Ein Bahnbrecher am Pulsschlag des Weltgeists

Ein Gespräch mit Hubert von Goisern

Was ist wahr? Was ist falsch? Was sitzt schief – und wird es je wie­der gera­de? Im Lied „Mei­ner Seel‘“ singt Hubert von Goi­sern über das Ver­schwim­men von Wahr­heit und Mei­nung, dass Schwarz und Weiß manch­mal eben nur Far­ben sind, dass man Ver­trau­en haben soll. Hubert von Goi­sern ver­traut vor allem sich selbst, er geht sei­nen Weg, auch mit dem neu­en Album „Zei­chen und Zei­ten“, das von Opern­ge­sang bis Rap so ziem­lich alle musi­ka­li­schen Gen­res ver­bin­det. Er ist seit Jahr­zehn­ten einer der bahn­bre­chen­den Lie­der­ma­cher, hat Ideen, die sonst kei­ner hat und er inspi­riert ande­re Men­schen dazu, eben­falls ihren eige­nen Weg zu gehen. Hubert von Goi­sern ver­kör­pert den authen­ti­schen Pio­nier­geist eines Künstlers.

Im vir­tu­el­len Raum haben wir ihn wäh­rend der Vor­be­rei­tun­gen die­ser Aus­ga­be getrof­fen und uns mit ihm über sei­ne Rei­sen, Erfah­run­gen, Pro­jek­te und die aktu­el­le Situa­ti­on unter­hal­ten, die er nutzt, um Zeit in der Natur zu ver­brin­gen, in der er aber auch die sozia­len Kon­tak­te und Begeg­nun­gen misst: „Das Gegen­über zu spü­ren, das geht mir ab.“ Das Zeit­ge­sche­hen beschäf­tigt ihn als Künst­ler, aber noch viel mehr als Mensch und mit Nach­druck weist er dar­auf hin, was die Mensch­heit jetzt braucht: „Ein neu­es soli­da­ri­sches Gefühl, das sich über die gan­ze Welt erstreckt. Wir hän­gen alle zusam­men, wir haben die­sel­ben Ängs­te, Hoff­nun­gen und Wün­sche, wir wol­len eine bestimm­te Sicher­heit, Auf­ga­ben, die uns for­dern und ab und zu ein Fest fei­ern. Egal wo auf der Welt ich war und bin, wol­len die Men­schen das­sel­be, da brau­chen wir kei­ne Feind­bil­der aufzubauen.“
Bereits als 5‑Jähriger hat­te Hubert Ach­leit­ner, so lau­tet sein Geburts­na­me, den Traum, Diri­gent eines Blas­mu­sik­or­ches­ters zu wer­den. Heu­te ist er zwar nicht Diri­gent eines Orches­ters, aber er koor­di­niert vie­le Musi­ker um sich her­um, die ihn dabei unter­stüt­zen, sei­ne Visio­nen musi­ka­lisch umzu­set­zen. Ein Leben als Diri­gent hät­te sta­tio­när ver­lau­fen müs­sen, um in einer Dorf­ge­mein­schaft kon­ti­nu­ier­lich mit­zu­wir­ken. Dazu wäre der jun­ge Hubert nicht fähig gewe­sen. „Ich bin ein unru­hi­ges Rei­se­we­sen und nach wie vor, wenn ich nichts zu tun habe, den-ke ich sofort drü­ber nach, wo ich denn hin­ge­hen könn­te, wo es etwas zu tun gibt für mich.“ Genau mit die­sem The­ma begin­nen wir auch unser Gespräch, mit der Rei­se­lust eines Pioniers.

Anfang Ihrer Zwan­zi­ger­jah­re sind Sie schon um die Welt gereist und haben sich das Rei­sen – auch in durch­aus exo­ti­sche Gebie­te – bis heu­te bei­be­hal­ten. Inwie­fern ist die­ses Ken­nen­ler­nen ande­rer Kul­tu­ren essen­ti­ell für Ihre Musik und Kompositionen?

