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Hans Weber Tyrol

GEIST IST PRÄGNANTER,ÜBERRASCHENDER AUSDRUCK.

Die erst 2002 erschienene große Monografie über Weber-Tyrol,  vom Südtiroler Künstlerbund und der Gemeinde Eppan in Auftrag gegeben, ermöglichte erstmals einen ganzheitlichen Überblick  über Leben und Werk des 1874 in Schwaz i.T. geborenen und 1957 in Meran verstorbenen Künstlers.

Die besondere Aufmerksamkeit galt dem malerischen Frühwerk und dem äußerst umfangreichen schriftlichen Nachlass,  der zum einen wichtige Einsichten auf seine biografische Daten, zum anderen sehr persönliche  Einblicke  in seine teilweise auch prekären Lebensumstände zuließ.

Weber-Tyrol mit seinem immensen OEuvre zur Gänze zu erfassen, ist schier unmöglich. Bezüglich der Verteilung des Bildbesitzes sowie  der regional differenzierbaren künstlerischen Tätigkeit gelang es, im Zuge der Recherchen einen thematischen Bogen von Neapel bis Norddeutschland, von Tirol bis östlich von Wien zu spannen. Die Aufzeichnungen belegen, abgesehen von seinen Aufenthalten in Süd- und Nordtirol sowie in Deutschland, eine ausgeprägte Reistätigkeit, die mit der ersten Romreise, bereits 1908 belegt, zu konstatieren ist. Die Vielseitigkeit, die ihm die verschiedenen Landschaften geboten haben, spiegeln sich – Aquarell und Öltechnik gleich betreffend – in der stilistischen Wandlungsfähigkeit und vor allem in seiner persönlichen, eigenständigen Stilentwicklung wider. Ein auffallend markanter Stilwechsel steht mit der Berührung des Münchner Sezessionismus in engem Zusammenhang. Der forcierte und gelungene Vollzug von einer der Tradition verpflichteten Malweise zugunsten einer unkonventionellen Stilfindung ist in den frühen Münchner Arbeiten ab 1904 eindeutig zu erkennen. Unleugbar ist der Einfluss des Japonismus. Das Interesse an formalen Einflüssen dieses Stils lässt sich spontan in der symbolistisch gesehenen Naturform, im Anlegen horizontaler Flächen- und Raumschichten und vor allem im Einbeziehen angeschnittener Objekte erkennen („Landschaft bei München“, 1905).

In den Jahren bis 1911 sind auch seine interessanten Versuche auf dem Gebiet der Werbelithografie anzusiedeln. Mit den Aufträgen – beispielsweise für die Stubaital-Bahn oder die Bahn auf das Vigiljoch – konnte Weber-Tyrol

Nachweislich führt er seit 1911 den Beinamen „Tyrol“

auf eine wirtschaftlich gute Zeit zurückblicken. Er hat sich vor allen Dingen den Ruf erarbeitet, mit seinen teilweise avantgardistisch anmutenden Stilfindungen eine führende Stellung in der Tiroler Kunstszene einnehmen zu können, deren allgemeine Qualität ihm zeitlebens ein großes Anliegen war.

Es wäre fast unglaubwürdig, hätte Weber-Tyrol, als besonderer Naturfreund und Landschaftsliebhaber bekannt, sich von der Natur nicht zu besonderen Farbarrangements anregen lassen. In seinen Stillleben ist oft ein Spiel nachvollziehbar, das von einer scheinbar unbekümmert wirkenden Spontaneität und einem ungewöhnlich modernen Gestaltungswillen charakterisiert ist. Seine Stilfindungen bewegen sich zwischen forcierter Abstrahierung und Abstraktion, wobei er der elementaren Kraft der Farbe eine werkbestimmende Rolle angedeihen lässt.

Die sich im Familienbesitz befindende Porträtzeichnung seines kleinen Bruders Max, die Weber-Tyrol mit knapp 16 Jahren fertigte, lässt zum einen bereits sehr früh das Talent zum guten Porträtisten erahnen und stimmt zum anderen auch den Zeichner und Grafiker Josef Weber hoffnungsvoll. Mühelos scheinen seine Ambitionen für Landschaftsskizzen,Beobachtungen und Studien von Bewegungsabläufen – meist in Schulheften, kleinen, Skizzenblöcken oder auf losen karierten Zetteln festgehalten. Präzise setzt er den Strich, konzentriert sich auf das Wesentliche, unterstreicht oder akzentuiert mit wenig Farbe. Rötel, Blei- und Buntstifte oder Kohle sind seine Hilfsmittel – das Papier ist geduldig, wird geschnitten und geklebt und findet aus Spargründen des Öfteren beidseitig Verwendung. Die Zeichnungen dienen zwar als Studien sind aber dennoch unbedingt werkbestimmend und für die Gesamteinschätzung des OEvres von nicht unbedeutender Tragweite.

Weber-Tyrol stellt seine Kunst, die von ausgewogener Stilsicherheit, von höchster Qualität, bestimmter Themenvielfalt und Versiertheit im Anwenden verschiedener technischer Malpraktiken getragen wird, im Sinne „Geist ist prägnanter, überraschender Ausdruck“ in den Dienst seines Engagements für die Tiroler Kunst seiner Zeit.

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geschrieben von

Studium der Kunstgeschichte in Innsbruck. Philosophische Dissertation über die Geschichte der Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt und deren Mosaike im Stadtgebiet von Innsbruck. Kurzzeitige Mitarbeit am Tiroler Kunstkataster. Als Ausstellungskuratorin und Autorin von Kunstmonografien und zahlreichen kunstpublizistischen Beiträgen u.a. für Ausstellungskataloge tätig.

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