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Feste Feiern!

125 JAHRE – JUBILÄUMSAUSSTELLUNG

Das Kunsthistorische Museum feiert 2016 ein Jubiläum: Vor 125 Jahren, am 17. Oktober 1891, eröffnete Kaiser Franz Joseph das neu errichtete Hauptgebäude an der Wiener Ringstraße. Um diesen Anlass entsprechend zu feiern, findet eine große Sonderausstellung zum Thema „Festkulturen“ statt, an der sich alle Sammlungen des Kunsthistorischen Museums mit kostbaren Objekten beteiligen. Ergänzt durch nationale und internationale Leihgaben wie Goyas „La gallina ciega“ aus dem Prado in Madrid oder das Designer-Outfit „Yashmak“ von Alexander McQueen aus dem V&A in London, werden in drei Sälen 125 Objektgruppen präsentiert.

Die Ausstellung hat das Fest und seine Geschichte zum Inhalt und beleuchtet verschiedene Aspekte europäischer Festkulturen, die sich in der Epoche vom Spätmittelalter und der Renaissance bis zur Französischen Revolution bei Hof (insbesondere dem Habsburgischen), in der Stadt und auf dem Land entwickelt haben. Im Zentrum der Ausstellung steht das höfische Festbankett und seine opulente Prachtentfaltung bei Speis und Trank, Tanz und Musik (Saal VIII). Um rauschende Feste unter freiem Himmel, die anlässlich von Krönungen, Hochzeiten, Geburtstagen, aber auch zur Zeit des Karnevals, bei Kirchweihen oder auf Märkten stattfanden (Saal IX) sowie um das höfische Turnier (Saal I), geht es in den daran anschließenden Ausstellungsräumen.

Feste waren stets ein Ausnahmezustand, in dem die Gesetze des Alltags vorübergehend außer Kraft gesetzt wurden – durch Rollenspiele und Verkleidungen, die sich über historische, kulturelle und geschlechtliche Differenzen hinwegsetzen.

Doch was lässt sich von solchen ephemeren, längst vergangenen Festen ausstellen? Eine vorläufige Antwort ergibt sich aus der Umkehrung der Frage: Ausstellbar ist, was von den Festen übrig blieb – Schaustücke, Requisiten und bildliche Darstellungen.

Bei zahlreichen Festen – sakralen wie profanen – wurde seit Jahrtausenden immer auch etwas ausgestellt oder vorgezeigt. Höfische Feste boten die Gelegenheit, kostbare Schaustücke zu präsentieren, die eigens für diesen Anlass den Schatz- oder Kunstkammern entnommen wurden. Ein solches opulentes Schaustück ist die große zweihenkelige Prunkvase aus Bergkristall, die eigens für die Kaiserkrönung 1764 aus der Wiener Schatzkammer nach Frankfurt a.M. gebracht wurde. Nach dem festlichen Ereignis wanderten Prestigeobjekte wie dieses in die jeweilige Schatzkammer zurück, um bei einem späteren Fest wieder hervorgeholt zu werden. Kein Schaustück im engeren Sinn, in jedem Fall aber ein hoch bedeutsames Festrequisit ist das siebzehn Meter lange Tafeltuch, das hier erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wird; Kaiser Karl V. hatte es 1527 für Festbankette des Ordens vom Goldenen Vlies in Auftrag gegeben. Ein weiteres, ausgefallenes Requisit höfischer Festgelage ist ein sogenannter „Trinkstuhl“ oder „Fangstuhl‘“ aus dem 16. Jahrhundert, der seine Gäste solange gefangen hielt, bis sie ein „Willkomm-Glas“ geleert hatten.

