Der schnellste freie Fall und die Macht der Bilder

Ein Gespräch mit Felix Baumgartner für die Ausgabe HIGHSPEED

Wenn wir uns in die­ser Aus­ga­be mit Geschwin­dig­keit und Beschleu­ni­gung befas­sen, dann geht es auch um das Ertas­ten und das Über­schrei­ten von Gren­zen. Das Wort High­speed ist auf­ge­la­den mit Risi­ko und gera­de dort liegt viel­fach der Reiz. Sogar wir suchen die­sen Reiz und agie­ren unter Umstän­den ris­kant, wenn die Redak­ti­on die Gren­ze der Kunst klar über­schrei­tet und ihren Blick über den Tel­ler­rand hin­aus wagt. Schließ­lich hat sich auch schon Leo­nar­do Da Vin­ci für mehr inter­es­siert als die Kunst, und zwar ins­be­son­de­re für die Kraft der Ele­men­te. Da Vin­ci träum­te 1463 davon, dem Men­schen Flü­gel zu bau­en, um ihn schwe­ben zu las­sen. Die Idee dafür stamm­te Über­lie­fe­run­gen zufol­ge vom eng­li­schen Fran­zis­ka­ner­mönch Roger Bacon, der schon 200 Jah­re zuvor mein­te: „Man kann auch flie­gen­de Maschi­nen bau­en. Es genügt, dass ein Mann in der Mit­te eine Vor­rich­tung betä­tigt, die künst­li­che Flü­gel gleich denen eines Vogels in schlag­ar­ti­ge Bewe­gun­gen setzt.“ Bereits in der grie­chi­schen Mytho­lo­gie ent­wi­ckel­te Däda­lus Gestel­le mit Vogel­fe­dern, um aus einem Laby­rinth zu gelan­gen. Wie es für Ika­rus ende­te, wis­sen wir alle. Flie­gen hat eben immer auch den Bei­geschmack von Hoch­mut. 1485 ent­warf Leo­nar­do da Vin­ci sogar einen ers­ten Fall­schirm. Die Skiz­ze zeigt ein Frosch­männ­chen, das an einem Zelt­dach hängt. Kritiker*innen mei­nen, an die­se Visi­on hät­te er wohl selbst nicht geglaubt, so klein und unde­tail­liert sei die Zeich­nung. Auch, wenn der Traum vom Flie­gen für Leo­nar­do da Vin­ci ein Traum blieb, so inspi­rier­ten sei­ne skiz­zier­ten Gedan­ken über die Phy­sik und Mecha­nik des Vogel­flugs vie­le Genera­tio­nen nach ihm.

Am 14. Okto­ber 2012, als es im US-Bun­des­staat New Mexi­co hieß „Mis­si­on Red Bull Stra­tos erfüllt“, ging es der Mensch­heit schon lan­ge nicht mehr ums Flie­gen oder Fall­schirm-Sprin­gen, son­dern es ging dar­um, dass der ers­te Mensch aus 39.045 Metern Höhe mit 1.357,6 km/h im frei­en Fall auf die Erde zu rast und damit drei Welt­re­kor­de auf­stellt: Die höchs­te bemann­te Bal­lon­fahrt, den höchs­ten Absprung, sowie den schnells­ten frei­en Fall. Als ers­ter Mensch durch­brach Felix Baum­gart­ner knapp 550 Jah­re nach Leo­nar­do Da Vin­cis Kon­struk­ti­on einer Trag­schrau­be die Schall­mau­er ohne Flug­kör­per – und bewies damit, dass der mensch­li­che Kör­per den Kräf­ten der rasan­ten Geschwin­dig­keit stand­hal­ten wür­de. Was hät­te wohl Da Vin­ci dazu gesagt? Vor dem Absprung mein­te Baum­gart­ner: „Manch­mal muss man wirk­lich hoch stei­gen, um zu erken­nen, wie klein man ist!“ und nahm damit jeg­li­chem Hoch­mut der Mensch­heit den Wind aus den Segeln.

