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Hochglanz mit Tiefgang

Im Gespräch mit Anja Groeschel

Sie verkörpert die Unabhängigkeit der Frau in der Kunstwelt: Anja Groeschel hat Ökonomie und Kunstgeschichte studiert, die Idee der Pop-Up-Galerie weltweit zum ersten Mal umgesetzt und schlägt als Beraterin für Unternehmen gekonnt die Brücke zwischen Kommunikation und Kunst. Mit dem von ihr initiierten Art Lovers Club fördert sie das Netzwerk der Frauen im Bereich Kunst und schafft wertvolle Verbindungen, die es ermöglichen, unabhängig zu agieren.

Wie wurde Ihre Leidenschaft für Kunst entfacht? Gab es da einen bestimmten Moment, ein Erlebnis oder eine Begegnung?

Die Kunst hat mich eines Tages gerufen, wenn man das so sagen kann. Ich hatte Ökonomie studiert, war schon viele Jahre als strategische Kommunikationsberaterin erfolgreich tätig und in mir entflammte der Wunsch, noch zusätzlich Kunstgeschichte zu studieren. Ich bewarb mich und bekam einen von zwei Studienplätzen. Dann nahm alles eine Eigendynamik an. Ich studierte und wurde gefragt, ob ich nicht in einer Galerie arbeiten möchte. Das tat ich. Danach gründete ich als Erste auf der Welt eine Pop-up-Galerie, den SALON anjagroeschel, und machte an wechselnden Orten Ausstellungen mit jungen Künstlern.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Club ins Leben zu rufen, der sich voll und ganz dem Thema Kunst widmet?

Eine zufällige Begegnung mit einer tollen Frau, nämlich Christina Scheublein, bei einem Sammleressen in Basel und dem darauffolgenden zufälligen Essen mit ihr und jeweils zwei Freundinnen von ihr und mir. Wir sechs Frauen hatten alle mit Kunst zu tun, aber alle in unterschiedlichen Bereichen. Dieser Abend war so befruchtend und dabei erkenntnisrührend, dass es bisher keine intradisziplinäre Plattform für Kunst gibt, so dass dies am Ende des Abends als unfertige, aber greifbare Idee im Raum stand.

Warum ist der Art Lovers Club ausschließlich Frauen vorbehalten?

Weil der Großteil der Akteure aus dem Kunstfeld weiblich sind.

Welches Spektrum an Aktivitäten wird den Mitgliedern des ALC geboten?

Wir besuchen private Kunstsammlungen, Ateliers, machen Talks zu unterschiedlichen Themen aus den Bereichen Kunst und Kunstmarkt, Filmscreenings, Direktorenführungen durch Institutionen, Kunstreisen und Private Dinners und vieles mehr.

Was die Frauen in der Kunst(welt) anbelangt – so findet langsam aber sicher eine Veränderung statt.

Das klingt nach ganz schön viel organisatorischem Aufwand. Dabei ist die Führung dieses Clubs ja nicht Ihr Beruf, sondern Ihre Herzensangelegenheit. Was machen Sie beruflich?

Ich habe meine beiden Passionen zusammengeführt: strategische Kommunikationsberatung und Kunst. Auf der einen Seite berate ich Unternehmen, wenn sie Kunst in irgendeiner Form in ihr Unternehmen einbinden möchten. Auf der anderen Seite berate ich Unternehmen, Institutionen und Personen, die im Kreativumfeld tätig sind und bei der kommerziellen Wegbereitung Hilfe im Bereich Kommunikation und Marketing benötigen.

Sie sind demnach ja schon länger eng mit dem Thema Kunst verbunden. In welche Kunstwerke investieren Sie persönlich?

Ich sammle junge Positionen. Es gibt weder ein Medium noch eine Stilrichtung, die ich bevorzuge. Eher sind es Themen, die mich bewegen. Ich habe Arbeiten, die das aktuelle Zeitgeschehen reflektieren und mit meiner Biografie verbunden sind, wie der Mauerfall, technischer Wandel und die damit einhergehenden Möglichkeiten wie zum Beispiel Google Maps und die damit veränderte Wahrnehmung von Landschaften. Ich habe aber auch Arbeiten, die sich mit Themen wie Schönheit, Natur & Tod beschäftigen. Allen gemein ist, dass sie mich berühren und ich fast alle Künstler persönlich kenne.

