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Liebeserklärungen an die Kunst der Vergangenheit

Die Gebrüder Posin in Berlin

Kennengelernt habe ich die Kunst der Gebrüder Posin im Jahr 2008. Da jährte sich zum 70. Mal der Tod des Expressionistischen Großmeisters Ernst Ludwig Kirchner. Pflichtschuldigst gab es im Berliner Brücke Museum Druckgraphik des Künstlers zu sehen. Aber in einer Berliner Boulevardzeitung fand ich auch die Notiz: „Kirchner Gemälde Gedächtnisausstellung in Neukölln“. Das war nun wirklich eine Überraschung, die neugierig machte.

Die klassische Moderne ausgerechnet im multikulturellen Großstadt- Dschungel? Und nicht in einem Museum, klimatisiert, bewacht, kunsthistorisch kuratiert? Sondern in einem „KUNSTSALON Posin“, von dem ich vorher noch nie gehört hatte? Das musste erkundet werden! Wie konnten sich Kirchner–Gemälde, inzwischen schon unerreichbar für deutsche Museen, an einen solchen Ort verirrt haben? In der Tat deutete in der kleinen Straße nichts auf eine Sensation. Das Schild „KUNSTSALON Posin“ wartete deutlich auf eine Erneuerung. Hinter der Tür tat sich Dämmerung auf. Umwallt von Zigarettenqualm begrüßten mich die drei Brüder Posin. Lächelnd standen sie da und hätten einem Gruppenporträt der russischen „Intelligenzia“ um 1900 entstiegen sein können mit ihren wallenden grauen Haaren und ihren Prophetenbärten. Um sie herum ein Atelier wie aus der Oper „Bohème“ von Puccini. Aber all diese Eindrücke verblassten in dem Schock, an den Wänden entlang die legendären Straßenbilder Ernst Ludwig Kirchners aus der Zeit vor 1914 aufgereiht zu sehen. Ich traute meinen Augen nicht: Da schien wirklich der „Potsdamer Platz“ von 1914 aus der Berliner Nationalgalerie zu stehen. Und da war auch die „Straßen-Szene“, die 2007 aus dem Brücke-Museum als NS-Raubgut restituiert worden war und danach über Christie‘s in Ronald Lauders New Museum an der New Yorker Upper East Side gewandert war. Ich kannte die Kirchnerschen Orginale. Es schien unfassbar, dass jemand imstande gewesen sein sollte, den heftigen, spontanen Malduktus des Expressionismus nachschöpfen zu können. Kopisten hatte man immer wieder in den Gemäldegalerien mit alter Kunst am Werk gesehen, aber Expressionismus, die spontane Kunst par excellence?

Es war so etwas wie ein Wunder. Seit jener ersten Begegnung mit den Posins bin ich oft in Neukölln gewesen, allein um zu staunen über neue Werke, und mit Kunstexperten, die gleichfalls in ungläubiges Staunen angesichts des Augentrugs gerieten. Wie sind die Posins zu ihrer Meisterschaft gekommen? Alle drei erkämpften sich den Weg an das Repin-Institut der Kunstakademie Leningrad, wo sie von 1973 bis 1979 studierten. An der Akademie wurde streng nach traditioneller Manier ausgebildet. Nach 1984 wanderten die Posins nacheinander in die Bundesrepublik aus. Erst hier fanden sie zu ihrer „Mission“: Nachschöpfung als Kunst. Was die Posins wollen ist ähnlich der Realisierung einer musikalischen Partitur in einem Orchester-Konzert. Nicht Quadratzentimeter für Quadratzentimeter soll das Bild entstehen, sondern als Wurf, als Gesamteindruck. Es geht um Ausstrahlung, es geht (sehr russisch!) um die „Seele des Künstlers“: „Man muss denken wie der Maler“. Dazu gehört auch ganz praktisch, im historisch verbürgten Tempo zu malen. Renaissance-Bilder müssen viele Tage auf der Staffelei bleiben, ein expressionistisches Bild mit seinen spontanen Pinselhieben muss in Stunden fertig sein. „Ein Bild zum zweiten Mal malen ist ein Akt der Liebe. Er gelingt, wenn man dem Künstler so nahe kommt, dass alle Furcht erlischt.“ Der Rundgang im Neuköllner Salon mit seinen El Grecos, Kirchners, van Goghs und Klimts ist aufregend genug.

Man muss denken wie der Maler.

Vollends bizarr aber wird es, wenn man einen Ausflug nach Großräschen in Brandenburg ins „Fälscher Museum der Gebrüder Posin“ macht. Über 100 Bilder hängen dort, eine Grand Tour durch die europäische Kunstgeschichte. Auftraggeber war der Unternehmer Gerold Schellstede. Der SPIEGEL erteilte den Posins unlängst das große Lob, dass ihre „Fälschungen zu den besten der Welt gehören“. Mir gefällt der Begriff „Fälschungen“ nicht, auch wenn die Posins selbst lange Zeit damit gespielt haben. Wer einmal als Auftraggeber mit den Posins an einer Nachschöpfung gearbeitet hat, der lernt, dass es nicht um ein Geschäft und nicht einmal nur um grandioses „Handwerk“ geht.

Was die Posins tun, ist eine große, lebenslange Liebeserklärung an die Kunst der Vergangenheit. Wer ein Posinsches Werk erwirbt, der bekommt die Wärme dieser Liebe ins Haus. Es ist nicht der Blitz der Erkenntnis, der von den authentischen Legendenbildern der Kunstgeschichte ausgeht. Aber es ist das Maximum an Energie-Strahlung, das ohne Original möglich ist. Dafür sollten wir den drei beseelten Russen dankbar sein.

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Author and Professor Dr Christoph Stölzl was born in 1944 and is a cultural historian. Between 1980 and 1987, he was the Director of the München Stadtmuseums (Munich City Museum); in 1987, he was appointed as the founding director of the Deutschen Historischen Museums (the German Museum of History) in Berlin. He was Berlin’s Senator for Culture and Science between 2000 and 2001, and Vice-President of the Berlin Parliament between 2002 and 2006. He was also a long-standing scientific collaborator for the Villa Grisebach auction house in Berlin. He’s been the Head of the FRANZ LIST Music High School in Weimar since 1 July 2010.

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