Die Fondation Carmignac

»Le Songe d’Ulysse«

Gegrün­det im Jahr 2000 von Édouard Car­mignac, fran­zö­si­scher Unter­neh­mer, CEO und Prä­si­dent der gleich­na­mi­gen Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­ge­sell­schaft, hat die Fon­da­ti­on Car­mignac ihre Wur­zeln in der Samm­lung von mehr als 300 Wer­ken des 20. und 21. Jahr­hun­derts. Der the­ma­ti­sche Schwer­punkt der Samm­lung liegt auf der Kunst­rich­tung Pop-Art und ist aus­schließ­lich aus der Sen­si­bi­li­tät und dem sich stän­dig wei­ter­ent­wi­ckeln­den Geschmack von Édouard Car­mignac ent­stan­den. Die Samm­lung wur­de ohne Vor­ur­tei­le nach Kri­te­ri­en der Unab­hän­gig­keit, der Lei­den­schaft, der rei­nen Freu­de an der Ent­de­ckung der Kunst­schaf­fen­den und der inter­na­tio­na­len Atmo­sphä­re erschaf­fen und umfasst Wer­ke von Andy War­hol, Roy Lich­ten­stein, Jean-Michel Bas­qui­at, Ger­hard Rich­ter und Mar­ti­al Raysse, aber auch Wer­ke jun­ger auf­stre­ben­der Talente.

Neben dem Bestre­ben, die Samm­lung der Öffent­lich­keit zugäng­lich zu machen und jun­ge Kunst­schaf­fen­de durch eine Akqui­si­ti­ons­po­li­tik zu unter­stüt­zen, hat Édouard Car­mignac 2009 den Car­mignac Pho­to­jour­na­lism Award ins Leben geru­fen. Der Preis finan­ziert jähr­lich mit 50.000 Euro eine Foto-Repor­ta­ge zu den The­men Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und Mei­nungs­frei­heit in der Welt. Die Stif­tung för­dert den Preis sowohl durch die Pro­duk­ti­on einer Mono­gra­phie als auch durch die Rea­li­sie­rung einer Wan­der­aus­stel­lung. Das Ziel ist es, Kri­tik­punk­te und Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Gegen­wart ins Ram­pen­licht zu rücken.

Außer­dem ent­wi­ckelt die Stif­tung seit dem Jahr 2018 ihr kul­tu­rel­les Ange­bot an einem Ort, der für die Öffent­lich­keit zugäng­lich ist. Vil­la Car­mignac erstreckt sich auf über 2000 Qua­drat­me­tern auf einem 15 Hekt­ar gro­ßen Anwe­sen, das vom bekann­ten Land­schafts­ar­chi­tek­ten Lou­is Ben­ech ent­wor­fen wur­de und Besu­chen­de im Her­zen eines Natur­schutz­ge­bie­tes auf der Insel Por­quer­ol­les emp­fängt. Die Insel ist die größ­te des Archi­pels der Insel­grup­pe von Hyè­res in Süd­frank­reich, die selbst ein Natur­schutz­ge­biet ist. Zusam­men mit den im Park instal­lier­ten Dau­er­wer­ken beher­bergt die Vil­la jedes Jahr eine Wech­sel­aus­stel­lung und ein reich­hal­ti­ges Kul­tur­pro­gramm. Dem Publi­kum wird dabei ein ein­zig­ar­ti­ges Erleb­nis gebo­ten, das Kunst und Natur vereint.

