Fondazione Prada Venedig

Über die Erforschung des menschlichen Gehirns und die Lücken in unserem eigenen Wissen

Es ist schon drei Jah­re her, dass die Fon­da­zio­ne Pra­da beschlos­sen hat, sich einem nicht­künst­le­ri­schen Gebiet zu nähern, erzähl­te der deut­sche Aus­stel­lungs­ku­ra­tor Udo Kit­tel­mann. Er sei damals auch gefragt wor­den, ob er sich vor­stel­len könn­te, das sehr kom­ple­xe The­ma des mensch­li­chen Gehirns in eine Aus­stel­lung zu trans­for­mie­ren. Obwohl er die US-ame­ri­ka­ni­sche Künst­le­rin Taryn Simon als Co-Kura­to­rin an sei­ne Sei­te geholt und sie gehol­fen habe, eine ästhe­ti­sche Form zu fin­den, sei stets klar gewe­sen, dass man ganz nah an bei der Wis­sen­schaft blei­ben wol­le. Das ist kei­ne Kunst­aus­stel­lung: Zu sehen sind 110 his­to­ri­sche Objek­te, die die Erfor­schung des Men­schen an sei­nem Hirn beschrei­ben, erläu­ter­te Kittelmann.

Die der Neu­ro­wis­sen­schaft gewid­me­te Initia­ti­ve der Fon­da­zio­ne Pra­da, »Human Brains«, umfasst ver­schie­de­ne Berei­che: von der Neu­ro­bio­lo­gie bis zur Phi­lo­so­phie, von der Psy­cho­lo­gie bis zur Neu­ro­che­mie, von der Lin­gu­is­tik bis zur künst­li­chen Intel­li­genz. Durch die Kon­ver­genz ver­schie­de­ner wis­sen­schaft­li­cher Ansät­ze wird das mensch­li­che Gehirn im Plu­ral unter­sucht – wie es der Titel aus­drückt –, um sei­ne inhä­ren­te Kom­ple­xi­tät und die nicht redu­zier­ba­re Ein­zig­ar­tig­keit jedes Indi­vi­du­ums zu unter­strei­chen. Die Aus­stel­lung »It Begins with an Idea«, kura­tiert von Udo Kit­tel­mann in Zusam­men­ar­beit mit Taryn Simon, ist die neu­es­te Mani­fes­ta­ti­on von »Human Brains«. Die­ses Pro­jekt ist das Ergeb­nis eines inten­si­ven For­schungs­pro­zes­ses, der seit 2018 von der Fon­da­zio­ne Pra­da mit Unter­stüt­zung eines wis­sen­schaft­li­chen Komi­tees auf dem Gebiet der neu­ro­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en durch­ge­führt wur­de. Es dient als mul­ti­dis­zi­pli­nä­rer Ver­such, das mensch­li­che Gehirn, sei­ne viel­schich­ti­gen Funk­tio­nen und sei­ne zen­tra­le Bedeu­tung für die mensch­li­che Geschich­te zu verstehen.

Das Gehirn erstellt unse­re Model­le von der Welt, kodiert unse­re Reak­ti­ons­stra­te­gien und steu­ert die Geschich­ten, die wir uns erzäh­len. Die Neu­Kom­ple­xi­tät der Gehirn­funk­ti­on nimmt die drei Stock­wer­ke des Ca‘ Cor­ner del­la Regi­na durch eine glo­ba­le Kon­stel­la­ti­on von Neu­ro­wis­sen­schaft­lern, Phi­lo­so­phen, zeit­ge­nös­si­schen Roman­au­toren sowie von Ope­ra­ti­ons­be­rich­ten, Sezier­be­stecken, ana­to­mi­schen Thea­tern, neu­ro­na­len Model­len, Zeich­nun­gen, Sti­chen, Gemäl­den, Büchern, Traum­auf­zeich­nun­gen und Gedächt­nis­am­u­let­ten ein.

