Ego Ballerina

Eine Erfahrung, eine Einladung zur Selbstreflexion

Die sym­bo­li­sche Ver­bin­dung zwi­schen Künst­ler und Umfeld, die wah­re Öff­nung der zeit­ge­nös­si­schen Kunst und bewuss­te Intel­lek­tua­li­sie­rung rei­chen bis in das Jahr 1504 zurück, als Par­mi­gia­ni­no mit sei­nem manie­ris­ti­schen „Selbst­bild­nis im Kon­vex­spie­gel“ ein neu­es Kapi­tel des zeit­ge­nös­si­schen Kunst­schaf­fen­den, der zeit­ge­nös­si­schen Kunst an sich, auf­schlug, sowohl aus der Posi­ti­on des Kunst­schaf­fen­den selbst als auch all des­sen, was ihn umgibt. Ein wei­te­res Umden­ken im ästhe­ti­schen Bewusst­sein des Kon­su­men­ten voll­zog sich mit Men­di­nis „Proust Ses­sel“: Die­se barock anmu­ten­de, mit Stoff von Paul Signac bezo­ge­ne Rea­dy-made-Sitz­ge­le­gen­heit über­traf alle bis­he­ri­gen Design­stan­dards des 20. Jahr­hun­derts, bevor sie eine Iko­ne des post­mo­der­nis­ti­schen ita­lie­ni­schen Designs wur­de. So begann unser Zeit­al­ter, in dem Fra­gen nach Zweck­mä­ßig­keit, Funk­tio­na­li­tät, Sinn­haf­tig­keit, Phi­lo­so­phie und Ästhe­tik im Vor­der­grund ste­hen. Genau das ist der Dis­kurs, auf dem sich das Werk der renom­mier­ten ser­bi­schen Desi­gne­rin Ana Cvejic´ und ihrer Schuh­mar­ke Ego Bal­le­ri­na bewegt.

Ana Cvejic´ gehört zur moder­nen Genera­ti­on uni­ver­sel­ler Kunst­schaf­fen­der, denen es vor einem viel­schich­ti­gen, auf­klä­re­ri­schen Bil­dungs­hin­ter­grund auf­grund ihrer Erfah­run­gen, ihres Ein­füh­lungs­ver­mö­gens und Talen­tes gelingt, ihre Wer­ke auf allen Ebe­nen zu plat­zie­ren, die das gesell­schaft­li­che Momen­tum ver­langt, damit eine Krea­ti­on, sei es ein Kunst­werk oder ein Gebrauchs­ge­gen­stand, auf dem Markt erkannt und geschätzt wird. Cvejic´ blickt auf fünf­zehn Jah­re Erfah­rung als copy wri­ter und art direc­tor zurück und ist somit als Kunst­schaf­fen­de ihren Kol­le­gen aus der Krea­tiv­in­dus­trie weit vor­aus, weil sie in ihre Pro­jek­te ihre gesam­te Erfah­rung ein­brin­gen kann − ange­fan­gen von der Idee und deren Umset­zung, über zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on bis hin zur fina­len Gestal­tung des Pro­dukts.

Ego Bal­le­ri­na ent­stand aus purer Lei­den­schaft für Mode und Details, die die Künst­le­rin seit frü­hes­ter Kind­heit in sich spür­te. Ein ers­ter kla­rer Indi­ka­tor für ein Mode­mär­chen war ihre Diplom­ar­beit an der Kunst­aka­de­mie, „Ana Shoes“, mit der sie den Kunst­preis gewann. Die­ser wie­der­um öff­ne­te ihr die Türen zur Wer­be­welt, in der sie eini­ge Jah­re tätig war. Die Arbeit mit ein­hei­mi­schen Kun­den und inter­na­tio­na­len Unter­neh­men führ­ten sie in die Selb­stän­dig­keit, als sie 2014 ihre „Ana Cvejic´ Idea bou­tique“ eröff­ne­te, ein mul­ti­dis­zi­pli­nä­res Stu­dio mit einem umfas­sen­den Gesamt­kon­zept, aus dem her­aus Ego Bal­le­ri­na ent­stand, das sich neben Schu­hen auch mit Innen­aus­stat­tung befasst. Der Grund­ge­dan­ke und die Basis ihrer Arbeit, mit der sie visu­el­le Iden­ti­tä­ten, Mar­ke­ting-Kam­pa­gnen, neue Medi­en oder Schu­he kre­iert, ist das rei­ne Design, das den Nut­zer zu Selbst­re­fle­xi­on ani­miert.