In die­sem Jahr, bis zum 16. Okto­ber 2022, bie­tet die Stif­tung mit »Le Son­ge d’Ulysse« eine immer­si­ve Aus­stel­lung, die frei von Homers Odys­see inspi­riert ist. Die Aus­stel­lung ermög­licht den Blick auf 70 Wer­ke der Fon­da­ti­on Car­mignac, inter­na­tio­na­le Leih­ga­ben und neue Pro­duk­tio­nen. Das von Fran­ces­co Stoc­chi, dem ehe­ma­li­gen Kura­tor des Muse­ums Boij­mans van Beu­n­in­gen und des Schwei­zer Pavil­lons auf der Bien­na­le von Vene­dig 2022, kura­tier­te Aus­stel­lungs­pro­jekt ver­wan­delt die Vil­la Car­mignac in ein Laby­rinth. Besu­chen­de, die wie Odys­seus die Gren­zen der rea­len Welt über­schrei­ten, ver­lie­ren in die­sem die räum­lich-zeit­li­chen Koor­di­na­ten. Dank schein­bar zufäl­li­ger Bau­grup­pen und Kom­bi­na­tio­nen ent­wi­ckelt Stoc­chi einen küh­nen und eigen­wil­li­gen Dia­log über die ewi­gen The­men: Rei­sen, Zeit, Ver­füh­rung und das Unge­heu­er­li­che. Die Aus­stel­lung beginnt und endet mit der Figur der Pene­lo­pe, die in zwei gro­ßen Wer­ken von Mar­ti­al Raysse dar­ge­stellt wird: Das ers­te Werk »Fai­re et Défai­re Pene­lo­pe that’s the rules« (1966), das hier zum ers­ten Mal der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert wird, ver­viel­facht das Gesicht der Frau und gibt einen obses­si­ven Blick­win­kel frei. Das zwei­te Werk hin­ge­gen schreibt ihr in einer bei­spiel­lo­sen per­spek­ti­vi­schen Ver­schie­bung fol­gen­de Wor­te zu: »Ulys­ses, why do you come so late poor fool?«. In die­sem Laby­rinth kön­nen Besu­chen­de auf weib­li­che Figu­ren wie die von Roy Lich­ten­stein, Andy War­hol und Cin­dy Sher­man sto­ßen, um nur eini­ge zu nen­nen, oder sich in der Mehr­deu­tig­keit des Ver­lan­gens wie­der­erken­nen, wie es das außer­ge­wöhn­li­che Ensem­ble von Carol Rama dar­stellt. Sie kön­nen in die monu­men­ta­le Instal­la­ti­on von Segel­boo­ten ein­tau­chen, die von Jor­ge Peris ent­wor­fen wur­de, oder über die Krea­tur von Arcan­ge­lo Sas­so­li­no stau­nen, die jeden Tag einen Kno­chen in der Aus­stel­lungs­hal­le mahlt. Sie kön­nen die obe­re Eta­ge der Vil­la errei­chen, die gewölb­te Log­gia, die von der Video­in­stal­la­ti­on »Ulys­ses: ECHO scan sli­de bot­t­le« (1998) von Wil­liam Ken­tridge zu einer medi­ta­ti­ven Stil­le gezwun­gen wur­de, oder sie kön­nen erstau­nen, wenn sie im Gar­ten dem impo­san­ten Bison von Adrián Vil­lar Rojas oder der anthro­po­mor­phen 3‑D-Krea­tur, halb Mensch und halb Hund, von Oli­ver Laric begeg­nen. Und wenn Besu­chen­de die Rei­se nur einen Stein­wurf von der Vil­la ent­fernt in der Fes­tung von Sain­te-Aga­the fort­set­zen, kön­nen sie sich von der poe­ti­schen Visi­on der schwe­ben­den Wol­ken des Künst­lers Lean­dro Erlich beein­dru­cken lassen.

Charles Car­mignac, Pho­to Jean Picon 

Anläss­lich der Eröff­nung der Aus­stel­lung stell­ten wir Charles Car­mignac, Édouards Sohn, eini­ge Fra­gen. Charles über­nahm 2017 die Lei­tung der Car­mignac Ges­ti­on Cor­po­ra­te Foun­da­ti­on und der Vil­la Carmignac.

FRANCESCA INTERLENGHI: Ich möch­te gleich zu Anfang fra­gen, wie sich Ihre Bezie­hung zur Kunst im Lau­fe der Jah­re ent­wi­ckelt hat und wie wich­tig Ihr fami­liä­rer Hin­ter­grund dabei war.

