Design: Das verbindende Element

Interview mit Michael Mauer, Chef-Designer Porsche

1885 wur­de der Begriff Design im »Oxford Eng­lish Dic­tion­a­ry« zum ers­ten Mal erwähnt und als ein von einem Men­schen erdach­ter Plan oder ein Sche­ma von etwas, das rea­li­siert wer­den soll, beschrie­ben. Etwa 100 Jah­re spä­ter stu­diert Micha­el Mau­er Auto­mo­bil­de­sign an der Fach­hoch­schu­le Pforz­heim. 1995 war er als einer von drei Bereichs­lei­tern für das Design der Mer­ce­des-Benz-Model­le SLK‑, SL- und A‑Klasse mit­ver­ant­wort­lich, über­nahm dar­auf­hin die Lei­tung des Mer­ce­des Benz Advan­ced Design Stu­dio in Japan und wur­de Chef­de­si­gner bei MCC Smart.

Im Jahr 2000 wech­sel­te Mau­er als Exe­cu­ti­ve Direc­tor Design zu Saab und war ver­ant­wort­lich für die Stu­di­en des Saab 9X und Saab 9–3X. Seit 2004 ist Micha­el Mau­er Lei­ter der Design-Abtei­lung der Por­sche AG und prägt die Mar­ke und ihre Iden­ti­tät maß­geb­lich mit. Ste­ve Jobs mein­te ein­mal in Bezug auf Design: „Man­che Leu­te den­ken, bei Design geht es nur dar­um, wie etwas aus­sieht. Aber gräbt man tie­fer, geht es dar­um, wie etwas funk­tio­niert.“ Auch Micha­el Mau­er spricht mit uns im Inter­view über das WIE im Design, das aus sei­ner Sicht im krea­ti­ven Pro­zess und im Ergeb­nis eine ton­an­ge­ben­de Rol­le spielt.

Als Desi­gner muss man alles in Fra­ge stel­len, nichts als gege­ben hin­neh­men und stets den Anspruch ver­fol­gen, etwas neu zu den­ken.

Wir füh­ren das Inter­view ja mit­ten in einer „Kri­sen­zeit“, die uns welt­weit über­rollt hat. Für 2020 hat­ten wir alle Plä­ne, die nun durch­kreuzt wur­den. Wie ver­än­dern die Ein­schrän­kun­gen in Zei­ten der Pan­de­mie nun auch Ihren All­tag? Wie gehen Sie damit um?

Zunächst ein­mal ver­än­dert es mei­nen pri­va­ten All­tag, begon­nen beim Ein­kau­fen, über sons­ti­ge Erle­di­gun­gen bis hin zur Urlaubs­pla­nung, die man hat­te. Die Her­aus­for­de­rung beruf­lich ist, dass wir Wege fin­den müs­sen, unse­re Arbeit eini­ger­ma­ßen am Lau­fen zu hal­ten, ohne die Gesund­heit der Mitarbeiter*innen einem Risi­ko aus­zu­set­zen. Im Design-Bereich kön­nen natür­lich Tätig­kei­ten von zuhau­se aus erle­digt wer­den, aber bestimm­te eben nicht, weil die Krea­ti­vi­tät vor allem vom Aus­tausch lebt, also nicht nur von einer Kom­mu­ni­ka­ti­on über das Tele­fon. Es sind trotz­dem alle mit gro­ßem Enga­ge­ment dabei. Die Tech­nik hilft an die­ser Stel­le. Eini­ge Füh­rungs­kräf­te sind auch vor Ort im Stu­dio und dort fin­den Bespre­chun­gen im klei­nen Kreis statt.

Lassen Sie uns zu Beginn zurück­bli­cken in das Jahr 1982. Wann war Ihnen klar, dass Sie Auto­mo­bil­de­sign stu­die­ren möch­ten? Gab es einen bestimm­ten Beweg­grund?

