Fondation Louis Vuitton

Cindy Sherman und „crossing views” in Paris

Bis zum 3. Janu­ar 2021 prä­sen­tiert die Fon­da­ti­on Lou­is Vuit­ton die ers­te Cin­dy Sher­man-Aus­stel­lung, die in Frank­reich seit 14 Jah­ren gezeigt wird. Mit 170 Wer­ken – von 1975 bis 2020 – wird die Schau aus mehr als 300 Bil­dern bestehen. Auf 1500 m² wer­den ihre Seri­en Unti­t­led film stills, Rear Screen Pro­jec­tions, Fashion, Histo­ry Por­traits, Dis­as­ters, Head­shots, Clowns, Socie­ty Por­traits, Murals, Flap­pers und eine neue Serie mit männ­li­chen Figu­ren und Paa­ren gezeigt. Die Aus­stel­lung wur­de in enger Zusam­men­ar­beit mit Cin­dy Sher­man selbst kon­zi­piert und wird ihre gesam­te Kar­rie­re abde­cken, wobei ein beson­de­rer Schwer­punkt auf aus­ge­wähl­ten Wer­ken liegt, die in den frü­hen 2010er Jah­ren ent­stan­den sind, sowie auf eini­gen bis­her unge­se­he­nen Werken.

Die Retro­spek­ti­ve selbst ver­sam­melt etwa ein­hun­dert­sieb­zig Foto­gra­fien, die sich in acht­zehn Seri­en glie­dern. Die meis­ten von ihnen zei­gen Sher­man, allein. Und doch ist es nie wirk­lich sie. Das ist das Para­do­xe: Sie ist das allei­ni­ge Objekt ihrer Wer­ke, aber sie ist nie das Sub­jekt und ver­wei­gert den Sta­tus von Selbst­por­träts (auch wenn wir viel­leicht eini­ge win­zi­ge bio­gra­fi­sche Andeu­tun­gen ent­de­cken kön­nen). Aus die­sem Grund sind eini­ge sogar so weit gegan­gen, die Exis­tenz der Künst­le­rin selbst in Fra­ge zu stel­len. Aber Sher­man exis­tiert defi­ni­tiv, und zwar mit einem sel­te­nen, stän­dig wach­sa­men Gefühl der Auf­merk­sam­keit“, schreibt Suzan­ne Pagé im Kata­log zur Aus­stel­lung. Die letz­te Aus­stel­lung mit Wer­ken von Cin­dy Sher­man in Euro­pa fand von Juni bis Sep­tem­ber 2019 in der Natio­nal Por­trait Gal­le­ry in Lon­don statt. Dort wur­de Sher­mans bahn­bre­chen­de Serie Unti­t­led Film Stills zum ers­ten Mal in Groß­bri­tan­ni­en gezeigt. Im Som­mer 1977, kurz nach ihrem Umzug nach New York, begann Cin­dy Sher­man mit einer Serie von Schwarz-Weiß-Foto­gra­fien, die sich als ein ent­schei­den­der Moment in ihrer künst­le­ri­schen Lauf­bahn erwei­sen soll­te – Unti­t­led Film Stills. Mit der Künst­le­rin selbst als Model, die eine Rei­he von Kos­tü­men und Fri­su­ren trägt, fan­gen ihre Schwarz-Weiß-Bil­der den Look des Hol­ly­woods der 1950er und 60er Jah­re, des Film Noir, der B‑Filme und der euro­päi­schen Arthouse-Fil­me ein. Indem sie den Stil von Film­stills imi­tiert, erscheint Sher­man als eine Abfol­ge von Figu­ren in dra­ma­ti­schen Situa­tio­nen, die auf Geschich­ten anspie­len. Die Foto­gra­fien, die absicht­lich mehr­deu­tig sind, fes­seln die Betrachter*innen, indem sie zu indi­vi­du­el­len Inter­pre­ta­tio­nen ein­la­den. Ganz anders ihre zwi­schen 2016 und 2018 ent­stan­de Serie Flap­pern. Oli­vi­er Miche­lon beschriebt die­se im Kata­log zur Aus­stel­lung wie folgt: „Cin­dy Sher­man nennt die Frau­en, die sie in die­ser Serie ver­kör­pert, Flap­pers, ein Begriff, der die sorg­lo­sen jun­gen Frau­en in den 1920er Jah­ren ver­or­tet. Wir stel­len sie uns als die strah­len­den jun­gen Mäd­chen des gol­de­nen Zeit­al­ters Hol­ly­woods vor.

