Georgia O‘Keeffe in der Fondation Beyeler

Die kühne und radikale Art des Sehens

Geor­gia O’Keeffe galt in den USA bereits zu Leb­zei­ten als bedeu­ten­de Ver­tre­te­rin und Mit­be­grün­de­rin der neu­en ame­ri­ka­ni­schen Kunst, wie sie seit den spä­ten 1910er-Jah­ren neben und in Abset­zung von der euro­päi­schen Avant­gar­de pro­pa­giert wur­de. 1943 fand im Art Insti­tu­te of Chi­ca­go ihre ers­te Retro­spek­ti­ve in einem Muse­um statt, 1946 orga­ni­sier­te das Muse­um of Modern Art, New York, eine gro­ße Aus­stel­lung, die ers­te Werk­schau einer Künst­le­rin in die­ser Insti­tu­ti­on. Die meis­ten von O’Keeffes Wer­ken befin­den sich in den USA, sowohl in öffent­li­chen Samm­lun­gen als auch in Pri­vat­be­sitz. In Euro­pa, wohin O’Keeffe selbst erst 1953, mit 65 Jah­ren, zum ers­ten Mal reis­te, sind ins­ge­samt nur etwa ein Dut­zend Wer­ke in pri­va­ten und öffent­li­chen Samm­lun­gen anzutreffen.

Nun wid­met die Fon­da­ti­on Beye­ler Geor­gia O’Keeffe (1887–1986) eine umfas­sen­de Schau in Form einer Retro­spek­ti­ve. Mit 85 Wer­ken aus öffent­li­chen und pri­va­ten Samm­lun­gen, vor­nehm­lich aus den USA, bie­tet »Geor­gia O’Keeffe« einen reprä­sen­ta­ti­ven Ein­blick in das eben­so viel­fäl­ti­ge wie über­ra­schen­de Schaf­fen die­ser Künst­le­rin. Die Aus­stel­lung, die von Theo­do­ra Vischer kura­tiert wur­de, rich­tet ihr Augen­merk auf die beson­de­re Art, wie O’Keeffe auf ihre Umge­bung blick­te und wie sie das Wahr­ge­nom­me­ne in gänz­lich neu­ar­ti­ge Bil­der der Rea­li­tät – mal nahe­zu abs­trakt, mal natur­nah – umsetz­te. »Man nimmt sich sel­ten die Zeit, eine Blu­me wirk­lich zu sehen. Ich habe sie groß genug gemalt, damit ande­re sehen, was ich sehe.« Die­ses Zitat aus dem Jahr 1926 kann als Leit­fa­den für die Betrach­tung von O’Keeffes Kunst und Leben her­an­ge­zo­gen wer­den. O’Keeffe ent­wi­ckel­te eine indi­vi­du­el­le, zwi­schen Abs­trak­ti­on und Gegen­ständ­lich­keit chan­gie­ren­de Bild­spra­che, wel­che sich bis heu­te durch Aktua­li­tät aus­zeich­net. Der ganz eige­ne Blick der Künst­le­rin in Ver­bin­dung mit ihrer behut­sa­men und respekt­vol­len Annä­he­rung an die Natur machen Geor­gia O’Keeffe zur inter­es­san­tes­ten Male­rin von Land­schaft und Natur im 20. Jahrhundert.

Por­trait GEORGIA O’KEEFFE, Foto: Stieg­litz, GOK, undatiert
MAN NIMMT SICH SELTEN DIE ZEIT, EINE BLUME WIRKLICH ZU SEHEN. ICH HABE SIE GROSS GENUG GEMALT, DAMIT ANDERE SEHEN, WAS ICH SEHE.
Geor­gia O’Keeffe

Geor­gia O’Keeffe ver­brach­te ab 1918 ent­schei­den­de Jah­re ihrer künst­le­ri­schen Ent­wick­lung in der Metro­po­le New York, im Zen­trum des damals ange­sag­ten und höchst ein­fluss­rei­chen klei­nen Krei­ses um Alfred Stieg­litz, dem Foto­gra­fen, Gale­ris­ten und Ver­mitt­ler, in des­sen Gale­rie nicht nur sehr früh die Avant­gar­de Euro­pas gezeigt und dis­ku­tiert wur­de, son­dern wo in Reak­ti­on dar­auf eine neue jun­ge ame­ri­ka­ni­sche Kunst und Foto­gra­fie pro­pa­giert und geför­dert wur­de. Ihre frü­he Aner­ken­nung und dar­auf­fol­gen­de Kar­rie­re hat­te O’Keeffe der Unter­stüt­zung durch Stieg­litz, ihren spä­te­ren Ehe­mann, und der jahr­zehn­te­lan­gen Ver­bin­dung zur New Yor­ker Kunst­sze­ne zu ver­dan­ken. Doch in Bezug auf ihre Kunst hin­ter­ließ das urba­ne Leben der Groß­stadt nur weni­ge erkenn­ba­re Spu­ren. O’Keeffe wuchs auf der elter­li­chen Milch­farm in Wis­con­sin, im Mitt­le­ren Wes­ten der USA, auf. Ihre ent­schei­den­den künst­le­ri­schen Schrit­te tat sie in der Zeit, als sie zuerst in Char­lot­tes­vil­le, Vir­gi­nia, und danach in Can­yon, Texas, leb­te, wo sie von 1916 bis 1918 eine Stel­le als Kunst­leh­re­rin beklei­de­te. Auch nach der Über­sied­lung nach New York bestimm­te der Wech­sel an oft wie­der­keh­ren­de Orte den Rhyth­mus ihres Lebens als Künst­le­rin. Wäh­rend vie­ler Jah­re waren es Som­mer­auf­ent­hal­te auf dem Feri­en­wohn­sitz der Fami­lie Stieg­litz am Lake Geor­ge im Bun­des­staat New York, wo ein gro­ßer Teil ihres dama­li­gen Schaf­fens sei­nen Anfang nahm. 1929 reis­te O’Keeffe das ers­te Mal für meh­re­re Wochen nach New Mexi­co im Süd­wes­ten der USA, wohin sie all­jähr­lich zurück­kehr­te, immer allein, und wo sie sich nach dem Tod von Stieg­litz end­gül­tig niederließ.