Letzt­end­lich war ich nach dem Abitur noch nicht ori­en­tiert. Nach der Schu­le woll­te ich die Welt sehen und war der Mei­nung, dass ich als Ski- und Sur­f­leh­rer mein Leben bestrei­ten kann. Mein Vater war der­je­ni­ge, der dann, wahr­schein­lich auch in Sor­ge dar­um, was aus sei­nem Sohn wird, ana­ly­siert hat, was ich ger­ne mache. Neben dem Sport waren das die Kunst und das Zeich­nen und auch ein gewis­ser Enthu­si­as­mus für Autos. Dar­auf­hin habe ich ein Prak­ti­kum bei Mer­ce­des in Sin­del­fin­gen begon­nen. Mir war zu dem Zeit­punkt noch nicht klar, dass die Kom­bi­na­ti­on die­ser Lei­den­schaf­ten einen Beruf erge­ben.

Gab oder gibt es für Sie als Desi­gner Vor­bil­der? Per­sön­lich­kei­ten oder deren Ideen, die Sie inspi­rie­ren?

Ja, über­wie­gend Chefs, mit denen ich zusam­men­ge­ar­bei­tet habe. Ich habe bei Mer­ce­des ange­fan­gen und da ist sicher­lich Bru­no Sac­co zu nen­nen, der mei­ne Stra­te­gie und Phi­lo­so­phie im Design mit­ge­prägt hat. Gera­de das The­ma Mar­ken­iden­ti­tät, wie man über Design eine Mar­ke stärkt und wie man eine Design-Stra­te­gie auf­baut. Ita­lie­ni­sche Auto­mo­bil­de­si­gner, wie Pinin­fa­ri­na oder Ber­to­ne, haben mich natür­lich auch inspi­riert. Das rei­ne Design oder auch Sty­ling ist ja nur ein Teil­aspekt des Gesamt­an­spruchs, denn das Kon­zept, die Idee, ist ja genau­so wesent­lich. Wenn ich an den Lan­cia Stra­tos von Ber­to­ne den­ke, eines mei­ner Lieb­lings­fahr­zeu­ge, dann steckt da schon eine rie­sen Inno­va­ti­on drin, Autos, die weit ihrer Zeit vor­aus waren. Da spre­chen wir wirk­lich von Fahr­zeug­kon­zep­ten, die für gan­ze Genera­tio­nen prä­gend waren. Wenn man in Deutsch­land Auto­mo­bil­de­sign stu­diert, bekommt man stark ver­mit­telt: „form fol­lows func­tion“. Für mich war und ist da aber eben immer auch wich­tig, dass Design nicht nur die Ver­pa­ckung ist, son­dern der Anspruch, die Funk­ti­on mit einer ästhe­ti­schen Form in Ver­bin­dung zu brin­gen und dar­über hin­aus auch Pro­dukt­stra­te­gie und das kon­zep­tio­nel­le Den­ken. In die­ser Hin­sicht fand ich Ber­to­ne wirk­lich sehr prä­gend.

Gab es für Sie schon in der Kind­heit oder Jugend Berüh­rungs­punk­te mit Por­sche?

Indi­rekt, weil mein Vater, zum Leid­we­sen mei­ner Mut­ter, ein recht zügi­ger Auto­fah­rer war und ich – spa­ßes­hal­ber gesagt – immer die Rück­raum­über­wa­chung über­nom­men habe: „Da kommt einer, der ist min­des­tens genau­so schnell oder sogar schnel­ler als du.“ Natür­lich war das dann ab und zu ein Por­sche, der von hin­ten kam. Die waren dann meis­tens eben doch einen Tick schnel­ler als mein Vater.

Seit Ihrem Stu­di­um Anfang der 80er Jah­re hat sich in der Auto­mo­bil­in­dus­trie rein tech­nisch sehr viel ver­än­dert und ent­wi­ckelt. Wie schaut es in Sachen Design aus – sind die Grund­sät­ze, die Sie im Stu­di­um erlernt haben noch die­sel­ben?

Ich habe in Pforz­heim stu­diert, wo der Schwer­punkt Mate­ri­al­kun­de und Kon­struk­ti­ons­tech­nik schon einen gro­ßen Raum ein­nimmt. Klar hat sich da sehr viel ver­än­dert, aber das Ver­ständ­nis dafür, dass die Mög­lich­kei­ten, die Mate­ria­li­en mir als Desi­gner bie­ten, der Schlüs­sel zu inno­va­ti­vem Design sein kön­nen, das ist nach wie vor aktu­ell. Somit ja, vie­les ist nach wie vor rele­vant. Wenn man jetzt rein den Design-Pro­zess betrach­tet, also von der Skiz­ze zum Pro­dukt, dann gibt es heu­te natür­lich tech­nisch ganz ande­re Mög­lich­kei­ten. Wenn ich noch skiz­zie­re, also auf Papier, dann nur, weil ich es mit dem PC nicht kann.

