Einblick in bisher Verborgenes

AUF ZU NEUEM – LANDESGALERIE NIEDERÖSTERREICH

Pri­vat­samm­lun­gen ent­sprin­gen dem Enga­ge­ment ein­zel­ner Men­schen, nicht einem öffent­li­chen Auf­trag. Das betrifft nicht nur das Sam­meln an sich, son­dern auch die Aus­wahl der Wer­ke. »Oft waren Samm­le­rin­nen und Samm­ler den Muse­en weit vor­aus. Sie kauf­ten Wer­ke, deren Wert­schät­zung nicht zur Musea­li­sie­rung gereicht hät­te«, erklärt Chris­ti­an Bau­er, künst­le­ri­scher Direk­tor der Lan­des­ga­le­rie Nie­der­ös­ter­reich, den Stel­len­wert von pri­va­ten Samm­lun­gen für die Kunst. Mit »Auf zu Neu­em. Drei Jahr­zehn­te von Schie­le bis Schle­gel aus Pri­vat­be­sitz« lie­fert die Lan­des­ga­le­rie Nie­der­ös­ter­reich einen Par­cours durch die öster­rei­chi­sche Kunst­ge­schich­te. »Die Schau wirft einen fri­schen Blick auf Jah­re des 20. Jahr­hun­derts, die explo­si­ve Ver­än­de­run­gen gebracht haben«, freut sich Kura­tor Chris­ti­an Bau­er. In drei Ab-schnit­te geglie­dert, gibt die Schau Auf­schluss dar­über, wie Künst­ler und Künst­le­rin­nen von Egon Schie­le, Richard Gerstl und Oskar Kokosch­ka über Ernst Fuchs, Maria Lass­nig und Arnulf Rai­ner bis zu Erwin Wurm, Eva Schle­gel oder Bri­git­te Kowanz die zeit­ge­nös­si­sche Bild- und For-men­spra­che beein­flusst haben.

Aus­stel­lungs­an­sicht, Auf zu Neu­em, Lan­des­ga­le­rie Noe, © Raf­fa­el F. Lehner

Die Geschich­te der Lan­des­samm­lun­gen Nie­der­ös­ter­reich ist eng mit wich­ti­gen Pri­vat­kol­lek­tio­nen ver­bun­den, die in ihren Bestand über-gegan­gen sind. Ein her­aus­ra­gen­des Bei­spiel stellt die ‚Zer­fal­len­de Müh-le‘ dar, die Egon Schie­le als sei­ne bes­te Land­schaft gese­hen hat. Die­ses zen­tra­le Haupt­werk der Lan­des­samm­lun­gen befand sich einst in der Kol­lek­ti­on des legen­dä­ren Fil­me­ma­chers Fritz Lang, dem Eigen­tü­mer der damals wohl her­aus­ra­gends­ten Schie­le-Samm­lung. In der Aus­stel­lung wird das Bild zum ers­ten Mal über­haupt gemein­sam mit sei­ner Vor­zeich­nung zu sehen sein«, ergänzt Bauer.

IN ZEHNERSCHRITTEN ZUR KUNST DER GEGENWART

In Zeh­ner­schrit­ten wer­den drei Jahr­zehn­te in den Fokus gerückt, die das Kunst­schaf­fen des 20. Jahr­hun­derts ent­schei­dend geprägt, die mit Neue­run­gen der Kunst auf gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen reagiert und wesent­li­che Vor­aus­set­zun­gen für unse­re Gegen­wart geschaf­fen haben: die Schie­le-Epo­che von 1908 bis 1918, der Auf­bruch nach dem 2. Welt-krieg sowie der Stilplu­ra­lis­mus der 1990er-Jah­re. Rund 150 Wer­ke von rund 40 Künst­le­rin­nen und Künst­lern aus knapp 20 wich­ti­gen Pri­vat­samm­lun­gen – wie etwa der Pri­vat­samm­lung Rudolf Leo­pold sowie der Kol­lek­tio­nen Anger­leh­ner, Lia­u­nig, Hainz, Zam­bo oder Infeld – ste­hen im Zen­trum der Aus­stel­lung. Die Schau gibt somit auch einen Ein­blick in einen bis­lang ver­bor­ge­nen Bereich, der Gegen­über­stel­lun­gen zulässt, die nun erst­mals abseits pri­va­ter Räum­lich­kei­ten einer brei­ten Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht werden.