Wenn wir also High­speed the­ma­ti­sie­ren, dann sind die­se 1.357,6 km/h im frei­en Fall eben das Ereig­nis in Sachen Höchst­ge­schwin­dig­keit und wir müs­sen mehr dar­über in Erfah­rung brin­gen. Es gibt nur einen, der uns hier einen Ein­blick gewäh­ren kann, näm­lich Felix Baum­gart­ner selbst. Wir tref­fen den in Salz­burg auf­ge­wach­se­nen Grenz­gän­ger in der Schweiz, wo er sei­nen Lebens­mit­tel­punkt hat. Für ein Gespräch mit Felix Baum­gart­ner soll­te man defi­ni­tiv Zeit mit­brin­gen. Der elo­quen­te Sport­ler ist näm­lich ein rich­tig guter Geschich­ten-Erzäh­ler. Es gelingt ihm, sein Gegen­über mit gekonn­ter visio­nä­rer Bild­spra­che in sei­nen Bann zu zie­hen, und die Zeit ver­geht wie im Flu­ge. Das ist wohl auch ein Grund dafür, war­um Felix Baum­gart­ner inter­na­tio­nal ein sehr belieb­ter Vor­tra­gen­der ist: „Mei­ne Visio­nen sind immer bild­haft – ich sehe Bil­der. Mit 5 Jah­ren habe ich bereits gezeich­net, dass ich an einem Fall­schirm am Him­mel bin und unten mei­ne Eltern und mein Bru­der ste­hen. Ich bin hoch oben, ganz in der Nähe der Son­ne und unter mir die Welt. Ich habe als Fünf­jäh­ri­ger etwas gezeich­net, das ich mit 38 umge­setzt habe. Für mich ist das ein­deu­tig Aus­druck der Macht der Bil­der. Ich habe ein Buch zuhau­se, in dem ich alle mei­ne Sprün­ge skiz­ziert habe, ich muss mei­ne Bil­der im Kopf näm­lich zu Papier brin­gen, es geht gar nicht anders.“

Pilot Felix Baum­gart­ner of Aus­tria pre­pa­res to jump from the alti­tu­de of 29455 meters during the second man­ned test flight for Red Bull Stra­tos in Ros­well, New Mexi­co, USA on July 25, 2012. Foto: Jay Nemeth/Red Bull Con­tent Pool

Ich brau­che kei­ne Leu­te, die mir sagen, was nicht geht. Ich suche Men­schen, die zu mir sagen: Lass uns das Unmög­li­che versuchen! 

2BMNB4F Parachu­te design, sketch by Leo­nar­do Da Vin­ci. Codex Atlan­ti­cus, 1485. e Biblio­te­ca Ambro­sia­na in Milan
Zeich­nung von Felix Baum­gart­ner, die er im Alter von 5 Jah­ren ange­fer­tigt hat, Foto: Felix Baumgartner

Ange­spro­chen auf sei­ne Kind­heit, erzählt Baum­gart­ner, dass er sehr kon­ser­va­tiv auf­ge­wach­sen ist. Sein Vater war Tisch­ler, sei­ne Mut­ter kam von einem Bau­ern­hof in Ober­ös­ter­reich und ist in einer Fami­lie mit 15 Kin­dern auf­ge­wach­sen. Sie war die Ältes­te und hat sich um alle ihre Geschwis­ter geküm­mert: „Mei­ne Mut­ter war herz­lich, sehr sozi­al, mein Vater war eher hart, ein klas­si­scher Patri­arch, er ist sehr akri­bisch und hat mich hand­werk­lich sehr geför­dert.“ Schon als Kind klet­ter­te Felix ger­ne auf Bäu­me, woll­te die Welt stets von oben sehen. Sport wur­de in sei­ner Fami­lie nicht geför­dert, vor allem kein ris­kan­ter Sport. Im Gegen­teil: Wenn er mit sei­nem Bru­der im Schwimm­bad vom Turm sprin­gen woll­te, hat sein Vater es ver­bo­ten, weil zu gefähr­lich. Für Baum­gart­ner war damals klar, dass er ein Sie­ger sein will, nicht in einem Mann­schafts­sport, son­dern allei­ne. Er such­te den Wett­kampf, immer und über­all. „Ich war immer fas­zi­niert von Men­schen, die der Welt etwas hin­ter­las­sen haben, so etwas wie einen Fuß­ab­druck. Ich wuss­te lan­ge nicht, wo mei­ne Stär­ken sind. Dann habe ich über einen Bekann­ten der Fami­lie den Fall­schirm ent­deckt.“ Eine Her­aus­for­de­rung war dabei immer die Finan­zie­rung, denn Fall­schirm­sprin­gen war ein teu­rer Sport. Der jun­ge Felix Baum­gart­ner hat eine Aus­bil­dung zum Maschi­nen­bau­er und KFZ-Mecha­ni­ker gemacht, und bewarb sich anschlie­ßend beim Mili­tär, um sei­nen Traum des Fall­schirm­sprin­gens in die Rea­li­tät umzu­set­zen. Sei­nen beruf­li­chen Weg muss­te er sich selbst ebnen, denn wer will schon einen ille­ga­len Base-Sprin­ger mana­gen, also muss­te er sich vie­les selbst bei­brin­gen. Beim Mili­tär konn­te Baum­gart­ner dann pro­fes­sio­nell sprin­gen und wur­de schnell bes­ser. Der USAme­ri­ka­ner Tra­cy Lee Wal­ker hat ihm das Base-Sprin­gen bei­gebracht und 1996 sind die bei­den gemein­sam in die USA, um den ers­ten Sprung zu machen: „Gelebt haben wir damals wie die Hun­de, weil wir kein Geld hat­ten. Die­se Erfah­rung hat mir gehol­fen, trotz aller Erfol­ge nie die Erdung zu ver­lie­ren, denn ich weiß wie es ist, kein Geld zu haben.“

