Von der primitiven zur futuristischen Form

Interview mit Matteo Zauli

Kera­mik ist heu­te wie­der ein sehr moder­nes Mate­ri­al, das auch von Künst­lern bear­bei­tet wird, die, bevor sie mit Ton in Berüh­rung kom­men, erfolg­reich mit ande­ren Mate­ria­li­en gear­bei­tet haben. Zu den Grö­ßen der Kera­mik­be­ar­bei­tung gehört der berühm­te Künst­ler Car­lo Zau­li aus Faen­za, der sich wäh­rend sei­ner Lauf­bahn sowohl dem natu­ra­lis­ti­schen Aspekt als auch dem arti­fi­zi­el­le­ren gewid­met hat. Wenn wir über Kera­mik reflek­tie­ren, las­sen wir uns alle­mal auf eine Zeit­rei­se ein. Schon nur auf­grund der Zeit­span­ne zwi­schen der Her­stel­lung der ers­ten Kera­mik­va­se der pri­mi­tivs­ten Zivi­li­sa­tio­nen bis zur Beschich­tung des „Bau­ches” des Space Shut­tle. Dazwi­schen lie­gen Jahr­tau­sen­de, wenn nicht Hun­dert­tau­sen­de von Jah­ren.

Zau­li schuf in den 1950er Jah­ren pri­mi­ti­ve Wer­ke, die sich vor allem von der anti­ken medi­ter­ra­nen Zivi­li­sa­ti­on inspi­rie­ren lie­ßen, mit Bezug auf Chi­na und das anti­ke Japan, wäh­rend er in der letz­ten Zeit dank der zahl­rei­chen Ent­wick­lun­gen auf dem Gebiet der Mate­ria­li­en und Far­ben ver­schie­de­ne Tech­ni­ken ein­setz­te, um sein Werk so zeit­ge­nös­sisch wie mög­lich zu gestal­ten. Über die­se bewe­gen­den The­men unter­hielt ich mich mit Matteo Zau­li, dem Sohn des Künst­lers und zugleich Kura­tor des Car­lo Zau­li Muse­ums im Zen­trum von Faen­za.

Carlo Zau­li ist nicht nur für sei­ne Wer­ke und Skulp­tu­ren welt­weit bekannt, son­dern auch für die Gestal­tung der Far­be „Bian­co Zau­li“. Kön­nen Sie sei­ne Ursprün­ge erklä­ren?

Die Far­be „Bian­co Zau­li“ (Zau­li-Weiß) wur­de in den spä­ten 50er Jah­ren gebo­ren, in denen Zau­li das Stein­zeug ent­deck­te – ein Mate­ri­al mit einer wider­stands­fä­hi­ge­ren Mischung als die klas­si­sche Majo­li­ka der ita­lie­ni­schen Tra­di­ti­on. Tat­säch­lich ist das bei 1200 Grad (300 Grad mehr als nor­ma­le Kera­mik­ma­te­ria­li­en) gebrann­te Stein­zeug wit­te­rungs­be­stän­dig, so dass er in der Archi­tek­tur auch monu­men­ta­le Wer­ke schaf­fen konn­te, auch wenn die­ses Mate­ri­al die Farb­aus­wahl stark ein­schränk­te: Aus die­sem Grund ent­schied er sich, die­se Farb­be­schrän­kung zu nut­zen, um Kunst­wer­ke zu schaf­fen, die gleich­zei­tig sehr archa­isch und natu­ra­lis­tisch sind. 1962 wur­de die­se Far­be, die jener des Natur­steins sehr ähnelt, gebo­ren und erhielt den Namen „Bian­co di Zau­li”. Eine Far­be, die reich an Farb­tö­nen von Weiß über Grau bis hin zu Schwarz ist. Es ist wich­tig zu beto­nen, dass alles, was ein Künst­ler tut, ein Kind sei­ner Zeit ist, und Zau­li hat die­se Far­be zu einer Zeit erfun­den, in der mono­chro­me Lein­wän­de sehr beliebt waren und revo­lu­tio­niert somit die ita­lie­ni­sche Kera­mik in einer Poly­chro­mie.

Worauf begrün­de­te die Inspi­ra­ti­on des Künst­lers sich mit Chi­na und Japan zu beschäf­ti­gen?

Wäh­rend sei­ner Kar­rie­re stu­dier­te Zau­li Kera­mik aus Fern­ost und Nord­eu­ro­pa, haupt­säch­lich aus Stein­gut. Dann nahm er Kon­takt mit Inui auf, einem Kunst­kri­ti­ker aus Kyo­to, der sei­ne Arbeit mit Lei­den­schaft ver­folg­te und ihm auch ermög­lich­te Aus­stel­lun­gen in Muse­en und pri­va­ten Gale­rien in Japan zu rea­li­sie­ren. In den sie­ben Jah­ren von 1974 bis 1981 brach­te der Kera­mi­ker und Bild­hau­er 400 Wer­ke nach Japan, von denen vie­le von Muse­en gekauft oder in nord­eu­ro­päi­schen Muse­en und Gale­rien aus­ge­stellt wur­den.

Wie erklärt sich der radi­ka­le Wan­del vom jun­gen zum rei­fen Zau­li?

