Mauro Fiorese auf Entdeckungstour

Auf Entdeckungstour durch die Schatzkammern großer Museen

In den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren hat Mau­ro Fio­re­se mit sei­nen Bil­dern Behin­de­run­gen ins Ram­pen­licht gestellt (Cor­po­li­be­ro, 1996/97), Wär­me ins phos­pho­res­zie­ren­de Licht von U.Pho.s gebracht (Pho­to­gra­phic Sub­jects, 2005–2010) und die Umris­se der Lie­be „best­mög­lich belich­tet“ (Mind Map of Love 2011–2016).

Über die letz­ten drei Jah­re kon­zen­trier­te sich der 1970 in Vero­na gebo­re­ne Foto­graf aller­dings fast aus­schließ­lich auf sein wohl reifs­tes und ambi­tio­nier­tes­tes Pro­jekt: Mit Tre­a­su­re Rooms hob er in gro­ßen Muse­en glit­zern­de Schät­ze. „Die ursprüng­li­che Idee ver­eint Kunst­ge­schich­te mit der Geschich­te der Foto­gra­fie: Die schier end­lo­se Men­ge an Kunst­wer­ken, die der brei­ten Öffent­lich­keit vor­be­hal­ten wer­den, und die Pro­duk­ti­on mehr oder weni­ger doku­men­ta­ri­scher oder archi­va­ri­scher Ablich­tun­gen aus mehr als 4000 Muse­en in Ita­li­en inspi­rier­ten mich zu einem neu­en Blick­win­kel.“

So beschrieb Fio­re­se das Kon­zept hin­ter Tre­a­su­re Rooms in einem kürz­lich erschie­ne­nen Essay – gewis­ser­ma­ßen das Schluss­wort zu den Aus­sa­gen von Direk­to­ren und Kura­to­ren der größ­ten ita­lie­ni­schen Muse­en, die der Foto­graf auf sei­ner Ent­de­ckungs­tour besucht hat. Kurz gesagt bie­tet Tre­a­su­re Rooms über das Auge der Kame­ra Ein­bli­cke in jene Orte, an denen die Meis­ter­wer­ke auf­be­wahrt wer­den, und ver­mit­telt dem Betrach­ter die majes­tä­ti­sche Atmo­sphä­re die­ser Schatz­kam­mern der Kul­tur, die zu den her­aus­ra­gends­ten der Welt gehö­ren. Lager­räu­me wer­den somit selbst zu Kunst­wer­ken und erhal­ten durch groß­for­ma­ti­ge Por­träts in ehr­wür­di­gen, antik anmu­ten­den Rah­men Wür­de und Ach­tung. Die Foto­gra­fien, regel­rech­te Kom­po­si­tio­nen des Künst­lers und sei­ner Pin­sel­stri­che aus Licht, ahmen vor­züg­li­che Gemäl­de der Renais­sance und spä­te­rer Epo­chen nach. Mau­ro Fio­re­se hat unter ande­rem an Uni­ver­si­tä­ten und Aka­de­mien in Mai­land, Vero­na und in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gelehrt und mit die­ser Serie einen inno­va­ti­ven Schritt gewagt:

Er hat gewis­ser­ma­ßen in einer kul­tu­rel­len Rück­kehr zu den Wur­zeln Foto­gra­fie und Male­rei zusam­men­ge­führt.

Das Ergeb­nis ist eine ima­gi­nä­re Bil­der­ga­le­rie, die alle ver­steck­ten Wer­ke umfasst, dar­un­ter auch Fund­stü­cke und Skulp­tu­ren. „Was aus­ge­stellt wur­de, war für mich einer­lei,“ so der Künst­ler wei­ter. „Ich woll­te nicht das sehen, was Besu­chern nor­ma­ler­wei­se auf die Ent­schei­dung der Kura­to­ren hin beim Kauf einer Ein­tritts­kar­te gezeigt wird, son­dern viel­mehr all das, was wir in den Muse­en eben nicht zu sehen bekom­men.“ Gera­de die­se Ent­schei­dun­gen der Kura­to­ren lösen häu­fig auch Debat­ten hin­sicht­lich ihrer Berech­ti­gung aus und legen fest, was gezeigt wird und was ver­bor­gen bleibt. Das Pro­jekt umfasst ins­ge­samt sechs­und­zwan­zig Ablich­tun­gen aus allen Tei­len Ita­li­ens, von den Uffi­zi­en über die Gal­le­ria Borghe­se, das Museo Archeo­lo­gi­co Nazio­na­le in Nea­pel, das GAM in Turin, Cor­rer und Ca’ Pesa­ro in Vene­dig, und erwei­tert auf natür­li­che Wei­se das Blick­feld.