Das war ein ers­ter essen­ti­el­ler Schritt für sei­ne wei­te­re Kar­rie­re. „Flie­gen und Sprin­gen, das ist mei­ne Welt. Ich bin ein Vogel und kein Fisch. Ich weiß sehr genau, was ich kann und was ich nicht kann, und arbei­te aus­schließ­lich an mei­nen Stär­ken und nicht an mei­nen Schwä­chen. Des­halb bin ich erfolg­reich. Fall­schirm­sprin­gen war mei­ne Welt.“ Baum­gart­ner hat ein Jahr spä­ter erneut in den USA beim ers­ten Wett­be­werb mit­ge­macht und wur­de auf Anhieb Welt­meis­ter. Im Sin­ne der Eigen­ver­mark­tung, die ihm wohl von Natur aus gege­ben war, hat er nach die­sem Welt­meis­ter­ti­tel in Euro­pa Sprün­ge umge­setzt, sie gefilmt und ver­sucht, das Mate­ri­al den Sen­dern zu ver­kau­fen und die Fotos den Redak­tio­nen. „Damals gab es noch kein Social Media, kei­ne Likes und kei­ne Clicks. Ich muss­te neben­bei auf Bau­stel­len arbei­ten, um das alles zu finan­zie­ren. Ich habe mit 29 noch zuhau­se gelebt, in mei­nem Kin­der­zim­mer und dort auch mei­nen ers­ten Red Bull Spon­sor-Ver­trag unter­zeich­net. Das war kei­ne ein­fa­che Zeit. Mein Vater hat die Welt, in der ich mich bewegt habe, nie ver­stan­den, er woll­te immer, dass ich nicht sprin­ge, son­dern einer nor­ma­len Arbeit nach­ge­he. Ich woll­te es aber unbe­dingt aus­pro­bie­ren, denn ich habe an mei­nen Traum geglaubt.“ Felix Baum­gart­ner stellt sich nur Her­aus­for­de­run­gen, von denen er auch über­zeugt ist, dass er sie zu Ende bringt. Er ist der Auf­fas­sung, dass vie­le Men­schen ihre Zie­le nur des­halb aus den Augen ver­lie­ren, weil das Ziel sehr klein ist und das Pro­blem im Ver­hält­nis dazu zu groß. „Bei mir ist das Ziel immer sehr groß und egal, wie groß das Pro­blem ist, ich sehe das Ziel trotz­dem noch. Ich wür­de ger­ne tan­zen kön­nen oder Spa­nisch spre­chen, aber der Weg ist mir zu beschwer­lich und das Ziel zu klein, des­halb mache ich mich gar nicht erst auf den Weg.“ Auf das Risi­ko sei­nes Sports ange­spro­chen, hat Baum­gart­ner eine ganz kla­re Posi­tio­nie­rung: „Mir geht es weder um Rekord­jagd noch um Adre­na­lin, ich bin eine der vor­sich­tigs­ten Per­so­nen, die es gibt. Ich mana­ge sehr inten­siv die Risi­ken. Erst dann, wenn ich 100%ig sicher bin, gehe ich es an.“ Er erzählt uns, dass nicht alle Base-Jumper*innen so sind. Es gibt man­che, die haben immer eine*n in der Grup­pe dabei, der*die z. B. bei einem Höh­len­sprung als erste*s springt und dann den ande­ren erklärt, was da unten über­haupt los ist. Das ist ganz und gar nicht Baum­gart­ners Zugang. Im Sin­ne des Risi­ko­ma­nage­ments seilt er sich Tage davor ab, schaut sich alles an, hält ein Ber­ge­team und einen Ret­tungs­hub­schrau­ber bereit. All das ist natür­lich auch eine Finan­zie­rungs­fra­ge, doch für sei­nen Lang­zeit­part­ner Red Bull war klar, dass das zur pro­fes­sio­nel­len Vor­be­rei­tung dazugehört.

