Die Baronin mit den Totenköpfen

Sammlung von „Baroness Henri“, Mathilde de Rotschild

SIE WAR ZWEIFELSOHNE EINE AUSSERGEWÖHNLICHE FRAU DES VORIGEN JAHRHUNDERTS, DIE DAS MAKABRE LIEBTE.

Die aus Frank­furt a. Main gebür­ti­ge Preus­sin, Maria Sophia Hen­ri­et­ta Weiss­wei­ler hei­ra­te­te 1895 einen Spross der Roth­schild Dynas­tie, der zufäl­lig kein Ban­ker, son­dern Arzt war: Hen­ri James Natha­ni­el Charles Roth­schild und sie schenk­te ihm vier Kin­der. Aber das hin­der­te sie nicht, regen Anteil am gesell­schaft­li­chen Leben ihrer dama­li­gen Zeit zu neh­men, war bekannt für ihre cha­ri­ty events im Paris der Jahr­hun­dert­wen­de und als sie 1926 starb, galt sie als das pro­gres­sivs­te Mit­glied des sonst so kon­ser­va­ti­ven Hau­ses Roth­schild. Ihr Leben war ein sehr schil­lern­des, das einer moder­nen Frau, die jag­te, Auto fuhr und kurio­se Din­ge sam­mel­te. Als sie am 12. August 1926 in einem Alter von nur 54 Jah­ren starb, hin­ter­ließ sie eine umfang­rei­che Samm­lung von 180 Objek­ten aus Kno­chen, Berg­kris­tall, Koral­le, Edel­stei­nen oder Holz oder Ter­ra­cot­ta. die nur ein The­ma zum Gegen­stand hat­ten: den Tod.

Sie ver­mach­te die Samm­lung, die sie in Jahr­zehn­ten zusam­men getra­gen hat­te, dem Musé des Arts déco­ra­tifs in Paris, mit der Ver­pflich­tung, sie wis­sen­schaft­lich auf­zu­ar­bei­ten, und wel­che die­sen Som­mer der Öffent­lich­keit in einem Muse­um der Stif­tung Bemberg in Tou­lou­se zum erst­mal zugäng­lich gemacht wur­de. Dar­un­ter befin­den sich Gemäl­de, wel­che nicht nur das im Zusam­men­hang mit dem Tod immer sehr belieb­te „Vanitas“-Motiv zum Gegen­stand haben, son­dern auch eine gan­ze Rei­he klei­ne­re Skulp­tu­ren, Net­s­uke aus Holz und Elfen­bein, Per­len und Koral­len, eine Unmen­ge klei­ne­rer Toten­köp­fe, zum Teil in Form von Rosen­krän­zen, Kra­va­t­ten­na­deln, Anhän­ger, Knäu­fe von Spa­zier­stö­cken und sogar beweg­li­che, höchst raf­fi­niert gestal­te­te­te Kurio­sa, wie ein klei­ner Toten­kopf um 1900 von Briggs und Sohn aus Elfen­bein, der die Augen rol­len konn­te, ein beweg­li­ches Kie­fer hat­te und sogar grin­send die Zun­ge her­aus­streck­te, wenn mann die Kinn­la­de her­un­ter­drück­te.

Als der Krieg aus­brach, mel­de­te sie sich frei­wil­lig als Kran­ken­schwes­ter und wur­de damit not­ge­drun­gen auf eine etwas ande­re Art und Wei­se mit dem Tod kon­fron­tiert: rea­ler, unmit­tel­ba­rer, weni­ger deko­ra­tiv oder ästhe­tisch.

Sque­let­te dans un lin­ce­ul assis sur un tom­beau Fran­ce, daté 1547, Ivoi­re, H. 9,6 ; L. 8,8 ; Prof. 3 cm, Legs baron­ne Hen­ri de Roth­schild, 1926, Musée des Arts déco­ra­tifs, Paris ©Feli­pe Ribon

Quis eva­det“ (Wer über­lebt?) – lau­tet die Inschrift im Sockel eines ihrer Klein­plas­ti­ken, einen Put­to dar­stel­lend, der auf einem Schä­del sitzt und eine Fackel in den Hän­den hält. Ein Gleich­nis der Ver­gäng­lich­keit, so wie das Ver­mächt­nis der Baro­nin de Roth­schild, daß alles im Leben, auch wenn man Geld hat wie Heu, nur für kur­ze Zeit gelie­hen ist…

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geschrieben von

1954 in Wien geboren, ist Autor und Kunstkritiker. Er studierte Philosophie an der Universität Wien und promovierte 1996 in Philosophie im Hauptfach mit der 600 Seiten Dissertation „Diskontinuität und Seinserfahrung“ bei Prof. Kampits, Prof. Mader und Doz. Vetter. Daneben intensives Studium der Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt italienischer Renaisssance bei den Kunsthistorikern Prof. Rosenauer und Prof. Fillitz sowie Grafik bei Prof. Koschatzky. Interesse an griechischer Mythologie, sowie speziellen Bereichen der Kunstgeschichte, Renaissance- und Barockmalerei, sowie profaner Wandmalerei in Mittelmeerraum- und Süditalien, aber auch zeitgenössischer Kunst.

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