Das Labyrinth von Arnaldo Pomodoro, dem Abenteurer der Formen

Arnal­do Pomo­do­ro wur­de 1926 in Mor­cia­no di Roma­gna gebo­ren und fei­er­te in die­sem Jahr sei­nen 93. Geburts­tag. Arnal­do Pomo­do­ro ist auf der gan­zen Welt für sei­ne Bron­ze­ku­geln bekannt, die sich an sym­bol­träch­ti­gen Orten wie dem Cor­ti­le del­la Pigna der Vati­ka­ni­schen Muse­en und dem Platz der Ver­ein­ten Natio­nen in New York befin­den. In mehr als sech­zig Jah­ren Tätig­keit ist er einen künst­le­ri­schen Weg gegan­gen, der zu den kom­ple­xes­ten des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts gehört. Dabei hat er nicht nur auf dem Gebiet der Skulp­tur expe­ri­men­tiert, son­dern auch mit Design, Gra­fik, Schmuck, ange­wand­ter Kunst und Büh­nen­bild.

Im Jahr 1954 zog er von Pesa­ro, wo er sei­ne Aus­bil­dung absol­vier­te, nach Mai­land. Hier ver­kehrt er mit Künst­lern und Intel­lek­tu­el­len, die das kul­tu­rel­le Leben der Stadt bele­ben – vor allem mit einem: Lucio Fon­ta­na. Er beginnt, sei­ne ers­ten Schmuck­stü­cke und Reli­efs aus­zu­stel­len, die sich durch eine sehr per­sön­li­che, von den Zei­chen­hand­lun­gen Paul Klees inspi­rier­te Hand­schrift aus­zeich­nen und sofort die Auf­merk­sam­keit der Kri­ti­ker auf sich zie­hen. In den frü­hen sech­zi­ger Jah­ren, als sei­ne Arbei­ten in den Gale­rien der bedeu­tends­ten ita­lie­ni­schen und euro­päi­schen Städ­te aus­ge­stellt wur­den, ver­brach­te Arnal­do län­ge­re Zeit in den USA, wo er zunächst in Stan­ford und Ber­ke­ley, dann am Mills Col­le­ge in Oak­land gelehrt hat. Gleich­zei­tig beginnt er, sich mit der Drei­di­men­sio­na­li­tät zu befas­sen und erforscht die For­men fes­ter Geo­me­trie wie Kugeln und Säu­len: Er ero­diert und bricht die Ober­flä­chen die­ser abso­lu­ten For­men der Brancus’schen Matrix auf, mit der Absicht, ihre Per­fek­ti­on zu bre­chen, um das Geheim­nis zu ent­de­cken, das ihrem Inne­ren ver­bor­gen ist. 1966 erhielt er den Auf­trag, eine Kugel mit einem Durch­mes­ser von drei­ein­halb Metern zu schaf­fen, für das Dach des ita­lie­ni­schen Pavil­lons der Expo 67 in Mont­re­al. Heu­te befin­det sich die­se in Rom, vor der Far­ne­si­na, dem ita­lie­ni­schen Außen­mi­nis­te­ri­um. Die­ses Werk mar­kiert den Über­gang zu den gro­ßen Dimen­sio­nen und eröff­net eine Rei­he von Wer­ken, die im öffent­li­chen Raum von Städ­ten wie Mai­land, Paris oder Los Ange­les, aber auch Köln und Darm­stadt zu sehen sind. In den 1970er und 1980er Jah­ren beschäf­tig­te er sich unter ande­rem beson­ders mit der Gestal­tung von Thea­ter­pro­duk­tio­nen. Zunächst mit Kleists Käth­chen von Heil­bronn unter der Regie von Luca Ron­co­ni am Zürich­see (1973), und mit der Erfor­schung von zum Teil uto­pi­schen Umwelt­wer­ken, die in der Rei­he der soge­nann­ten Visi­ons­pro­jek­te (1971–1986) gesam­melt wur­den und die Gil­lo Dorfles als „Archi­tek­tu­ren einer natür­li­chen Umge­bung oder eines urba­nen Gewe­bes“ bezeich­ne­te.

Im Jahr 1995 grün­de­te Arnal­do Pomo­do­ro die Fon­da­zio­ne Arnal­do Pomo­do­ro, die neben der Auf­ga­be, die Erhal­tung und Auf­wer­tung sei­ner eige­nen Wer­ke sicher­zu­stel­len, als Kul­tur- und Aus­stel­lungs­zen­trum gedacht ist. Dabei för­dert sie Momen­te der Dis­kus­si­on und Aus­ein­an­der­set­zung mit den The­men zeit­ge­nös­si­scher Kunst, der Avant­gar­de des 20. Jahr­hun­derts, bis hin zur Suche jun­ger Künst­ler; dies auch durch ein Pro­gramm päd­ago­gi­scher Akti­vi­tä­ten, das als Werk­zeug zur Ent­de­ckung und Ver­brei­tung von Kunst gedacht ist.