In ers­ter Linie ermög­licht Fio­re­se mit sei­nen Bil­dern den Muse­ums­di­rek­to­ren Ein­bli­cke in die Situa­ti­on ande­rer Muse­en, lie­fert aber auch einen Anstoß zur ein­ge­hen­den Beschäf­ti­gung mit den Metho­den zur Auf­be­wah­rung und zum Bewer­ben ihrer jewei­li­gen Samm­lun­gen. Die gesam­te Bild­se­rie soll 2017 prä­sen­tiert wer­den. Der dazu­ge­hö­ri­ge Kata­log will  gewis­ser­ma­ßen eine Nie­der­schrift der Grö­ßen im Bereich Museo­lo­gie oder zumin­dest ein Aus­gangs­punkt für eine Kon­fe­renz zum Grund­the­ma des Pro­jekts sein. Wer Tre­a­su­re Rooms sieht, bekommt dem­nach eine Mög­lich­keit, etwai­ge Vor­ur­tei­le abzu­bau­en: Auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne ist das Ungleich­ge­wicht zwi­schen Expo­na­ten und nicht aus­ge­stell­ten Objek­ten das bes­te Lebens­zei­chen der größ­ten Aus­stel­lungs­zen­tren. Fach­quel­len schät­zen, dass der Anteil an aus­ge­stell­ten Wer­ken im Ver­gleich zur gesam­ten Samm­lung in der St. Peters­bur­ger Her­mi­ta­ge ledig­lich 7%, im Gug­gen­heim Muse­um New York rund 8%, im Pra­do in Madrid etwa 9% und im Bri­tisch Muse­um in Lon­don knapp 10% aus­macht. Eine Aus­nah­me bil­det dabei der Lou­vre, der 60% sei­ner Samm­lung aus­stellt und die übri­gen 40% als Reser­ve zurück­be­hält. In eini­gen Fäl­len könn­te mit Sicher­heit mehr getan wer­den, und Fio­re­se hebt die­se Tat­sa­che mit sei­nem Pro­jekt auf kon­struk­ti­ve Art und Wei­se her­vor. Die Öffent­lich­keit wür­de es bei­spiels­wei­se gewiss zu schät­zen wis­sen, wenn sie häu­fi­ger Gele­gen­heit bekä­me, die­se „Reser­voirs der Über­ra­schun­gen“, wie Sal­va­to­re Set­tis sie nennt, zu besich­ti­gen. Aller­dings blei­ben Lager­räu­me in der Regel ver­schlos­sen, nicht zuletzt aus Grün­den der Sicher­heit. Dank Mau­ro Fio­re­se erhal­ten wir einen durch die Inter­pre­ta­ti­on des Künst­lers berei­cher­ten Ein­blick in den Zau­ber die­ser Orte.

Es über­rascht nicht, dass Fio­re­se sei­ne Wer­ke in der Stif­tung Domus und am GAM in Vero­na, in den Gal­le­rie d’Italia in Mai­land und Vicen­za prä­sen­tie­ren durf­te und von der Robert Mann Gal­le­ry in New York für eine Solo­aus­stel­lung enga­giert wur­de. „Bewegt, mit dem Gefühl, ein beson­de­res Pri­vi­leg genie­ßen zu dür­fen, und mit einer Mischung aus purem Voy­eu­ris­mus und Stendhal-Syn­drom wan­de­re ich durch die­se Orte und ver­su­che, nichts zu posi­tio­nie­ren, son­dern viel­mehr mei­ne eige­ne Posi­ti­on nach dem, was ich sehe, aus­zu­rich­ten,“ so Fio­re­se. Das Pro­jekt begann wäh­rend eines Aus­lands­auf­ent­halts mit Besu­chen im Lon­do­ner Vic­to­ria & Albert Muse­um und der Bel­ve­de­re-Gale­rie in Wien und fand mit dem ver­früh­ten Tod Mau­ro Fio­re­ses im Alter von nur 46 Jah­ren ein trau­ri­ges und jähes Ende: Der Künst­ler erlag am 4. Dezem­ber 2016 nach hel­den­haf­tem Kampf einem unsicht­ba­ren Feind – Lun­gen­krebs.

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Beatrice Benedetti is a curator and journalist. Her recent publications include the volume Emilio Isgrò. Come difendersi dall’arte e dalla pioggia (Maretti, 2013) and the catalogue Emilio Isgrò, Model Italy, 2013-1964 (Electa, 2013) for the exhibition at the Galleria Nazionale d’Arte Moderna in Rome. In 2015 she and Paola Marini curated The Wonders of the Year 2000 at the Museo di Castelvecchio in Verona. Since 2006 she has been the artistic director of Boxart, which was founded in Verona in 1995 by Giorgio Gaburro.

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