Wie darf man sich den Design­pro­zess bei Auto­mo­bi­len vor­stel­len? Von die­ser Idee bis zur Umset­zung. Wie lan­ge dau­ert das?

Das ist sehr schwie­rig zu beant­wor­ten, weil es davon abhängt, wo eine Mar­ke tat­säch­lich den Start­punkt defi­niert. Ist er dann, wenn das Packa­ge fixiert ist oder zu Beginn der eigent­li­chen Design-Pha­se? Ich sage immer die hei­ßes­te Pha­se, in der wir ent­wer­fen und Model­le ent­wi­ckeln, dau­ert ein bis einund­ein­halb Jah­re. Wir wer­den ja auch schon sehr früh in Pro­zes­se ein­ge­bun­den. Wenn wir wis­sen, dass wir beim neu­en 911er ein biss­chen mehr Spur­brei­te benö­ti­gen, sich der Rad­stand ver­än­dert, wir grö­ße­re Räder bekom­men, grö­ße­re Brem­sen, zu die­sem Zeit­punkt sind wir schon ein­ge­bun­den, weil es ja for­ma­le Aus­wir­kun­gen solch tech­ni­scher Vor­aus­set­zun­gen gibt.

Design und Kunst. Wie wür­den Sie die­se bei­den Dis­zi­pli­nen als Desi­gner abgren­zen?

Da ist sicher eine Ver­wandt­schaft da, wobei der Desi­gner Teil eines indus­tri­el­len Pro­zes­ses ist, in dem es eben Zeit­plä­ne, Bud­get­re­strik­tio­nen und auch Mach­bar­keits­re­strik­tio­nen gibt. Der Desi­gner ist zwar krea­tiv wie ein Künst­ler, aber nicht so frei. Pro­fes­sor Lutz Füge­ner, der in Pforz­heim unter­rich­tet, hat hier­zu ein schö­nes Bild von einem Strand, einem Fel­sen und dem Meer kre­iert. Das Was­ser ist der Künst­ler, der sich aus­to­ben kann, der Fel­sen ist das Fes­te, das Unum­stöß­li­che und der Strand ver­sucht die­se Wel­ten mit­ein­an­der zu ver­bin­den – und das ist dann das Design.

Ein schö­nes Bild. Als Chef-Desi­gner sind Sie ange­hal­ten, vie­le wich­ti­ge und vor allem erfolgs­re­le­van­te Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Wie tref­fen Sie die­se – eher ratio­nal oder intui­tiv?

So, wie wahr­schein­lich die meis­ten Men­schen Ent­schei­dun­gen tref­fen, und zwar emo­tio­nal, aber unter­mau­ert mit einer ratio­na­len Begrün­dung. Je mehr Erfah­rung man hat, des­to intui­ti­ver kann man ent­schei­den. Ich bin ja nicht nur Desi­gner, son­dern auch Bot­schaf­ter und unter Umstän­den auch Ver­käu­fer. Ent­schei­dun­gen tref­fe ich immer auch unter Berück­sich­ti­gung der Ver­ant­wor­tung, es geht schließ­lich um gro­ße Inves­ti­ti­ons­sum­men.

Bei Por­sche ist die­se Ver­ant­wor­tung eine beson­de­re oder?

Ja, ich bin über­zeugt davon, dass das Design eine wich­ti­ge Rol­le bei der Kauf­ent­schei­dung spielt und in Zukunft wahr­schein­lich noch wich­ti­ger wird. Die­ser Ver­ant­wor­tung muss ich mir also auch bewusst sein. Wenn es Design aus Sicht des Kun­den miss­lingt , hät­te es Aus­wir­kun­gen auf die Ver­kaufs­zah­len und dar­an hän­gen ja sehr vie­le Arbeits­plät­ze und Schick­sa­le. Das kom­bi­niert mit dem Bewusst­sein, dass das Emp­fin­den für Design kun­den­sei­tig schwer mess­bar ist, macht es noch­mals heik­ler. Gera­de jetzt 2020 erle­ben wir, dass soge­nann­te „Schwar­ze Schwä­ne“ alles schnell ins Wan­ken brin­gen kön­nen.