Im sel­ben Jahr prä­sen­tiert Arnal­do Pomo­do­ro in der Mai­län­der Gale­rie von Giò Mar­co­ni Ingres­so nel lab­irin­to, ein Envi­ron­ment von weni­gen Qua­drat­me­tern, das mit Fiber­glas mit Ele­men­ten aus Kup­fer und Blei über­zo­gen ist. In die­sem Werk, das von Anfang an als „work in pro­gress“ defi­niert wird, reflek­tiert Pomo­do­ro den archi­tek­to­ni­schen Arche­typ des Laby­rinths als eine Form der Dar­stel­lung der ver­zwick­ten Wege der Zeit, des Lebens und der Erin­ne­rung. Es ist kein Zufall, dass er sich dazu ent­schließt, es mit eini­gen Ver­sen aus dem Gil­ga­mesch-Epos vor­zu­stel­len, einem der ältes­ten poe­ti­schen und alle­go­ri­schen Tex­te über die mensch­li­che Erfah­rung: „Bit­ter­keit hat mei­ne See­le ergrif­fen, / die Angst vor dem Tod hat mich über­wun­den, und jetzt wan­de­re ich in einer Step­pe”. Die äuße­ren und inne­ren Ober­flä­chen des Envi­ron­ments sind mit Zei­chen über­zo­gen, die das sehr per­sön­li­che Pomo­do­ro-Alpha­bet aus­ma­chen. Archai­sche Schreib­wei­sen haben ihn seit jeher fas­zi­niert, er ver­wen­de­te sie jedoch nie in Form von tri­via­len archäo­lo­gi­schen Zita­ten. Viel­leicht gera­de wegen sei­ner Umge­bungs­di­men­si­on ist im Laby­rinth die­se mys­te­riö­se Syn­chro­nie offen­sicht­lich, die für die Poe­tik von Pomo­do­ro so typisch ist, in der Ver­gan­gen­heit und Zukunft kon­ver­gie­ren, wo Keil­schrif­ten den Schalt­krei­sen von Mikro­chips ähn­lich wer­den und sich in post­in­dus­tri­el­le Fos­si­li­en, Hie­ro­gly­phen der Zukunft ver­wan­deln. „Ich will nicht das Gefühl der Ver­gan­gen­heit schaf­fen“, sagt Pomo­do­ro, „ich will die Erin­ne­rung an die Ver­gan­gen­heit schaf­fen […] es ist eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve, nicht nach dem Ort, son­dern nach der Zeit. Es ist eine Visi­on der Ver­gan­gen­heit, die sowohl die Gegen­wart als auch die Zukunft umfasst“.

Arnal­do Pomo­do­ro © Car­lo Orsi

Im Som­mer 1997 wird der Ingres­so nel lab­irin­to im Palaz­zo Medi­ci von San Leo für die Aus­stel­lung „Scul­tu­re per San Leo e per Cagli­os­tro“ auf­ge­baut. Bei die­ser Gele­gen­heit zieht Achil­le Boni­to Oli­va einen Ver­gleich zwi­schen dem Wan­de­rer Gil­ga­mesch und Pomo­do­ro, dem „Aben­teu­rer der For­men“, in der „magi­schen Gegen­wirk­lich­keit eines Rau­mes, in dem sich das Laby­rinth als Gefühl des Ver­lie­rens nicht räum­li­cher, son­dern zeit­li­cher Ori­en­tie­rung mani­fes­tiert“, eines „zeit­li­chen Dekom­pres­si­ons­raums, in dem es kei­ne Fens­ter, Flucht­punk­te für das Auge gibt. Flucht­punk­te für den Geist wer­den zu bei­spiel­haf­ten Nar­ben, die sich auf der Räum­lich­keit der Wän­de auf­bau­en, die jede sta­ti­sche Auf­la­dung durch­drin­gen und uns einen nach außen offe­nen Erkun­dungs­zu­stand ver­lei­hen“. In San Leo erin­nert Pomo­do­ro auch an Cagli­os­tro, der sei­ne letz­ten Jah­re in einer Zel­le der Roc­ca ver­brach­te. Obwohl er unter die­sen Bedin­gun­gen auto­nom ist, wird er doch Teil des Laby­rinths. Der Boden der Zel­le ist mit einer mag­ma­ti­schen Schol­le aus schwar­zem Fiber­glas über­zo­gen, die mit Mosa­ik­stein­chen bestreut ist. Sie schei­nen fast Res­te eines alche­mis­ti­schen Expe­ri­ments oder viel­mehr der meta­mor­phi­schen Geburt zu sein, die es Cagli­os­tro ermög­licht, sich zu befrei­en, indem er nach einer gespens­ti­schen Ver­wand­lung durch das Fens­ter des Rau­mes ent­flieht. Eine Hom­mage an den unbe­zwing­ba­ren Wis­sens­durst, der den Auf­klä­rungs­geist von Giu­sep­pe Bal­sa­mo aus­zeich­ne­te und ihn dazu brach­te, die Gren­zen der vor­herr­schen­den Men­ta­li­tät zu über­schrei­ten. Ein wei­te­rer Ent­de­cker des Unbe­kann­ten, mit dem sich Pomo­do­ro dem Gil­ga­mesch gleich­wer­tig iden­ti­fi­ziert.

