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Der globale Kunstschatz der Medici

Mythos, Glanz und Verantwortung

Die Medici erreichen ihren Aufstieg durch Diplomatie, eine geschickte Heiratspolitik und eine gute portion Skrupellosigkeit. Durch die Förderung von Kunst, Wissenschaft und Architektur bringen sie die Renaissance zum Erblühen. Sie bauen ganze Florentiner Stadtteile und legen eine Kunstsammlung an, die heute mehrere Museen füllt. Das Gebäude, in dem die Gallerie degli Uffizi ihren Sitz haben, wird Mitte des 16. Jhs. vom Architekten Giorgio Vasari erbaut. Dank der Großzügigkeit von Anna Maria Luisa, der letzten Erbin der Dynastie, wird die Sammlung zu einem öffentlichen und unveräußerlichen Kulturgut.

Die Medici überlassen während ihrer Herrschaft nichts dem Zufall. Beispielhaft dafür sind die am Hof entstandenen Portraits. Das Cover dieser Ausgabe ziert ein eben solches. Auf dem Gemälde des Hofmalers Agnolo Bronzino sind Eleonora von Toledo und ihr Sohn Giovanni zu sehen. Eleonora von Toledo ist die Ehefrau des Herzogs Cosimo I. de’ Medici. 1539 wird die Siebzehnjährige geschickt mit Cosimo I. verheiratet. Cosimo, der sich erst kurz zuvor der Herzogswürde bemächtigt hat, kommt die Unterstützung seines Schwiegervaters, der seinerzeit einer der mächtigsten Männer auf der italienischen Halbinsel ist, sehr gelegen. Er profitiert von der Mitgift, die Eleonora in die Ehe mitbringt, die unter anderem zur Anlage der Boboli-Gärten in Florenz verwendet wird. Bronzino gibt der medialen Selbstdarstellung der Medici und ihrer politischen und kulturellen Propaganda eine künstlerische Form. Auch im Portrait von Eleonora von Toledo und ihrem Sohn Giovanni setzt er dies meisterhaft um. Das Portrait vereint den Ausdruck von Majestät und Göttlichkeit. Das Majestätische wird über die Kleidung, den Schmuck und die kühle distanzierte Haltung signalisiert, das Göttliche über das Motiv von Mutter und Kind sowie die Hintergrundfarbe. Exklusivität und Göttlichkeit verbindet man mit Ultramarin wegen seiner Herkunft vom kostbaren Lapislazuli. Das Portrait entsteht um 1545. Fast ein Jahrhundert zuvor weiß bereits ein Vorfahre des Herzogs um die Gunst der Kunst.

Kunst als Instrument der Markenbildung: die Portraits der Medici

Am 1. Januar 1449 wird Lorenzo I. de‘ Medici geboren. Lorenzo übernimmt nach dem Tod seines Vaters, gerade 20-jährig, dessen Geschäfte. Er ist sehr reich, da seine Familie das Bankhaus Banca dei Medici besitzt. Als Mäzen unterstützt er die Politiker, die in seinem Sinne handeln. Er wendet durch geschicktes Taktieren die Übernahme der Stadt Florenz vom Kirchenstaat ab und erhält den Ehrennamen „il magnifico“, „der Prächtige“. Lorenzo versteht es auch, einen Kreis von Künstlern, Philosophen, Architekten und Schriftstellern um sich zu scharen, die er finanziert. Zu ihnen gehört der Maler Sandro Botticelli, dessen berühmtestes Werk, die Geburt der Venus, ein Sinnbild der Renaissance ist. Statt wie im Mittelalter üblich, christliche Heilige, stellt er antike Göttinnen dar, die voller Selbstbewusstsein ihre Schönheit zur Schau stellen. Durch den Rückgriff auf die Kunst der Antike prägt sich ein völlig neues Menschenbild aus: Nicht mehr Gott, sondern der Mensch steht im Mittelpunkt. Der Einzelne wird wichtig. Ebenso deutlich wird diese Veränderung der Sichtweise an der David-Statue von Michelangelo Buonarroti. Auch Michelangelo, der berühmteste Künstler der Renaissance, gehört zum Medici-Kreis.

