Florentina Pakosta

Der Blick auf den Mann

IN EINER PRÄGENDEN KINDHEITSERINNERUNG BESCHREIBT FLORENTINA PAKOSTA, WIE IHR VATER SIE IM VORSCHULALTER GELEGENTLICH AUF EINEN SCHEMEL STELLT, DAMIT SIE DURCH DAS EBENERDIGE FENSTER DES HAUSES DAS GESCHEHEN AUF DER STRASSE BEOBACHTEN KANN. DURCH DIE HÖHE DES FENSTERS SIND FÜR SIE JEDOCH NUR DIE KÖPFE DER PASSANTEN ZU SEHEN. DER VATER ERFINDET ZU JEDEM DIESER KÖPFE EINE KURZE GESCHICHTE, EIN PSYCHOGRAMM. SO LERNT FLORENTINA PAKOSTA FRÜH GESICHTER ZU BETRACHTEN UND ZU DEUTEN.

Auch ihr spä­te­res Inter­es­se an der Dar­stel­lung von Köp­fen erklärt sie sich aus die­ser Kind­heits­er­fah­rung. Doch vor allem ihre Zeich­nun­gen kah­ler, bei­na­he geschlechts­lo­ser Köp­fe sind wohl auf den Umstand zurück­zu­füh­ren, dass Flo­ren­ti­na Pakos­ta selbst bis ins Schul­al­ter hin­ein eine Glat­ze trägt, da die Eltern ihr in der Hoff­nung, der spär­li­che Haar­wuchs wür­de durch den wie­der­hol­ten Schnitt üppi­ger wer­den, die Haa­re sche­ren las­sen. Das Kind bemerkt, dass es von Sei­ten der Gesell­schaft das Bedürf­nis zu geben scheint, die Welt ein­deu­tig in zwei Geschlech­ter ein­zu­tei­len. Sie selbst ver­spürt die­ses Bedürf­nis nicht.

Flo­ren­ti­na Pakosta

In ihren sati­ri­schen Arbei­ten pran­gert sie patri­ar­cha­le Mach­struk­tu­ren an, indem sie sie überzeichnet. 

Ihr Anders­sein als Künst­le­rin wird Flo­ren­ti­na Pakos­ta erst nach ihrem Stu­di­um ver­mit­telt, als sie erkennt, dass die Kunst­welt eine Män­ner­do­mä­ne ist, in der Frau­en nur am Ran­de eine Rol­le spie­len. Sie, die sich bis dahin wenig mit Frau­en­rech­ten aus­ein­an­der­ge­setzt hat, reagiert dar­auf und the­ma­ti­siert die­ses Ungleich­ver­hält­nis in ihren Arbei­ten. Anders als Künst­le­rin­nen wie Maria Lass­nig oder Valie Export befasst sie sich jedoch nicht mit dem eige­nen Kör­per als Pro­jek­ti­ons­flä­che, son­dern mit dem der mäch­ti­gen Männer.

Bereits in ihren frü­hen Arbei­ten Anfang der 1950er Jah­re befasst sich Flo­ren­ti­na Pakos­ta ein­ge­hend mit Phy­sio­gno­mie und Ges­tik. Spä­ter dient der Künst­le­rin das eige­ne Spie­gel­bild als Aus­gangs­punkt ihrer Dar­stel­lun­gen mensch­li­cher Gefühls­zu­stän­de. Gene­rell nimmt das Selbst­por­trät im Werk Pakos­tas einen hohen Stel­len­wert ein. „Wenn ich mich zeich­ne, exis­tie­re ich drei­fach. Ers­tens als Per­son, das heißt als Sub­jekt und Objekt zugleich. Zwei­tens als Spie­gel­bild, wel­ches mei­ne Dop­pel­gän­ge­rin und der Sta­bi­li­sa­tor der Wahr­neh­mung mei­nes Seins ist. Und drit­tens als Zeich­nung – der Beweis mei­ner Existenz.“