DIE EPOCHE EGON SCHIELES

Der ers­te Abschnitt der Aus­stel­lung beschreibt das Jahr­zehnt zwi­schen der Kunst­schau 1908 und dem Kriegs­en­de 1918, als Wien die fünft­größ­te Stadt der Welt und eines ihrer kul­tu­rel­len und intel­lek­tu­el­len Zen­tren ist. Für die auf Gus­tav Klimt fol­gen­de Genera­ti­on rund um Egon Schie­le bedeu­tet dies ein neu­ar­ti­ges Ver­ständ­nis des Men­schen, der jen­seits sei­ner Fas­sa­de in sei­nen Zwän­gen und sei­ner Zer­brech­lich­keit erkannt wird.
Richard Gerstl und Oskar Kokosch­ka schaf­fen bereits um 1907 bzw. 1908 die ers­ten Bil­der des öster­rei­chi­schen Früh­ex­pres­sio­nis­mus. Gleich­zei­tig kre­iert der voll­kom­men in Ver­ges­sen­heit gera­te­ne Künst­ler Max Mayrs­ho­fer spek­ta­ku­lä­re Zeich­nun­gen von Irren­haus-Pati­en­ten und prä­sen­tiert sie in der Gale­rie Mieth­ke sowie 1909 in der »Inter­na­tio­na­len Kunst­schau«. Abseits der Öffent­lich­keit erfin­det Josef Karl Räd­ler in der Abge­schie­den­heit sei­ner Irren­haus-Auf­ent­hal­te eine ein­zig­ar­ti­ge Bild­welt, die uns heu­te zahl­rei­che Rät­sel auf­gibt. Mit rund 20 Akt­zeich­nun­gen und Male­rei­en (dar­un­ter zahl­rei­che Haupt­wer­ke!) domi­niert Egon Schie­le den ers­ten Abschnitt der Aus­stel­lung. Wäh­rend des 1. Welt­kriegs ent­ste­hen her­aus­ra­gen­de Land­schaf­ten Schie­les. Mit dem Jahr 1918 ist die Blü­te­zeit Wiens als ein künst­le­ri­sches und intel­lek­tu­el­les Zen­trum der Welt Geschichte.

Egon Schie­le, Zer­fal­len­de Müh­le, 1916 © Lan­des­samm­lun­gen NÖ

AUFBRUCH NACH DEM 2. WELTKRIEG

Der zwei­te Abschnitt der Aus­stel­lung beschreibt den Auf­bruch nach Ende des 2. Welt­kriegs. Der Ein­schnitt des Jah­res 1945 ist nicht weni­ger gra­vie­rend als jener des Jah­res 1918. Im Unter­schied zum Unter­gang der Donau­mon­ar­chie im Todes­jahr von Gus­tav Klimt, Egon Schie­le, Kolo-man Moser und Otto Wag­ner bedeu­tet das Kriegs­en­de 1945 aber einen Befrei­ungs­schlag, dem ein gro­ßer Auf­bruch folgt. Gemein­sam ist der neu­en Genera­ti­on die Abgren­zung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus. Die Früh­zeit ist vol­ler Bezü­ge zu Krieg, Ter­ror und Ver­wüs­tung. Die Abs­trak­ti­on stellt als radi­ka­le Ant­wort auf die Bana­li­tät der NS-Kunst ein Signal der Nach­kriegs­zeit dar. Die Kunst­sze­ne ver­fügt ab 1947 mit dem Art Club über ein Forum neu­ar­ti­ger und unüb­li­cher Bestre­bun­gen. Die Wie­ner Schu­le des Phan­tas­ti­schen Rea­lis­mus ist dar-in als Grup­pe um Albert Paris Güters­loh mit Arik Brau­er, Ernst Fuchs, Wolf­gang Hut­ter und Anton Lehm­den anfangs ton­an­ge­bend. Der Sur­rea­lis­mus wird inten­siv dis­ku­tiert, mit ihm beginnt der künst­le­ri­sche Neu­an­fang der jun­gen Genera­ti­on. Auch Arnulf Rai­ner und Maria Lass­nig wur­zeln dar­in. Wäh­rend der legen­dä­ren Paris-Rei­se von Lass­nig und Rai­ner 1951, die deren Abkehr vom Sur­rea­lis­mus bedeu­tet, ent­deckt das Künst­ler­paar neu­es­te Bei­spie­le euro­päi­scher und ame­ri­ka­ni­scher Abs­trak­ti­on. Auch jen­seits der Avant­gar­de-Sti­le ent­wi­ckel­ten Künst­ler wie Kurt Abso­lon eine Gestal­tungs­kraft, die der Ver­un­si­che­rung des Men-schen nach dem 2. Welt­krieg Aus­druck gibt. Im Nahe­be­reich zur Lite­ra­tur ent­stan­den Wer­ke vol­ler Sen­si­bi­li­tät und Poesie.