Das ist wie eine Feu­er­ver­si­che­rung. Die kos­tet viel Geld und du brauchst sie wahr­schein­lich nie. Wenn es dann aber doch brennt, bist du froh, dass du die Ver­si­che­rung hast.“ Felix Baum­gart­ner star­tet vie­le Pro­jek­te mit Unwis­sen­heit, aber durch die inten­si­ve Vor­be­rei­tung eig­net er sich das Wis­sen an. Er kann das Risi­ko nicht 100%ig ein­gren­zen, aber „ich wäre kein Pro­fi wenn es 50/50 wäre, da kann ich auch ins Casi­no gehen“, meint er. Es geht also bei vie­len Pro­jek­ten gar nicht rein um den Sprung, um die Rekor­de und die Geschwin­dig­keit, son­dern viel mehr um die span­nen­de Rei­se dort­hin. „Ich bin ein rei­ner Kopf­mensch bei der Pla­nung und kann Emo­tio­nen gut aus­blen­den. Ich bin kein Ver­fech­ter von Glück, ich posi­tio­nie­re mich zur rich­ti­gen Zeit an der rich­ti­gen Stel­le und dann kommt vie­les von allei­ne.“ Es geht ihm nicht um höher, schnel­ler, wei­ter. Sein Anspruch ist es, Pro­jek­te umzu­set­zen, die, bis auf die Tat­sa­che, dass sie in der Luft statt­fin­den und einen Fall­schirm benö­ti­gen, für sich ste­hen. In sei­nen Augen ist nicht der Ärmel­ka­nal schwie­ri­ger als der Sprung von der Jesus­sta­tue in Rio oder der Sprung aus der Stra­to­sphä­re. Jeder Sprung hat sei­ne Berech­ti­gung, sei­ne eige­ne Her­aus­for­de­rung und sei­ne eige­ne Inten­si­tät. „Es war bei­spiels­wei­se bei mei­nem Sprung in Rio nicht mein Anspruch, den Rekord für den nied­rigs­ten Sprung der Welt auf­zu­stel­len, son­dern von der rech­ten Hand Jesus zu sprin­gen. Mir war klar, dass die­ses anmu­ti­ge Bild Geschich­te schreibt, und nicht der Rekord.“

