Der Archetyp der Zeit

Giorgio Conta

Un der Sozio­lo­gie und Anthro­po­lo­gie bezieht sich das Kon­zept der Iden­ti­tät auf die Vor­stel­lung, die ein Indi­vi­du­um von sich selbst in Bezug auf die Gesell­schaft hat, in der es lebt. Wir könn­ten Iden­ti­tät daher als eine Rei­he von beson­de­ren Merk­ma­len defi­nie­ren, die eine Per­son in einem bestimm­ten Kon­text und his­to­ri­schen Zeit­punkt ein­zig­ar­tig und unver­wech­sel­bar machen.

Wenn wir die­ses Kon­zept auf die Geschich­te und die sti­lis­ti­schen und expres­si­ven Meta­mor­pho­sen eines Bild­hau­ers pro­ji­zie­ren, wird das The­ma etwas kom­pli­zier­ter. Nor­ma­ler­wei­se hat der Künst­ler eine dop­pel­te Iden­ti­tät. Die eine ist mit dem tiefs­ten Teil sei­nes Selbst ver­bun­den, das heißt mit der rech­ten Gehirn­hälf­te, was ihn dazu bringt, das Unsicht­ba­re und das emo­tio­na­le „Abseits der Pis­te“ nicht zu fürch­ten. Die täg­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem eige­nen Sein bestimmt den krea­ti­ven Ansatz und das ästhe­ti­sche Ergeb­nis sei­ner Vor­schlä­ge. Die zwei­te, viel­leicht weni­ger bewuss­te Iden­ti­tät, betrifft sei­nen Geist der Zuge­hö­rig­keit zu dem Ort, an dem er gebo­ren wur­de. Gior­gio Con­ta ist ein Künst­ler, der sich nie hin­ter sei­nen Wer­ken ver­steckt hat, der die Glo­ba­li­sie­rung nie dazu genutzt hat, sich als legi­ti­mes Kind der Welt zu bezeich­nen, der aber immer mit ruhi­gem Stolz sei­ne Her­kunft und sei­ne Lie­be zum Tren­ti­no her­aus­ge­kehrt hat. Zum Tren­ti­no, das sich neben sei­nen unzäh­li­gen Reich­tü­mern auch einer ein­zig­ar­ti­gen Tra­di­ti­on der Holz­skulp­tur rüh­men kann. Con­ta ist ein Kind sei­nes Lan­des: Von der groß­zü­gi­gen Ver­wen­dung von Holz bis zur sti­lis­ti­schen Viel­falt sei­ner Skulp­tu­ren (mög­li­cher­wei­se ein Bezug zur Viel­zahl der Land­schaf­ten des Tren­ti­no), alles führt dazu, in sei­nem geo­gra­fi­schen Kon­text ent­deckt zu wer­den. Vie­le sei­ner Figu­ren könn­ten zum Bei­spiel auf die geglie­der­te Kar­to­gra­phie der Ber­ge bezo­gen wer­den, und eini­ge Rhyth­mus­wech­sel bei der Bear­bei­tung des Mate­ri­als erin­nern uns unwei­ger­lich dar­an, dass die Pro­vinz Tri­ent seit jeher ein Ter­ri­to­ri­um kul­tu­rel­ler, sozio­lin­gu­is­ti­scher und geo­mor­pho­lo­gi­scher Über­gän­ge war.

