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JOS PIRKNER wird 90

Figur und Raum. Dieses Begriffspaar ziet sich wie ein roter Faden durch das Werk des osttiroler Künstlers Jos Pirkner, das von einer unglaublichen Vielfalt geprägt ist. Die Bandbreite erstreckt sich über rund 70 Jahre künstlerischen Schaffens von sehr frühen Treibarbeiten aus Bronzeblech – einer künstlerischen Technik, die heute fast niemand mehr beherrscht – über Zeichnungen, Gemälde, filigranen Bronzen, zahlreichen Metallplastiken unterschiedlicher Größe bis hin zu Glasfenstern. Wer weiß schon, dass Jos Pirkner vielfach für das künstlerische Design der Formel-IRennwagen von Toro Rosso verantwortlich war?

Und als Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens ist wohl die Architektur des Red-Bull- Headquarters in Fuschl am See anzusprechen, eine in die Landschaft eingebettete Großskulptur, die von zwei Vulkanen geprägt ist. Aus dem größeren stürmt eine mächtige bronzene Bullenherde hinaus ins Freie, ins Wasser. Jos Pirkner hat in Fuschl ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das seinesgleichen sucht.

Er hätte wahrscheinlich in einer europäischen Metropole, in Wien, Paris, London, oder in New York schon früher internationale Karriere machen können. Er kehrt aber seinem Sohn zuliebe 1978 aus den Niederlanden in seine Osttiroler Heimat zurück und hat sich dort auf Dauer niedergelassen. Er ging immer den geraden Weg, hat sich nie durch den Kunstmarkt oder Galeristen verbiegen lassen und Auftragsarbeiten nur angenommen, wenn ihm die künstlerische Freiheit zugesichert wurde. Qualität war und ist immer die Maxime seines Schaffens. Und bei aller Sturheit, die wohl jeden echten Tiroler auszeichnet, ist er ein einfühlsamer, sensibler Mensch geblieben. Drei große Bereiche sind es, die zeit seines Lebens sein künstlerisches Schaffen geprägt haben: Skulptur, Malerei und Architektur.

Skulptur
Jos Pirkner selbst sieht sich in erster Linie als Bildhauer und sagt: „Das habe ich gelernt, von dort gehe ich aus.“ Er formt den schweren Lehm mit seinen Händen, jede neue Skulptur in Originalgröße, bis sie seinen Vorstellungen entspricht. Nach dem Abformen und Gießen beginnt die Nacharbeit an der Bronze: Schweißen, Schleifen, Polieren. Pirkner ist Perfektionist. Fertig ist die Skulptur erst, wenn er wirklich zufrieden mit dem Ergebnis ist. Große Formate faszinieren ihn besonders, weil sie keine Fehler verzeihen. „Du musst dir von Anfang an deiner Sache sicher sein, im Konzept, in der Perspektive, und dass du in der Lage sein wirst, das Werk auch zu einem Ende zu bringen. Da geht es nicht nur um eine Dimension von äußerer Größe, sondern von künstlerischem Wagnis“, sagt Pirkner. Seine Plastiken sind Momentaufnahmen von dynamischen Bewegungen, das ist bei der gewaltigen Herde der Bullen in Fuschl so, wenn sie kraftvoll aus dem Gebäude ins Wasser stürmt, aber auch bei jeder kleinen intimen menschlichen Szene. Vielfach widmet er sich mit seinen Bronzen Themen der antiken Mythologie, die ihn in unterschiedlichster Weise immer beschäftigt hat.

Malerei
Jos Pirkner ist es leid, sich am Diskurs über zeitgenössische Kunst zu beteiligen, ihn interessiert nicht die Debatte über Gegenständlichkeit oder Abstraktion. Für ihn zählt nur Qualität und welche Emotionen die Kunst beim Betrachter auslöst. Er malt gern großformatig, wie in der Skulptur meist ausdrucksstarke Körper, eine Botschaft vermittelnd oder für einen Augenblick festgehalten. „Mit einem dicken Pinsel trage ich die Farben spontan in breiten Strichen auf. Ohne Hintergrundskizze. Selbst große Bilder entstehen in kurzer Zeit, höchstenfalls Tagen, und werden nicht überarbeitet.“ In jüngster Zeit hat er sich in seinem malerischen Werk sehr intensiv mit dem Thema Hunger in der Welt auseinandergesetzt und Gemälde geschaffen, die in ihrer Expressivität den Betrachter zutiefst berühren.