Zau­li wur­de als Faen­za-Töp­fer gebo­ren, sei­ne ers­ten Erfah­run­gen sind in der Tat mit den Ent­wür­fen ver­bun­den, die er für den Wett­be­werb „Pre­mio-Fan­za“ erstell­te. In den 1950er Jah­ren ließ er sich von ita­lie­ni­schen und euro­päi­schen Meis­tern inspi­rie­ren, und da er sehr gast­freund­lich war und über ein sehr gro­ßes Ate­lier ver­füg­te, wur­den Kera­mi­ker aus aller Welt zu Work­shops über Kera­mik­kunst ein­ge­la­den, was sei­ne Werk­statt zu einem Ort des kul­tu­rel­len Aus­tau­sches mach­te. Der Wett­be­werb „Pre­mio Faen­za” wur­de spä­ter zu einem inter­na­tio­na­len Preis und schuf einen Kon­text, in dem der Künst­ler mit den glo­ba­len Trends in Berüh­rung kam und sei­ne Arbeit sich dadurch defi­ni­tiv wei­ter­ent­wi­ckel­te.

Car­lo Zau­li, Foto: Anto­nio Maso­ti, 1966

Warum beschäf­tig­te sich Zau­li mit Geo­me­trien und Volu­men?

Seit Ende der 1960er Jah­re haben rei­ne und per­fek­te geo­me­tri­sche For­men in Ita­li­en bei den Betrach­tern gro­ße Fas­zi­na­ti­on her­vor­ge­ru­fen; mein Vater fand in den Kugeln von Arnal­do Pomo­do­ro ein gül­ti­ges Sprung­brett zu einer abs­trak­te­ren Kul­tur und expe­ri­men­tier­te mit sei­ner eige­nen Visi­on die­ser Arbei­ten über Geo­me­trie, dem Aus­gangs­punkt jeder Skulp­tur jener Zeit. Ver­ges­sen wir nicht, dass der Mensch gegen Ende der 1960er Jah­re den Raum erforsch­te, ange­zo­gen von der geheim­nis­vol­len Form der Pla­ne­ten, die die Phan­ta­sie domi­nier­ten; ein Kul­tur­pro­dukt der Zeit war auch „2001 Space Odys­sey”, ein Film, in dem das nar­ra­tiv-szen­o­gra­fi­sche Zen­trum nichts ande­res war als ein Qua­der, ein schwar­zer Mono­lith. Man kann sagen, dass geo­me­tri­sche Kör­per gro­ße anthro­po­lo­gi­sche und hei­li­ge Bedeu­tun­gen ver­ber­gen und des­halb arbei­te­te Zau­li an der Kugel, an der Pyra­mi­de, am Zylin­der und am Wür­fel, einem geo­me­tri­schen Kör­per, der eine Meta­mor­pho­se durch­läuft, die in der Pro­duk­ti­on des Künst­lers und unter sei­nen Kol­le­gen ein­zig­ar­tig ist. An einer Ecke plat­ziert, sym­bo­li­siert der Kör­per das Mate­ri­al, das sich nach oben erhebt, Sitz des Geis­tes und wie die For­schung des Künst­lers ihren Lauf nimmt, wird der Wür­fel auch für natür­li­che Zwe­cke immer leich­ter, und es scheint, dass er in Rich­tung des Unend­li­chen flie­hen will und so zu einem beflü­gel­ten Wür­fel wird.

Was bedeu­tet also der beflü­gel­te Wür­fel, Sym­bol für das Mate­ri­al, das sich dem Geist zuwen­det?

Es ist ein Sym­bol, das vom Künst­ler ver­wen­det wird, für eine Mensch­heit, die zu uni­ver­sel­len Wer­ten ten­diert. In Faen­za soll der beflü­gel­te Kubus (in der Nähe des Bahn­hofs) ein Denk­mal für die Brü­der­lich­keit zwi­schen den Völ­kern sein, wäh­rend er in Tel Aviv als Sym­bol des Frie­dens (er wird „Die Flü­gel des Frie­dens” genannt) die­nen soll, um die Not­wen­dig­keit des Frie­dens vor allem in der Regi­on des Nahen Osten zu sym­bo­li­sie­ren.

Und das Car­lo Zau­li Muse­um – wie ist es ent­stan­den und was kön­nen Besucher*innen dort erle­ben?

Die ers­te Idee zum Pro­jekt des Muse­ums wur­de vom Künst­ler selbst in den 80er Jah­ren gebo­ren: Er woll­te es als ein Kul­tur­zen­trum mit Work­shops und Künst­ler­ver­un­rei­ni­gun­gen umset­zen. Lei­der konn­te er das revo­lu­tio­nä­re Pro­jekt wegen einer schwe­ren Krank­heit, die das Den­ken und Gedächt­nis blo­ckiert, nicht wei­ter­füh­ren, 2002 (im Jahr sei­nes Todes) wur­de die Idee des Muse­ums vor­ge­stellt und sei­tens der Stadt auch ange­nom­men. Es ist als klas­si­sches Künst­ler­mu­se­um mit Räu­men aus­ge­wähl­ter Wer­ke Zauli’s in antho­lo­gi­scher Form (50–90er Jah­re) auf­ge­baut und ent­hält in sich ein Kera­mi­kla­bor, das besich­tigt und genutzt wer­den kann.

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1987 in Faenza geboren, wo sie derzeit lebt. Die Leidenschaft für Reisen, Musik und Kunst zog sie nach dem Abitur für Pädagogik (2006) nach Bologna. Sie studierte Sprach- und Kulturvermittlung (2006-2010) und Kommunikationswissenschaften (Laurea Magistrale, 2011-2013). Nach dem Masterabschluss arbeitete sie für die Tageszeitung "La Voce di Romagna ", die es ihr 2016 ermöglichte den Journalistenstatus zu erlangen. Neben dem Kunstmagazin MilionArt Kaleidoscope schreibt sie derzeit für zwei lokale Online – Magazine (darunter eine Online - Zeitung der Provinz Bologna) und widmet sich dem Studium der redaktionellen Übersetzung an der Universität von Urbino.

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