Die künst­le­ri­sche Welt von Con­ta ist die sei­ner Natur, Land­schaft und Inti­mi­tät, ver­bun­den mit der ver­zau­ber­ten Atmo­sphä­re der Wäl­der, der Lebens­kraft der Bäu­me, der Unvor­her­seh­bar­keit der For­men der Stei­ne und der bild­haue­ri­schen Arbeit der Zeit an den Fel­sen oder an den Stäm­men jahr­hun­der­te­al­ter Bäu­me. Auf die Fra­ge, wie spät es sei, ant­wor­te­te der hei­li­ge Augus­ti­nus: „Was also ist die Zeit? Wenn nie­mand mich danach fragt, weiß ich’s, will ich’s aber einem Fra­gen­den erklä­ren, weiß ich’s nicht.“ Con­ta ist sich bewusst, dass im Gegen­satz zu Begrif­fen mit plau­si­bler Bedeu­tung, die mög­li­cher­wei­se an die Ent­wick­lung des mensch­li­chen Den­kens ange­passt sind, das Wort „Zeit“ nicht geschaf­fen wur­de, um einen neu­en Begriff zu defi­nie­ren, der zuvor nicht exis­tier­te. Als Teil des bild­haue­ri­schen Kor­pus des Tren­ti­ner Künst­lers scheint die Zeit also immer zu exis­tie­ren und sich durch die Spu­ren ihres Ver­laufs fort­zu­set­zen. Zei­chen, Gra­vu­ren, Schnit­te und Ris­se regen den Geist eines Künst­lers an, der mit den Bear­bei­tun­gen der Zeit, mit ihren Spu­ren kom­mu­ni­ziert, im Bewusst­sein ihrer ewi­gen Wie­der­kehr.

Der Künst­ler Gior­gio Con­ta

Wir kön­nen nicht leug­nen, dass die Wahr­neh­mung von Zeit unse­re Art zu den­ken, zu sein und zu tun bestimmt: Zum Bei­spiel hat die blo­ße Tat­sa­che, zu glau­ben, dass unser Leben nur eine begrenz­te Zeit hat, über die hin­aus nichts exis­tiert, einen erheb­li­chen Ein­fluss auf die Art unse­rer Bezie­hung zu den Wer­ten der Exis­tenz. Nach Fried­rich Wil­helm Nietz­sche ist die Zeit nicht an Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft ange­passt, son­dern es gibt eine ewi­ge Wie­der­ho­lung des Augen­blicks, eine zykli­sche Natur des Uni­ver­sums, die dazu führt, dass die Begren­zung der Zeit geleug­net wird. Als Seis­mo­graph sei­ner Zeit ver­sucht Con­ta, die Gegen­wart in ethi­schem Sinn und in ethi­scher Ver­ant­wor­tung zu leben: Sei­ne Figu­ren sind in der Tat kei­ne vor­her­seh­ba­ren Por­träts vor­han­de­ner Figu­ren, son­dern Vor­wän­de für einen Ver­gleich, der weit über jede Form von Mime­sis hin­aus­geht. Der Moment ver­dient es, für sich selbst gelebt zu wer­den, als wäre er ewig. Auf die ewi­ge Wie­der­kehr zu ver­trau­en, bedeu­tet zu glau­ben, dass der Sinn des Seins nicht außer­halb des Seins, son­dern im Sein selbst liegt, und sich dar­auf vor­zu­be­rei­ten, ein Leben zu füh­ren, das nicht dem Schick­sal, son­dern unse­rem unter­neh­mungs­lus­ti­gen Wil­len anver­traut ist. Dies ist die Wahl, die den Men­schen, den Künst­ler frei macht, jeden Moment in sei­ner gan­zen Fül­le zu leben, als ob er ihn auf ewig immer wie­der erle­ben woll­te (frei­er Wil­le).

Con­tas Arbei­ten über­ra­schen uns durch ihre Duk­ti­li­tät, durch ihre simp­le Kom­ple­xi­tät, durch den Wunsch, ein Hier und Jetzt gleich­zei­tig real und ide­al dar­zu­stel­len, um wahr­haf­ti­ge Ele­men­te, die übli­cher­wei­se als deko­ra­tiv gel­ten, zu Prot­ago­nis­ten zu machen. Wir dür­fen uns nicht von dem Blick sei­ner Figu­ren täu­schen las­sen, der sich in der Lee­re ver­liert: Sei­ne Welt bleibt immer im Gleich­ge­wicht zwi­schen zwei Dimen­sio­nen, und das Blick­feld ver­liert sich in der Unend­lich­keit, weil der Ver­stand die Bezie­hung zum End­li­chen nie­mals auf­gibt. Für den Tren­ti­ner Künst­ler ent­spricht die wah­re Domi­nanz über das Mate­ri­al der Ver­wirk­li­chung eines mor­pho­lo­gisch erkenn­ba­ren Kör­pers, in dem die Frag­men­tie­rung der Holz­be­stand­tei­le betont wird. Er ver­wen­det ver­schie­de­ner Höl­zer wie Limet­te, Wal­nuss, Kir­sche, Kas­ta­nie usw. Wäh­rend uns die asym­me­tri­schen Pro­jek­tio­nen auf der Rück­sei­te eini­ger Skulp­tu­ren ver­ständ­lich machen, dass Sie meis­tens kei­ne direk­te Ver­bin­dung zur Rea­li­tät suchen.