CHARLES CARMIGNAC: Kunst war schon immer ein Teil mei­nes Lebens, seit ich, als ich noch klein war, mei­nen Vater in Muse­en, Gale­rien und auf Mes­sen auf der gan­zen Welt beglei­te­te. Als ich auf­wuchs, ent­wi­ckel­te ich eine star­ke Ver­bin­dung zur Musik. Die­se ging so weit, dass ich eine eige­ne Folk-Rock-Band grün­de­te, die Moriar­ty. Zwan­zig Jah­re lang wid­me­te ich mich voll und ganz die­ser Akti­vi­tät und spiel­te live bei mehr als tau­send Kon­zer­ten. Kunst und Musik sind für mich zwei Ele­men­te, die untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Gleich­zei­tig fas­zi­niert mich als äußerst neu­gie­ri­ger und krea­ti­ver Mensch jedoch alles, was die­se The­men berührt. So zum Bei­spiel auch das Schrei­ben. Ich glau­be, dass es mir am Ende wirk­lich dar­um geht, Geschich­ten zu erzäh­len. Als ich anfing, mich für das Pro­jekt der Stif­tung zu inter­es­sie­ren, kann­te ich die Insel Por­quer­ol­les, die­sen außer­ge­wöhn­li­chen Ort, noch nicht. Die Kraft der Natur und der Spi­ri­tua­li­tät des Ortes haben mich in vie­ler­lei Hin­sicht ver­än­dert. Sie haben mir erlaubt, eine Brü­cke zwi­schen mir und mei­nem Vater zu errich­ten und vie­le Aspek­te sei­ner Per­son zu ent­de­cken, die ich vor­her nicht kann­te. Heu­te ste­hen wir uns wirk­lich nah und arbei­ten erfolg­reich zusam­men. Nicht nur unter uns, son­dern auch mit dem Rest der Insel, zum Bei­spiel durch den Beginn von Part­ner­schaf­ten mit loka­len Fes­ti­vals, die Unter­stüt­zung der Ver­an­stal­tung Jazz à Por­quer­ol­les und die Orga­ni­sa­ti­on einer gan­zen Rei­he von Akti­vi­tä­ten im Zusam­men­hang mit der Vil­la. Zu die­sen gehö­ren Abend­essen in der Natur, ein Open-Air-Kino und Spa­zier­gän­ge bei Mond­schein, um eine Ver­bin­dung zwi­schen Besu­chen­den und dem Ort herzustellen.

Was ist Ihr Ansatz in Bezug auf die Sam­mel­lei­den­schaft und wel­chen Bei­trag haben Sie zur Samm­lung geleistet?

Ich glau­be, mein Vater und ich haben zwei unter­schied­li­che Bli­cke auf die Kunst, die ein­an­der jedoch ergän­zen. Sein Antrieb und das Kri­te­ri­um hin­ter der Zusam­men­stel­lung der Samm­lung ist die Emo­ti­on. Wenn ein Werk ihn berührt, geschieht es sofort, spon­tan und direkt. Eine Ener­gie, die ihn erleuch­tet und die nicht viel Erklä­rung braucht, um ver­stan­den zu wer­den. Die Samm­lung spie­gelt ihn wider. Sie ent­hält sei­ne Iden­ti­tät, sei­nen Geschmack sowie sei­ne Stim­mun­gen. Eklek­tisch inso­fern, als dass er bekann­te Kunst­schaf­fen­de mit ande­ren auf­stre­ben­den Künst­lern und Künst­le­rin­nen zusam­men­bringt, ohne sich spe­zi­ell auf eine Epo­che oder ein geo­gra­fi­sches Gebiet zu kon­zen­trie­ren. Ich für mei­nen Teil, der ich letz­tes Jahr eine eige­ne Samm­lung begon­nen habe, die jetzt unge­fähr 50 Stü­cke umfasst, wer­de im Gegen­satz zu mei­nem Vater auch sehr von der Kon­zept­kunst ange­zo­gen. Ich inter­es­sie­re mich für Wer­ke, die nicht sofort ent­zif­fer­bar sind, die nicht gleich alles ent­hül­len, son­dern mehr auf einer unbe­wuss­ten oder rät­sel­haf­ten Ebe­ne wir­ken. Die­se Kom­ple­men­ta­ri­tät zwi­schen uns kann mei­ner Mei­nung nach einen Mehr­wert für den wei­te­ren Auf­bau der Samm­lung Car­mignac darstellen.

