Anja Es STATEMENT

Das ist keine Kunst

Künst­ler kön­nen sich glück­lich schät­zen. Wohl kei­ne Bran­che ver­fügt über so vie­le Exper­ten und Fach­leu­te wie die Kunst. Nahe­zu Jeder und Jede kann Kunst defi­nie­ren, beur­tei­len und bewer­ten. Am schnells­ten und bes­ten in ihrer Ein­schät­zung sind Spe­zia­lis­ten ohne Affi­ni­tät zur Kunst. Die begut­ach­ten eine Arbeit qua­si im Vor­bei­ge­hen und tren­nen gleich die Spreu vom Wei­zen. Das ist kei­ne Kunst, lau­tet das Urteil, und der Künst­ler weiß gleich, wor­an er ist. Wer den­noch wei­ter­macht, mit sei­nem Geschmie­re, ist sel­ber schuld. Bes­ser dran sind jene Künst­ler, die dem ästhe­ti­schen Impe­ra­tiv fol­gend Kunst geschaf­fen haben, die auch vor dem schnel­len Blick der Aus­ken­ner Bestand hat. Hin und wie­der wird dabei auch Kitsch oder Deko­ra­ti­on mit dem Prä­di­kat KUNST ver­se­hen − aber so funk­tio­niert Demo­kra­tie.

Künst­le­rin und Kolum­nis­tin: Anja Es

Der ein­zi­ge, der wirk­lich weiß, was Kunst ist, ist der Künst­ler bzw. die Künst­le­rin. Kunst ist … die EIGENE Kunst! Groß­mü­ti­ge las­sen noch zwei, drei Zeit­ge­nos­sen, befreun­de­te Kol­le­gin­nen und nicht kon­kur­renz­fä­hi­ge Ver­stor­be­ne gel­ten, aber im Prin­zip…

Kaum dif­fe­ren­zier­ter gehen da Pro­fis vor. Auch die sind schnell in der Mei­nungs­fin­dung und wis­sen gleich, was Kunst ist und was gehan­delt, gekauft, gesam­melt und pro­mo­tet wird: Was sich irgend­wie zu Geld machen lässt, ist Kunst. Der Rest – irrele­vant. Für man­che Par­tei­en ist Kunst nur Kunst, wenn sie die Schön­heit des eige­nen Lan­des her­vor­hebt, und für ganz From­me darf unver­hüll­te Kunst nur Ver­hüll­tes zei­gen. In eini­gen Län­dern muss Kunst orna­men­tal sein, sonst ist es kei­ne Kunst, son­dern Sün­de. Abhän­gig von der Per­spek­ti­ve und der Moti­va­ti­on des Rezi­pi­en­ten wird Kunst immer anders defi­niert, beur­teilt, auf- und abge­wer­tet, gehypt, ver­bo­ten oder ver­nich­tet. Da wird es schwer, mit der Kunst.

Und wis­sen Sie was? Die haben Recht. Alle. Denn Kunst ist Viel­falt, und die Kunst ist frei. Kunst ent­steht (nein, nicht im Auge des Betrach­ters!) im Kopf des Künst­lers, und wie auch immer er oder sie Kunst defi­niert, ist es gut. Gera­de das freie künst­le­ri­sche Den­ken eröff­net der Kunst immer neue Wege und For­men der Gestal­tung. Auf die­se Wei­se sind Im- und Expres­sio­nis­mus ent­stan­den, Pop-Art, Abs­trakt, Mini­ma­lis­mus, Kon­zept­kunst, Comic-style, Drip­ping, Street Art und, und, und.

Die wun­der­ba­re Diver­si­tät von Kunst ist das Ergeb­nis inno­va­ti­ven Den­kens, frei­er Krea­ti­vi­tät und schöp­fe­ri­scher Potenz. Sie inspi­riert ihre Betrach­ter, eben­falls neu zu den­ken und zu füh­len, und ist somit auch gesell­schafts­po­li­tisch rele­vant. Das Glei­che gilt für die Musik. Jeder kann heu­te hören, wonach ihn gelüs­tet. Schla­ger-Fans dür­fen eben­so selig mit­schun­keln wie Jazz-Begeis­ter­te mit dem Fuß wip­pen, Hea­vy-Metal-Fans mit­brül­len oder Klas­sik-Freun­de ent­rückt ihrer Musik lau­schen. Das Ein­zig-Wah­re gibt es schon lan­ge nicht mehr, und das ist gut so. So vie­le Sor­ten von Mensch es gibt, so viel Kunst gibt es, und viel­leicht führt die Lust an der Diver­si­tät sogar irgend­wann dazu, dass wir end­lich auch die Ver­schie­den­heit der Men­schen nicht nur als Bedro­hung gewohn­ter Begrenzt­hei­ten emp­fin­den, son­dern als Berei­che­rung.

www.anja-es.de

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geschrieben von

Malt, schreibt, performt und bringt Texte und Bilder als Gesamtkunstwerk mit Musikern auf die Bühne. Ausstellungen und Performances in Deutschland und Dänemark. Mit ihrer Bildserie „La Gonzesse“ in Sammlungen, Galerien und Medien erfolgreich. Anja Es: KUNST! in der Alten Vogtei, Travemünde.

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