Wir haben in unseren Recherchen erfahren, dass eines der Mottos des Art Lovers Club auch darin besteht, Erlebnisse zu schaffen, die man mit Geld nicht kaufen kann. Warum?

Uns geht es um Begegnungen und Erlebnisse, die besonders sind, die bleiben, die bewegen. Ich habe bei unserem Neujahrsempfang in Berlin gesagt, es geht um Hochglanz mit Tiefgang. Der Netzwerkgedanke und der Austausch spielen also eine große Rolle.

Welchen Stellenwert hat das persönliche Netzwerk in Zeiten von „Social Media“ Ihrer Meinung nach?

Belastbare und tragfähige Beziehungen entstehen nur auf der persönlichen Ebene. Dies gilt für alle Menschen und alle Umfelder. Der Kunstmarkt unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den anderen kommerziell orientierten Märkten. Insbesondere hier spielt die persönliche Verbindung eine zentrale Rolle.

Wie können Interessierte im Art Lovers Club Mitglieder werden bzw. unter welchen Voraussetzungen?

Grundsätzlich kann sich jede interessierte Frau per Email unter membership@alc.club bei uns melden. Wir beantworten jede Anfrage sehr gerne. Wir nehmen nur Frauen auf, die entweder professionell mit Kunst zu tun haben oder wirklich sehr, sehr kunstinteressiert sind. Unsere Mitglieder kommen aber aus allen Bereichen inhaltlich wie auch regional. Veranstaltungen finden bisher in Berlin und München statt. Die Reisen sind international ausgerichtet.

Das Thema dieser Ausgabe ist „Independence“. Wie stehen Sie dem Thema Unabhängigkeit gegenüber – bezogen auf die Frau, die Kunst oder gar die Frau in der Kunst?

Der Art Lovers Club lebt von geistig unabhängigen und motivierten Frauen. Um sie als Akteure im Kunstumfeld in ihrer Unabhängigkeit zu fördern, sind wir da. Denn es bedarf guter Informationen, profunden Wissens und belastbarer Kontakte im Kunstbereich, um unabhängig – egal in welchem Bereich oder welcher Form − agieren zu können. Was die Frauen in der Kunst(welt) anbelangt – so findet langsam aber sicher eine Veränderung statt. Es gibt immer mehr Frauen, die Kunst im großen und kleinen Umfang sammeln, es gibt immer mehr Topgaleristinnen wie Monika Sprüth und Philomene Magers, weibliche Direktorinnen an Museen wie Angelika Nollert oder Eva-Kristina Kraus. Auch wenn dieses Jahr für den Preis der Nationalgalerie in Berlin nur weibliche Künstlerinnen nominiert wurden, so ist hier sicherlich noch die größte Arbeit in den kommenden Jahren zu leisten.

Heuer ist ja ein besonderes Kunstjahr: Documenta Athen und Kassel, Biennale… Man spürt, dass die Menschen offen sind für die Kunst und alles rund um die Kunst – was denken Sie, ist so reizvoll daran?

Kunst bedient derzeit unterschiedliche Bedürfnisse: die Suche nach Antworten und als Möglichkeit zur Orientierung, als soziales Gefilde, als Lifestyle-Komponente & Anlagegut. Also Sinn, Umfeld, Lebenswelt, Geld. Früher waren solche Dinge per se vorgegeben, nun sind wir Menschen in der entwickelten Welt so unabhängig, dass wir diese Komponenten selbst wählen können. Kunst bietet für all diese Bedürfnisse Antworten.

Gibt es konkrete Schwerpunkte, welchen sich der Art Lovers Club in diesem Jahr widmen wird?

Jedes Jahr entwickelt sich im Laufe des Jahres ein Themenschwerpunkt. Letztes Jahr war es Fotografie. Dieses Jahr ist es „Art & Food“. Neben inhaltlich spannenden Vorträgen zu dem Thema „Wie restauriert und sammelt man Food-Art“, gibt es die Möglichkeit, an Kunstperformances teilzunehmen, die sich um das Thema Food drehen. Außerdem haben wir spannende Reisen im Programm, um unsere Mitglieder zu verbinden – unter anderem nach Paris, Tel Aviv & Warschau.

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