Das open art museum in St. Gallen öffnet Räume für künstlerische Positionen jenseits des Mainstreams. In St. Gallen liegt zwischen den Fassaden der Altstadt und der Weite des Bodenseeraums ein Museum, das seit Jahrzehnten eine Ausnahmeposition in der Schweizer Museumslandschaft einnimmt. Das open art museum – bis 2023 als Museum im Lagerhaus bekannt – versteht sich als Kompetenzzentrum für Outsider Art, Art Brut und Naive Kunst. Gegründet wurde es 1988 auf Initiative mehrerer sammelnder Paare, getragen von der Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut. Heute umfasst seine Sammlung rund 30 000 Werke von über 450 Künstlerinnen und Künstlern – darunter Ikonen wie Adolf Wölfli, Aloïse Corbaz und Hans Krüsi, aber auch zahlreiche weniger bekannte Stimmen, deren Schaffen oft unter prekären oder institutionellen Bedingungen entstand.

Mit der Namensänderung zu open art museum hat das Haus 2023 nicht nur ein neues Schild an die Fassade gehängt, sondern eine klare programmatische Ansage gemacht: Offenheit. Offenheit gegenüber künstlerischen Biografien, die nicht dem klassischen Kanon entsprechen, gegenüber Ausdrucksformen, die sich jenseits akademischer Prägungen entwickeln, und gegenüber dem Dialog zwischen Kunst und gesellschaftlicher Realität. Wer hier ausstellt, muss nicht berühmt sein – aber authentisch. Dieses Selbstverständnis wird in der Herbstausstellung 2025 in besonderer Weise sichtbar. Unter dem poetischen Titel »Ein Traum von einem Ballkleid« zeigt das Museum vom 28. August 2025 bis zum 22. Februar 2026 erstmals Werke aus dem Bilderlager der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel, das rund 5 000 Arbeiten umfasst. Entstanden zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren, bieten diese keine laute Provokation, sondern Einblicke in stille Innenwelten. »Hier wird nicht das Laute, nicht das Spektakuläre, nicht das Schrille gefunden. Wir werden vielmehr hineingeführt in eine leise Welt. (…) Wir können durch diese ausgestellten künstlerischen Arbeiten Eintritt nehmen in ein Klinikleben. Aber auch die Psychiatrie öffnet sich nach außen hin und wird dadurch transparenter. Es ist eine Tür in beide Richtungen«, sagt Museumsleiterin Monika Jagfeld.

 

 

Die Ausstellung ist Teil der Reihe Verborgene Schätze aus Schweizer Psychiatrien, mit der das Museum seit Jahren Kunst aus psychiatrischen Kontexten sichtbar macht. Kuratorisch liegt der Fokus diesmal auf dem Basler Bestand, ergänzt um wenige Arbeiten aus der eigenen Sammlung, etwa von Peter Wirz. Die Auswahl ist vielfältig: fragile Porträts der Künstlerin Vera Geigy, in denen Interieurs zu verschlossenen Bühnen werden; die minutiös aufgelisteten Objekte einer Künstlerin, die Alltagsgegenstände aus der Erinnerung vor dem Verschwinden rettet; oder die filigranen, von EEG-Kurven inspirierten Tintenzeichnungen der Schauspielerin Béatrice Schweizer, bevölkert von Dämonen, die sich aus den Linien des Gehirnstroms zu materialisieren scheinen. Daneben das farb- und symbolgesättigte Werk von Abraham Siegelbaum-Soberski, der in Gouachen und Farbstiftzeichnungen Himmelsphänomene, hebräische Schriftzüge und kosmische Zeichen zu einer Art spirituellem Weltatlas verdichtet. Ruth Handschin öffnet in ihren Ölbildern – ungewöhnlich kostbar im Kontext der UPK – weite Fenster hinaus in blühende Landschaften und intime häusliche Szenen, in denen Figuren seltsam isoliert verharren. Und man begegnet den Innen- und Außenräumen von E. W., in denen eine kleine Frauenfigur am Fenster steht und den Blick nach draußen in ein imaginäres Bild lenkt, während um sie herum ein Inventar verlorener oder ersehnter Gegenstände zu neuem, gezeichnetem Besitz wird. Jedes dieser Werke ist mehr als eine formale Übung – es ist ein Dokument existenzieller Selbstvergewisserung.

Wer im Herbst durch die Räume des Museums geht, wird auch auf eine andere, leichtere, aber ebenso eigenwillige Bildsprache treffen. Noch bis Ende Oktober ist die Sammlungsausstellung der Zürcher Künstlerin Jeannette Vogel zu sehen. Ihre bevorzugten Motive: Tiere, gezeichnet in Farbstift oder Filzstift, oft so präsent, dass sie den Bildraum sprengen. Der Mensch, wenn er auftaucht, bleibt Randfigur, reduziert auf Konturen. Vogels Werk entstand in der EPI Klinik Zürich, in der sie seit ihrer Kindheit lebt – ein Lebensumstand, der ihre künstlerische Autonomie nicht geschmälert, sondern vielleicht sogar geschärft hat.

Im Spätherbst wird sich der Blick nochmals verschieben – auf eine Künstlerin, deren Name in der Schweizer Literatur- und Kunstgeschichte längst fest verankert ist: Adelheid Duvanel (1936–1996). Zum 90. Geburtstag und 30. Todestag widmet ihr das open art museum eine neue Ausstellung. Duvanel, bekannt für ihre lakonischen, präzise gebauten Kurzprosa-Miniaturen, hinterließ auch ein bildkünstlerisches Werk von hoher Intensität, oft entstanden während ihrer Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken. Schon 2009 widmete das Museum ihr eine Retrospektive; nun wird ihre Doppelrolle als Schriftstellerin und Zeichnerin erneut ins Licht gerückt.

Das Herbstprogramm des open art museum zeigt damit nicht nur drei sehr unterschiedliche künstlerische Positionen, sondern auch die Spannbreite seines kuratorischen Anliegens: von der Sichtbarmachung anonymer, archivierter Werke über die Würdigung einer autodidaktischen Einzelgängerin bis zur Neubewertung einer etablierten Künstlerin, deren Leben und Werk untrennbar mit der Erfahrung psychischer Grenzsituationen verbunden ist. Es ist diese Mischung aus wissenschaftlicher Fundierung, künstlerischer Offenheit und gesellschaftlicher Relevanz, die das Haus zu einem unverzichtbaren Ort im Schweizer Kunstbetrieb macht.

In einer Zeit, in der Kunstmärkte immer schneller ticken und internationale Großausstellungen oft auf Namen setzen, die längst global kursieren, erinnert das open art museum daran, dass Kunst nicht nur im Rampenlicht entsteht. Manchmal wächst sie im Schatten, unbeachtet, in Ateliers von Kliniken oder in den stillen Zimmern derer, die sich den Normen der Gesellschaft entziehen – oder entziehen müssen. Hier wird »Freiheit« – der rote Faden dieser Ausgabe – greifbar: und zwar als das Recht auf einen eigenen Ausdruck, unabhängig von Konventionen und Marktmechanismen. Und manchmal genügt ein Traum von einem Ballkleid, um diese Freiheit sichtbar zu machen und sie mit anderen zu teilen.

 

AKTUELLE AUSSTELLUNG
EIN TRAUM VON EINEM BALLKLEID
Werke aus dem Bilderlager der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel bis 22.2.2026
open art museum, St. Gallen
openartmuseum.ch