Architektur
Jos Pirkner ist kein Architekt im traditionellen Sinne. Und doch hat er sein Wohnhaus und sein lichtdurchflutetes Ateliergebäude ebenso wie das große Red-Bull-Headquarter5 in Fuschl am See, nahe der Stadt Salzburg, geplant. Pirkners Architektur spiegelt seine Lebenserfahrung mit Raum, Material, Symbolik und Proportion wider, Innen- und Außenwelt fließen ineinander, Baukörper und Natur gehen eine Symbiose ein. „Meine Architektur hat sich aus der Raumerfahrung des Bildhauers entwickelt. Ich lasse mich nicht von technischen Vorschriften einschüchtern. Ich kann als Künstler vorgehen, Kreativität und Emotionen einbringen“, sagt Pirkner. Natürlich braucht er für ein solch gewagtes Projekt auch einen Bauherrn, der zur außergewöhnlichen Idee der zwei vulkanförmigen skulpturalen Baukörper steht und bereit ist, diese zu verwirklichen. In Fuschl am See hat er diesen Bauherrn mit Red-Bull-Eigentümer Dietrich Mateschitz6 gefunden. Dieser lässt das Bauwerk für sich sprechen, nirgends ein Reklameschriftzug, keine Werbung.

Späte Anerkennung
Unermüdlich arbeitet Jos Pirkner weiter, auch jetzt im hohen Alter von fast 90, das man ihm nicht ansieht. Man kann heute mit Fug und Recht behaupten: Jos Pirkner hat es geschafft. Er ist ein äußerst erfolgreicher Künstler, dank zahlreicher Aufträge und wichtiger Sammler. Er wird in internationalen Fachmagazinen in höchsten Tönen gelobt, mit der wohl berühmtesten Architektin der Gegenwart, Zaha Hadid, in einem Atemzug genannt und jetzt auch in seiner Heimat geehrt und geschätzt. Viele seiner Arbeiten wurden für den öffentlichen Raum geschaffen, stehen auf Plätzen, in Gärten und Parks, in Kirchen, Schulen, Kindergärten und öffentlichen Gebäuden. Wichtig war ihm stets, Kunst für den Raum zu schaffen.

Lebenslauf
Jos Pirkner wurde am 2. Dezember 1927 in Sillian, Osttirol, geboren 1(Mutter). Er besuchte die Kunstgewerbeschule in Klagenfurt, absolvierte die Meisterschule für angewandte Kunst in Graz mit Auszeichnung, entdeckte als Privatschüler des Bildhauers Rudolf Reinhart in Salzburg seine Vorliebe für den Werkstoff Metall und entwickelte besondere Fähigkeiten für sehr feine Treibarbeiten. Der junge Künstler folgte 1951 einem Angebot der Gebrüder Brom und begann als selbständiger Gold- und Silberbildhauer für das weltbekannte Atelier in den Niederlanden zu arbeiten. Jos Pirkner wurde von der Akademie der bildenden Künste in Amsterdam aufgenommen und besuchte als Gasthörer die Freie Akademie in Utrecht. Mit seinen Skulpturen in Silber, Bronze oder Glas hatte Pirkner rasch große Erfolge in Europa und den USA, wurde in Ausstellungen präsentiert und erhielt zahlreiche private und öffentliche Aufträge.

