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Bildhauer Wilhelm Senoner

Er stammt aus St. Ulrich in Gröden, wo er 1946 geboren wurde und auch bald danach den Umgang mit Holz und Skulptur erlernte. Er ist kein akademischer Künstler, kommt nicht aus dem Kunstbetrieb einer Hochschule. Was er ist, lässt sich aus der materialisierten Empirie in seinem Werk erahnen. Immerhin dauerte seine Lehrzeit bei diversen Grödner Bildhauern insgesamt zwölf Jahre. Es waren zunächst Jahre im Nachüben alter Meister, es war eine Zeitspanne angefüllt mit Übungen in den Formen der Spätgotik, jedoch immer in der Wahrnehmungskonkurrenz zur Natur, die letztlich das erste Lehrbuch bot. Vielleicht erwuchs aus der Beschäftigung mit der deutschen Spätgotik die Vorliebe für Lindenholz, das sich bekanntlich gut bearbeiten lässt. Alle Skulpturen sind aus Linde geformt. Die heimische Zirbe hätte nur dimensionierte Maßverhältnisse zugelassen. In der Begegnung mit den großformatig geformten Massen trifft man auf ihn selbst, auf seine Einstellung zur Form, seinen Hang zur Kommunikation, seinen Blick, den er auf Menschen wirft. Und der Mensch ist und bleibt sein ausschließliches Objekt. Subjekt und Objekt zugleich. Um es vorweg zu nehmen: Wilhelm Senoner ist auch Maler. Seine Bilder orientieren sich aber an dem, was zuvor als Plastik entstanden ist, oder auch nachher als Plastik entstehen wird. Umgekehrt kann man sagen, dass den aus Holz geschlagenen Skulpturen eine durchaus malerische Oberfläche anhaftet.

Diese bildet nicht die angeschnittene Haut des Holzes, sondern wird in der Tradition einer Fassung aufgetragen. Dabei werden keineswegs traditionelle und lang gereifte Wege beschritten, sondern es wird neu experimentiert. In einem Leimgemisch kommt Sägemehl zum Einsatz, das nun als „raue Schale“ auf den weichen Kern des Holzes kommt. Chirurgisch könnte man durchaus von einer Oberflächenbehandlung sprechen. Der raue Charakter verschwindet jedoch in der Ansicht und haucht den Figuren ein lebendiges Sein ein. Das Auge erlebt die Form der Plastik nicht zuletzt über die äußerste, hier nachgetragene Haut, die mit dem Kern zu einem Ganzen verschmilzt.

Wilhelm Senoner ist der ganz andere Bildhauer

Senoner liebt es, seine „Menschen“ dort hinzustellen, wo er die Ideen dafür empfing: auf die Spitzen der Berge, auf die gratigen Grenzen der Alpentäler. Hier stehen sie als Plain-air-Skulpturen in Bronze gegossen in direktem Kontakt zu der sie umgebenen Natur. Es ist eine Inszenierung im Großen, was spielerisches Verhalten in den Grödner Schnitzstuben etwa beim Miniaturgestalten einer Krippe über lange Jahrhunderte experimentieren konnte. Senoners Typen sind aus dem Leben gegriffen, in der ihm eigenen und unverwechselbaren Art der Konzentration auf das Wesentliche peilt er auf neue Aussagen. Die Rezipienten erleben sich selbst im Geschauten, die gratigen Formen haben etwas von Findlingen, sie spielen mit Fronten und Ansichten, wobei in kubistischen Sichtwechseln nicht allein die Form sich verändert, sondern die in der Vorderansicht sichtbare Breite sich quasi leichtfüßig „verdünnt“. Aus einem „sacco di noci“ wird eine grazile Figur, die sich tänzelnd bewegt. Anklänge an die großen Bildhauer des 20. Jahrhunderts Alberto Giacometti und Henry Moore werden wach. Eine Plastik hat viele Bilder an sich.

Mann mit Zigarre – Lindenholz – 2010 – 80 x 80 x 160 cm
Die Wartende – Lindenholz – 2015 – 96 x 25 x 25 cm (Permanent Exhibition at the „Hotel Therme Meran“ - South Tyrol - www.hotelthermemeran.it)
Wilhelm Senoner und „Der Gehende“ – Lindenholz – 2014 – 245 x 40 x 60 x 60 cm

Unerschöpflich ist das Repertoire seiner Menschenwelt. Ein humaner Kosmos, der nicht den Anspruch erhebt, sich der Wirklichkeit zu widersetzen, sondern im Blick auf das Geschaffene die Wirklichkeit neu zu gestalten. Senoner ist ein durch und durch nachdenklicher „Schöpfer“. Es findet sich in ihm kein Hang zur Melancholie, wohl aber die Zuversicht der Unverdrossenheit. Der Positivismus seiner kreierten Welt ist im wahrsten Sinne „positiv“, also „gesetzt“. Die fliehenden Haare an seinen Gesichtstypen lassen Bewegung ahnen. Alles ist in Bewegung, im Gehen, im Wandern, im Schreiten. Kein Standmotiv verbindet sich mit dem massiven Sockel, der einfach nur Terrain und „Urgrund“ der Menschentypen ist. Hände sind nur dort angezeigt, wo es das Agieren verlangt. Die Geschlossenheit des Umrisses erzeugt Schönheit, in den Oberflächen zeichnen sich wie im Ornament die Schabspuren der Schnitzeisen ab. Mann und Frau sind eins, Unwesentliches wird zum Unterscheidungskriterium.

Senoner erlebt Kunst in der Harmonie und im formalen Ausgleich. Wenn auch die Bewegungen vermeintlich Aufbruch und Veränderung simulieren, so gibt es diese nicht unter Preisgabe von Ruhe. Die Erfolge auf regionalen und internationalen Ausstellungen anerkennen seine Kunst.

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geschrieben von

<p>Geboren 1964 in Meran, absolvierte das Stu dium der Kunstgeschichte in Wien. 1988 Sponsion, 2002 Dissertation mit einer Arbeit zur frühen Ikonographie des Antonius von Padua in Italien. Von 1998 bis 2007 leitete er das Diözesanmuseum Hofburg Brixen, bis 2006 war er Landeskonservator von Südtirol. Seit 2013 führt er das Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol. In den Forschungsschwerpunkten bricht immer wieder die ikonographische Schlagseite durch. Seit 2003 hält er Lehrveranstaltungen an der Universität<br /> Innsbruck, wo er sich 2013 habilitierte.</p>

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