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Von Migranten zu Performern, von Vertriebenen zu Kunstwerken

Liu Bolin

Am 10. August 2013 erwartete man in Catania die Ankunft dreier Kreuzfahrtschiffe, die etwas Leben in die lokale Wirtschaft hauchen sollten. Das schicksal wollte es anders: Noch vor den Touristen erreichten im Morgengrauen hunderte verzweifelter afrikanischer Migranten die sizilianische Küste. Im selben Schlepperboot sassen auch sechs ägyptische Teenager, die wenige Meter vor dem Ziel ihr Leben verloren.

Das Boot wurde später auf den Südpier des Hafens von Catania gehievt und steht seitdem dort als Denkmal für die erste, tragische Landung von Migranten an der Küste von Catania. Der für seine Camouflage Performances weltweit bekannte chinesische Künstler Liu Bolin (geb. 1973) gehört zu jenen Menschen, die den historischen und symbolischen Wert des Wracks verstanden haben. Im vergangenen September bemalte er sich in den Farben des Bootes und machte sich damit unsichtbar. Im Zuge seines Schaffens „verschwand“ Bolin bereits vor Denkmälern, Wäldern und Supermarktregalen. Hier, inmitten Hunderter Gegenstände und Hintergründe scheint es die Hoffnung zu sein, die partout nicht verschwinden will – tatsächlich hat Bolin das Boot am Pier von Catania Hope, Hoffnung, getauft: Denn Träume bewegen Menschen dazu, ihr Leben zu riskieren.

Manche Menschen glauben, die am Strand liegenden Migranten sehen aus wie Leichen.

Die Hope wurde damit der erste von sechs Hintergründen, die Liu Bolin für sein von Juli bis September 2015 ausgearbeitetes Projekt Migrants gewählt hat. Das Boot, gewissermaßen ein modernes Floß der Medusa, segelte in die entgegengesetzte Richtung der Schiffbrüchigen der französischen Fregatte Méduse, die Géricault in seinem Gemälde vor die Küste des heutigen Mauretaniens gesetzt hat. Die Menschen aus Nordafrika auf dem Weg nach Sizilien folgen ihrer Hoffnung, Europäer zu werden. „Es schien, als hätten sie es eilig, nach ihrer Landung gleich weiterzukommen,“ erinnert sich Dario Monteforte, Besitzer des Lido Verde und einer der ersten Einheimischen, die den Migranten auf „ihrer“ Küste zu Hilfe eilten. Gerade diese Küstenlinie hat Bolin für sein zweites Shooting in Catania gewählt: Als Hommage an diesen Mittsommertraum, der auch in seinem Titel Memory Day klar wird. „Manche Menschen glauben, die am Strand liegenden Migranten sehen aus wie Leichen,“ sagt Liu Bolin, „aber ich wollte mit meinem Bild ihre Ankunft und den Beginn ihrer Zukunft darstellen.“

Während der einzelne Körper Bolins, der mit dem Wrack der Hope verschmilzt, konzeptuell zu einer der bekanntesten und langlebigsten Serien des chinesischen Künstlers, Hiding in the City (sie begann 2005) gehört, sind die Fotos von am Strand liegenden Migranten Teil des darauffolgenden Zyklus namens Target, einer Weiterführung von Hiding in the City. Hier verschmelzen mehrere Menschen mit der Umgebung, wobei es sich häufig um Ansässige oder Menschen handelt, die auf irgendeine Weise mit dem betreffenden Ort verbunden sind. Die Technik ist dieselbe wie im vorherigen Zyklus: Detailgenaues Body Painting mit Hilfe mehrerer Assistenten, die ihrerseits zum Teil ebenfalls junge Künstler sind.

Das Projekt Migrants erforderte eine Vorbereitungszeit von rund zwei Jahren, während derer der Künstler dank der Unterstützung der italienischen Galerie Boxart (www.boxartgallery.com) die Insel Lampedusa erforschte. Die idealen Bedingungen für Migrants fand er allerdings in Catania vor, wo die Flüchtlinge informiert und durch die Hilfsorganisation Sant’Egidio in das Projekt eingebunden wurden.

„Für ein weiteres Werk der Reihe Target hier in Sizilien ließ ich einige Migranten mit den überlebenden Booten im Hafen von Catania verschmelzen,“ erzählt Bolin. „Man kann sich nur schwer vorstellen, was diese Frauen und Männer auf ihrer Reise für psychologische und körperliche Belastungen durchleben.“ Das Bild ist einerseits eine Warnung, strahlt aber andererseits auch Selbstsicherheit aus. „In meiner Arbeit,“ so der Künstler, „verschwinden die Migranten vor der Hölle, die sie nach Italien gebracht hat. Ihr Verschwinden symbolisiert klarerweise die verschwimmende Grenze zwischen Leben und Tod. Ich will das Augenmerk aber auf das Leben, nicht den Tod lenken.“

Für das vierte der sechs Bilder aus der Reihe Migrants mussten die neuen Europäer eine Pose annehmen, die stark von der italienischen Kunstgeschichte, vor allem der Renaissance, inspiriert ist. Nachdem er sie mit dem Blau der EU-Flagge bemalt hatte, so Bolin, „bat ich jeden einzelnen um eine spirituelle Geste. Religion, ethnische Zugehörigkeit oder Herkunftsland waren unwichtig, denn allesamt waren mit derselben einheitlichen Farbe bemalt: Europa-Blau. Ich wollte damit zeigen, dass Veränderung möglich ist, dass diese Generation von Afrikanern von einem Kontinent zum nächsten ziehen und glücklich sein kann.“ Die unmittelbare Assoziation für den Betrachter ist eine zeitgenössische, weltliche Version der Pietà.

Das vorletzte Bild der Reihe macht die Körper der Afrikaner nicht unsichtbar, sondern zelebriert vielmehr ihre Wurzeln durch den wie Stammesbemalung anmutenden Schriftzug Future auf ihren entblößten Oberkörpern. Das letzte Bild der Reihe Migrants gehört zur neuen Serie von Hiding in the City, in der Liu Bolin sich in der umgebenden Landschaft ablichten lässt. Wieder stammt das Bild aus Catania, diesmal mit einem anderen Fischkutter, der Giammarco AU 1168, vor dem sich der Künstler regungslos aufstellt. Der italienische Name des Bootes ist auch der Titel des Bilds. Es scheint, als wolle uns Liu Bolin sagen, dass die Gewissheit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für jeden Menschen durch die Unbekannte des Schicksals aufgehoben wird.

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<p>Beatrice Benedetti is a curator and journalist. Her recent publications include the volume Emilio Isgrò. Come difendersi dall’arte e dalla pioggia (Maretti, 2013) and the catalogue Emilio Isgrò, Model Italy, 2013-1964 (Electa, 2013) for the exhibition at the Galleria Nazionale d’Arte Moderna in Rome. In 2015 she and Paola Marini curated The Wonders of the Year 2000 at the Museo di Castelvecchio in Verona. Since 2006 she has been the artistic director of Boxart, which was founded in Verona in 1995 by Giorgio Gaburro.</p>

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