Anja Es: STATEMENT

Kunsterfahrung

Ich bin eine erfah­re­ne Frau. – Aller­lei erlebt, eini­ges gelernt, man­ches ver­stan­den. Und nie vor Über­ra­schun­gen sicher. Denn so ist das Leben: Es hat so unend­lich vie­le Facet­ten, da hilft Erfah­rung nicht immer. So man­che, mich zur erfah­re­nen Frau machen­de Epi­so­de war schmerz­haft, aber wer möch­te schon uner­fah­ren in die Kis­te sprin­gen? Wohl nie­mand! Wür­de es doch bedeu­ten, sich gleich nach der Geburt wie­der zu ver­ab­schie­den. Das Leben will gelebt sein und da braucht es Mut zum Risi­ko. Wer das scheut, soll­te am bes­ten gleich im Bett blei­ben, sich von Mut­ter­milch ernäh­ren, Schlaf­lie­der hören und Bil­der­bü­cher anschau­en. Und er soll­te sich kei­nes­falls Kunst anse­hen.

In der Kunst­be­trach­tung liegt ja eines der größ­ten Risi­ken für den erfah­rungs­scheu­en Men­schen über­haupt. Kunst ist mate­ria­li­sier­tes Gefühl und wie jeder – auch aus Erfah­rung – weiß, lässt sich das noch viel schwie­ri­ger regie­ren, als das Den­ken. Hard stuff, also, die Kunst. Aber gera­de das Gefühl ist nun mal Grund­la­ge der Erfah­rung, denn im Gegen­satz zum Wis­sen, das man sich ganz ratio­nal aneig­nen kann, macht man Erfah­run­gen völ­lig ohne Rekurs auf theo­re­ti­sche Kennt­nis­se. Ein­fach so, aus dem Bauch her­aus und ganz per­sön­lich. Dabei haben Erfah­run­gen kei­ner­lei Anspruch auf Objek­ti­vi­tät, sie müs­sen weder veri­fi­zier- noch fal­si­fi­zier­bar sein, son­dern nur indi­vi­du­ell wirk­sam. – Und das sind sie! Ich weiß es, denn wie schon gesagt: Ich bin eine erfah­re­ne Frau.

Es soll ja Leu­te geben, die es irgend­wie schaf­fen, sich Kunst anzu­se­hen, ohne eine Kunst­er­fah­rung zu machen. Eines der größ­ten Mys­te­ri­en der Mensch­heit! Aber wir ande­ren sind aus­ge­lie­fert: der Kunst, dem Gefühl und letzt­end­lich, wie immer, uns selbst. Was aber nicht unbe­dingt von Nach­teil sein muss, denn Selbst­re­fle­xi­on hat ja noch nie gescha­det und auch hier kann es Über­ra­schun­gen geben: (Selbst-)Erkenntnis ist nicht immer gleich­zu­set­zen mit dem Blick in den Abgrund! Man­ches Kunst­werk setzt sol­cher­lei Emo­tio­nen in uns frei, dass wir uns befreit füh­len, erhellt, inspi­riert, ermu­tigt, berührt, beglückt oder sonst was. Bei sol­chen Begeg­nun­gen mit Kunst machen wir die Erfah­rung von Wachs­tum oder Ent­fal­tung. Wir blü­hen förm­lich auf. Oder wir sam­meln unse­re Kräf­te. Revo­lu­tio­nä­re Kunst, die auf­zeigt, was sich ändern muss – was wir ändern müs­sen – kann eine sub­ti­le Wirk­macht haben, die uns end­lich auf die Bar­ri­ka­den treibt. Und dann wie­der die melan­cho­li­schen, stil­len Arbei­ten. Die beru­hi­gen. Machen uns trau­rig. Legen sich wie feuch­tes Laub auf unse­re Gedan­ken und las­sen uns end­lich füh­len, was bis­her weg­ge­dacht wur­de. Und natür­lich gibt es noch die Kunst, die per­fekt zum Sofa passt. Die passt per­fekt zum Sofa. Sonst nix.

Der Unter­schied zwi­schen einer Kunst-Erfah­rung und all­ge­mei­ner Lebens­er­fah­rung ist ein ver­ti­ka­ler. Letz­te­re wächst mit den Jah­ren in die Brei­te, wäh­rend Ers­te­re in die Tie­fe geht und Zeit nicht unbe­dingt eine Rol­le spie­len muss. Manch­mal – und ich bin eine erfah­re­ne – reicht eine ein­zi­ge Begeg­nung mit einem Kunst­werk, um für alle Zei­ten von die­ser Erfah­rung zu zeh­ren. Natür­lich bekommt man den­noch Lust auf mehr, was den Erfah­rungs­schatz ver­tieft. Erfah­rungs­schatz ist übri­gens ein wun­der­ba­res Wort. Selbst die übels­ten Erfah­run­gen wer­den so im Nach­hin­ein zu einem kost­ba­ren Gut und erleich­tern den Frie­dens­schluss mit ihnen.