Dies führt zu Kom­po­si­tio­nen, die auf einer har­mo­ni­schen Gesamt­heit beru­hen, deren Tei­le nicht durch eine zufäl­li­ge chro­ma­ti­sche Nähe ver­bun­den sind, son­dern durch eine Rei­he von Ele­men­ten, bei denen die Wahr­neh­mung des Gan­zen stets gegen­über der der ein­zel­nen Tei­le im Vor­der­grund steht. Die Gestalt-The­sen der Wahr­neh­mung und der Prio­ri­tät des Gan­zen gegen­über den ein­zel­nen Kom­po­nen­ten basie­ren auf einem aus­ge­präg­ten Gedan­ken­gang. Es ist, als ob wir pro­vo­ka­tiv bekräf­tig­ten, dass Con­tas Kunst kon­zep­tu­ell ist. Aber war­um soll­te ein figu­ra­ti­ver Vor­schlag nicht auch auf­grund der groß­zü­gi­gen Ver­wen­dung unter­schied­li­cher Mate­ria­li­en als Kon­zept ange­se­hen wer­den? Sicher­lich ent­spricht die von Con­ta gestal­te­te mensch­li­che Figur nicht dem, was wir glau­ben, dass sie es sei, oder es ist über­haupt kei­ne mensch­li­che Figur, son­dern nur ein Vor­wand, um etwas ande­res aus­zu­drü­cken.

Auch bei Wer­ken wie „Tras­mu­ta­zio­ne“, bei denen der Gesichts­aus­druck unru­hig wirkt und die Hal­tung des Arms auf eine schüt­zen­de Ges­te anspielt, han­delt es sich um eine eso­te­ri­sche Rei­se, um die vier alche­mis­ti­schen Pha­sen und um den Über­gang zwi­schen meta­pho­ri­schem Tod und Wie­der­ge­burt. Die ver­wan­del­te Mate­rie führt uns über die Mate­rie selbst hin­aus, vom rohen Metall (Blei und Queck­sil­ber) bis zum edels­ten (Gold). Es ist genau die­se Unsi­cher­heit, die an die Suche nach dem Sein gebun­den ist, um sei­ne Kom­po­si­tio­nen in ursprüng­li­che und idea­le Atmo­sphä­ren zu ver­set­zen, ver­dünnt und sur­re­al, tief­grün­dig und stark auf das Herz aller Din­ge und auf das Wesen des Seins pro­ji­ziert. Das Ergeb­nis sind For­men, wie im Fall von „Nos­ce te ipsum“, die sich dem Raum, der Vani­tas, dem Spie­gel­bild des Jen­sei­ti­gen, der Suche nach Licht und den Bedin­gun­gen öff­nen, durch die sie ein­mal, hun­dert­mal tau­send­mal wie­der­ge­bo­ren wer­den kön­nen.