Die Aus­stel­lung beginnt mit einem Blick auf O’Keeffes frü­he Arbei­ten, wel­che wäh­rend ihrer Tätig­keit als Leh­re­rin in Vir­gi­nia und Texas ent­stan­den. Koh­le­zeich­nun­gen wer­den neben einer Aus­wahl klein­for­ma­ti­ger Aqua­rel­le gezeigt, die eine inten­si­ve Far­big­keit und Leucht­kraft aus­strah­len. Red Land­s­cape, 1916/17, mit sei­nem nächt­li­chen Him­mel, der von einer spek­ta­ku­lä­ren Licht­ex­plo­si­on erhellt ist und die kar­gen Hügel­for­ma­tio­nen in leuch­ten­des Rot taucht, ist eines der weni­gen Ölge­mäl­de aus die­ser Zeit. Dar­auf­fol­gen­de Arbei­ten offen­ba­ren die Aus­ein­an­der­set­zung der Künst­le­rin mit der Abs­trak­ti­on. Grund­sätz­lich bestimm­te jedoch das Neben­ein­an­der von gegen­ständ­li­cher und abs­trak­ter Male­rei das Schaf­fen O’Keeffes ganz wesent­lich. Die Pflan­zen­welt, ins­be­son­de­re Blu­men, dien­ten als zen­tra­le Moti­ve im Werk von O’Keeffe. In ihren groß­for­ma­ti­gen Blu­men­bil­dern lässt sich die Beschäf­ti­gung O’Keeffes mit der damals aktu­el­len Strö­mung der »Strai­ght Pho­to­gra­phy« erken­nen. O’Keeffes wich­tigs­te Inspi­ra­ti­ons­quel­len waren die Natur und die Land­schaft; sie mal­te sowohl figu­ra­ti­ve Wer­ke als auch Abs­trak­tio­nen, die auf Land­schafts­mo­ti­ven basie­ren, zuerst am Lake Geor­ge und spä­ter in New Mexi­co. Die Wer­ke aus der Zeit des ers­ten Auf­ent­halts in New Mexi­co bezo­gen ihre Anre­gun­gen von den für die Regi­on typi­schen Erschei­nungs­for­men wie der Ado­be-Archi­tek­tur oder den mit­ten in der Land­schaft auf­ge­stell­ten Büßer­kreu­zen einer reli­giö­sen Lai­en­bru­der­schaft. In die­ser Zeit ent­stand auch eines von O’Keeffes berühm­ten Gemäl­den von Tier­schä­deln, die sie in der Wüs­te fand. Wäh­rend der Kriegs­jah­re, als O’Keeffe per­ma­nent in New Mexi­ko leb­te, wan­del­te sich ihr Blick auf die­se Land­schaft. In zwei Werk­se­ri­en gab sie die grau­schwar­ze Hügel­land­schaft in einer unge­wohnt dunk­len Palet­te wie­der und mal­te sie zuneh­mend abs­trakt und aus der Vogel­per­spek­ti­ve gese­hen. Auch das Still­le­ben It Was a Man and a Pot von 1942, das einen mensch­li­chen Schä­del zeigt, legt nahe, dass sich O’Keeffes Wahr­neh­mung der Umge­bung in den 1940er-Jah­ren unter dem Ein­druck des Kriegs­ge­sche­hens ver­än­der­te. Im letz­ten Saal der Aus­stel­lung trifft O’Keeffes Spät­werk auf Black Mobi­le with Hole, 1954, von Alex­an­der Cal­der (1898–1976). Wäh­rend Cal­der, im Gegen­satz zu O’Keeffe, eine anhal­ten­de Bezie­hung zu Euro­pa pfleg­te, teil­ten bei­de eine tie­fe Ver­bun­den­heit mit den wei­ten Ebe­nen und dem end­lo­sen Hori­zont des länd­li­chen Ame­ri­ka, wel­che für ihre Kunst prä­gend war.

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