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Helene und Wolfgang Beltracchi

Die Kunst der Fälschung

Wolfgang Beltracchi ist als Jahrhundertfälscher bekannt und dafür gemeinsam  mit seiner Frau verurteilt worden. Während der Haft haben die Beltracchis zwei Bücher geschrieben. „Selbstporträt“ war im deutschsprachigen Raum ein Bestseller und ist gerade in französischer Sprache erschienen. Der Briefe-Band „Einschluss mit Engeln“ wurde von Kritikern anerkannt und gelobt. Der Dokumentarfilm „Beltracchi – Kunst der Fälschung“, dessen Co-Autoren die beiden selbst sind, wurde mit der Goldenen Lola ausgezeichnet und ist nun auf der Long-Liste für die Doku-Oscar-Auszeichnung in Hollywood. Die TV-Reihe „Meisterfälscher“ des Schweizer Fernsehens wurde für den Grimme Preis nominiert und vom EBU als bestes euro-päisches Kultur-Format ausgezeichnet.

Alle vier vergangenen Ausstellungen waren binnen weniger Tage bis auf eine ganz kleine Zahl von Gemälden ausverkauft. Trotz des vollen Terminkalenders haben sich Helene und Wolfgang Beltracchi für ein ausführliches Gespräch mit uns Zeit genommen.

Im Interview

Wie geht es Ihnen, Herr Beltracchi, nun vier Jahre nach der Urteilsverkündung?

Ich habe zu meinem Leben als Künstler zurückgefunden. Das heißt, ich kann mich nicht nur geistig/künstlerisch überall hin bewegen, sondern auch wieder physisch. Bewegungsfreiheit, in jeder Form, spielt in meinem Leben, neben der Liebe zu meiner Frau, die größte Rolle. Freiheit benötige ich wie Sauerstoff zum Atmen.

Wie haben sich seitdem Ihr gemeinsamer Alltag und Ihre Einstellung
zum Leben verändert?

Wir arbeiten sehr viel, aber wir versuchen uns auf die wichtigsten Dinge zu konzentrieren. Wir sind so voll mit Ideen, dass es für noch mehrere Leben reichen würde, aber wir sind uns der inzwischen limitierten Zeit bewusst, deshalb arbeiten wir konzentrierter an den Werken, die aussagen können, was wir noch zu sagen haben.

Sie haben einen großen internationalen Bekanntheitsgrad erreicht. Wie verarbeitet man all das bzw. können Sie das genießen oder schwingt da auch eine gewisse Sehnsucht nach der Zeit davor mit?

Selbstverständlich wäre ein Leben wie es einmal war viel angenehmer, aber damit ist es nun für immer vorbei. Wir versuchen das Beste aus der jetzigen Situation zu machen ohne uns zerreiben zu lassen.

Um Kunstwerke vergangener Epochen so genial zu fälschen, muss man so einiges wissen und können. Wie haben Sie sich dieses technische Know-how angeeignet?

Der Lernprozess begann bereits in der Kindheit, beim Arbeiten mit meinem Vater, der Kirchenmaler war. Ich male nun seit 50 Jahren. Zu meiner Arbeit gehören neben dem Wissen über Malerei, über die Maler und ihre Epochen auch naturwissenschaftliche Kenntnisse und natürlich auch meine besondere Begabung in einen Künstler einzutauchen und in seiner künstlerischen Handschrift neue Werke zu kreieren. Ich bin somit Maler, Kunsthistoriker, Naturwissenschaftler, Restaurator – alles zusammen macht mich als Künstler aus.

Wären Sie in der Lage, eine Fälschung (nicht Ihre eigene) von einem Original zu unterscheiden?

Wenn ich mich mit einem Künstler intensiv beschäftige, verinnerliche ich seine künstlerische Handschrift und kann sie wiedergeben. Ich sehe auch die Fehler, das heißt ich erkenne auch nicht authentische Züge im Gemälde.

In zahlreichen Interviews haben Sie immer wieder betont, dass Experten auf dem Kunstmarkt und deren Gutachten in der Regel nicht käuflich sind. Ist das tatsächlich so?

Ich meine damit, dass man gegen Geld kein Gutachten erhält. In Frankreich sind zum Beispiel Gutachter für ihre Expertisen verantwortlich und schadenersatzpflichtig bei Fehlgutachten.

War es in all den Jahren zum Teil einfach, den Akteuren am Kunstmarkt ein falsches Werk für ein echtes zu verkaufen, weil die Nachfrage nach Originalen höher war als das Angebot?

Ich habe meine Profession etwa 40 Jahre ausgeführt und es war niemals einfach, die Anerkennung eines Experten zu gewinnen. Es gab in dieser langen Zeit viele Hochs und Tiefs auf dem Kunstmarkt, es ist also keine Frage des Booms. Es ist nun einmal so, dass ich eine besondere Gabe erhalten habe, die es mir ermöglicht, die künstlerische Handschrift der Maler wiederzugeben, diese Gabe besitzt nicht jeder. Es sind ja nicht nur die Experten, sondern auch die Händler und Auktionatoren, die überzeugt werden wollen. Die größte Hürde ist am Ende der Kette der Sammler, der in der Regel seinen Maler am besten kennt.