Im Zen­trum des Erd­ge­schos­ses füh­ren vor­ge­fun­de­ne Auf­nah­men von Expe­ri­men­ten, Ope­ra­tio­nen und Ent­de­ckun­gen das Publi­kum in eine Aus­wahl von Ana­to­mien, Mecha­nis­men und Illus­tra­tio­nen des Gehirns ein, wie wir es ken­nen­ge­lernt haben. Sta­di­on­sit­ze, wie sie in medi­zi­ni­schen Amphi­thea­tern üblich waren, in denen neben Vor­le­sun­gen auch Live-Ope­ra­tio­nen statt­fan­den, laden den Betrach­ter ein, sich in die Posi­ti­on eines beob­ach­ten­den Stu­den­ten oder Zuschau­ers zu ver­set­zen mit dem Ziel, die Geschich­te der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten selbst zu stu­die­ren. Video­vor­trä­ge von Wis­sen­schaft­lern, die in benach­bar­ten Räu­men gehal­ten wer­den, befas­sen sich mit dem mensch­li­chen Gehirn, mit Bewe­gung, Sehen und Wahr­neh­mung, Spra­che, Gedächt­nis und Emotionen.

Nach einem locke­ren Ein­stieg im Erd­ge­schoß lässt ein Aus­stel­lungs­par­cours auf zwei wei­te­ren Stock­wer­ken die Geschich­te der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten Revue pas­sie­ren. So greif­bar, ver­wen­den die Kura­to­ren Ori­gi­na­le, bei nicht ver­füg­ba­ren Uni­ka­ten kom­men Kopien zum Ein­satz. Das ist etwa bei den ers­ten Expo­na­ten im zwei­ten Aus­stel­lungs­ge­schoß der Fall, zwei mehr als 4.000 Jah­re alten sume­ri­sche Schrift­zy­lin­dern, die 1877 im heu­ti­gen Irak gefun­den wur­den und auf denen die ältes­te bekann­te Beschrei­bung eines Traums schrift­lich fixiert wurde.

Ergänzt wird die­se anti­ke Vor­ge­schich­te der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten mit ägyp­ti­schen Schrift­rol­len zu medi­zi­ni­schen The­men, meso­po­ta­mi­schen Erläu­te­run­gen über Epi­lep­sie und ein­schlä­gi­gen chir­ur­gi­schen Instru­men­ten aus dem alten Rom. Ver­staut sind die Objek­te jeweils in mini­ma­lis­ti­schen Glas­käs­ten, die eigens in schwar­zen Wän­den einer kom­ple­xen Aus­stel­lungs­ar­chi­tek­tur ein­ge­baut wur­den. Eine zen­tra­le inhalt­li­che Rol­le in der Schau spie­len das Mit­tel­al­ter sowie die frü­he Neu­zeit. Die Aus­stel­lungs­ma­cher stel­len die­se frü­hen Neu­wis­sen­schaf­ten ins­be­son­de­re als ein glo­ba­les Phä­no­men dar. Mit Fra­gen der Erin­ne­rung sowie mit dem Öff­nen von Schä­del­de­cken beschäf­tig­te man sich sowohl im Reich der Inkas als auch in Euro­pa, medi­zi­ni­sche Trak­ta­te des im frü­hen 10. Jahr­hun­dert ver­stor­be­nen per­si­schen Arz­tes Rha­zes oder des ara­bi­schen Gelehr­ten Alha­zen, hun­dert Jah­re spä­ter, blie­ben jeweils nahe­zu ein hal­bes Jahr­tau­send spä­ter auch in Euro­pa relevant.

Gemein­sam demons­trie­ren und imi­tie­ren Objek­te und Geschich­ten die Fähig­keit des Gehirns, Infor­ma­tio­nen neu zu sam­meln und zu ver­ar­bei­ten und kon­ti­nu­ier­lich sei­ne eige­ne Ord­nung und Unord­nung zu kon­stru­ie­ren und zu assi­mi­lie­ren. Das Laby­rinth der Aus­stel­lung aus Vitri­nen und Moni­to­ren erstreckt sich über zwei Eta­gen des Ca‘ Cor­ner del­la Regi­na und sug­ge­riert einen ein­zi­gen Weg, doch die Ein­la­dung, eine Geschich­te zu hören, ver­än­dert die Navi­ga­ti­on auf Schritt und Tritt. Die Räu­me zeu­gen von dem stän­di­gen Wunsch, den Ursprung und den Ort des Den­kens und die Mecha­nis­men von Bewe­gung und Wahr­neh­mung zu ver­ste­hen, aber auch von der Ver­brei­tung bril­lan­ter Theo­rien, dunk­ler Prak­ti­ken und der Anwen­dung theo­re­ti­scher Model­le zur Behand­lung kör­per­li­cher und geis­ti­ger Krankheiten.

