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Dädalus Prinzip

Josef Rainer

Auf der Piazza Santissima Annunziata in Florenz mach sich Urlauber gerne einen Spaß daraus, die Anzahl der Bienen zu zählen, die auf dem Sockel des Reiterstandbildes Ferdinandos I dé Medici prangen. Die Bronzeplatte zeigt eine Imprese des Großherzogs: unter dem Motto Maiestate Tantum (durch Majestät allein) schart siche ein Schwarm Bienen in fünft konzentrischen Kreisen um die Bienenkönigin. Die kunstvoll asymetrische Anordnung der Bienen erzeugt ein gewisses Flirren und erschwert das zählen: der Zählende verliert immer wieder seinen Referenzpunkte und muss von vorne beginnen. Ihm sei hier geholfen, es sind neunzig Bienen und eine Königin. Mit dieser ist natürlich der gütige Herrscher gemeint, der allein durch seine natürliche Erhabenheit regiert. In diesem oder ähnlichen Sinne fand die Biene als Bedeutungs- und Symbolträgerin immer wieder Eingang in die Kunst.

Das Bienenvolk galt als Musterbeispiel für das Staatsgefüge, die einzelne Biene als arbeitsam und gerechtigkeitsliebend. Ihr Einsatz für das Allgemeinwohl konnte als beispielhaft hervorgehoben werden, ihre Wabenstöcke waren Zeugnis ihrer Fähigkeit zu geometrischer Ordnung und Organisation. Daneben wurden aber auch Jähzorn und Streitsucht mit den Insekten verbunden. All dies Eigenschaften, die vom menschlichen Wesen auf das animalische symbolhaft übertragen wurden – also gleichsam hybrid betrachtet wurden. Hybrid, weil wir bei der Übertragung menschlicher Eigenschaften auf das Tier – oder umgekehrt tierischer auf den Menschen – im Gedanklichen und Symbolischen einen Bereich betreten, der von Vermischung, Kreuzung und Bündelung der menschlichen und der animalischen Sphäre bestimmt ist. Diese Zwischenwelten waren es, die zu vielen Zeiten Interesse und Phantasie zu wecken wussten und auch den Manierismus befeuert hatten. Ein – im wahrsten Sinne – sprechendes Zeugnis ist dabei die Darstellung in einem vierbändigen Bildmanuskript von Joris Hoefnagel mit Tierdarstellungen. Den ersten Band, in dem die Animalia Rationalia et Insecta, also die vernunftbegabten Tiere und die Insekten dem Element des Feuers zugeordnet sind, eröffnet eine Darstellung des „Haarmenschen“ Petrus Gonsalvus und seiner Frau. Gonsalvus, der an Hypertrichose oder dem „Ambras Syndrom“ litt, war zunächst als Affenmensch an den französischen Hof Heinrichs II. gelangt, wo man begann, ihn zu erziehen, zu unterrichten und ihn mit der Tochter eines Hofbediensteten verheiratete. Mit seinem tierhaften Äußeren, das in höfischer Kleidung steckt, wandelt er hier auf dem Grat zwischen humaner und animalischer Welt. Zu seiner Zeit war er als beiden Welten zugehörig betrachtet worden, also als Hybrid.

Die Biene fand als Bedeutungs- und Symbolträgerin immer wieder Eingang in die Kunst.

Der Meister des Hybriden war aber wohl Dädalus. Er, der mythologische Künstler und Erfinder, dessen Skulpturen man für beseelte Geschöpfe hielt, die gehen und sehen können, schuf für die Gemahlin des Minos eine künstliche Kuh, in die diese schlüpfen konnte, um sich mit einem Stier zu vergnügen. „Vermittels des Kunstwerks von Dädalus mit dem Stier begattet, gebar Pasiphaë den fabelhaften Minotaurus, ein Doppelwesen“, wie uns Diodor berichtet. Das Kunstwerk des Dädalus war in diesem Fall also Instrument, um die Natur zu überlisten und damit zu überwinden. Durch Dädalus‘ Kunst betrachtete der Stier das menschliche Wesen als seinesgleichen, das Ergebnis dieser Täuschung war ein Hybrid. Als dieser von Theseus getötet worden war, musste sich Dädalus selbst zum Hybriden wandeln: Er war vom erzürnten Minos in das Labyrinth verbannt worden, da er Ariadne jenes Wollknäuel gegeben hatte, mit dessen Hilfe Theseus dieses Labyrinth verlassen hatte  können. Um seinem Gefängnis zu entfliehen, formte Dädalus für sich und seinen Sohn Flügel, mit denen sich die beiden – nun halb Mensch, halb Vogel – in die Lüfte erhoben. Der Sohn Ikarus stürzte bekanntlich ins Meer, Dädalus gelangte aber nach Sizilien, wo er für die Liebesgöttin Aphrodite einen weiteren Hybriden schuf: eine goldene Honigwabe, die dermaßen täuschend echt war, dass sie von den Bienen mit Honig befüllt wurde. Zum Hybriden wurde diese Wabe freilich erst durch diesen Akt. Dädalus bediente mit seiner Kunst also verschiedener Formen des Hybriden: seine Bildhauerkunst hauchte toter Materie Leben ein, diese war aber noch nicht hybrid. Seine Nachahmung und Überlistung der Natur ließ hingegen Mischwesen gebären, sich selbst und seinen Sohn machte er zum flugfähigen Mischwesen und die Bienen vervollständigten seine Goldwabe schließlich ebenso zum Hybriden. Diese Gratwanderung auf der Klippe zwischen Mensch und Natur mit gelegentlichem  Abdriften auf die eine oder andere Seite kann man hier als Prinzip des Dädalischen erkennen.

