Der Künstlerphilosoph als pornosophischer Exzentriker

Exprak­tik ist Aske­se bis zum Exzess, zum exer­zi­ti­um ero­ti­scher Eksta­se, ero­ti­sche Exsta­se steht gegen sex­en­tri­sche und theo­zen­tri­sche Eksta­se, sie bewegt sich im Span­nungs­feld der Ero­tik des Geschlechts und Ero­tik des Gehirns, von Geschlechts­ero­tik und Gehirn­ero­tik.

Der sex­zen­tri­sche Eksta­ti­ker ist Phal­lo­go­zen­trist und Vul­va­fe­ti­schist. Im Phal­lus und in der Vul­va fin­det er das All- und Urei­ne. Die Ver­ei­ni­gung mit dem Gött­li­chen ist für ihn die geschlecht­li­che Ver­ei­ni­gung. Je mehr er von den Abs­trak­tio­nen des Den­kens ent­fernt ist, je näher glaubt er sich dem Gött­li­chen, dem Phal­lus, der Vul­va.

Der Sex­mys­ti­ker steht gegen den Gehirn­mys­ti­ker und vice ver­sa

Die Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes Papier über­malt und Acryl auf Holz, 1999–2016, 148 x 27cm

Der theo­zen­tri­sche Eksta­ti­ker glaubt, je mehr er dem sexu­ell Sinn­li­chen ent­frem­det ist, je näher ist er dem gött­li­chen Den­ken, dem rei­nen Hirn. Für den Einen ist die mys­ti­sche Ver­ei­ni­gung mit dem Abso­lu­ten ein Geschlechtsphä­no­men; für den Ande­ren ein Gehirn­phä­no­men. Der sex­zen­tri­sche Eksta­ti­ker glaubt, je wei­ter man die Kel­ler­trep­pe zum Sexu­el­len hin­ab­steigt, je näher kom­me man dem Abso­lu­ten. Der theo­zen­tri­sche Eksta­ti­ker glaubt, je wei­ter man sich der Sphä­re des Sexu­el­len ent­fernt, je näher kommt man Gott. Bei­de stre­ben eine Kathar­sis an: der Eine eine Kathar­sis durch das Gehirn, der Ande­re eine Kathar­sis durch den Sex. Der Eine will sich vom Sexu­el­len ablö­sen und der Ande­re vom Gehirn, um sich mit Gott, dem Ur-Allei­nen, zu ver­ei­nen. Der sex­zen­tri­sche Eksta­ti­ker strebt die Los­lö­sung des Sexes vom Gehirn an. Der theo­zen­tri­sche Eksta­ti­ker strebt die Los­lö­sung des Gehirns vom Sex an. Der Eine will Sex ohne Hirn; der Ande­re Hirn ohne Sex. Bei­de Den­ken nicht. Bei­de sind Mys­ti­ker: Mys­ti­ker des Sexes einer­seits, Mys­ti­ker des Gehirns ande­rer­seits. Der Sex­mys­ti­ker steht gegen den Gehirn­mys­ti­ker und vice ver­sa. Bei­de sind tol­le Men­schen, ihnen ist ein obses­siv-mani­scher Zug eigen, sie sind maß­los, beden­ken­los, gewis­sen­los, auf je ver­schie­de­ne Art und Wei­se jen­seits von Gut und Böse. Sie sind metho­di­sche Amo­ra­lis­ten mit je umge­kehr­ten Vor­zei­chen. Bei­de sind Dio­ny­si­ker: Der Eine ist Sex­dio­ny­si­ker, der Ande­re ist Hirn­dio­ny­si­ker. Gegen die Ver­ein­sei­ti­gun­gen von sex­zen­tri­scher und hirn­zen­tri­scher Ekas­ta­se steht die ero­ti­sche Eksta­se, die bei­de auf­hebt. Die ero­ti­sche Eksta­tik ist eine gött­li­che, hei­li­ge Ero­tik, die die Ero­tik des Sexes und die Ero­tik des Gehirns, die die “Ero­tik der Kör­per” und die “Ero­tik der Her­zen” auf­hebt. Ero­tik ist nicht etwas Mensch­lich-All­zu­mensch­li­ches, son­dern eine Seins­er­fah­rung. Durch sie begeg­net mir in mei­nem Dasein das kos­mi­sche Sein, mei­ne sinn­li­che End­lich­keit begeg­net mir im Medi­um der Ero­tik der Unend­lich­keit – in
Augen­bli­cken der Eksta­se.

2013, 8 x 35cm
Der Par­r­he­si­ast Selbst­ge­drech­sel­tes Holz in Gips­fuss mit Acryl­far­be
2012, 30 x 40cm Photograph: Hagen Wiel, ©Konstanze Caysa
Por­no­so­phiert Euch! Öl auf Span­plat­te