Nach­dem lan­ge Zeit psy­chi­sche Krank­hei­ten mit einem Stein im Kopf erklärt wur­den, in der Aus­stel­lung ist die Repro­duk­ti­on eines dies­be­züg­li­chen Gemäl­des von Hie­ro­ny­mus Bosch zu sehen, mach­te in Fol­ge die Auf­klä­rung zuneh­mend Schluss mit frag­wür­di­gen Pra­xen. Das Wis­sen über Gehirn­phy­sio­lo­gie mehr­te sich dabei nicht nur in Euro­pa, son­dern auch in Asi­en, wo der japa­ni­sche Maler Yoshi­mu­ra Rans­hu im spä­ten 18. Jahr­hun­dert etwa die ers­ten Gehirn­ob­duk­tio­nen in sei­ner Hei­mat doku­men­tier­te. Nach mas­si­ven Fort­schrit­ten im 19. Jahr­hun­dert kam es schließ­lich zu wis­sen­schaft­li­chen Durch­brü­chen im 20. Jahr­hun­dert, das die Kura­to­ren mit Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie aus­klin­gen las­sen. Inter­na­tio­na­le Neu­ro­wis­sen­schaft­ler kom­men abschlie­ßend in einer als Raum­in­stal­la­ti­on insze­nier­ten »Kon­ver­sa­ti­ons­ma­schi­ne« mit Kurz­kom­men­ta­ren zu Wort.

Zum Ver­har­ren in der Aus­stel­lung ver­lei­tet schließ­lich das künst­le­ri­sche Wort: 32 teils sehr pro­mi­nen­te Lite­ra­tin­nen und Lite­ra­ten, dar­un­ter Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Sal­man Rush­die und der deutsch-öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler Dani­el Kehl­mann, wur­den ein­ge­la­den, zu kon­kre­ten Aus­stel­lungs­ex­po­na­ten fik­tio­na­le Erzäh­lun­gen zu schrei­ben und mit ihnen wis­sen­schaft­li­che Inhal­te dem Publi­kum näher zu brin­gen. Ver­le­sen wer­den die Tex­te vom Geschich­ten­er­zäh­ler Geor­ge Guidall, der als einer der pro­duk­tivs­ten Ein­le­ser eng­lisch­spra­chi­ger Hör­bü­cher gilt. In bestechend ein­fa­chen Vide­os, die von Co-Kura­to­rin Simon, selbst ein Kunst­star, insze­niert wur­den, steht Guidall bloß in einem mini­ma­lis­ti­schen Raum hin­ter einem Mikro­fon und liest. Alles sieht zwar sehr ein­fach aus, kein Detail scheint aber dem Zufall über­las­sen wor­den zu sein.

Ins­ge­samt liegt der Schwer­punkt der Aus­stel­lung auf der Neu­ro­wis­sen­schaft: Die Viel­stim­mig­keit, die durch die Samm­lung des aus­ge­stell­ten Mate­ri­als und der Stim­men ent­steht, zeich­net die Umris­se unse­res sich bie­gen­den Selbst, die Lücken in unse­rem eige­nen Wis­sen, den Weg, auf dem die Geschich­te der Neu­ro­wis­sen­schaft auf­ge­baut wur­de, den Keim künf­ti­ger wis­sen­schaft­li­cher Unter­su­chun­gen und das Bekann­te und Unbe­kann­te des mensch­li­chen Gehirns nach.

Aktuelle Ausstellung

HUMAN BRAINS: IT BEGINS WITH AN IDEA
Bis 27. Novem­ber 2022

Fon­da­zio­ne Pra­da, Venedig
Ca’ Cor­ner del­la Regina
San­ta Cro­ce 2215, Veni­ce
www.fondazioneprada.org

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