Willkommen beim XXL – Kunstmagazin
 

Raffael & Bruegel in der Albertina

Diesen Herbst stehen zwei große Meister der Kunstgeschichte im Fokus der Albertina. Raffael ist als Universalgenie der Hochrenaissance zweifellos einer der bekanntesten und bedeutendsten Künstler der Welt. Doch parallel ist auch dem größten niederländischen Zeichner des 16. Jahrhunderts eine umfangreiche Ausstellung gewidmet: Pieter Bruegel dem älteren, der wie kein anderer Zeitgenosse scharfsinnig und kritisch die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit reflektiert.

Raffael bildet neben Leonardo da Vinci und Michelangelo das große Dreigestirn der Renaissance. Auf universellere Weise als die beiden genialen Meister bringt er jedoch allgemein menschliche Aspekte seiner Figuren, ihren Charakter, ihre Gefühle und die Motivation ihres Tuns zum Ausdruck. Seine Geschöpfe sind mit Gefühlen beseelt und besitzen eine Strahlkraft, die auf den Raum weiterwirkt, in dem sie sich erstmals vollkommen frei und selbstbestimmt bewegen. Wenngleich er sie genau beobachtet und an Modellen studiert, idealisiert er sie und gibt ihnen dadurch allgemeingültige Bedeutung. Seine Figuren treten durch ihre Handlungen in ein Beziehungsgeflecht, in dem auftretende Gegensätze und Spannungen geklärt werden und in einer wundervollen kompositionellen Einheit aufgehen. Raffael ist ein Meister der Schönheit und der Harmonien, die seine Werke mit einer verheißungsvollen Botschaft erfüllen, die heute noch so aktuell wie damals ist.sten Überlegung bis zur ausgeführten Komposition miterleben.

Die monografisch angelegte Ausstellung gibt mit rund 130 Zeichnungen und 20 Gemälden aus aller Welt einen einzigartigen Überblick über das gesamte Schaffen des Künstlers: von der frühen umbrischen Periode über den Aufenthalt in Florenz bis zu der römischen Zeit, in der Raffael zum gefragtesten Künstler aufsteigt und in Diensten der Päpste sowie der bedeutendsten geistlichen und weltlichen Mäzene steht. Raffaels sprühende Kreativität erlebt man am unmittelbarsten in seinen Zeichnungen, bei denen man dem Künstler beim spontanen Aufsetzen der Linien unmittelbar über die Schulter zu blicken glaubt. Er zeichnete streng zweckgebunden in einzelnen Entwurfsschritten, immer im Hinblick auf die Ausführung eines Kunstwerks. Eine besondere Aufgabe der Ausstellung liegt darin, diesen systematischen und prozessualen Entwurfscharakter nachvollziehbar zu machen. Dieser ging von einer ersten Ideenskizze über das Studium einzelner Figuren und Gruppen, den Gesamtentwurf, die anschließende Modell- oder Aktstudie bis hin zum Modello und dem Karton. In der Gegenüberstellung mit dem Gemälde kann der Betrachter Raffaels schöpferische Gedankengänge von der ersten Überlegung bis zur ausgeführten Komposition miterleben.

Die Albertina bietet die Gelegenheit, den ästhetischen Idealismus Raffaels mit dem schonungslosen Realismus des Moralisten Bruegel zu vergleichen und diese konträren künstlerischen Zugänge miteinander in Beziehung zu setzen.

Mit Raffael und Pieter Bruegel dem Älteren stehen sich in der Albertina im Herbst 2017 zwei völlig verschiedene Weltbilder gegenüber. Die parallel laufenden Ausstellungen ermöglichen es, sich von beiden Künstlern und ihrer Zeit ein umfassendes Bild zu machen. Bruegels Zeichnungen werden bereits zu seinen Lebzeiten hoch geschätzt und sind begehrte Sammlerstücke – viele finden als Vorlagen für Kupferstiche weite Verbreitung. Am Vorabend des niederländischen Unabhängigkeitskampfes, in einer Epoche der politischen, sozialen und religiösen Umbrüche entwirft Bruegel eine ebenso komplexe Bildwelt. Seine Werke zeichnet ein immenses Interesse an der Lebensrealität seiner Zeitgenossen aus, und er stellt gleichsam die ganze Welt auf Papier dar: Bauern bei der Feldarbeit, pittoreske Landschaften und Alpengipfel, intime Flusstäler, aber auch gesellschaftskritische Moralsatiren und absurd-komische Grotesken. Ebenso humorvoll wie scharfsinnig thematisiert der Künstler den stetigen Konflikt zwischen Ideal und Realität. In seiner berühmten Zeichnung Maler und Käufer macht Bruegel die Kunstproduktion selbst zum Thema: Er kontrastiert die ernste, intellektuelle Arbeit des Malers mit einem vorgeblichen Kunstkenner, dessen einzige Reaktion ratloses Staunen und der Griff nach seinem Geldbeutel sind.

Mit rund 100 Werken aus der Albertina und internationalen Sammlungen präsentiert die Ausstellung das gesamte Spektrum von Bruegels zeichnerischem und druckgrafischem Schaffen und beleuchtet seine künstlerischen Ursprünge anhand der Gegenüberstellung mit hochkarätigen Werken bedeutender Vorläufer wie Bosch oder Dürer. Zahlreiche Werke, die in ehrjähriger Forschungsarbeit in der Albertina ausfindig gemacht und aufwändig restauriert wurden, können erstmals überhaupt gezeigt werden.

Bruegel. Das Zeichnen der Welt
bis 3. Dez. 2017

Raffael
bis 7. Jän. 2018

ALBERTINA
Albertinaplatz 1 | 1010 Wien
T +43 (01) 534 83 0
www.albertina.at

Beitrag teilen
geschrieben von

<p>Univ.-Doz. Dr. Achim Gnann, Studium an der Universität Erlangen/ Nürnberg, Habilitation an der Universität Wien. Seit 2005 Kurator für italienische Kunst in der Albertina. Forschungsschwerpunkt italienische Zeichnung und Druckgrafik des 16. Jahrhunderts, zahlreiche Publikationen über Raffael und seine Schule.</p>

0

Warenkorb