HUBERT VON GOISERN: Ich weiß gar nicht, in-wie­weit es für mei­ne Musik wich­tig war, dass ich die­se Rei­sen gemacht habe, aber für mich, für mein Lebens­ge­fühl, für mein Ver­ständ­nis für die­se Welt war es schon wich­tig zu sehen, was noch alles mög­lich ist und die­se Bunt­heit der Welt zu erfah­ren, die­se Ver­bun­den­heit zu spü­ren. Ich den­ke, dass man­che Men­schen das nicht benö­ti­gen, um ein Welt­ge­fühl auf­zu­bau­en, aber ich habe es gebraucht. Es gibt sicher auch Men­schen, die ihre Rei­sen im Kopf machen, Bücher lesen. Ich habe Freun­de, die nur klei­ne Krei­se zie­hen und ein groß­ar­ti­ges Mit­ge­fühl für ande­re Kul­tu­ren haben. Für mich war es wich­tig, es am eige­nen Leib zu erfah­ren. Ich mag es ger­ne, wohin zu gehen, wo ich gezwun­gen bin, mich an-zupas­sen und ganz wach zu sein, um zu sehen, was erlaubt ist und was nicht. Zuhau­se ist das Leben manch­mal wie ein Auto­pi­lot, man weiß, wo man auf­pas­sen muss und wo man frech sein darf. Wenn man aber woan­ders ist, sind alle Sin­ne gefor­dert und das mag ich sehr. Ich lau­sche ger­ne den Geschich­ten der Men­schen und wenn sie neu­gie­rig sind, erzäh­le ich auch ger­ne mei­ne Geschichte.

Sehen Sie da viel­leicht doch eine Brü­cke zur Musik?

HUBERT VON GOISERN: Beim Kom­po­nie­ren kommt das raus, was in einem drin­nen steckt. Es ist ein Lebens­ge­fühl, das sich einen Aus­druck ver­schafft. Es gibt natür­lich vie­le Instru­men­te und Klän­ge, die man auf Rei­sen hört. Ich mag es aber nicht, alles zu ver­mi­schen. Es muss nicht immer eine gegen­sei­ti­ge Befruch­tung geben, viel­mehr eine gegen­sei­ti­ge Neu­gier und Respekt. Wohin zu fah­ren, um dann einen Mikro­kos­mos zu suchen, wo es so ist, wie man es gewohnt ist, das ist für mich abso­lut die fal­sche Art zu reisen.

Auch Tibet und der Dalai Lama sind Teil Ihres Lebens – wie kam es zu die­ser Begeg­nung mit die­ser Kul­tur und was ver­bin­den Sie mit Tibet?

