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Zeitgenössische Kunst und Glashandwerk in Venedig

Die Ausstellung “Glasstress” ist ein Kollateral-Event zur 57. Biennale in Venedig. Adriano Berengo und seine Kuratoren Dimitri Ozerkov und Herwig Kempinger haben dafür große Namen der internationalen Kunstwelt nach Venedig gebracht: Ai Weiwei, Paul McCarthy, Thomas Schütte, Brigitte Kowanz, Ugo Rondinone, Karen LaMonte, Erwin Wurm – um nur einige der 38 beteiligten Künstler zu nennen.

Ein Ausstellungsstück, das uns besonders berührt, hat Alfred Weidinger interpretiert:

Xenia Hausner’s Concept Temple/Market

Xenia Hausner hat sich mit der chinesischen Kultur und mit der ambivalenten Rollenkunst und Kulturspiel in der facettenreichen Interaktion zwischen Politik und Gesellschaft, wie sie auf dem chinesischen Festland existiert, auseinandergesetzt. Die Kommunikation zwischen dem Leben, den Toten und den Untoten spielt in dieser Gesellschaft eine wichtige Rolle. Besonders damit verbunden ist die Tradition der Begräbnisgegenstände. Papierimitationen von Konsumgütern werden von Hand gebaut, in Supermärkten verkauft und am Tag der Toten, dem „Qingming Festival“, rituell geopfert und verbrannt. Diese Papiergegenstände sollen nicht nur die Reise zum Jenseits für die Toten erleichtern, sondern zugleich auch diejenigen, die zurückgelassen werden, mit ihren Verstorbenen in Kontakt bringen.

 

Xenia Hausner ist fasziniert von dem Glauben an diesen Kult, der es sogar geschafft hat, die besonders schwierige Zeit der Kulturrevolution zu überdauern. Sie sammelte diese Grabpapierobjekte und im Raum ihres Ateliers reflektierten diese Materialität und glaubwürdige Substanz. Als Elemente, die sorgfältig in ihre Bilderwelt eingearbeitet wurden, erfüllen sie die Funktion formalistischer und farbiger Akzente. Auf einer viel tieferen Ebene aber spielen sie eine transformative Rolle als Bindeglied zwischen der irdischen Welt und ihrer Projektion des Paradieses.

Dank Adriano Berengos Projekt „Tempel / Markt“ hat Xenia Hausner buchstäblich die verbrannten Papierobjekte wie ein Phönix aus der Asche wiederbelebt. Das Feuer, das durch die Verbrennungshandlung die Gegenstände ihrer irdischen Substanz beraubt hat, wird zu einem Element ihrer Wiedergeburt und verwandelt in der Sphäre des Denkens die Materialität der Papiergegenstände in das künstlerische Medium Glas und macht sie so allgegenwärtig.

GLASSTRESS 2017
Curated by Dimitri Ozerkov; Herwig Kempinger; Adriano Berengo

VENICE, Palazzo Franchetti, San Marco 2847 (Campo Santo Stefano)
11 May – 26 November
Open everyday from 10am to 6:30pm
www.glasstress.org

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Dr. Alfred Weidinger ist ein österreichischer Kunsthistoriker, Museumsmanager und Fotograf. Weidinger studierte von 1985 bis 1998 Kunstgeschichte und Klassische Archäologie an der Universität Salzburg. 2000 wurde er Vizedirektor und Prokurist der Albertina. Mit der Übernahme der Leitung des Belvedere in Wien 2007 durch Agnes Husslein wurde Weidinger Vizedirektor und Prokurist des Museums Österreichische Galerie Belvedere. In der Funktion des Kurators für die Kunst der Moderne ist er zudem für die Organisation von bedeutenden Ausstellun-gen im In- und Ausland verantwortlich. Seine Forschungsschwerpunkte sind bilden-de und angewandte Kunst sowie Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts. Seit 1980 bereist er als freier Dokumentarfotograf Afrika und nimmt Porträtserien auf. Er fotografiert sowohl digital als auch mit Film, bevorzugt dabei Schwarz/Weiß.

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