Nach so viel Gefühl kann ein Diges­tiv am Ende nicht ver­kehrt sein: Die geis­ti­ge Ver­ar­bei­tung – denn Leo­nar­do (da Vin­ci, natür­lich) sagt: Das Wis­sen ist Kind der Erfah­rung. Und mei­ne Oma sagt: Aus Erfah­rung wird man klug. Dafür sind zwei Sachen hilf­reich: Etwas Kunst­theo­rie und ein guter Psy­cho­ana­ly­ti­ker. Da ich bei 6000 Zei­chen Schluss machen muss, blei­ben wir bei der Kunst. Ein erwei­ter­ter Zugang zu inne­ren Erfah­run­gen eröff­net sich durch Infor­ma­ti­on. Es kann ganz hilf­reich sein, zu wis­sen, wel­che Künst­le­rin das Bild zu wel­cher Zeit gemalt hat. Wie über­all im Leben spielt der Kon­text eine wich­ti­ge Rol­le und kann eine Arbeit mit kom­plett ande­ren Vor­zei­chen ver­se­hen. Das Revo­lu­tio­nä­re eines schwar­zen Qua­drats (Male­witsch) erschließt sich erst auf dem Hin­ter­grund der Zeit und des Supre­ma­tis­mus, Dalí und sei­ne sur­rea­lis­ti­schen Kol­le­gen neh­men Bezug auf die damals neu­es­ten Theo­rien zur Psy­cho­ana­ly­se und Duch­amps Rea­dy­ma­des haben den Kunst­be­griff noch wei­ter gesetzt, als all sei­ne Vor­gän­ger.

Will man über die direk­te Erfah­rung hin­aus einen erkennt­nis­rei­chen Zugang zu einer Arbeit erlan­gen, ist Kunst von der Zeit und ihren Erschaf­fern und Erschaf­fe­rin­nen nicht zu tren­nen. Zum Ver­ständ­nis eines Wer­kes ver­hilft auch, die Inten­ti­on des Künst­lers zu ken­nen. Kunst unter­schei­det sich von Nicht-Kunst ja dadurch, dass die Künst­le­rin eine bewuss­te Aus­sa­ge machen will. Natür­lich kann man die­sen Aspekt bei der Betrach­tung aus­blen­den und sich nur auf die per­sön­li­che Erfah­rung beschrän­ken aber wenn wir von Erkennt­nis und Wis­sen reden, ist die berühmt – berüch­tig­te Fra­ge „Was will der Künst­ler damit sagen?“ zumin­dest inter­es­sant. Sie klingt bemüht und abge­wetzt, aber genau das ist es doch, was zur geis­ti­gen Erschlie­ßung von Kunst führt – das Bemü­hen dar­um.

 Man kann das run­ter­bre­chen auf eine ein­fa­che For­mel der Kunst­be­trach­tung: erfüh­len – erfah­ren – erar­bei­ten. Üben kann man das ganz wun­der­bar an Joseph Beuys oder an Jona­than Mee­se, die es bei­de ver­stan­den haben, mit ihrer Kunst hef­ti­ge Emo­tio­nen zu wecken, Kunst­er­fah­rung zu pro­vo­zie­ren und Erkennt­nis zu ermög­li­chen – wenn man sich drauf ein­lässt. Letzt­end­lich muss man zum Kunst­ver­ständ­nis nicht ein­mal auf gro­ße Künst­ler oder Künst­ler über­haupt zurück­grei­fen. Selbst die schlecht gemal­te, hun­dert­tau­sends­te Mohn­blu­me in Aqua­rell eig­net sich zum Nach­den­ken. Dar­über, wie groß die Sehn­sucht nach ober­fläch­li­cher Har­mo­nie ist, was in Wohn­zim­mern hän­gen darf, nur um nichts den­ken zu müs­sen, wie wenig Qua­li­tät aus­reicht, um als ästhe­tisch zu gel­ten. Und ob das nicht auch sei­ne Berech­ti­gung hat.

Künst­le­rin: Anja Es

Ich bin da noch zu kei­nem Schluss gekom­men – obwohl ich doch eine erf…

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geschrieben von

Malt, schreibt, performt und bringt Texte und Bilder als Gesamtkunstwerk mit Musikern auf die Bühne. Ausstellungen und Performances in Deutschland und Dänemark. Mit ihrer Bildserie „La Gonzesse“ in Sammlungen, Galerien und Medien erfolgreich. Anja Es: KUNST! in der Alten Vogtei, Travemünde.

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