Es war ein ver­zau­ber­tes Zwi­schen­spiel, denn zehn Jah­re spä­ter wur­den sie vom Wall Street Crash von 1929 und dem Auf­kom­men des Ton­films getrof­fen. Es war das Ende der Ära für eine gan­ze Rei­he von Kar­rie­ren. Hier erschei­nen sie als ver­blas­sen­der Ruhm und posie­ren vor Kulis­sen, die nach Erfolg und Deka­denz rie­chen; sie sym­bo­li­sie­ren ihre Unab­hän­gig­keit mit Lamé und einer Ziga­ret­te, sind aber trotz ihres offen­sicht­li­chen Dienst­al­ters manch­mal gezwun­gen, die­sel­ben Fami­li­en­ko­mö­di­en erneut zu spie­len. Manch­mal melan­cho­lisch, erschei­nen sie viel­leicht mit ihrem eige­nen Geist. Sher­mans Werk ent­zieht sich immer der Fra­ge nach der Auto­bio­gra­phie, aber nicht in die­ser Serie. Vier­zig Jah­re nach den Unti­t­led Film Stills pro­du­ziert die Künstlerin/Schauspielerin Wer­be­por­träts, in denen weder Make-up noch digi­ta­le Retu­schen die Spu­ren der Zeit ver­wi­schen.“ Par­al­lel zu die­ser Retro­spek­ti­ve prä­sen­tiert die Fon­da­ti­on Lou­is Vuit­ton „Cros­sing Views“, eine Aus­wahl von Wer­ken aus der Samm­lung der Fon­da­ti­on, die in Zusam­men­ar­beit mit Cin­dy Sher­man aus­ge­wählt wur­de. Suzan­ne Pagé hat­te die Idee zu „cros­sing views” bei einem Arbeits­tref­fen in der Pari­ser Woh­nung der Künst­le­rin, wo sich vie­le Wer­ke von jun­gen, oft wenig bekann­ten Künst­lern befin­den. „Dies war ein Zei­chen ihrer auf­merk­sa­men, akti­ven Prä­senz in der Kunst­sze­ne und der schar­fen, mili­tan­ten Neu­gier ihres Blicks“, meint Pagé. In Anleh­nung an Sher­mans Werk ent­fal­tet sich der Streif­zug der Aus­stel­lung über zwei Eta­gen und kon­zen­triert sich auf das The­ma des Por­träts und sei­ne Inter­pre­ta­ti­on durch ver­schie­de­ne Ansät­ze und Medi­en: Male­rei, Foto­gra­fie, Skulp­tur, Video und Installation.

Die Aus­stel­lung bringt rund zwan­zig fran­zö­si­sche und inter­na­tio­na­le Künst­le­rin­nen und Künst­ler unter­schied­li­cher Genera­tio­nen und Her­kunft zusam­men. Sie wird rund sech­zig Wer­ke umfas­sen, von denen vie­le bis­her noch nie in der Fon­da­ti­on zu sehen waren. Dazu gehö­ren Arbei­ten von: Adel Abdes­se­med (*1971, Algerien/Frankreich); Mari­na Abra­mo­vic (*1946, Ser­bi­en); Ziad Ant­ar (*1978, Liba­non); Dara Birn­baum (*1946, USA); Chris­ti­an Bol­t­an­ski (*1944, Frank­reich); Loui­se Bour­geois (*1911–†2010, USA); Cle­ment Cogi­to­re (*1983, Frank­reich); Rine­ke Dijk­s­tra (*1959, Nie­der­lan­de); Samu­el Fos­so (*1962, Kame­run); Gil­bert & Geor­ge (*1942, Ver­ei­nig­tes König­reich); Dami­en Hirst (*1965, Ver­ei­nig­tes König­reich); Pierre Huyg­he (*1962, Frank­reich); Annet­te Mess­ager (*1943, Frank­reich); Zanele Muho­li (*1972, Süd­afri­ka); Albert Oeh­len (*1954, Deutsch­land); Rob Pruitt (*1964, USA); Torb­jorn Rod­land (*1970, Nor­we­gen); Wil­helm Sas­nal (*1972, Polen); Cin­dy Sher­man (*1954, USA); Wolf­gang Till­mans (*1968, Deutsch­land); Rose­ma­rie Tro­ckel (*1952, Deutsch­land); Andy War­hol (*1928– †1987, USA); Ming Wong (*1971, Singapur).

www.fondationlouisvuitton.fr

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