Die Medici haben es geschafft, dass ihr Mythos bis heute, also weit über ein halbes Jahrtausend später, greifbar ist. Einen großen Teil dazu trägt die bereits angesprochene Kunstsammlung in den Gallerie degli Uffizi in Florenz bei, die sich zu einer Pilgerstätte der Kunst entwickelt hat. Wir treffen Dr. Eike Schmidt, den Direktor der Uffizien in Florenz, der ab 2019 die Position des Direktors im KHM in Wien übernimmt, und sprechen mit ihm über die Entwicklung und die Herausforderungen dieses weltweit einzigartigen Nachlasses, der stetig weiter wächst und sich nicht nur mit Vergangenem, sondern verstärkt auch mit der Gegenwartskunst auseinandersetzt.

copyright Alessandro Moggi
Portrait Eike Schmidt

Zu meinen Lieblingserfahrungen gehört, wenn ich Künstler durchs Museum führen darf und das passiert häufig genug. Jeder hat seinen eigenen Blick, aber Künstler haben immer einen ganz besonderen.

Eike Schmidt

Im Interview mit MilionArt Kaleidoscope

Die Uffizien bergen einen gigantischen Kunstschatz – welche Stücke sind Ihre Favoriten?

Zum Glück entdecke ich immer wieder neue. Es reicht auch aus, dass ich in einem Saal bin, den ich schon vielfach gesehen habe, und in eine andere Richtung schaue, entdecke was und bin ganz fasziniert. Von den weltberühmten Werken bin ich nach wie vor immer wieder begeistert: dem Tondo Doni von Michelangelo – nicht nur, weil es ein fesselndes Werk ist, das eigentlich ein ganzes Zeitalter, nämlich die Hochrenaissance, auf wenigen Quadratzentimetern zusammenfasst, sondern auch weil Michelangelo all das, was er ausführlich an die Sixtinische Decke gemalt hat, zwei Jahre früher, 1506, schon im Tondo Doni zeigt. Zudem haben wir noch den originalen Rahmen – das ist wunderbar!

Zugleich mit Ihnen wurden 2015 auf Bestimmung der italienischen Regierung 20 Direktorenposten wichtiger Museen neu besetzt, um frischen Wind in die Museumsstrukturen zu bringen. Konnten Sie die Erwartungen der Regierung erfüllen?

Frischer Wind ist ganz bestimmt in den Uffizien festzustellen, das merkt man sowohl als Besucher als auch sighinter den Kulissen ganz deutlich. Sobald Wind entsteht, entsteht auch sofort Gegenwind und ab und zu ein kleines Gewitter – das ist ganz natürlich. Inzwischen segeln wir alle in eine Richtung.

Wie haben Sie den Gegenwind gebändigt?

Willensstärke und Geduld braucht man natürlich – das ist klar. Es gab immer eine Spannung zwischen Florenz und dem Ministerium in Rom. Das ist charakteristisch für Italien, weil der Nationalgeist gar nicht so stark ausgeprägt ist. Es gibt dafür einen ganz starken und gefestigten Lokalgeist. Was in Rom entschieden wird, wird deshalb immer mit größter Skepsis beäugt. Dieser Umstand hat sicher meine Aufgabe nicht leichter gemacht. Aber was die Sache begünstigt hat, war die Tatsache, dass intern so viele Abläufe völlig unlogisch organisiert waren und die Mitarbeiter hier einen ziemlichen Frustrationsgrad erreicht hatten. Es wurde sehr hierarchisch vorgegangen, die Mitarbeiter durften sich großteils selbst nicht einbringen. Viele ganz grundlegende Probleme wurden seit drei bis vier Jahrzehnten nicht mehr angegriffen. Das hat dazu geführt, dass eine allgemeine Resignation da war. Es gab deshalb viele Kollegen, die dazu bereit waren, etwas Neues in Angriff zu nehmen.

Wie darf man sich eigentlich die Finanzierung einer solch aufwändigen Museumsstruktur vorstellen – wird alles von öffentlicher Hand finanziert, oder gibt es auch noch andere Quellen?