HUBERT VON GOISERN: Zufall. Ich war Ende 1995 in einem Hotel in Saal­fel­den und habe Musik pro­du­ziert. Damals gab es noch Fax und jeden Tag eine gan­ze Wurst Ther­mo­fa­x­rol­le mit Zuschrif­ten, die mir Leu­te geschickt haben, weil sie glaub­ten, ich soll­te mich damit beschäf­ti­gen und habe die­se an der Rezep­ti­on mit­ge­nom­men und in den Papier­korb gestopft, ohne irgend­et­was zu lesen. Eines Tages stand ein Stück aus dem Mist­kü­bel raus und ich las dar­auf Tibet. Den Teil habe ich her­aus-genom­men und ein paar Tage spä­ter durch­ge­le­sen. Es han­del­te sich um die Anfra­ge einer tibe­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on einer Tibe­te­rin, die mich gebe­ten hat, die Schirm­herr­schaft für eine Grup­pe tibe­ti­scher Künst­le­rin­nen und Künst­ler, Musi­ker, Tän­zer zu über­neh­men und zwar auf ihrer Tour durch Öster­reich. Ich habe dann ange­ru­fen und der Dame erklärt, dass ich den­ke, dass es nicht viel brin­gen wird, nur mei­nen Namen auf das Pla­kat zu set­zen, und ihr vor­ge­schla­gen, die Tour als Gast­ge­ber zu beglei­ten. Das ers­te Kon­zert wur­de in Telfs gespielt und ich war hin und weg. Zwei Wochen bin ich mit der Künst­ler­grup­pe durch Öster­reich gefah­ren und je mehr Auf­trit­te ich gese­hen habe, des­to weni­ger hat­te ich das Gefühl zu ver­ste­hen, wor­um es da geht. Am Anfang war es mys­tisch, fremd, exo­tisch und sehr erhe­bend, aber ich bin nicht dahin­ter gekom­men, wie die­se Künst­ler musi­zie­ren und wie sie ihre Kom­po­si­tio­nen anle­gen und wie sie sich koor­di­nie­ren, aber ich war fas­zi­niert. Alle­samt waren im Exil gebo­ren, also schon ihre Eltern waren nach der Anne­xi­on durch Chi­na geflüch­tet. Die­se Leu­te haben mir vie­le Geschich­ten über Tibet erzählt und ich habe gesagt: „Ihr wart selbst noch nie dort und ihr erzählt, wie schlimm die chi­ne­si­sche Herr­schaft ist, aber so wie ihr das schil­dert, ist das sicher über­trie­ben.“ Als die Tour vor­über war, nur zwei Wochen spä­ter, stand ich in Tibet, weil ich neu­gie­rig war. Es war lei­der noch viel schlim­mer als in den Erzäh­lun­gen. Ja, Tibet ist ein groß­ar­ti­ges Land und die Tibe­ter sind es eben­so, aber die­ses beklem­men­de Gefühl der Unfrei­heit ist omni­prä­sent: die­se unglaub­li­che Arro­ganz der chi­ne­si­schen Besat­zung, ich erleb­te die meis­ten als chau­vi­nis­ti­sche Kotz-bro­cken, so wie sie mit den Ein­hei­mi­schen um-gin­gen. Jeder Chi­ne­se ist nur dort, um gutes Geld zu ver­die­nen. Aber das Land ist bei aller Schön- und Erha­ben­heit karg und hart, wenn du das nicht magst, dann bekommt es dir nicht gut. Die Chi­ne­sen haben das Land gehasst. Tibet ist eine gro­ße Wun­de, und lei­der nicht die ein­zi­ge die­ser Welt.

© Ste­fan Wascher

Als Pio­nier muss man immer bereit sein, ein Tabu zu bre­chen. Eini­ge Leu­te füh­len sich dann unter Umstän­den bedroht, weil sie den­ken, es ist ein augen­zwin­kern­der Auf­ruf, die­ser Idee eben­falls zu fol­gen, was es aber nicht ist. 

IIhre Kunst hat ein­deu­tig Pio­nier­geist, wes­halb wir Sie als Gesprächs­part­ner zu die­ser Aus­ga­be ein­ge­la­den haben. Pio­nie­re haben es ja in der Regel nicht ein­fach, weil sie sich getrie­ben von Neu­gier auf Wege bege­ben, die noch nicht exis­tie­ren. Da stößt man auch manch-mal auf Wider­stand, Kri­tik und Unver­ständ­nis. Wür­den Sie dem zustim­men oder war Ihr Weg als Pio­nier anders?

HUBERT VON GOISERN: Dem stim­me ich schon zu, aber es ist kein Lei­dens­weg! Das ist eben das Milieu, in dem man als Pio­nier lebt. Ich kann nicht damit rech­nen, dass ich etwas mache, was noch kei­ner gemacht hat und es dann alle ganz toll fin­den und sagen: „Ja unbe­dingt, das brau­chen wir!“ Bei man­chen löst es Neid aus, weil sie auch ger­ne auf die­se Idee gekom­men wären und da hät­te man dann lie­ber, dass sich alle an die­se Tabus hal­ten. Als Pio­nier muss man immer bereit sein, ein Tabu zu bre­chen. Eini­ge Leu­te füh­len sich dann unter Umstän­den bedroht, weil sie den­ken, es ist ein augen­zwin­kern­der Auf­ruf, die­ser Idee eben­falls zu fol­gen, was es aber nicht ist. Ich möch­te mei­nen Ideen fol­gen, musi­zie­ren und kom­po­nie­ren, wie ich das möch­te. Ich bin froh, wenn ich der Ein­zi­ge bin, der so einen Stil ver­folgt und dass ich eini­ge Men­schen inspi­rie­re und zwar dazu, den eige­nen Weg zu gehen und nicht den meinen.

