1860 durch französische und britische Truppen erfolgte Zerstörung einer ca. 1749 vor dem Sommerpalast Yuanming Yuan in Beijing errichteten Brunnenanlage. Der Akt mutwilliger Zerstörung und Plünderung bedeutete eine schwere Demütigung des chinesischen Volks und markierte das Ende des Zweiten Opiumkriegs. Das Ziel dieses Kriegs war vornehmlich die Aufrechterhaltung des Opiumexports nach China zur trickreichen Durchsetzung der kolonialen Wirtschaftsinteressen. Zwischen 2000 und 2007 konnte China fünf der geraubten Tierköpfe (ursprünglich waren auch die Körper ausgebildet) erwerben. 2009 wurden zwei weitere (Hase und Ratte) aus der Sammlung von Yves Saint Laurent in einer Auktion angeboten. Alle Bemühungen der chinesischen Regierung, die beiden Bronzen nach China rückzuführen, scheiterten. Schließlich schenkte der französische Sammler und Mäzen François-Henri Pinault 2013 China diese beiden Bronzeköpfe. Die verbleibenden fünf Tierköpfe werden bis heute vermisst. Ai Weiwei reagierte auf die kulturpolitischen Ereignisse mit einer Neuerschaffung des Zyklus. Die Bronzen sind keine vollkommenen Kopien, sondern eigene künstlerische Interpretationen und damit nicht nur physisch, sondern auch konzeptuell ein Produkt des 21. Jahrhunderts.

Alles ist Kunst – alles ist Politik.

So wie der vor 160 Jahren ausgelöste Zweite Opiumkrieg das Ende des Kaiserreichs China vorbereitete, bedeuteten einerseits die 1950 eingeleitete Landreform und noch mehr die von Mao Zedong 1966 initiierte und mit seinem Tod 1976 endende Chinesische Kulturrevolution einen weiteren folgenschweren kulturellen Wandel. Um sich dem idealen Sozialismus entschieden anzunähern, sollten die gesamte Gesellschaft und die Partei proletarisch erneuert werden. Die u. a. auf den Lehren von Laozi, Buddha und Konfuzius beruhende jahrtausendealte chinesische Kultur wurde durch politischen Zwang nahezu ausgelöscht. Die drakonischen Maßnahmen waren gegen grundlegende traditionelle Werte gerichtet und führten zu Entwurzelung, Vertreibung, Zerstörung der Familientraditionen, Auflösung von Eigentum und im schlimmsten Fall Vernichtung.

Vertreibung, Migration und gewollter Ortswechsel als Auslöser transformativer Prozesse in Menschen und an Objekten ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Leben und Werk von Ai Weiwei zieht. Das betrifft seine Jugend genauso wie seine Zeit als Künstler in den USA, die Phase nach seiner Rückkehr nach China sowie seine Migration nach Berlin. Auf jede Translozierung folgt ein Prozess der Neuverortung. Dieser geht einher mit innerer Migration und Veränderung von Identität. Trotz oder gerade wegen seines Nomadendaseins ist Ai Weiwei ein Gesellschaftswesen, ein Zoon politikon, und als solches nicht abstrahiert von seiner Umgebung, seinen Mitmenschen, von Gesellschaft, Tradition und Kultur denkbar.

So war es für Ai Weiwei eine Selbstverständlichkeit, in Wien mit einem vollkommen neuen Werk auf die Flüchtlingskrise zu reagieren. Dazu ließ der Künstler 201 Ringe aus jeweils fünf Rettungswesten zu Lotus-Blüten fertigen und installierte sie im Teich an der Südseite des Belvedere in der Form eines kalligrafischen F. Die Rettungswesten von Flüchtlingen verweisen auf das ungewisse Schicksal von Menschen in Not; die Lotusblüte steht in China für Reinheit und langes Leben; und das F ist ein wiederkehrendes und als Provokation zu verstehendes Motiv in Ai Weiweis Werk.

Vor dem Hintergrund seiner permanenten Auseinandersetzung mit transformativen Prozessen ist Ai Weiweis Interesse an der Geschichte des 21er Haus zu verstehen. Das als ephemerer Länderpavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel konstruierte Bauwerk sollte zunächst verschrottet werden, wurde dann jedoch nach Wien verlegt und als Museum für zeitgenössische Kunst adaptiert. Die Parallele zur Geschichte einer Ahnenhalle aus der Ming-Dynastie war ausschlaggebend für Ai Weiweis Auswahl des Hauptwerks der Ausstellung im 21er Haus. Während der Ming-Dynastie hatte der Tempel eine bedeutende Funktion innerhalb der Familie zu erfüllen. Im gegebenen Fall handelt es sich um das Ahnenhaus der ersten Siedler eines Dorfs in der südlichen Provinz Jiangxi. Die Wang-Familie zählte zu den bedeutendsten Teehändlern in der Region und unterhielt ihr Ahnenhaus bis zur Chinesischen Landreform. Die Familie wurde vertrieben, und die Ahnenhalle verlor damit ihre Funktion. Über die Jahrzehnte wurde das einst so mächtige und bedeutende Gebäude zu einer einsturzgefährdeten Ruine.

 Ai Weiwei erwarb den inzwischen fortgebrachten Tempel, dislozierte ihn erneut und übertrug ihm durch seine Zurschaustellung eine neue kulturelle Aufgabe. Es kann kaum ein besseres Beispiel geben, um auf die Folgen der Jahrzehnte nach Maos Tod immer noch allgegenwärtigen Chinesischen Kulturrevolution hinzuweisen.

Beitrag teilen
geschrieben von

Dr. Alfred Weidinger ist ein österreichischer Kunsthistoriker, Museumsmanager und Fotograf. Weidinger studierte von 1985 bis 1998 Kunstgeschichte und Klassische Archäologie an der Universität Salzburg. 2000 wurde er Vizedirektor und Prokurist der Albertina. Mit der Übernahme der Leitung des Belvedere in Wien 2007 durch Agnes Husslein wurde Weidinger Vizedirektor und Prokurist des Museums Österreichische Galerie Belvedere. In der Funktion des Kurators für die Kunst der Moderne ist er zudem für die Organisation von bedeutenden Ausstellun-gen im In- und Ausland verantwortlich. Seine Forschungsschwerpunkte sind bilden-de und angewandte Kunst sowie Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts. Seit 1980 bereist er als freier Dokumentarfotograf Afrika und nimmt Porträtserien auf. Er fotografiert sowohl digital als auch mit Film, bevorzugt dabei Schwarz/Weiß.

0

Warenkorb