Ein Mode­ge­gen­stand, ein Detail, ein Schuh – ent­wor­fen für ein aus­ge­wähl­tes und klar defi­nier­tes Publi­kum, das sich durch intel­lek­tu­el­le Raf­fi­nes­se aus­zeich­net und sich nicht für sei­ne Ent­schei­dung zu die­sem Mode­ob­jekt recht­fer­ti­gen muss − offen­bart und mate­ria­li­siert jenes künst­le­ri­sche Schaf­fen, das sich dank sei­ner Viel­schich­tig­keit und Erfah­rung, jener Erfah­rung, die sowohl anti­ke Mime­sis als auch post­mo­der­ne Intrig­anz umfasst, auf der Schie­ne Künst­ler – Werk – Publi­kum bewegt. Cvejic´s Kon­zept beruht auf der Balan­ce von Ästhe­tik, Phi­lo­so­phie, Psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie und ist von A bis Z klar umris­sen: ange­fan­gen von der Mar­ke EGO, über das Spiel der Far­ben auf den Bal­le­ri­nas, bis hin zur Sel­fie-Per­so­na­li­sie­rung, die die Schu­he zu einem Uni­kat machen. Eine breit­ge­fä­cher­te Ego­struk­tur, die sich in reins­ter Form im Werk und in der Per­son der Künst­le­rin wider­spie­gelt, über­trägt sich gera­de­zu auf den Nut­zer von Cvejic´s Kunst, den sophisti­ca­ted con­su­mer, der Kunst um der Kunst wil­len liebt, und lädt ihn ein in eine Welt von schein­bar süßem Kom­fort, aus der eben die­ses Ego wider­hallt, als flüs­te­re es „Try me“.

Inter­na­tio­nal von New York bis Mos­kau gefei­ert und aus­ge­zeich­net (Epi­ca, Gol­den Drum, The Glo­bal Awards NY, Cen­tral Euro­pe Cris­tal Awards – Fran­ce, Mag­da­le­na), basie­rend auf klas­si­scher künst­le­ri­scher Aus­bil­dung, die sich aus­lebt in Spiel und geschick­tem Umgang mit dem Begriff tra­di­tio­nel­ler Schön­heits­idea­le und visu­el­ler Anre­gung. Die sti­lis­ti­sche Beschrei­bung als visu­el­ler Pro­vo­ka­teur wie Cvejic´ selbst ihre Arbeit bezeich­net, zeigt, wel­chen Weg krea­ti­ves Poten­ti­al neh­men kann, wie Raum geschaf­fen wer­den kann für uner­schro­cke­nen Aus­druck und das, was nicht statt­fin­det − die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Publi­kum und ein Her­aus­kit­zeln von Feed­back, stets bereit, es im nächs­ten künst­le­ri­schen Anlauf für sich selbst zu nut­zen. Das geüb­te Koket­tie­ren mit flo­rea­len Mus­tern, mit Sel­fies in klas­si­schem Ambi­en­te, der häu­fi­ge Griff nach Kom­ple­men­tär­far­ben ist der Weg, auf dem Cvejic´ Emo­tio­nen in gleich­be­rech­tig­te Aus­drucks­for­men zu trans­for­mie­ren sucht. Das stil­si­che­re Spie­len mit baro­cken For­men, Ent­wür­fen aus Pari­ser Salons oder der klas­si­schen Ele­ganz durch­dringt vir­tu­os alles, was aus der Idea-Bou­tique-Welt kommt.

Das Tak­tie­ren mit Kitsch und das bewuss­te Mei­den jeg­li­cher Kon­ven­tio­nen erin­nert an Par­mi­gia­ni­nos ver­grö­ßer­te Hand am Rand sei­nes Selbst­bild­nis­ses, mit dem der gro­ße Meis­ter der Renais­sance sei­nen Abschied als Hand­wer­ker und sei­nen Ein­stieg als intel­lek­tu­el­ler Künst­ler bekannt­gibt: Es ist jene Ebe­ne, auf der Cvejic´ unter Ver­wen­dung der Iko­no­gra­phie der Sel­fie-Kul­tur Kri­tik übt an Ober­fläch­lich­keit, Mit­tel­mä­ßig­keit, popu­lis­ti­schem Stan­dard und der Deva­lo­ri­sie­rung künst­le­ri­scher Wer­te.

Die viel­schich­ti­ge Erkennt­nis von der Macht von Kitsch, des­sen geziel­ter Ein­füh­rung in die Welt der hohen Kunst und des Designs im Lauf des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, vom sozio­lo­gi­schen Enga­ge­ment der „Glücks­kunst“, aber auch der Geschich­te der Mode und des Designs ist es, was Ana Cvejic´ sehr wohl kennt und ein­setzt, um eine auf den ers­ten Blick sen­ti­men­ta­le Welt roman­ti­sie­ren­der Emp­fäng­lich­keit zu schaf­fen, hin­ter der die Fra­ge nach dem Sinn künst­le­ri­schen Han­delns, sei­ner gesell­schaft­li­chen und psy­cho­lo­gi­schen Bedeu­tung steht. Denn ein Bal­le­ri­na mit schwarz-wei­ßem Sel­fie-Auf­druck, umrankt von roten Rös­chen und blatt­lo­sen Zwei­gen, ist eine viel­sa­gen­de Bot­schaft des Trä­gers die­ser Schu­he – eine höhe­re Bewusst­seins­ebe­ne, kul­turo­lo­gi­sches Selbst­be­wusst­sein, ja sogar der gesell­schaft­li­che Sta­tus wer­den der Wahl des künst­le­risch gestal­te­ten Gebrauchs­ge­gen­stan­des unter­ge­ord­net – der Ego-Bal­le­ri­na.