So war es doch auch mit der Zieh­har­mo­ni­ka – die ist doch durch Ihr Zutun in ein ande­res Licht gerückt wor­den. Wie haben Sie sich mit die­sem Instru­ment angefreundet?

HUBERT VON GOISERN: Ja, das ist bekannt, dass ich dafür lan­ge gebraucht habe, weil die Zieh­har­mo­ni­ka für mich das Sinn­bild des ewig Gest­ri­gen und Ver­staub­ten war. Inzwi­schen hat sich das schon ver­än­dert und ich glau­be, da habe ich viel­leicht einen klei­nen Bei­trag dazu geleis­tet, die­ses Instru­ment raus­zu­ho­len aus sei­ner ver­staub­ten Ecke. Das war am Anfang auch unser Spruch: „Wir zie­hen den Rech­ten die Leder­ho­sen aus und neh­men ihnen die Zieh­har­mo­ni­ka weg.“ Das war natür­lich ein Blöd­sinn, die­ser Spruch, aber er hat uns damals gefal­len. Ich möch­te nie­man­dem irgend­et­was weg­neh­men und schon gar nicht eine Hose aus­zie­hen. Ich glau­be, dass musi­ka­li­sche Tra­di­tio­nen so etwas wie Spra­chen sind, man­che erstar­ren und ster­ben aus, man­che ver­än­dern sich und leben wei­ter. Mich inter­es­siert das Wei­ter­füh­ren­de, also die Ver­än­de­rung der Traditionen.

Sie schaf­fen es, mit wert­vol­ler authen­ti­scher Musik­kul­tur die Charts zu stür­men – das ist nicht ein­fach, denn Mas­sen bewegt man in der Musik­sze­ne zuneh­mend ein­fa­cher mit bana­len Melo­dien und ein­fa­chen Lied­tex­ten. Wie schaf­fen Sie das, Ihre Zuhö­rer zwar zu for­dern, aber nicht zu über­for­dern – was ist das Geheimnis?

HUBERT VON GOISERN: Ich habe kein Geheim­nis und das bestä­tigt sich auch mit dem aktu­el­len Album, denn das über­for­dert die meis­ten Leu­te, auch so man­chen Kri­ti­ker. Gott sei Dank nicht alle! Ich habe die Men­schen immer gefor­dert, weil ich mich selbst auch her­aus­for­de­re. Ich möch­te nicht in ein Kon­zert gehen, wo ich genau weiß, was da pas­siert. Ich mag mich ver­zau­bern las­sen und um ver­zau­bert zu wer­den, braucht es auch die eige­ne Anstren­gung. Das wird ohne eige­nes Zutun nicht pas­sie­ren und das emp­fin­den dann man­che Men­schen als Anstren­gung, aber eine Anstren­gung ist ein­fach unum­gäng­lich. Wir kom­men ohne Anstren­gung gar nicht zur Welt. Die Geburt ist eine unglaub­li­che Anstren­gung sowohl für die Mut­ter als auch für das Kind. Auf einen Berg zu gehen und oben zu ste­hen und die­ses erha­be­ne Gefühl zu erle­ben, das geht ohne Anstren­gung nicht. Bei der Kunst ist es genau­so. Du musst dich in dein Kunst­werk hin­ein­ar­bei­ten, durch Zuhö­ren, durch Auf­ma­chen und durch die Bereit­schaft, dass mit dir jetzt auch etwas pas­siert. Ich glau­be das letz­te Album ist genau so – in jede Kom­po­si­ti­on ist eine Auf­ga­be ver­wo­ben. Ich mag Musik, die man sich öfter anhö­ren muss und immer wie­der etwas ent­de­cken kann, und ich schrei­be Musik, die mir selbst gefällt, und die ist eben etwas anstren­gend. Ab und zu pas­siert mir so etwas wie „Heast es net“ oder „Weit, weit weg“ oder „Bren­na tuat‘s schon lang“ – aber die meis­ten Sachen sind nicht so schlüpf­rig. (lacht)