Sie haben die­sen erfolgs­ver­spre­chen­den, aus­ge­präg­ten Sinn für Design schon oft unter Beweis gestellt. Beim neu­en 911 zum Bei­spiel. Sie haben ihn revo­lu­tio­niert und dabei die ursprüng­li­che Grund­form bewahrt – wie ist das mög­lich?

Es gibt kein ande­res Fahr­zeug, das einen der­art lücken­lo­sen Lebens­lauf nach­wei­sen kann wie der 911. Dafür müs­sen wir unse­ren Vor­vä­tern und Kol­le­gen der frü­he­ren Genera­ti­on dan­ken. Jetzt geht es dar­um, wie wir die­se Erfolgs­ge­schich­te fort­schrei­ben kön­nen. Das dis­ku­tie­ren wir immer wie­der bei einem Nach­fol­ger. Ich gebe ger­ne zu: Einer­seits ist es egal, ob Sie einen 911er gestal­ten oder einen Cayenne oder einen Pan­ame­ra, denn der Pro­zess und auch die Bud­get­re­strik­ti­on sind „busi­ness as usu­al“. Ande­rer­seits hat man da schon eine Beson­der­heit, die dar­auf beruht, dass unse­re Design-Stra­te­gie und die Design-Cri­te­ria auf den 911 zurück­ge­hen. Der 911 bil­det den Ursprung. Somit habe ich zwei Aspek­te zu berück­sich­ti­gen: Es geht um den Neu­en, aber uns muss klar sein, dass, wenn wir da neue Desi­gnele­men­te ein­fü­gen, sie das Poten­zi­al haben müs­sen, auf ande­re Pro­duk­te über­trag­bar zu sein. In unse­rer Design­stra­te­gie unter­schei­den wir immer zwi­schen Ele­men­ten, die mar­ken­prä­gend sind, also Mar­ken­iden­ti­tät schaf­fen, und jenen, die Pro­dukt­iden­ti­tät für das Modell schaf­fen. Aus mei­ner Sicht ist das Geheim­nis, eine kla­re Stra­te­gie zu haben, die mar­ken­prä­gen­de Ele­men­te defi­niert, aber eben auch genü­gend Frei­raum für Ent­wick­lung im Design zulässt. Der Faden zur His­to­rie der Mar­ke darf nie abrei­ßen. Dabei das rich­ti­ge Maß zu fin­den, ist schon eine gro­ße Her­aus­for­de­rung. Ich ver­glei­che es immer ger­ne mit den unter­schied­li­chen Eigen­schaf­ten eines Kom­pass und eines Navi­ga­ti­ons­ge­räts: Ein Kom­pass gibt Ori­en­tie­rung und eine Rich­tung vor, aber den­noch aus­rei­chend Raum und Bewe­gungs­frei­heit, ein Navi­ga­ti­ons­sys­tem sagt auf den cm genau, wo man lang gehen muss. Um die „Fri­sche“ zu gewähr­leis­ten, set­zen sich unse­re Teams immer aus ganz jun­gen Desi­gnern und Desi­gnern der drit­ten und vier­ten Genera­ti­on zusam­men. Somit bekommt man ein wun­der­ba­res Span­nungs­feld zwi­schen ganz neu­en Ideen und Ideen, die eben sehr evo­lu­tio­när sind.

Sie haben den Pan­ame­ra und den Cayenne ent­wor­fen und damit nicht nur viel Auf­se­hen erregt, son­dern auch inter­na­tio­na­le Awards für Por­sche geholt. Haben Ihre Modell­er­gän­zun­gen, spe­zi­ell der Pan­ame­ra, die Mar­ke Por­sche ver­än­dert?

Das ist schwer zu beant­wor­ten. Ein Wachs­tum im Pro­dukt­port­fo­lio ver­än­dert natür­lich immer ein Stück weit das Unter­neh­men, aber im Kern ist es Por­sche gelun­gen, bestimm­te Wer­te, wie
man an Pro­jek­te ran­geht, wie man die Pas­si­on für das fina­le Pro­dukt lebt, auf­recht­zu­hal­ten. Die Men­schen, die hier arbei­ten, haben ein­fach Spaß bei der Arbeit und brin­gen über­durch­schnitt­li­che Lei­den­schaft mit, das stärkt die Mar­ke.