So kom­men wir also zur Jahr­hun­dert­wen­de. Es war Ende der neun­zi­ger Jah­re, als Pomo­do­ro eine der Indus­trie­hal­len der ehe­ma­li­gen Riva-Cal­zo­ni von Mai­land über­nahm, in denen Tur­bi­nen für Was­ser­kraft­wer­ke her­ge­stellt wur­den. Sie war zunächst als zeit­wei­li­ges Stu­dio für den Bau der gran­dio­sen Spi­ra­le Nove­cen­to für den EUR in Rom genutzt wor­den, und ver­wan­delt sich nun in den Aus­stel­lungs­raum der Stif­tung, die von 2005 bis 2011 hier tätig ist. Zur glei­chen Zeit nimmt Arnal­do die Bear­bei­tung von Ingres­so nel Lab­irin­to wie­der auf, der dazu bestimmt ist, sei­nen end­gül­ti­gen Stand­ort und sein end­gül­ti­ges Exte­ri­eur in einem unter­ir­di­schen Raum des Gebäu­des zu fin­den. „Ich habe jah­re­lang dar­über nach­ge­dacht“, erzähl­te Arnal­do damals, „aber seit ich mich ent­schlos­sen habe, in die­se Arbeit ein­zu­stei­gen und sie fer­tig­zu­stel­len, gab es einen stän­di­ger Kampf zwi­schen dem, was ich im Kopf hat­te und wie ich es umset­zen soll­te. Ich bin sehr tief in die­sem Laby­rinth ver­sun­ken… es ist nie fer­tig, das ist ganz ein­deu­tig, weil du auf alle Fäl­le im Dun­keln blei­ben wirst. Das Laby­rinth ist unser Leben… es ist in unse­rer Suche, also endet es erst, wenn wir nicht mehr da sind.“ Als „work in pro­gress“, idea­ler­wei­se ohne eine Auf­lö­sung der Kon­ti­nui­tät, wur­de in die­sen Jah­ren der Bau des Laby­rinths zu einer täg­li­chen Ver­pflich­tung für Pomo­do­ro, einer stän­di­gen Über­ar­bei­tung neu­er Räu­me und Wege, die als Inter­pre­ta­ti­ons­weg für die im Lau­fe der Jah­re um ihn her­um, im Laby­rinth sei­nes Lebens, von ihm ver­streu­ten Zei­chen und For­men gedacht waren. Die mythi­sche Archi­tek­tur des Laby­rinths stimmt mit dem Ein­sie­de­lei-Ate­lier des Künst­lers über­ein, der sich die wesent­li­chen Fra­gen im Zusam­men­hang mit sei­ner eige­nen Erfah­rung und der mensch­li­chen Ver­fas­sung stellt.