Lassen Sie uns ger­ne beim aktu­el­len Album „Zei­ten & Zei­chen“ blei­ben. Es ist freud­voll und dyna­misch, aber auch durch­aus kri­tisch. Wel­che Ideen bün­deln Sie dar­in? Es klingt ja danach, als hät­ten Sie eine Vor­ah­nung gehabt, was auf die Mensch­heit zukommt?

HUBERT VON GOISERN: Ja, das Gefühl hat­te ich dann auch, wie alles fer­tig war – sehr pro­phe­tisch, aber ich wei­se den Gedan­ken von mir, dass ich etwas Pro­phe­ti­sches habe. Ich glau­be, dass alle Künst­ler und auch sen­si­ble Men­schen so etwas wie den Puls­schlag des Welt­geists füh­len und man hat­te ja wirk­lich schon ein paar Jahr­zehn­te das Gefühl, es kann nicht so wei­ter­ge­hen. So wie wir uns beim Ver­kehr immer dach­ten, es kann nicht „mehr“ wer­den und dann ist es trotz­dem immer mehr gewor­den. So ist es auch mit der Umwelt­zer­stö­rung, oder wie vie­le Leu­te auf der Stre­cke blei­ben und eben nichts von die­ser Glo­ba­li­sie­rung haben, die Sche­re geht immer wei­ter aus­ein­an­der. Es kann nicht so wei­ter­ge­hen! Es fühlt sich manch­mal so an, als wür­de sich die Welt als Orga­nis­mus weh­ren, die sich sagt: „Jetzt fah­ren wir da mal mit einem Virus rein.“ Ohne Lei­dens­druck pas­siert bei den Men­schen gar nichts, die meis­ten fan­gen erst zum Beten an, wenn sie wis­sen, dass sie bald ster­ben. Ich habe als Künst­ler das, was da war, umge­setzt in Tex­te und in Musik und dass es dann so treff­si­cher ist, was dann ein hal­bes Jahr spä­ter ein­tritt, ist erstaun­lich, aber nichts, wor­auf ich mir was ein­bil­de, denn ich hät­te es auch lie­ber anders.

Das Album Cover von „Zei­ten & Zei­chen“ hat uns über­rascht, Hubert von Goi­sern ver­ewigt auf einem Graf­fi­ti an einer brö­ckeln­den Haus­wand – kön­nen Sie uns dazu etwas sagen, war­um wur­de die­ses Sujet gewählt?

HUBERT VON GOISERN: Ich woll­te das genau­so haben. Ich woll­te ein Graf­fi­ti haben, pas­send zum Titel des Albums, Zei­chen an den Wän­den. Ich bin ein gro­ßer Fan von Bank­sy, mir gefällt die­ses Zwei­di­men­sio­na­le, in dem man als Betrach­ter erst die drit­te Dimen­si­on dazu bringt. Robert Rot­ten­stei­ner hat das Graf­fi­ti ent­wor­fen und Ste­fan Wascher das Com­po­sing umge­setzt. Ich freue mich sehr, dass die­se Idee so auf­ge­gan­gen ist und dass die krea­ti­ven Gra­fi­ker auch etwas damit anfan­gen konn­ten. Am liebs­ten hät­te ich es tat­säch­lich ger­ne als Ori­gi­nal auf der Wand, aber das ist zu auf­wen­dig, weil die­ses Gebäu­de, das eine alte Braue­rei ist, wahr­schein­lich bald weg­ge­ris­sen wird.