Immer wie­der begeg­nen wir den Selbst­bild­nis­sen, die sie mal ernst­haft, mal selbst­be­wusst, mal kämp­fe­risch zei­gen. 1976 erscheint ihr Por­trät hin­ter einem Maschen­draht­zaun, aus­ge­grenzt, als Beob­ach­te­rin von außen, der der Zugang zur Kunst­welt ver­wehrt bleibt. In dem Selbst­bild­nis „Zun­gen­schlag“ hin­ge­gen stellt sie sich mit geöff­ne­tem Mund dar, aus dem ein Arm mit geball­ter Faust her­aus­schnellt. Flo­ren­ti­na Pakos­ta nimmt nicht nur bestimm­te Rol­len ein, sie kehrt auch tra­dier­te Rol­len um. Über Jahr­hun­der­te hin­weg war es der männ­li­che Künst­ler, der die Frau, die oft­mals nack­te Frau, por­trä­tier­te. Es war der männ­li­che Blick auf Brüs­te, Geni­ta­li­en und weib­li­che Run­dun­gen, der das Bild der dama­li­gen Frau in der Kunst­ge­schich­te präg­te und für die Nach­welt fest­hielt. Flo­ren­ti­na Pakos­ta rich­tet nun folg­lich als Künst­le­rin den Blick auf den Mann. In einer Rei­he von Zeich­nun­gen kon­zen­trier­te sie sich aus­schließ­lich auf das männ­li­che Geschlecht, schaut gera­de dort und nur dort hin.

Ab etwa Mit­te der 1980er Jah­re wen­det sich Flo­ren­ti­na Pakos­ta von den schwarz-weiß gehal­te­nen und gegen­ständ­li­chen Arbei­ten ab und immer mehr einer geo­me­trisch-abs­trak­ten For­men­spra­che zu: „Plötz­lich und uner­war­tet ver­än­der­te sich 1989 die poli­ti­sche und somit auch die sozia­le Land­schaft Euro­pas. Unmög­li­ches wur­de wahr: Ein neu­es, bis­her unbe­kann­tes Lebens­ge­fühl setz­te sich durch. Neue Freu­den, neue Hoff­nun­gen und neue Gefah­ren und Ängs­te wur­den wahr­nehm­bar – Höhen­flug und Sturz­flug zugleich. Nach und nach habe ich gemerkt, dass die bis­her ver­trau­te Form mei­ner Bil­der und Zeich­nun­gen kaum aus­reich­te, die neu­en emo­tio­na­len Struk­tu­ren zu ver­mit­teln. Daher bemüh­te ich mich um Far­ben und For­men, die sich mit mei­nem neu­en Daseins­ge­fühl deck­ten.“ Mit den tri­ko­lo­ren Bil­dern fin­det sie zu einer neu­en und für sie pas­sen­de­ren Sym­bo­lik. Die Werk­se­ri­en, für die sie bekannt ist und geschätzt wird, führt sie nur mehr spo­ra­disch fort. Ein muti­ger und auch radi­ka­ler Schritt, der aller­dings kei­nen Bruch mit dem bis­he­ri­gen Schaf­fen bedeu­tet: „Im geglück­ten Zusam­men­spiel for­dern die drei Far­ben vom Betrach­ter emo­tio­na­le Fle­xi­bi­li­tät, Asso­zia­ti­ons­ver­mö­gen, Ima­gi­na­ti­ons­kraft und Abbau ver­krus­te­ter Denk­mo­del­le und Vorurteile.“

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geschrieben von

Elsy Lahner (*1975) gründete und leitete den Ausstellungsraum „das weisse haus“, seit 2011 ist sie Kuratorin für zeitgenössische Kunst an der Albertina Wien. Zu ihren Ausstellungen zählen eine Gottfried-Helnwein-Retrospektive, „Drawing Now: 2015“ und zuletzt „Keith Haring: The Alphabet“. Zudem etablierte sie ein Programm künstlerischer Interventionen.

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