Dieses Prinzip macht sich auch Josef Rainer zunutze, doch dreht er es um: nicht die Kunst verbessert, täuscht oder überwindet die Natur, bei ihm soll die Natur seine Kunst verfeinern. In seinen „Bienen-Arbeiten“ hat er in diesen Tieren Verbündete gefunden, die dies für ihn übernehmen. Wie Dädalus schuf er eine goldene Wabe, die ebenso vom Bienenvolk als Lagerstätte für den Honig anerkannt wurde. Zunächst waren die Bienen aber damit beschäftig, Unregelmäßigkeiten im Metallguss zu korrigieren; kleine Divergenzen und Gussfehler wurden fleißig mit Wachs ausgebessert, bevor dann die Vorratskammer für den Nachwuchs bezogen werden konnte. Vorher noch schuf Josef Rainer einen verkleinerten Totenkopf aus Bronze, der genauso vom Bienenvolk umbaut wurde. Die Insekten wurden nun zu Plastikern, die das metallische Skelett mit wächserner Muskel- und Hautmasse überzogen. Dieses Umbauen vorgegebener Formen begann eigentlich mit dem Projekt eines hohlen, gläsernen Gehirns, in das die Bienen – so die Grundintention des Künstlers – ihre Waben bauen hätten sollen; sie sollten also dem Inneren des menschlichen Gehirns ihre Struktur, die man sich wohl nicht anders als sechseckig vorstellen konnte, verleihen. Die natura naturans der Bienen tastete das Innere des Gehirns aber nicht an, sondern umbaute es mit stabilen Waben, also einer schützenden Schädelhülle. Hier manifestierte sich nun das kreativ schöpferische Element des gleichförmig arbeitenden Schwarmes, dem der Künstler Raum und Recht verleiht, dies zu tun. Er selbst ist eigentlich nur mehr Beobachter des Entstehenden.

Er erhebt sich dadurch in eine Sphäre, die nicht mehr jene des aktiven Schöpfers ist, sondern jene, in der lediglich die Initialzündung ausgelöst wird (firestarter). In derselben Ebene war wohl Goethes Zauberlehrling, der in seiner Hybris dem Machtrausch unterlag und seine Geister nicht mehr loswurde. Josef Rainers Geister sind aber von anderer Natur; sie sind nicht durch Zaubermacht verwandelt wie der Besen des Lehrlings. Sie sind unverändert und vom Künstler lediglich eingeladen, sein Kunstwerk zu vollenden. Und dies machen sie mitunter in einer Art und Weise, dass sie selbst computergenerierte Architektur alt aussehen lassen, wie etwa in dem dekonstruktivistisch vervollständigten Gebilde Struktur Nr. 1. Hier verbanden die Bienen vorgegebene Wabenbahnen wie in einem Morphing-Prozess, indem sie die Übergänge zwischen diesen Bahnen verbauten. Die von ihnen gebaute Materie ist also wieder in einem Zwischenbereich zwischen Kunst und Natur, in der sich auch viele Werke der manieristischen Kunstkammern bewegen. Ob dies nun der in Gold veredelte Korallenast ist, in dem Kunst und Natur Hand in Hand gehen, die in Naturguss abgeformte Silberzikade oder jenes bekannte Blatt aus dem oben angesprochenen Tierbuch Hoefnagels, auf dem zwei Libellen aus eingeklebten Insektenflügeln und illusionistisch gemalten Körpern gebildet werden – all dies sind hybride Werke aus Naturprodukt und menschlicher Zutat. Zu dieser Familie gehören auch die Hybride Josef Rainers, nur findet die Morphose bei ihm unter anderen Vorzeichen statt: Ausgangspunkt ist bei ihm die menschliche Kunst, die von der Natur nicht nur veredelt, sondern vervollständigt wird. Letztendlich ist aber auch das in diesem Sinn Entstehende ein Geschöpf des Dädalus-Prinzips.

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geschrieben von

Geboren 1972 in Brixen/ Südtirol geboren. Studium der Kunstgeschichte in Innsbruck und Wien; Kurator in der Kunstkammer und Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums Wien.

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