Nur weni­ge Tage vor sei­nem Tod schlug Arik Brau­er ein Bild von 1945 für die Aus­stel­lung in der Lan­des­ga­le­rie Nie­der­ös­ter­reich vor, das am Beginn sei­ner künst­le­ri­schen Lauf­bahn steht. »Der Rat­ten­kö­nig« – eine bes­tia­li­sche Fol­ter­sze­ne, deren alt­meis­ter­li­che Aus­füh­rung an mit­tel­al­ter­li­che Tafel­bil­der erin­nert – wird in Krems das ers­te Mal öffent­lich zu sehen sein. Der eben­so kürz­lich ver­stor­be­ne Hans Stau­da­cher wird in der Aus­stel­lung mit einer Werk­se­rie ver­tre­ten sein. Sei­ne »Illu­si­on Wien« bil­det dabei den Anfang: ein Zeug­nis der Begeg­nung des Kärnt­ners mit der Donau­me­tro­po­le, in dem er das zer­stör­te und schutt­be­la­de-ne Nach­kriegs-Wien durch ein süd­län­di­sches Traum­bild ersetzt.

STILPLURALISMUS DER 1990ER-JAHRE

Die 1990er-Jah­re als drit­tes Jahr­zehnt in der Aus­stel­lung brin­gen nach dem Fall des Eiser­nen Vor­hangs ein neu­es, ver­ein­tes Euro­pa. In der Kunst scheint alles mög­lich zu sein. Gen­res und Rich­tun­gen exis­tie­ren neben­ein­an­der, Gat­tun­gen häu­fen sich und wer­den durch­läs­sig, Hier-archien zwi­schen Hoch- und Popu­lär­kul­tur lösen sich auf. Nicht mehr ein Bruch mit Tra­di­tio­nen oder auch ihr Wie­der­auf­le­ben bestim­men das krea­ti­ve Schaf­fen, son­dern gera­de die Viel­zahl und Gleich­zei­tig­keit mög­li­cher künst­le­ri­scher Kon­zep­te. An der Schwel­le zum Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ter tre­ten Kon­zept­kunst und neue Medi­en ver­stärkt in den Vor­der­grund, mul­ti­me­dia­le Arbei­ten erfreu­en sich gro­ßer Beliebt­heit. Künst­le­rin­nen und Künst­ler expe­ri­men­tie­ren mit neu­en For­men der Skulp­tur, mit Licht, Foto­gra­fie oder Video und hin­ter­fra­gen mit com­pu­ter­ge­ne­rier­ten Bild­sys­te­men Autoren­schaft und künst­le­ri­sche Hand­schrift. Die 1990er-Jah­re sind auch die Zeit kurz vor dem Durch­bruch des Inter­nets. Gün­ther Ober­hol­len­zer, der für den drit­ten Abschnitt ver­ant­wort­lich zeich­net, und die Schau in enger Abstim­mung mit den Pri­vat­samm­le­rin­nen und Pri­vat­samm­lern kura­tier­te, betont: »Es scheint, als ob man­che Künst­le­rin­nen und Künst­ler Inter­net­trends, wie etwa die exzes­si­ve Selbst­dar­stel­lung und ‑insze­nie­rung durch das Sel­fie oder auch die Kom­bi­na­ti­on von Wort und Bild in Form von ‚Memes‘, vor­weg­ge­nom­men haben. The­men wie Geschlech­ter­rol­len oder der weib­li­che und männ­li­che Blick wer­den hin­ter­fragt. All das sind bri­san­te und heiß dis­ku­tier­te Fra­ge­stel­lun­gen unse­rer heu­ti­gen Gesell­schaft, die die Kunst schon lan­ge anti­zi­piert hat«.

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