Auch hin­ter dem Sprung aus der Stra­to­sphä­re steck­te sehr viel stra­te­gi­sche Pla­nung und For­schung. Ins­ge­samt 7 Jah­re Vor­be­rei­tungs­zeit haben er und sein zeit­wei­se bis zu 150-köp­fi­ges Team benö­tigt, bis das Ereig­nis im Okto­ber 2012 erfolg­reich in die Geschich­te der Mensch­heit ein­ging. Der frei­heits­lie­ben­de Baum­gart­ner blickt auf die­se 7 Jah­re auch durch­aus rea­lis­tisch zurück: „Ich habe mich gefühlt wie in einem Gefäng­nis. Du hast auf ein­mal 150 Leu­te um dich her­um und bist denen völ­lig aus­ge­lie­fert, weil du alles glau­ben musst, was sie sagen. Ich habe mir in kur­zer Zeit sel­ber ein unglaub­li­ches Fach­wis­sen ange­eig­net, habe mich ein­ge­le­sen, damit ich mich aus­ken­ne, um aus die­sem gan­zen Port­fo­lio an Rat­schlä­gen, die für mich rich­ti­gen aus­zu­wäh­len. Jedes Jahr habe ich zu Sil­ves­ter ange­sto­ßen und dach­te, die­ses Jahr schlie­ßen wir ab, aber dann wur­de es noch ein Jahr und noch eines und noch eines … Du kannst an nichts ande­res mehr den­ken. Du atmest förm­lich Red Bull Stra­tos, stehst mor­gens damit auf und gehst spät­abends damit ins Bett. Das ist enorm auf­rei­bend und kos­tet unglaub­lich viel Ener­gie.“ Am aller­schwers­ten fiel Baum­gart­ner die­se ganz neue Erfah­rung, in einem Anzug ein­ge­schlos­sen zu sein: „Die Außen­welt ist visu­ell da, aber die Akus­tik fehlt. Du hörst nur dei­nen eige­nen Atem und das
über Stun­den. Es macht dich fast wahn­sin­nig. Bei jedem Test das­sel­be. Ich has­se Ein­schrän­kun­gen und der Anzug war genau das Gegen­teil von dem, war­um ich eigent­lich Fall­schirm sprin­ge, das Gefühl von Frei­heit. In dem Moment, wo du dann end­lich sprin­gen kannst, denkst du nicht an Leben und Tod, son­dern du möch­test dein Ziel umset­zen und dei­ne eins­ti­ge Visi­on posi­tiv zu Ende brin­gen.“ Der Anzug war eine unglaub­li­che Ein­schrän­kung und Baum­gart­ner muss­te ler­nen, damit umzu­ge­hen. Den Moment, wo der Schirm dann auf­ge­gan­gen ist, er den Helm öff­nen konn­te und wie­der in Kon­takt mit der Außen­welt war, beschreibt er so: „Es ist, als hätte
man 7 Jah­re ein­ge­ses­sen und jetzt geht end­lich die Gefäng­nis­tü­re auf. Ich hat­te mei­ne Frei­heit wieder.“

Er hat über­lebt, im frei­en Fall die Schall­mau­er durch­bro­chen und mit sei­nem Sprung Geschich­te geschrie­ben. Baum­gart­ner hat der Welt etwas hin­ter­las­sen, so wie er es immer geplant hat­te. Red Bull Stra­tos war eine Art Mond­lan­dung für die jun­ge Genera­ti­on, ein wei­te­rer Schritt für die Mensch­heit, um Gren­zen zu ver­schie­ben. Die­se Gren­zen ent­ste­hen laut Baum­gart­ner häu­fig nur im Kopf: „Zuerst hat es gehei­ßen, dass man die Schall­mau­er nicht durch­bre­chen kann – Chuck Yeager hat es dann als ers­ter Mensch geschafft. Sobald die­se geis­ti­ge Bar­rie­re durch­bro­chen ist, wird Ener­gie frei und Neu­es mög­lich. Neu­gier ist dafür aus­schlag­ge­bend. Hin­ter­fra­gen ist wich­tig. Wer viel fragt, weiß viel. Es ist wich­tig, dass Men­schen Din­ge pro­bie­ren.“ Baum­gart­ner schenkt Aus­sa­gen wie „Der Mensch ist nicht zum Flie­gen gebo­ren“ kein Gehör. Er ver­tritt ganz klar die Posi­ti­on, dass wir dank­bar sein müs­sen, dass es Men­schen gab und gibt, die ihr Leben opfern, um dem Fort­schritt zu die­nen: „Egal, wer und wo. Der Phy­si­ker Wil­helm Con­rad Rönt­gen zum Bei­spiel. Er hat sich für sei­ne Visi­on zu Tode geröntgt und wir sind heu­te froh, dass wir die­se Tech­no­lo­gie ken­nen und anwen­den.“ Als Kind hat sich Felix Baum­gart­ner schon immer gefragt, ob, wenn jemand sagt: „Das geht nicht“, es nicht geht, oder es nicht geht, weil jemand sagt, dass es nicht geht. „Ich brau­che kei­ne Leu­te, die mir sagen, was nicht geht. Ich suche Men­schen, die zu mir sagen: Lass uns das Unmög­li­che versuchen!“