Über 25 Jahre lebte er in den Niederlanden, wo er 1966 Joke Baegen2,3 heiratete. Joke wird die große Liebe seines Lebens, seine Muse, seine engagierte künstlerische Mitarbeiterin, die ihn selbst bei schweren Arbeiten wie Abformen und Schweißen unterstützt. Ihre Meinung, ihr kritischer Blick ist für Jos immer eine wichtige Entscheidungshilfe. Unmittelbar nach der Geburt seines Sohnes Gidi7 kehrt er 1978 nach Osttirol zurück und lebt und arbeitet seither in Tristach, an der Stadtgrenze von Lienz. 1995 erhielt Jos Pirkner vom Bundespräsidenten den Berufstitel „Professor“ verliehen, 2001 das Ehrenzeichen des Landes Tirol und im Jahr darauf den Ehrenring der Gemeinde Tristach. Pirkner geht unbeirrt von kommerziellen und intellektuellen Moden seinen Weg als Bildhauer, Zeichner, Maler und Architekt. „Es gab nicht einen Tag in meinem Leben als Künstler, an dem ich keine Arbeit hatte. Ich musste mich niemals anpassen, um mein Brot zu verdienen. Dafür bin ich dankbar“, resümiert Jos Pirkner. Seine Frau Joke erlebt die Vollendung seines größten bildhauerischen Werkes, die Bullenherde für das Red-Bull-Headquarter in Fuschl am See nicht mehr, sie stirbt im Mai 2010. Als der letzte der 14 Bullen fertig ist, kratzt er in den Lehm „Joke, wir haben es geschafft!“

Im Werk von Jos Pirkner vereinen sich Vorstellungskraft und Energie. Und noch eine andere, bei einem Bildhauer seltene Qualität fühle ich: den Sinn für menschliche Empfindsamkeit.

JULIEN GREEN, franz./amerik. Schriftsteller

Vertraut wirkt seine Welt auf mich, fast wie ein nahes Dorf. Und voller Ferne in der Dämmerung zwei Raumschiffe eingebettet am Abend. Ursprünglichkeiten, dazwischen Atmosphären, wo langes Planen endlich Wirklichkeit geworden ist.

HIROSHI HARA, japanischer Architekt

Jos Pirkner orientiert sich am Klassizismus, jedoch nicht nach einem klassischen Schema, in akademischer Weise, die ihn dazu führen würde, Michelangelos Formen zu reproduzieren. Er versteht dessen Geist. Es existiert Modernität im Ausdruck, stark verwurzelt in der Tradition des Modernen.

VITTORIO SGARBI, italienischer Kunstkritiker

In der Kunst Jos Pirkners liegt die Kraft antiker Tradition wie auch der angeborene Sinn für das Schöne, wie es von den Griechen bis Rodin und darüber hinaus das Merkmal der europäischen Kunst geworden ist. Pirkner ist ein hervorragender Vertreter dieser Kunst, getrieben von einem „expresivo“, das alle Formen dynamisch überhöht und überspannt. Die Bewegung, die Form der Bewegung ist das Grundthema seiner großen Kunst.

ERNST FUCHS, Maler und Architekt4

Der Osttiroler Jos Pirkner zählt zu den bedeutendsten Bildhauern in Tirol. Seine großen Skulpturen sind markante Monumente in der Tiroler Plastik unserer Zeit. Aufträge zu monumentalen Skulpturen – zumeist nach Wettbewerben – wie in Innsbruck, Wattens oder Lienz, vor allem aber im Ausland (Holland, USA, BRD) stehen als bedeutende Stationen in seinem vielfältigen und reichen OEvre. Viele seiner Werke befinden sich überdies in öffentlichen und privaten Sammlungen in Österreich, den USA, in der BRD, der Schweiz und in Italien.

GERT AMANN, Kunsthistoriker und Museumsdirektor

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geschrieben von

<p>Jahrgang 1947, hat in Graz und Salzburg Geschichte, Kunstgeschichte<br /> und Geographie studiert, war viele Jahre Direktor des Salzburg Museum und wurde für seine museologische Arbeit mehrfach ausgezeichnet. Für Jos Pirkner hat er 2014 in Fuschl eine Ausstellung gestaltet und 2015 die Personale im Museum Schloss Bruck in Lienz kuratiert. Er lebt heute in Salzburg als freiberuflicher Wissenschaftler und Autor.</p>

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