Alles ist genau umgekehrt, wie man es sich vorstellt. Wir werden von der öffentlichen Hand überhaupt nicht finanziert, sondern umgekehrt finanzieren wir die öffentliche Hand. Mit dem Überschuss, den wir produzieren, müssen wir nicht nur unsere laufenden Kosten abdecken und unsere Investitionen, sondern zudem geben wir 20% von unseren Ticketeinnahmen an das Ministerium in Rom ab, und zwar, um Museen in strukturschwachen Regionen zu finanzieren, und 20 weitere Prozent an die Stadt Florenz für kulturelle und kunsterhaltende Maßnahmen, wie etwa die Renovierung des Baptisteriums. Zudem haben wir natürlich auch private Geldgeber. Am bekanntesten und am großzügigsten bislang Gucci, die uns 2.000.000 € für den Boboli-Garten zur Verfügung gestellt haben. Der Boboli-Garten ist, was die Botanik angeht, ein einzigartiges Naturerbe, weil verschiedene Pflanzen schon im 16. und 17. Jh. nach Florenz kamen und hier angepflanzt worden sind. Nach 70 Jahren Investitionsstopp wird jetzt endlich wieder neu aufgeforstet. Ein Projekt auch noch für die nächsten Generationen.

Kaufen die Uffizien noch Kunst an bzw. wird die Sammlung noch erweitert?

Ja, und zwar nicht deswegen, weil wir nicht genügend hätten, sondern im Sinne der qualitativen Erweiterung. Wir kaufen jedes Jahr mehrere Kunstwerke an, darunter einige wirklich hochbedeutende. Es ist uns wichtig, dass die Öffentlichkeit weiß, dass wir als Museum nach wie vor ankaufen, weil das auch zu einem lebendigen Museum gehört. Wir haben deshalb in diesem Herbst zwei Ausstellungen, die Ankäufe dokumentieren. Einer ist ein Bozzetto (Skizze) von Luca Giordano für ein Fresko in der Kirche Santa Maria del Carmine und der andere ist ein Portrait von Anton Raphael Mengs, gemalt im Palazzo Pitti, welches die Kinder vom Großherzog Peter Leopold, der später Kaiser wurde, darstellt. Es gibt andere Portraits dieser Kinder im KHM in Wien und im Prado in Madrid, aber wir hatten noch keines, und dadurch ergänzt es unsere Sammlung perfekt. Wir nehmen auch Schenkungen von Gegenwartskünstlern an – der Tradition wegen vorwiegend Selbstportraits von Künstlern. Die letzten beiden Zugänge sind Selbstportraits von Ai Weiwei und von Helidon Xhixha.

Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Verantwortung hier in den Uffizien?

Die Verantwortung liegt nicht nur darin, auszuwählen, welche neuen Werke der Sammlung hinzugefügt werden, sondern in erster Linie all das zu beschützen, was da ist. In Italien wird zwischen „Tutela“ (Kunstschutz) und „Valorizzazione“ (Kunstvermittlung) unterschieden. Beides geht aber meiner Ansicht nach Hand in Hand. Hier konzentrieren wir nicht nur die Renaissance, große Teile des Barocks, des Zeitalters der Aufklärung und der Romantik und die wichtigsten Werke aus der italienischen Einheitsbewegung, sondern wir haben zudem auch einige der bedeutendsten Werke außereuropäischer Kunst in den Uffizien. Das sind mittelalterliche islamische Teppiche, aber auch die ältesten dokumentierten Kunstwerke aus Schwarzafrika: geschnitzte Elfenbeinzähne, die im 16. Jahrhundert als diplomatische Geschenke von Abgesandten aus Westafrika in den Besitz der Medici kamen und seitdem hier verwahrt werden. Im Unterschied zu all den Kunstwerken, die erst seit der großen Afrika-Mode des späten 19. und frühen 20. Jhs. auftauchten, sind dies einzigartige Kunstschätze, die für die kulturelle Identität von Afrika eine enorme Bedeutung haben. Zudem haben wir aztekische Werke aus Mexiko, Textilien aus China und noch vieles mehr aus aller Herren Länder. Insofern sind wir ein globales Museum und das schon, seit es die Sammlung gibt, was uns wesentlich vom Louvre oder vom British Museum, die eben erst aufgrund der Kolonialgeschichte zu globalen Museen wurden, unterscheidet.