Sind Sie der Mei­nung, dass die Mar­ke Por­sche einen wei­te­ren Aus­bau der Modell­pa­let­te für die Zukunft braucht?

Es gibt, was Wachs­tum betrifft, mei­ner Mei­nung nach zwei wich­ti­ge Kri­te­ri­en. Zum einen: Wel­che Pro­duk­te sind es letzt­end­lich. Da hal­te ich per­sön­lich für ganz wich­tig, dass wir immer wie­der mit Sport­wa­gen wie dem 911, unse­re Kern­kom­pe­tenz sport­li­che Fahr­zeu­ge zu bau­en, unter Beweis stel­len. Zum ande­ren kommt es auf das „Wie“ an. Das bewei­sen ein Cayenne oder ein Pan­ame­ra sehr schön. Von der rei­nen Leh­re her sind das kei­ne Sport­wa­gen, aber sie sind immer im Seg­ment das sport­lichs­te Ange­bot. Aus mei­ner Sicht gibt es also kei­ne Gren­zen im Sin­ne des Wachs­tums. Es muss nah an unse­rem Mar­ken­kern dran sein, dann gibt es kei­ne Limits.

Wird der Taycan nun den Pan­ame­ra in den nächs­ten Jah­ren erset­zen und was bedeu­tet das für die Mar­ke Por­sche gene­rell in Zukunft?

Der Taycan hat sehr schön wie­der unter Beweis gestellt, dass ich, unab­hän­gig von der Art des Antriebs, sehr wohl einen ech­ten Por­sche gestal­ten kann. Also einen Sport­wa­gen, der nicht nur so aus­sieht wie ein Por­sche, son­dern sich auch so fährt. Wie Por­sche es schon in der Ver­gan­gen­heit bewie­sen hat, bei­spiels­wei­se vom Luft­ge­kühl­ten zum Was­ser­ge­kühl­ten oder beim SUV – es geht also um das „Wie“. Der Pan­ame­ra und der Taycan sind schon von der Grö­ße her in unter­schied­li­chen Seg­men­ten ange­sie­delt. Was Antriebs­tech­no­lo­gien anbe­langt, ist es eine ande­re Situa­ti­on, weil es durch­aus pas­sie­ren kann, dass es Kun­den gibt, die zwar von der Grö­ße her ger­ne einen Pan­ame­ra fah­ren wür­den, aber auf der ande­ren Sei­te eben jetzt unbe­dingt den ers­ten rein elek­tri­schen Por­sche in der Gara­ge ste­hen haben möch­ten. Wenn wir in eini­gen Jah­ren nur mehr elek­tri­sche Fahr­zeu­ge haben soll­ten, wird das The­ma Antrieb ja ohne­hin nicht mehr vor­han­den sein.

Und wie ist das dann mit dem typi­schen Sound – den wer­den wir doch ver­mis­sen oder?

Ich begin­ne wie­der beim Gesamt­fahr­zeug und set­ze es gleich mit 100% Emo­tio­na­li­tät. Aus die­sen 100%, wie das Auto aus­sieht, wie es fährt usw., neh­me ich die Antriebs­quel­le her­aus, die für einen gro­ßen Teil ver­ant­wort­lich ist und set­ze sie auf 100%. Da geht es dann auch nicht nur um den Sound, son­dern um Beschleu­ni­gungs­wer­te, Dreh­mo­ment… Der Sound spielt eine Rol­le, aber eben auch vie­le ande­re Din­ge. Ich fin­de es ein hoch­in­ter­es­san­tes Erleb­nis: Ohne Moto­ren­ge­räusch ver­än­dert sich die Wahr­neh­mung wäh­rend des Fah­rens. Ich dach­te zu Beginn, dass es sich viel­leicht in Rich­tung Wahr­neh­mung der Umwelt ver­la­gern wird. Inzwi­schen weiß ich, dass das bei mir per­sön­lich weni­ger der Fall ist, son­dern dass ich ande­re Geräu­sche im Fahr­zeug inten­si­ver wahr­neh­me und ich das Gefühl habe, noch sport­li­cher unter­wegs zu sein, weil ich der Sen­so­rik mehr Auf­merk­sam­keit schen­ken muss. Es ist also eine ande­re Erfah­rung. Die nächs­te Genera­ti­on wächst ohne­hin nicht mehr mit dem Ver­bren­nungs­mo­tor auf – also wird hier der Sound eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len.