Auf Ihrem Album tau­schen Sie sich auch inten­siv mit ande­ren Künst­lern aus – das war doch wahn­sin­nig auf­wen­dig, oder?

HUBERT VON GOISERN: Das hat sich alles erge­ben. Mit vie­len Künst­lern woll­te ich schon län­ger etwas gemein­sam machen und man­che Begeg­nun­gen haben dann zu Mög­lich­kei­ten geführt, die ich ergrif­fen habe. Als wür­de man einen gro­ßen Fluss mit Strom­schnel­len hin­un­ter­tan­zen und die Chan­ce unter­zu­ge­hen ist eigent­lich viel grö­ßer, als dass man da durch­kommt, und trotz­dem ging alles wie von selbst. Das ist rich­tig geflutscht. Es gab weni­ge Pro­duk­tio­nen, die unter einem so guten Stern stan­den, als letz­ten Endes die­se Covid-Geschich­te wäh­rend des Mischens dazu kam, dach­te ich mir, hab ich ein Glück, dass ich mich mit die­ser Musik kom­plett zurück­zie­hen und sie ohne Ablen­kung fer­tig-stel­len kann. Die Kom­po­si­tio­nen sind über einen lan­gen Zeit­raum ent­stan­den, ich wür­de sagen, vier Jah­re, wo ich mir die Ideen notiert habe, die ich hat­te. Als die Pro­duk­ti­on star­te­te, habe ich mir mit mei­nem Kopro­du­zen­ten und Ton­in­ge­nieur zusam­men die Song­ideen durch­ge­hört und die Ent­schei­dung getrof­fen, was aufs Album kommt. Die ältes­te Idee ist die Goe­the Ver­to­nung „Glück ohne Ruh“, die geht zurück auf 1988.

Flüch­tig“ ist der Titel des ers­ten Romans aus der Feder von Hubert Ach­leit­ner. Es ist bekannt, dass Sie sehr ger­ne schrei­ben und sehr bele­sen sind – wie­so haben Sie sich für die Roman­form ent­schie­den, wie lan­ge haben Sie dar­an gear­bei­tet und wel­che Her­aus­for­de­run­gen sind damit einhergegangen?

HUBERT VON GOISERN: Es waren zwei Jah­re Schreib­ar­beit, wo ich eigent­lich nichts ande­res gemacht habe als an die­sem Roman zu arbei­ten. Mei­ne Gedan­ken sind zwei Jah­re nur um die­sen Roman gekreist. Was aber nicht heißt, dass es nur die zwei Jah­re waren. Ich habe mir in den Jah­ren zuvor wäh­rend der Tour und wäh­rend des Musi­zie­rens immer wie­der Gedan­ken gemacht, wie ich das ange­hen könn­te. Dass ich einen Roman schrei­ben woll­te, das war mir bereits seit 20 Jah­ren klar, dass ich das pro­bie­ren möch­te, aber am Anfang war ich mir nicht sicher, ob ich es auch kann. Eine Geschich­te erfin­den, Cha­rak­te­re kre­ieren, die eine Rol­le spie­len las­sen, das wäre schön. Irgend­wann habe ich mir dann gesagt – kein Pro­blem, das mache ich, aber dann hat es noch eini­ge Jah­re gedau­ert, bis es tat­säch­lich zur Umset­zung kam. Die­se Her­aus­for­de­rung war es mir wert, mich zurück-zuzie­hen und dar­an zu arbei­ten. Ähn­lich einer Expe­di­ti­on, um einen rich­tig gro­ßen Berg zu bestei­gen. Man berei­tet sich dar­auf vor und dann liegt es an der Dis­zi­plin, was noch lan­ge nicht heißt, dass etwas raus kommt, das auch brauch-bar ist. Das wuss­te ich bis zum Schluss tat­säch­lich nicht.