Das Laby­rinth nimmt somit sei­ne end­gül­ti­ge Gestalt an, die auf der Spie­ge­lung des Rau­mes beruht, der die Men­schen emp­fängt, die das Ein­gangs­por­tal, die ursprüng­li­che Zel­le des Wer­kes mit dem Grab von Cagli­os­tro über­que­ren. Sie ist im Her­zen des Laby­rinths wie eine Schol­le geweih­ter Erde von gol­de­nen Wän­den umschlos­sen, auf denen sich die Sil­ben­schrift von Pomo­do­ros skulp­tu­ra­len Syn­tag­men aus­brei­tet. Der Weg, der sich zwi­schen die­sen bei­den Polen win­det, ähnelt einer Rei­se in die Gedan­ken­welt des Bild­hau­ers, in der die Hand­lun­gen der Exis­tenz stän­dig nach­voll­zo­gen und neu geord­net wer­den. Beim Über­gang von einem Raum in einen ande­ren trifft man auf Glas­fa­ser­ver­sio­nen eini­ger Bron­ze­wer­ke, sze­ni­sche Ele­men­te aus Thea­ter­auf­füh­run­gen, Pro­to­ty­pen nicht rea­li­sier­ter Pro­jek­te und Matri­zen monu­men­ta­ler Wer­ke. Das Laby­rinth ist jedoch nicht nur ein Auf­be­wah­rungs­ort ver­gan­ge­ner Erfah­run­gen, hier neh­men neue Über­le­gun­gen Gestalt an. Es kommt näm­lich vor, dass eini­ge spe­zi­ell für das Envi­ron­ment geschaf­fe­ne Ele­men­te aus dem Laby­rinth her­aus­fin­den und neu­en Wer­ken Leben ein­hau­chen. Die metal­li­schen Pati­na, der Boden aus Kup­fer­plat­ten und die Beleuch­tung ver­voll­stän­di­gen eine Umge­bung, deren end­gül­ti­ge Atmo­sphä­re alles ande­re als ein Muse­um ist: Sie ist zutiefst thea­tra­lisch.

Es ist kein Zufall, dass das Werk am Abend des 22. Novem­ber 2011 mit einer Video-Per­for­mance von Fede­ri­ca Fra­cas­si nach Ver­sen von Aldo Nove eröff­net wird, einer poe­ti­schen Akti­on, die die phy­si­sche Emo­ti­on der ein­sa­men und stil­len Ent­de­ckung des Laby­rinths zum Aus­druck bringt, das Erschei­nen eines Rau­mes, der den Lauf der Zeit ver­gisst, eines Rau­mes der Träu­me, in dem es fast not­wen­dig wird, sich zu ver­lau­fen. Arnal­do offen­bart sich, mehr als nur ein Bild­hau­er von For­men, als Archi­tekt von Lebens­wel­ten, vol­ler Bedeu­tun­gen und Gefüh­le, Gedan­ken und Emo­tio­nen.

Kurz nach der Ein­wei­hung des Laby­rinths muss die Stif­tung den Aus­stel­lungs­raum der Via Sola­ri 35 ver­las­sen, aber nach dem Wil­len des Künst­lers ver­bleibt das Werk in den unter­ir­di­schen Räu­men von Riva-Cal­zo­ni, wo es sei­ne end­gül­ti­ge For­mu­lie­rung fand. Damit beginnt das Enga­ge­ment der Stif­tung, die Initia­ti­ven zur Ver­brei­tung und För­de­rung des Wis­sens über das Laby­rinth ins Leben ruft. Es wird ein Pro­gramm von Füh­run­gen für Erwach­se­ne und Kin­der gestar­tet, das bis zum heu­ti­gen Tag besteht, damit jeder das Laby­rinth erkun­den kann. Im Jahr 2016 erscheint ein Buch, das die Ent­ste­hung und die Bedeu­tung des Wer­kes erzählt („Ingres­so nel lab­irin­to di Arnal­do Pomo­do­ro”, Hg. con-fine edi­zio­ni / Fon­da­zio­ne Arnal­do Pomo­do­ro), und Labyr-Into, eine Vir­tu­al-Rea­li­ty-Erfah­rung, die dazu gedacht ist, das Laby­rinth jeder­zeit zugäng­lich und nutz­bar zu machen.

Mehr Infor­ma­tio­nen zum Werk und den geführ­ten Besich­ti­gun­gen: www.fondazionearnaldopomodoro.it zum Künst­ler: www.arnaldopomodoro.it

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Kurator der Fondazione Arnaldo Pomodoro, für die er seit 2012 tätig ist. Seit 2013 führt er Besucher*innen durch den Eingang ins Labyrinth; 2015 kuratierte er den Katalog der Ausstellung „1961. Tempo di Continuità“ mit Flaminio Gualdoni. 2016 kuratierte er den jährlichen Zyklus des „Project Room”, der jungen Bildhauern unter 40 Jahren gewidmet ist; seit 2018 ist er Forscher des Arnaldo Pomodoro Catalogue Raisonné und im selben Jahr förderte er den Start eines Projekts zur Erhaltung und Erweiterung des Arnaldo Pomodoro Archivs. Er promovierte in Kunstgeschichte an der Universität Mailand und veröffentlicht weiterhin als unabhängiger Forscher wissenschaftliche Forschungen zur Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts

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