Der Lauf der Zeit ist uns durch die Bewe­gung der Erde um die Son­ne und um ihre eige­ne Ach­se gege­ben (24 Stun­den für 365 Tage). Wir kön­nen die Zeit unse­res Lebens berech­nen, indem wir die Jah­re, Mona­te, Tage, Minu­ten und sogar Sekun­den zäh­len. Wenn man kei­ne Instru­men­te zur Zeit­mes­sung in Betracht zie­hen will, kann man den Fluss der Zeit den­noch in Bezug auf unse­ren kör­per­li­chen Zustand wahr­neh­men: Das Gefühl des phy­sio­lo­gi­schen Alterns ist irrever­si­bel. Wir kön­nen weder zurück­ge­hen noch die Zeit anhal­ten. All dies hat den Men­schen, den Wis­sen­schaft­ler, den Intel­lek­tu­el­len, den Phi­lo­so­phen und den Künst­ler erschreckt, ver­ängs­tigt, immo­bi­li­siert, aber auch ange­regt, moti­viert, sti­mu­liert, sie zu erfor­schen. Aber nicht so sehr, um eine ratio­na­le Defi­ni­ti­on der Zeit fest­zu­le­gen, son­dern eher, um per­sön­li­che Ant­wor­ten zu ihren Dimen­sio­nen zu fin­den, die über die „chro­no­lo­gi­sche Zeit“ hin­aus­ge­hen und die „exis­ten­zi­el­le Zeit“ betrach­ten.

Con­ta stellt sich die Fra­ge nach der Zeit nicht direkt: Er ist sich ihrer Für­spra­che sicher, aber nicht der Eigen­schaf­ten ihres Flus­ses. Sein Vor­ge­hen ist sehr exis­ten­zi­ell und mit einem sehr per­sön­li­chen Zeit­kon­zept ver­bun­den, das nicht den for­ma­len Ansatz und die Eigen­schaf­ten eines mate­ri­el­len und irdi­schen Weges haben kann, der ihn dazu brin­gen wür­de, die Ober­flä­che aller Din­ge zu akzep­tie­ren und sich von der tie­fen Wahr­heit zu ent­fer­nen. Wenn tra­di­tio­nell ver­stan­de­ne Schön­heit durch prä­zi­se aka­de­mi­sche For­meln und berech­ne­te Pro­por­tio­nen dar­ge­stellt wer­den kann, ist der Lebens­pro­zess nicht greif­bar und kann nur durch sym­bo­li­sche For­men kon­kre­ti­siert wer­den: Syn­the­se zwi­schen Real‑, Erin­ne­rungs- und Ide­al­da­ten, die von arche­ty­pi­schen Model­len unter­stützt und durch inne­re Ener­gien kon­ta­mi­niert wer­den

Con­tas Kunst ist ohne Rhe­to­rik; sie ver­sucht, eine Vor­stel­lung von der Gestalt, einen Arche­typ des Kör­pers in sei­nem frag­men­tier­ten Inhalt der dyna­mi­schen Span­nung dar­zu­stel­len. Der Tren­ti­ner Bild­hau­er ist ein Schöp­fer von Bil­dern und nicht von Per­so­nen. Er schafft Sub­jek­te, die nie­man­dem ähneln müs­sen: Ein­heit und Viel­falt, Sein und Wer­den gemäß einer kon­ti­nu­ier­li­chen Kreis­be­we­gung, in der die Ver­wand­lung des indi­vi­du­el­len und des unter­schied­li­chen Bewusst­seins voll­zo­gen wird. Con­ta schlägt uns durch die leben­di­gen Frag­men­te sei­ner Kom­po­si­tio­nen ein neu­es Leben vor. Wir müs­sen ihm glau­ben.

Lo sguar­do olt­re (Der Blick über den Tel­ler­rand), 2019, Holz und Eisen, 130x320x105 cm
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Museologe, Kunsthistoriker, Spezialist für Museumsmarketing, unkonventionelles Marketing und Advanced Marketing. Derzeit ist er Generaldirektor des Lu.C.C.A. - Lucca Center of Contemporary Art, ordentlicher Professor für Museumsmuseologie und Marketing an der UMSA - Universidad des Argentinischen Sozialmuseums in Buenos Aires (Argentinien), Professor für Advanced Marketing an der Wirtschaftsfakultät von Rom Tor Vergata im Master „Economics and Management of Communication and Media”, Professor für Marketing of Arts and Culture am Konservatorium Boccherini in Lucca im Master MaDAMM.

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