Die Natur ist ein wesent­li­ches Ele­ment die­ses Pro­jekts. Die Ver­bin­dung, die hier zwi­schen Natur und Kunst besteht, hat etwas gera­de­zu Sakra­les. Kön­nen Sie mir davon erzählen?

Es geht nicht nur dar­um, in die Vil­la Car­mignac zu kom­men, um die Aus­stel­lun­gen zu genie­ßen. Es han­delt sich um einen viel kom­ple­xe­ren und tie­fe­ren Pro­zess, den wir ver­su­chen zu akti­vie­ren. Die­se Insel ist ein Natur­schutz­ge­biet mit einer ganz beson­de­ren Ener­gie. Die Kunst kann dazu bei­tra­gen, die­se Ener­gie zu ver­viel­fäl­ti­gen. Wenn wir gleich­zei­tig ein Gefühl der Zuge­hö­rig­keit her­vor­he­ben, könn­ten wir von Lie­be zu allem, was uns umgibt, zu allen ande­ren Lebe­we­sen spre­chen. Die Kunst kann die­ses Gefühl des Respekts und der Lie­be ent­wi­ckeln und ver­stär­ken, indem sie die Men­schen mit der Natur und mit sich selbst ver­bin­det. Dies geschieht auch in Über­ein­stim­mung mit einer spi­ri­tu­el­len Kom­po­nen­te, die ins­ge­samt die Dimen­si­on des Pro­jekts kennzeichnet.

Abschlie­ßend, was waren die Grün­de, die Sie dazu ver­an­lass­ten, Fran­ces­co Stoc­chi als Gast­ku­ra­tor für die­ses Jahr zu wählen?

Wir haben Stoc­chi wäh­rend der letz­ten Bien­na­le in Vene­dig getrof­fen. Ich inter­pre­tier­te die­ses Tref­fen auf einer ande­ren Insel sofort als Vor­bo­te einer Rei­se, die wir gemein­sam unter­neh­men könn­ten. Wir schätz­ten sei­nen weit­rei­chen­den Blick, der in der Lage ist, anti­ke Kunst mit zeit­ge­nös­si­scher Kunst zu mischen, sowie sei­ne Fähig­keit, mit wich­ti­gen Samm­lun­gen zu arbei­ten, dar­un­ter eine des Muse­ums Boij­mans van Beu­n­in­gen. Wir waren unmit­tel­bar auf einer Wel­len­län­ge und konn­ten uns sofort auf das von ihm vor­ge­schla­ge­ne The­ma, das Laby­rinth, eini­gen. Als phy­si­scher und men­ta­ler Ort par excel­lence eröff­net es eine intro­spek­ti­ve Rei­se und lädt Betrach­ten­de ein, unter die Ober­flä­che der Din­ge zu tau­chen. Dies ist eine idea­le Fort­set­zung des Weges, der mit den vor­he­ri­gen Aus­stel­lun­gen »The Source« (2019) unter der Lei­tung von Chia­ra Pari­si und »The Ima­gi­na­ry Sea« (2021) von Chris Sharp ein­ge­schla­gen wur­de, die Besu­chen­de in die Tie­fen der Welt unter der Erde und Unter­was­ser drängten.

www.fondationcarmignac.com

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geschrieben von

ist Autorin, unabhängige Kuratorin und Performerin. Sie schreibt für verschiedene Zeitschriften über zeitgenössische Kunst, kuratiert Kunstbücher, Ausstellungskataloge, Ausstellungen der Fotografie und der zeitgenössischen Kunst und verfasst Videokunstkritiken. Seit 2016 ist sie als Performerin tätig. Sie hat an mehreren Videoperformances teilgenommen und öffentliche Performances realisiert, an Kurzfilmen und Filmen mit experimentellem Charakter mitgewirkt, die auf internationalen Festivals präsentiert wurden.

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