Wie stehen Sie eigentlich zur Vermutung Maurizio Seracinis, dass sich unter dem Gemälde von Vasari ein Leonardo da Vinci verbergen soll?

Da die Probebohrungen keine Ergebnisse geliefert haben, konnte weder die eine noch die andere Seite triumphieren. Was wir aber mit diesen Nicht-Ergebnissen in der Hand jetzt deutlich sagen können, ist: Wenn es etwas darunter gäbe, was nicht auszuschließen ist, dann ist es derzeit mit unserer Technologie nicht sichtbar und schon gar nicht freilegbar. Wir müssen Geduld haben. Was die Wahrscheinlichkeit angeht, gilt es zwei Dinge zu berücksichtigen: Einerseits war sich Vasari zu Lebzeiten schon bewusst, dass Leonardo ein deutlich größerer Künstler war als er selbst – ob er über etwas gemalt hätte, was noch da war, ist sehr fraglich. Andererseits war Leonardo so ein Experimentator, dass seine Werke häufig nicht gut erhalten sind. Also ist denkbar, dass schon zu Zeiten von Vasari nicht mehr viel oder gar nichts vom Werk Leonardos zu sehen war. Das müssen wir aber der nächsten technologischen Generation überlassen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Ihrer Meinung nach die großen Museen dieser Welt derzeit?

Wir stehen vor vielen Herausforderungen. Eine wichtige davon ist, sich auf den eigentlichen, ursprünglichen Zweck eines Museums zurückzubesinnen. Die Uffizien existieren als fürstliche Sammlung seit annähernd 500 Jahren, aber als Museum seit 248 Jahren. Als sie als Museum − für alle zugänglich − gegründet wurden, da stand ganz klar ein besonderer Sinn dahinter, nämlich derjenige der Forschung, der Lehre, der Erziehung, der Bildung und der künstlerischen Inspiration. Ein großer Anteil der Besucher im 18. und 19. Jahrhundert waren Künstler. Zum Glück ist das auch heute noch so! Zu meinen Lieblingserfahrungen gehört, wenn ich Künstler durchs Museum führen darf − und das passiert häufig genug. Jeder hat seinen eigenen Blick, aber Künstler haben immer einen ganz besonderen.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Kunstvermittlung?

Jeder kommt, ob es nun ein Kind ist oder ein Erwachsener, mit bestimmten Erfahrungen, mit bestimmten Wünschen, mit bestimmten Hoffnungen, einem eigenen Weltbild und mit einer bestimmten Gemütsverfassung in ein Museum. Kunstvermittlung funktioniert nur als Dialog zwischen dem Kunstwerk und dem Menschen, also in beide Richtungen. Kunstvermittler brauchen eine vertiefte Kenntnis der Kunstgeschichte, aber eben nicht nur, sondern auch der Sozialgeschichte, der Philosophie, der Musik; dann entsteht etwas Neues.

Ein Stadtrundgang mit Eike Schmidt in Florenz: Was würde uns erwarten?

Zunächst einmal würde ich den Stadtrundgang früh morgens beginnen, denn da sieht man die Stadt mit ganz anderen Augen, ohne die drückenden Menschenmassen, ein bisschen, wie es in den 60er und 70er Jahren zuging. Für jemanden, der das erste Mal in Florenz ist, würde ich mit einem kleineren Museum starten, am besten mit dem Museo di San Marco. Ohne dieses kann man nämlich die Medici nicht verstehen. Die frühen Medici haben vor allem San Marco begünstigt, haben dort Kunstaufträge lanciert und die Medici-Bibliothek besonders gefördert. Wenn man dann in dem Stadtteil ist, würde ich weitergehen in Richtung der Medici-Kapellen in der Kirche San Lorenzo, die überwältigend sind: die Werke von Donatello, die von Michelangelo, die Grabkapelle, die barocke Grabanlage der Medici. Den Nachmittag würde ich im Boboli-Garten verbringen. Der Boboli-Garten ist übrigens einer der größten Skulpturengärten weltweit. Die Uffizien würde ich mir als krönenden Höhepunkt für den letzten Tag aufsparen, denn hier lässt sich dann die Summe alles vorher schon Gesehenen ziehen.

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