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Li Chevalier

Kunst zwischen zwei Welten

Betrachtet man die Werke, die Li Chevalier im Laufe der Zeit geschaffen hat, läuft man Gefahr, im Labyrinth stilistischer Bezüge und Ikonen, die das Wesen des Werks zuweilen vernebeln, sein kritisches Erinnerungsvermögen zu verlieren – die Interpretationsachse führt zu ungeahnten kreativen Horizonten. Mit Hilfe verschiedener geistiger Herangehensweisen entledigt sich Li der Stereotypren östlicher Geziertheit und überwindet sie durch Aussagekraft, Mischungen, Eklektizismus und Pathos.

Portrait Li Chevalier Atelier

Die Künstlerin lebt seit den späten 1980er Jahren in Europa, genauer: in Frankreich. Die damaligen dramatischen Ereignisse in China bewegten sie offensichtlich dazu, bei ihrer kreativen Arbeit aus einer fernöstlich eingefärbten Traumwelt mit Formen und Landschaften zu schöpfen, die teils vom Zen-Buddhismus, teils von der Malerei inspiriert wird. Ihre Ästhetik spannt eine Brücke zwischen zwei Kontinenten, zeugt von präziser Technik und erfinderischem Genie und weist unseres Erachtens nach klar auf die Ausbildung hin, die Li Chevalier am Saint Martins Central College of Arts and Design London genossen hat. Neben der Symbolik ist auch der Einfluss der Philosophie, des Denkens, im visuellen Aspekt ihrer Kunst zu erkennen.

Neben der Symbolik ist auch der Einfluss der Philosophie, des Denkens, im visuellen Aspekt ihrer Kunst zu erkennen.

Der harmonische, reduzierte Ausdruck wurde im Laufe der Jahre gestärkt, vor allem in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende. All dies führte zur späteren Zusammenarbeit der Künstlerin mit französischen Philosophen wie Luc Ferry und schließlich zur Entwicklung einer klar persönlicheren und eigenständigeren konstruktiven Herangehensweise. Ein Beispiel für ihr neues Verständnis und ihr Schaffen ist in den Werken erkennbar, die zwischen 2010 und 2013 im Rahmen ihrer größten monografischen Ausstellungen am Chinesischen Kunstmuseum (2010), dem Today Art Museum in Peking 2010), dem Kunstmuseum Schanghai (2011) und dem Nationalen Zentrum für Darstellende Künste NCPA (2013) stattfanden. Im unaufhaltsamen Rhythmus ihrer Kreationen gesellen sich fortlaufend zugänglichere Tuschemalereien zu den vormals entschieden minimalistischeren Arbeiten. Das Symbol wird in seiner Ehrlichkeit und Ausdrucksstärke mit einer stilistischen Definition behandelt und gefiltert, die in ihrer Natur etwas europäischer und weniger fernöstlich ist. Wie könnte es für eine Künstlerin, die zwischen zwei Kulturen und Kontinenten lebt, arbeitet und dabei – wenn auch nicht auf den ersten Blick erkennbar – einen starken Hang zu Europa an den Tag legt, auch anders sein?

Die westliche Einfärbung, die im Experimentieren mit verschiedenen Farbtönen bei der Schaffung von Strukturen erkennbar ist, wirkt nicht verwirrend und ist keineswegs ein Gegensatz zu Chevaliers Rückkehr zur chinesischen Tuschemalerei, die allerdings um eine entschieden europäische Kompositionsfähigkeit – ein Ausdruck des intellektuellen Eigensinns der Künstlerin – erweitert wurde. Durch die große Liebe zu den zwei Kulturen, ihren Wurzeln und ihrer neuen Umgebung wird Chevalier Teil der neuen Künstlerbewegung „Experimental Ink Painting“, wie der Sinologe François Jullien 2014 in „Ink and in between“ schreibt.

Chevalier schafft Kunst zwischen Morgen- und Abendland mit visuellen Bezügen und Schmerz, die weit über die bloße Trennung hinausgehen und die Künstlerin vor allem in der jüngeren Vergangenheit dazu bewogen haben, ihre visuelle Suche zu erweitern und um Installationen mit starker poetischer Inspiration und emotionaler Ausdruckskraft zu bereichern. Wie in „Cantabile per Archi” (2013), einem Werk, das von der Musik des lettischen Komponisten Peteris Vasks inspiriert wurde und eine Vielzahl an Violinen darstellt, die mit Symbolen, Zeichen, Worten und tusche-, lebens- und kunstgetränktem Papier überdeckt wurden: Diese verführerische Version wurde vollständig überarbeitet und entstand eigens für das MACRO Testaccio in Rom.

Wir stehen vor einer Installation, die für das gesamte Streben Chevaliers steht: Ihre Form, Sprache, Struktur und das Konstrukt aus Symbolen sind Ausdruck des Strebens der Künstlerin, die sterile, globalisierende Modernität zu überwinden und dabei durch theatralische Inszenierung, Klang und Bild die Richtung der Kunst, oder vielmehr der Künste, zu beeinflussen und eine grundlegende künstlerische und emotionale Erfahrung zu bieten.

Contemporary Art Museum Rome
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<p>Art historian, art curator in charge of exhibitions and major events at the Contemporary Art Museum Rome (MACRO ) , Claudio Crescentini is specialised in multilingualism and medievalism in the arts of the XX-XXI century; he has dedicated his career to researches on Renaissance art and published numerous collections and studies on Michelangelo, Raffaello, Piero della Francesca and others figures of the period. He was nomi-nated Vice-Chairman of the National Committee of the Ministry of Cultural Heritage, With research works on „Pope Pius II Piccolomini“ (2003) and „Andrea Bregno“ (2006). He is a member of the management commit-tee of „HUMANISTICS”, an International review on early renaissance arts. He is the scientific director of the editorial „Rinnovamenti”, on Renaissance studies and co-curator of the “Rome Architecture ” review . Among the first scholars interested in the iconological relationship between contemporary arts and food, he is the<br /> author of several publications, among which: Food for art : Dietary Routes of Contemporary Art (2000); “The Twentieth Century at table by Duchamp and Chirico (2001); The twentieth century around a table from Chirico to Warhol (2002). He also co-studied and co-conducted the SKY A Table with Art (2000-2002) television program and published numerous volumes on Giorgio de Chirico’s and other catalogs of exhibitions. He edited the European<br /> Convention on the Artist in 2002. He has also attended exhibitions and contemporary art exhibitions, among others: NOW art before the future (Rome, Rimini, Seoul, London 2013-2015); Marisa and Mario Merz<br /> (Roma 2016); William Kentridge (Roma 2016). In collaboration with Paolo De Grandis, he co-curates the Installation project „From The Venice Biennale to MACRO. International perspective“</p>

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