Wenn Baum­gart­ner sein Ziel dann ein­mal erreicht hat und am Boden ankommt, dann ist er der glück­lichs­te Mensch auf der Welt und die­se Freu­de, eine Visi­on mit vie­len Hür­den in die Rea­li­tät umge­setzt zu haben, die ist wohl unbe­schreib­lich: „Vie­le von uns haben doch die­sen Drang zur Per­fek­ti­on und wol­len gelobt und geliebt wer­den. Wer mag es nicht, wenn einem jemand auf die Schul­ter klopft und sagt: Gut gemacht! Das gibt uns die Ener­gie, wei­ter zu machen. Ich schät­ze immer die Leis­tung von ande­ren höher ein als mei­ne eige­ne. Wir soll­ten uns nicht ver­glei­chen. Ich habe vor allen Men­schen Respekt, die etwas leisten.“

Immer wie­der nimmt Baum­gart­ner den Begriff der Frei­heit in den Mund und er ist auch durch­wegs bekannt dafür, sich auch ger­ne kri­tisch zu äußern, wenn es um Frei­heit geht. In unse­rem Gespräch grei­fen wir die­ses The­ma auf und möch­ten wis­sen, was Baum­gart­ner der­zeit beschäf­tigt. „Ich bin ein kri­ti­scher Beob­ach­ter des täg­li­chen Gesche­hens, auch poli­tisch, und mache mir mei­ne Gedan­ken dazu. Ich unter­schei­de nicht zwi­schen rech­ter und lin­ker Poli­tik. Für mich gibt es nur ver­nünf­ti­ge oder unver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen. Der Mensch spricht ger­ne über Frei­heit, doch die wenigs­ten kön­nen damit auch umge­hen. Die meis­ten Men­schen wol­len geführt wer­den und des­halb wäh­len sie so, wie sie eben wäh­len. Das Volk bekommt die Poli­tik, die es ver­dient, heißt es. Das stimmt!

Eigen­ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, ist vie­len zu anstren­gend und des­halb über­lässt man es der Poli­tik. Das weiß die Poli­tik auch und schränkt unse­re Frei­heit zuneh­mend ein. Der Ter­ror-Anschlag am 11. Sep­tem­ber 2001 und das heu­ti­ge Coro­na-Jahr haben die­ses Bestre­ben der Poli­tik auch noch beschleu­nigt. Wir haben gese­hen, wie schnell unse­re Frei­heit über Nacht ein­ge­schränkt wer­den kann und wir unse­re Grund­rech­te als Bürger*innen ver­lie­ren. Der Staat ist gie­rig nach Macht und das Inter­net und die moder­ne Tech­nik hel­fen ihm dabei. Durch moder­ne Über­wa­chungs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel wie Droh­nen, Mobil­te­le­fo­ne, Com­pu­ter, Siri, Ale­xa und Sozia­le Medi­en ist der Staat bereits in unse­re Köp­fe und sogar in unse­re Schlaf­zim­mer vor­ge­drun­gen. Wir sind glä­sern und damit über­wach- und mani­pu­lier­bar geworden.
Nur, damit wir uns nicht falsch ver­ste­hen, ich bin nicht per se gegen moder­ne Tech­nik, aber für einen ver­ant­wor­tungs­vol­len Umgang damit. Unse­re Demo­kra­tie steht auf dem Spiel. Wer das nicht glaubt, dem*der emp­feh­le ich die Doku „Fake Ame­ri­ca Gre­at again“. Die­se Doku ist ein unschö­ner Aus­blick auf unse­re Zukunft. Eine Pan­de­mie ist ein groß­ar­ti­ger Spiel­platz für die Poli­tik, um aus­zu­lo­ten, wo die Gren­zen lie­gen und inwie­weit ein Staat sogar ver­fas­sungs­wid­rig ein­grei­fen kann, um in Zukunft sei­ne Macht noch mehr aus­zu­bau­en. Das dür­fen wir nicht zulas­sen. Nur eine auf­ge­klär­te, gut infor­mier­te und kri­ti­sche Bevöl­ke­rung kann das ver­hin­dern. Bei der Frei­heit ist es wie bei einem Flug­platz. Wenn er ein­mal weg ist, kommt er auch nicht mehr zurück.“