Sie sind als Desi­gner ja sicher­lich unse­rer Vor­stel­lung vor­aus. Der Taycan war nun schon ein gro­ßer Ent­wick­lungs­schritt bei Por­sche. Elek­tro hät­te Por­sche vor einem Jahr­zehnt sicher­lich kei­ner zuge­traut. Wie wird ein Por­sche in 10 oder 20 Jah­ren
aus­se­hen und was wird er kön­nen?

Da müss­ten Sie die Kris­tall­ku­gel polie­ren… (lacht). Wir sind hier vom Grund­satz eigent­lich wie­der beim The­ma, wo wir am Anfang unse­res Gesprächs waren. Din­ge ver­än­dern sich in der heu­ti­gen Zeit sehr schnell. Wer hät­te noch vor weni­gen Mona­ten gedacht, dass wir jetzt in die­ser Situa­ti­on sein wer­den? Vor­her­sa­gen wer­den also auch immer schwie­ri­ger. Ich sehe das Pro­blem, dass die Men­schen glau­ben, dass durch immer mehr Daten und die Digi­ta­li­sie­rung Vor­her­sa­gen ein­fa­cher wer­den. Ich bin da eher gegen­tei­li­ger Mei­nung. Was jetzt Mobi­li­tät und das Auto an sich anbe­langt, ist die Zukunft schwer zu inter­pre­tie­ren. Ich glau­be schon, dass ein Por­sche, Wen­de­lin Wie­de­king hat das ja mal gesagt, ein Pro­dukt ist, das nie­mand braucht, aber jeder haben will. In der Pro­dukt­welt wer­den wir zukünf­tig erle­ben, dass es nach wie vor Pro­duk­te geben wird, die mehr Emo­tio­na­li­tät aus­lö­sen als ande­re. Bestimm­te Din­ge könn­ten ja auch gesetz­lich bestimmt wer­den, wie z.B. auto­no­mes Fah­ren. Ist dann der Por­sche ein Pro­dukt, das ich nur mehr auf abge­sperr­ten Stre­cken fah­ren darf? Ich weiß es nicht. Das Design wird sich selbst­ver­ständ­lich wei­ter­ent­wi­ckeln und wir wer­den nach wie vor hoch attrak­ti­ve und emo­tio­na­le Pro­duk­te gestal­ten, die man als Por­sche erkennt. Das The­ma Mar­ke wird sicher sehr viel wich­ti­ger, weil sie auch dem Kun­den Ori­en­tie­rung bie­tet. Dem Design kommt die heh­re Auf­ga­be zu, die­se Mar­ken­zu­ge­hö­rig­keit zu visua­li­sie­ren und des­halb müs­sen wir alles dafür tun, dass die Mar­ke erkenn­bar bleibt. Die Kon­kur­renz schläft nicht und wird immer stär­ker. Ein High-Per­for­mance Fahr­zeug, rein leis­tungs­tech­nisch, wird von vie­len Mar­ken ange­bo­ten, also muss man sich mit den ech­ten „Dif­fe­ren­zia­to­ren“ der Zukunft aus­ein­an­der­set­zen.

Erlau­ben Sie uns noch eine Fra­ge zum Schluss: Was muss Ihrer Erfah­rung nach ein Desi­gner mit­brin­gen, um wirk­lich gut zu sein?

Ich ver­wen­de da ganz ger­ne das Bei­spiel einer Brü­cke über einem Fluss, die erneu­ert wer­den muss. Der Inge­nieur oder Archi­tekt wird ver­su­chen die bes­te Brü­cke die­ser Welt zu bau­en. Der Desi­gner beginnt viel wei­ter vor­ne und wird sich fra­gen, ob die­se Brü­cke über­haupt das adäqua­te Mit­tel ist von einem Ufer zum ande­ren zu gelan­gen. Als Desi­gner muss man alles in Fra­ge stel­len, nichts als Gege­ben hin­neh­men und den Anspruch ver­fol­gen, etwas neu zu den­ken.

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