Außergewöhnliche Kreativität zeigt sich auch in den phantasievollen Prunkharnischen, die bei den höfischen Turnieren der Renaissance zum Einsatz kamen und die zu den faszinierendsten Verkleidungs-Requisiten zählen. Neben Opulenz und Prachtentfaltung war es bei höfischen Festen besonders wichtig, Extravaganz vorzuführen – auch im technischen Sinne. Ein besonders raffiniertes Konstrukt, das beispielhaft für das Innovationspotenzial und die kreativen Energien ist, die für die Planung überraschender Show-Effekte freigesetzt wurden, ist ein mechanisches Bruststück mit eingesetzten Rollen und Hebelarmen, das Kaiser Maximilian I. für höfische Turnierspiele entwickeln ließ: Traf die Lanzenspitze des Gegners genau in das Zentrum des Schildes, der auf dem Bruststück auflag, wurde dieser durch einen Mechanismus effektvoll in die Luft katapultiert. Für Überraschungsmomente bei den Besuchern zu sorgen, war den Gastgebern ein wichtiges Anliegen; schließlich sprachen die kreativen Leistungen der eigens für die Planung und Durchführung von Festen angestellten Hofkünstler auch für ihren Auftraggeber.

Neben diesen opulenten Kostbarkeiten und kuriosen Extravaganzen zeigt die Ausstellung bildliche Darstellungen realer und imaginärer Feste: von Krönungsfeierlichkeiten, über Bruegel’sche „Bauernfeste“ mit ihrem bunten Treiben, bis hin zu den phantasievollen Fêtes galantes Watteaus und seiner Nachfolger – träumerischen Szenerien mit weiten Parklandschaften, in denen sich festlich gekleidete Gestalten bei Tanz, Spiel und galanten Konversationen vergnügen. Im Kontrast zu den streng geregelten, hierarchisch organisierten höfischen Festen repräsentieren Volksfeste einen Gegenentwurf: insbesondere der Karneval als kurze Zeit der „verkehrten Welt“, in der bestehende soziale Ordnungsmodelle durch ausgelassenes Feiern, Verkleidung und Rollentausch vorübergehend außer Kraft gesetzt wurden – nicht zuletzt, um auf diese Weise Spannungen zu entladen, die sich in jeder hierarchisch strukturierten Gesellschaft anstauen.

Dass Volksfeste und ihre Elemente ihrerseits die höfische Festkultur bereicherten und inspirierten, kann anhand musikalischer Beispiele eindrücklich vorgeführt werden. Exemplarisch für die mannigfachen Wechselwirkungen stehen auch Gemälde wie das „Blindekuhspiel“ des spanischen Hofkünstlers Francisco de Goya, der Volksfeste und damit verbundene Gesellschaftsspiele in zahlreichen Bildern festhielt. Mitunter wurden sogar Elemente aus Volksfesten ins höfische Zeremoniell eingearbeitet, diszipliniert und auf diese Weise kontrolliert. Ein Beispiel dafür ist die Cuccagna Napoletana, die sich in Neapel aus den Karnevals-Umzügen herausbildete. Wegen zunehmend gröber ausufernder Unfälle wurde das ursprünglich von der Handwerkerzunft organisierte Fest vom Herrscher unter eigene Regie genommen. Königliche Truppen bewachten ein fest installiertes, Schlaraffenland-gleiches Schaugerüst vor dem Palast, bis der König vom Balkon aus das Zeichen zur Erstürmung und Plünderung durch das Volk gab.

Kuratiert wurde die Schau von Gudrun Swoboda, Kuratorin für Barockmalerei an der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums. Die Objekte der Ausstellung stammen überwiegend aus den reichen Beständen des Kunsthistorischen Museums, viele davon konnten bisher selten oder noch nie gezeigt werden. Zusätzlich bereichern Leihgaben aus nationalen und internationalen Sammlungen die Ausstellung; darunter das Victoria & Albert Museum in London, das Museo del Prado in Madrid, das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, das Historische Museum Frankfurt, das MAK – Österreichische Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst, die Albertina, die Österreichische Nationalbibliothek, das Hofmobiliendepot und der Musikverein in Wien sowie das Tiroler Landesmuseum. Kooperationspartner und Leihgeber ist die Akademie der bildenden Künste Wien.

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