Der ero­ti­sche Eksta­ti­ker ist ein Mys­ti­ker ohne Gott – denn Gott ist die Lie­be und Geschlechts­ver­kehr ist ihm Lie­bes­ver­kehr zwi­schen Sex und Hirn, Sinn­lich­keit und Den­ken, Lei­den­schaft und Ver­nunft, Leben und Tod. Die bedin­gungs­lo­se Hin­ga­be in der hei­li­gen Eksta­se ist nicht unkon­trol­liert, sie ist geord­net, um Bedin­gungs­lo­sig­keit bis hin zur Bin­dungs­lo­sig­keit zu ermög­li­chen; Eksta­se ist geform­te Über­schrei­tung, damit der Rausch gelingt. Der Eksta­ti­ker ist ein For­mu­lie­rer – ein Form­ge­ber. Der Künst­ler­phi­lo­soph ist ero­ti­scher Hei­li­ger. Sein Exer­zi­ti­um ist der hei­li­ge Eros, er ist ein hei­li­ger Aske­ti­ker. Der Künst­ler­phi­lo­soph ist der Asket, der die Aske­se zum Exer­zi­ti­um macht; er betreibt die Aske­se als Exer­zi­ti­en. Kunst ist ihm Kult: Kult der Schön­heit. Schön­heit umgibt nicht ein­fach die Macht – sie ver­spricht Macht. Schön­heit ist nicht leis­tend, son­dern ver­spre­chend – das ist ihre Leis­tung. Das Schö­ne wird nicht nur im Schö­nen gezeugt, son­dern auch im Medi­um des Häss­li­chen. Nicht nur die Schön­heit ist fas­zi­nie­rend, son­dern auch das Häss­li­che. Das Häss­li­che ist in sei­ner Repul­si­on Attrak­ti­on. Attrak­ti­on ver­spricht immer Macht, egal ob schön oder häss­lich, all­zu oft ist die Häss­lich­keit in ihrer Macht schön – weil auch das Häss­li­che fas­zi­niert. Der Dämon Eros ist schön und häss­lich, arm und reich, kynisch und zynisch. Nicht nur das Schö­ne ist Objekt der Kunst, son­dern auch das Absto­ßen­de, Ekel­haf­te, die Abjek­te.

Die Kunst, die sich den Abjek­ten zuwen­det, ist Por­no­so­phie, sie stellt die Wahr­heit der Abjek­te, der “Huren” dar. Die­ser ästhe­ti­sche Extre­mis­mus ist eine skan­da­li­sie­ren­de Lebens­form, die dem “Skan­dal” (genannt Leben) auf den Grund geht. Die bar­ba­ri­sche Wahr­heit des Lebens kommt ans Licht. Die­ser Skan­da­lis­mus stellt sich gegen die poli­ti­cal cor­rect­ness der Mas­sen­de­mo­kra­tie, gegen die Häss­lich­keit ihres grun­zen­den, schmat­zen­den, sau­fen­den Hedo­nis­mus mit eli­tä­rem Hedo­nis­mus: kyni­scher Aris­to­kra­tis­mus = Por­no­so­phie. Die gelin­gen­de Skan­da­li­sie­rung ist aber nicht gren­zen­lo­se Ent­ta­bui­sie­rung. Ist Skan­da­li­sie­rung ent­grenz­te Ent­ta­bui­sie­rung, dann ist sie unero­tisch und por­no­gra­phisch. Der Skan­dal, der ein Wahr­sa­gen ist, braucht Tabus, um die Ero­tik zu ermög­li­chen. Die Garan­tie der Tabus als Bedin­gung der Mög­lich­keit von Ero­tik ist die Form, der Stil. Por­no­so­phie ist sti­li­sier­te Ero­tik, kein Sex, sie ist ästhe­ti­sier­te Reli­gi­on, Ero­tik als Reli­gi­on.

Was grie­chisch phal­los heißt ist latei­nisch fasci­nus. Das Bün­del, das Beil, als Sym­bol der Straf­ge­walt, fas­zi­niert, ver­zau­bert, ver­führt, bannt uns. Inso­fern stand der Phal­lus immer für Sou­ve­rä­ni­tät und im Anschluss dar­an das gebün­del­te Feu­er: die Fackel. Der Por­no­soph, inso­fern er den Phal­lus hei­ligt, ist also der Fackel­trä­ger der Kunst: der Künst­ler­phi­lo­soph.

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Künstlerphilosophin. Sie promovierte zum Thema: „Sehnsüchtige Körper – Eine Metatropie“. Lehre seit 2006 an verschiedenen Hochschulen und Universitäten. Darunter: Philosophisches Institut der Universität Leipzig, Hochschule für Grafik und Buchkunst zu Leipzig, Kulturwissenschaftliches Institut der Uni Leipzig, Germanistische Institute der Universitäten Lodz, Piliscisiaba/Budapest und Sydney/Australien. Außerdem hielt sie Vorlesungen und Seminare vom WS 2012/13 – WS 2013/14 als Juniorprofessorin (i.V.) an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Uni Leipzig. Kolumnistin der Leipziger Zeitung seit 2015. Mitglied des kulturwissenschaftlichen Beirates Klinikum Bremen Ost. Von 2002 bis 2010 war sie Vorstandsmitgleid der Nietzsche Gesellschaft e.V.. Wichtigste Publikationen: Volker Caysa/ Konstanze Schwarzwald: Nietzsche – Macht – Größe (De Gruyter), Volker Caysa/ Konstanze Schwarzwald: Experimente des Leibes (Peter-Lang-Verlag 2008), Sehnsüchtige Körper – Eine Metatropie (2011), Askese als Verhaltensrevolte (2015), Denken des Empraktischen (2016). www.empraxis.net. Foto © Hagen Wiel

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