Ist es eine ein­ma­li­ge Akti­on oder wer­den noch wei­te­re Roma­ne erscheinen?

HUBERT VON GOISERN: Ich weiß es nicht. Auf den Geschmack des Schrei­bens bin ich schon gekom­men, weil es eine Tätig­keit ist, bei der man sich mit nie­man­dem koor­di­nie­ren muss. Natür­lich mit der Fami­lie, mit der Frau, aber ansons­ten ist es toll. Wenn du allei­ne bist und nie­man­dem Rechen­schaft schul­dig bist, ist das Arbei­ten ein ande­res. Jetzt habe ich ehr­lich gesagt etwas Schiss davor, weil der ers­te Roman so gut auf­ge­gan­gen ist und ich nicht weiß, ob ich das jemals wie­der hin­be­kom­me, es ist auch noch zu nahe. Hin­ter mir lie­gen ein paar Jah­re inten­si­ves Schrei­ben und Pro­du­zie­ren und jetzt mit die­ser pan­de­mi­schen Stim­mung habe ich auch das Gefühl, dass es gera­de um was ande­res geht als fieb­ri­ge Pro­duk­ti­vi­tät, näm­lich um mehr Gelassenheit.

Als Künst­ler möch­ten Sie Geschich­ten erzäh­len, die Zuhö­rer auf eine Rei­se mit­neh­men. Gera­de in Zei­ten wie die­sen ist es wich­tig, dass Kunst und Musik nicht ver­stum­men, son­dern für Men­schen zugäng­lich blei­ben. Wie sehen Sie die Rol­le der Künst­ler­schaft aktuell?

HUBERT VON GOISERN: Da bin ich befan­gen. Wenn du den Schus­ter fragst, wie er sein Gewer­be sieht, dann wird er sagen, dass es ganz wich­tig ist, dass jeder einen guten Schuh trägt. Das ist auch gar nicht von der Hand zu wei­sen, dass das so ist. In der Kunst ist alles un-greif­ba­rer und nicht genau ein­zu­gren­zen, was es denn bedeu­tet. Es gibt anschei­nend 5 % der Men­schen, die mit Musik über­haupt nichts an-fan­gen kön­nen – egal, was man vor­spielt, es löst nichts aus. Das gibt es. Das ist jetzt sicher kei­ne kla­re Trenn­li­nie. Es bedeu­tet man­chen sehr viel und ande­ren eben weni­ger. Es ist schwer zu sagen, dass Kunst wich­tig ist. Für mich ist es das schon und ich glau­be, dass es für die Mensch­heit wich­tig ist, weil Künst­ler sind schon so was wie eine Art von Medi­zin­mann, Medi­zin­frau. Es ist halt eine ande­re Form von Medi­zin, die die Kunst über­reicht. Jetzt gibt es aber so schon vie­le Leu­te, die mit der Homöo­pa­thie nichts anfan­gen kön­nen und noch­mals so vie­le wird es geben, die mit der Kunst nichts anfan­gen kön­nen. Tat­sa­che ist schon, dass es Din­ge gibt, die jen­seits des Greif­ba­ren und Erklär­ba­ren lie­gen und da setzt die Kunst an. Die Kunst ist ein Fens­ter in der Mau­er des Ver­ste­hens. Kunst hat mit Pola­ri­tä­ten zu tun, mit Schwin­gun­gen, Rhyth­mus und inein­an­der­flie­ßen­den Mus­tern. Die Kunst der Kunst ist nicht, was es ist, son­dern was es mit dir macht. Sie ist eine Mög­lich­keit, über den Schat­ten des Greif­ba­ren und Erklär­ba­ren zu springen.


Das Inter­view ist in der Aus­ga­be 1.21 PONEERING erschie­nen.
Print-Ver­si­on hier bestel­len: 1.21 PIONEERING – stay­in­art | Kunstmagazin

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