Baum­gart­ner ist bestimmt kein Welt­ver­bes­se­rer, son­dern er möch­te den Men­schen mit­ge­ben, dass sie stets neu­gie­rig und kri­tisch blei­ben. „Mei­ne Welt ist schön, mir geht es gut und ich müss­te mich eigent­lich gar nicht öffent­lich äußern. Aber ich mache mir gro­ße Sor­gen, weil ich sehe, wohin die Rei­se geht. Ich lie­be mei­ne Frei­heit und las­se sie mir von nie­man­dem neh­men. Auch nicht von der Poli­tik.“ Für sich hat Felix Baum­gart­ner einen bestimm­ten Frei­heits­sta­tus erreicht, weil er sein eige­ner Boss ist. Er ist der Kapi­tän auf sei­nem Boot und die­se Errun­gen­schaft ist ihm immens wich­tig. Nach dem Sprung aus der Stra­to­sphä­re hat sich für ihn per­sön­lich nicht viel ver­än­dert. „Du schaust abends beim Zäh­ne­put­zen in den Spie­gel und siehst immer noch den­sel­ben ‚Spitz­bub‘ in dir. Du erin­nerst dich an die Zeich­nung, die du mit fünf Jah­ren als Kind gezeich­net hast, lächelst zufrie­den und dein Spie­gel­bild lächelt zurück. Mehr brau­che ich nicht. Doch die Welt da drau­ßen hat eine ande­re Wahr­neh­mung von dir. Für vie­le bist du ein Held, jemand, der Geschich­te geschrie­ben hat und des­halb auch ein Vor­bild. Das hat vie­le Vor­tei­le, denn plötz­lich ste­hen dir alle Türen die­ser Welt offen, du musst nur durch­ge­hen. Das ist schön und dafür bin ich auch unend­lich dank­bar, doch mir ist etwas ande­res viel wich­ti­ger. Mein Team und ich haben es geschafft, für ein paar Stun­den die Men­schen die­ser Welt vor ihren Bild­schir­men zu ver­ei­nen. Sie ihre Sor­gen und Ängs­te ver­ges­sen zu las­sen, um zu sehen, dass ALLES mög­lich ist, wenn du es wirk­lich willst. Und wenn nur ein paar Men­schen dabei waren, die wir mit mei­nem Sprung moti­vie­ren konn­ten, ihren Traum zu ver­wirk­li­chen, dann war unse­re Mis­si­on erfolgreich.“
Heu­te ist Felix Baum­gart­ner pro­fes­sio­nel­ler Hub­schrau­ber­pi­lot, denn das war sein zwei­ter Kind­heits­traum, den er sich ver­wirk­li­chen konn­te. Auf Air­shows in den USA macht Baum­gart­ner regel­mä­ßig Akro­ba­tik­flü­ge mit dem Hub­schrau­ber und begeis­tert wei­ter­hin die Men­schen. Es gibt welt­weit nur eine Hand­voll Pilot*innen, die eine Spe­zi­al-Lizenz dafür haben. In sei­nem der­zei­ti­gen Lebens­ab­schnitt scheint Ent­schleu­ni­gung wich­ti­ger gewor­den zu sein als Beschleu­ni­gung. Wäh­rend sei­ner Aus­bil­dun­gen und bis­he­ri­gen Kar­rie­re hat er alles mit­ge­nom­men, was irgend­wie mög­lich war. Er hat viel gelernt, Ein­drü­cke um sich her­um auf­ge­saugt wie ein Schwamm und er hat vor allem Erfah­run­gen gesam­melt, die er ger­ne wei­ter­ge­ben möch­te. Baum­gart­ner ist wäh­le­ri­scher gewor­den und über­legt sich heu­te genau, wofür er sei­ne Zeit ein­setzt und mit wem er sie verbringt.

Wenn er am Ende unse­res Gesprächs noch ein­mal für uns zurück­blickt, dann ist es wie­der ein Bild, das er uns „zeich­net“: „Ein jun­ger Mecha­ni­ker, der aus­ge­zo­gen ist, um mit einem Fall­schirm am Rücken die Welt zu erobern.“

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