Inwiefern sind Sie hier strategisch vorgegangen und was war schlichtweg Zufall?

Ich habe nie strategisch gearbeitet. Es war vielmehr so, dass ich an die hundert Maler gemalt habe, Künstler, die mir persönlich etwas mitgeteilt haben. Davon wurden einige vom Markt besonders hoch gehypt und andere werden noch heute der „zweiten Garde“ zugeschrieben. Ich möchte betonen, dass mir persönlich diese Klassifizierung missfällt. Es wird nicht ausschließlich die künstlerische Leistung, sondern nur ein Marktwert „klassifiziert“.

Gibt es im Bereich der zeitgenössischen Kunst einen Künstler / eine Künstlerin in den / die Sie sich gerne hineinversetzen würden bzw. dessen / deren Bilder Sie gerne malen möchten?

Ein großer Teil der zeitgenössischen Kunst entsteht nicht mehr aus dem Vermögen, sondern aus dem Unvermögen. Wenn ich ehrlich bin, dann sehe ich, dass viele Zeitgenossen nicht mehr in der Lage sind zu malen – es würde mir wirklich keinen Spaß machen.

Es gibt einige Alte Meister, deren Werke Sie nicht in der Lage waren zu reproduzieren. Warum?

Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht in der Lage sei? Es gibt Grenzen bei der Materialbeschaffung. Beispielsweise: Bestimmte Lapis-Minen existieren nicht mehr oder Massicot und Rauschgelb sind fast nicht zu beschaffen. Aber auch da habe ich eine Lösung gefunden.

Das Thema dieser Ausgabe ist Inspiration. Benötigt man eine solche auch wenn man Fälschungen anfertigt?

Wenn Sie sich meine Arbeiten anschauen werden Sie feststellen, dass meine Werke absolute Neuschöpfungen oder Weiterentwicklungen sind. Manchmal habe ich sogar eine ganze Werkreihe eines Künstlers neu erfunden und dem Gesamtwerk hinzugefügt. Ich habe also nie Kopien oder Fälschungen gemalt, das einzig Falsche an meinen Gemälden war die Signatur. Ohne Inspiration geht das nicht. Ich lasse mich von der Literatur, der Musik, den Einflüssen der Malerkollegen, den Lebensumständen des Malers inspirieren. Erst wenn ich sein Leben und sein Werk verinnerlicht habe entsteht ein neues Werk. Ich male es in der Zeit und in der Bewegung in der der Maler malte. Werner Spies hat es sehr gut ausgedrückt: Man sieht keine Reuestriche – will heißen kein Zögern, kein Zaudern, kein Abpinseln.

Sie mussten sich sehr stark in den jeweiligen Künstler hineinversetzen. Ist es Ihnen gelungen die Bilder tatsächlich zu beseelen?

Wenn Sie an diesen Mythos aus dem 19. Jahrhundert glauben, dann will ich es einmal so nennen. Die Energie entsteht nicht metaphysisch, es ist die Kraft der Übertragung von inneren Bildern.

Haben Sie jemals selbst Kunst angekauft?

Wir hatten eine umfangreiche Kunstsammlung. Sie bestand aus Kunstwerken verschiedener Kontinente und Epochen, aber auch aus Werken junger Künstler, die wir gefördert haben.

Wie würden Sie Ihren Stil als Maler beschreiben?

Mein Galerist Curtis Briggs nennt meine Malerei: Free Method Painting – dieser Begriff trifft wohl am ehesten meine Art Kunst zu machen.

Zahlreiche prominente Persönlichkeiten haben sich in der letzten Zeit von Ihnen porträtieren lassen. Kommt die Porträtmalerei wieder in Mode?

Ich versuche mit meinen Porträts die zeitliche und persönliche Ausstrahlung der Porträtierten zu erfassen. Wenn Sie eine Person wirklich mit Interesse beobachten, dann wird Ihnen auffallen, dass diese Person eine eigene Zeit besitzt. Diese Strahlung kommuniziert uns einen Teil des uns unbekannten Charakters der Persönlichkeit. Im Zeitalter der Selfies hat die Porträtmalerei eine neue Bedeutung gewonnen. Es geht nicht um „Verschönerungsmalerei“, Photoshop kann das besser. Ein gutes Porträtgemälde ist auch eine Botschaft an die nachkommende Generation.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Unsere Zukunft hat bereits begonnen; ich werde weiter meine Skulpturen machen, meine Bilder malen, Filme machen und unser drittes Buch beenden. Vor allem werde ich mich nicht vom Zwang der Wiedererkennbarkeit einschränken lassen und erkennbare Marken-Bilder malen. Die Malerei, die Literatur und die Musik haben mir so viel zu bieten, dass es mir unerträglich wäre, von nun an in variierten Wiederholungen meiner Selbst zu malen. Diversität ist meine Stärke und nicht Limitierung. Mit unserem eigenen Leben können wir unser größtes Kunstwerk schaffen.

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