Ori­gi­na­li­tät, die stets ein­her­geht mit uner­müd­li­chem Ein­satz, per­ma­nen­te Lern­be­reit­schaft, aus­ge­präg­te hand­werk­li­che Bega­bung und vor allem Offen­heit gegen­über neu­en Erfah­run­gen sowie Fin­ger­spit­zen­ge­fühl waren Weg­be­rei­ter für Cvejic´s beruf­li­che Selb­stän­dig­keit und ihre Teil­nah­me an zahl­rei­chen Designund Mode­wo­chen, spä­ter dann auch bei Aus­schrei­bun­gen, wie Cin­der­thril­ler im Rah­men des i‑D Maga­zins & Alber­to Guar­dia­ni Com­pa­ny, wo es ihre Schu­he für den „Modes­kla­ven“ (Fashion Pri­so­ner) unter die Top 10 schaff­ten, mit der Mode-Iko­ne Anna Del­la Rus­so in der Jury. Es folg­te die Auf­nah­me von Ego Bal­le­ri­na in den Work­man NY Publi­shing Shoe Calen­dar für 2017. Damit stieg Cvejic auf in den inner cir­cle der 365 krea­tivs­ten Schuh­de­si­gner welt­weit.

Pro­vo­ka­ti­on ist es, was aus allen Poren die­ses Kunst­ob­jekts, der Bal­le­ri­na, ent­ge­gen­strahlt. Und doch ist es vor allem Cvejic´s Ansatz, höchs­tem Stan­dard in Fer­ti­gung und Pro­dukt­prä­sen­ta­ti­on zu genü­gen, Schu­he, die in einem luxu­riö­sen, mit Plüsch aus­ge­schla­ge­nen Schuh­kar­ton ihren mate­ri­el­len Sta­tus unter­strei­chen. Hin­ga­be, ein durch­dach­tes Kon­zept und Kon­se­quenz in der Aus­füh­rung, ohne Rück­sicht und ohne Kom­pro­mis­se für die Fer­ti­gung eines Paars Schu­he, die mit­un­ter auch bis zu drei Wochen Arbeit in Anspruch neh­men kann, sind neben der Aus­wahl des natür­li­chen Mate­ri­als, feins­ten Leders, Teil des aktu­el­len Trends, der bereits seit mehr als einem Jahr­zehnt an der Spit­ze der inter­na­tio­na­len Krea­ti­ven die Rück­kehr zum tra­di­tio­nel­len arts&crafts in Fer­ti­gung und Wert­schät­zung for­dert. Die Indus­trie macht den Weg frei für manu­el­le Fer­ti­gung. „Do less, but bet­ter“ ist die Maxi­me von Künst­lern mit gro­ßem Selbst­be­wusst­sein, auf den Flü­geln der eige­nen Erfah­rung, hand­werk­li­cher Geschick­lich­keit und ins­be­son­de­re künst­le­ri­scher Hal­tung. Moder­ne Tech­no­lo­gie gepaart mit manu­el­ler Fer­ti­gung und das Tes­ten feins­ter Mate­ria­li­en mit der Idee, ein Cus­tom-Pro­dukt zu schaf­fen, sind die Vor­aus­set­zung für die­sen sty­lis­hen Gegen­stand, der – ein­ge­hüllt in eine Samt­box in Hand­ta­schen­for­mat − ahnen lässt, dass bis ins kleins­te Detail geplant wur­de, wie der Schuh im Fokus des­sen ist, der bereit ist, einen Teil sei­nes Egos auf ein Mode­stück zu über­tra­gen und damit zu wir­ken.

Die Bereit­schaft, sich zu fra­gen, war­um man unzäh­li­ge Sel­fies macht und wel­cher Unter­schied zwi­schen einem T‑Shirt mit Mari­lyn-Mon­roeo­der Audrey-Hepburn-Auf­druck besteht, lässt den geneig­ten Nut­zer in Über­tra­gung auf Bal­le­ri­nas mit dem eige­nen Kon­ter­fei in die Rei­he jener auf­rü­cken, die mit Recht eine sol­che Hal­tung zur Schau tra­gen (state­ment object), gleich all jenen, die sich in den 80er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts mutig in einen Men­di­ni-Ses­sel fläz­ten.

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geschrieben von

*1976, geboren in Novi Sad (Serbien), wo sie auch ihren Abschluss an der Kunstakademie machte. Als DAAD-Stipendiatin studierte sie an der Universität Kassel. Seit über fünfzehn Jahren ist sie für Printmedien tätig. Derzeit veröffentlicht sie Beiträge zu visueller Kultur, organisiert Ausstellungen zeitgenössischer abstrakter Gegenwartskunst und hat ihre eigene Schmuckmarke geschaffen.

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