Bergfotografie als Teil der menschlichen Evolution

Interview mit Ricardo Azarcoya

Das LUMEN Muse­um der Berg­fo­to­gra­fie am Kron­platz zeigt, neben der per­ma­nen­ten Aus­stel­lung, in fünf Räu­men Wech­sel­aus­stel­lun­gen, die gemein­sam mit dem künst­le­ri­schen Bei­rat kon­zi­piert wer­den. Im Fokus ste­hen dabei foto­gra­fi­sche Posi­tio­nen, die sich aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven mit dem The­ma Berg aus­ein­an­der­set­zen.

Spek­ta­ku­lä­re Werk­se­ri­en von Ulrich Acker­mann und Ricar­do Azar­coya wer­den bis 19. April 2020 zu sehen sein.

Por­trät Ricar­do Azar­coya

Ulrich Acker­mann, auch bekannt als Foto­graf des Ver­ti­ka­len, ist durch die radi­ka­le Ver­wen­dung der Pan­ora­ma­ka­me­ra im Hoch­for­mat bekannt. Den Land­schafts- und Natur­auf­nah­men der Dolo­mi­ten ver­leiht er durch die Vogel­per­spek­ti­ve eine nie gese­hen Tie­fen­wir­kung. Dank der Part­ner­schaft mit Natio­nal Geo­gra­phic kann das Muse­um auf deren viel­sei­ti­ges Archiv zurück­grei­fen. Die­ses Jahr fiel die Wahl auf den mexi­ka­ni­schen Foto­gra­fen Ricar­do Azar­coya. Mexi­ko des­halb, weil so eine Ver­bin­dung zwi­schen der Berg­kü­che im Food Space & Restau­rant AlpINN und der Berg­fo­to­gra­fie im LUMEN her­ge­stellt wird. So wird den Besucher*innen ein Erleb­nis für alle Sin­ne gebo­ten. Im Restau­rant wer­den Gerich­te des mexi­ka­ni­schen 2‑S­ter­ne-Miche­lin-Chefs Jor­ge Val­le­jo kre­iert und par­al­lel dazu zeigt LUMEN eine Aus­stel­lung ein­drucks­vol­ler Foto­gra­fien der Ber­ge Mexi­kos und Pata­go­ni­ens. Das hat uns neu­gie­rig gemacht und wir baten Ricar­do Azar­coya zu einem Inter­view.

Sie beschrei­ben sich selbst als visu­el­len Geschich­ten­er­zäh­ler. Wel­che Geschich­ten erzäh­len Sie mit Ihrer Foto­gra­fie?

Ich erzäh­le Geschich­ten von Men­schen, um ande­re Men­schen zu inspi­rie­ren. Mein Inter­es­se an Geschich­ten begann schon als klei­ner Jun­ge, jedes Mal, wenn ich mit mei­nen Groß­el­tern sprach, genoss ich es ihren Erin­ne­run­gen zu lau­schen, ich schuf dazu Bil­der in mei­nem Kopf. Alle Geschich­ten, die ich ger­ne erzäh­le, sind also Geschich­ten, die unbe­kannt sind, und selbst wenn ein Bild etwas Offen­sicht­li­ches sug­ge­riert, kön­nen Sie durch den Kon­text und die geschrie­be­ne Erzäh­lung Orte und Situa­tio­nen ent­de­cken, die Ihnen nicht bekannt waren. Ich den­ke, das ist die wah­re Kraft der Foto­gra­fie und des Geschich­ten­er­zäh­lens, um die Her­zen der Men­schen zu öff­nen, denn am Ende sind die per­sön­li­chen Geheim­nis­se, Weis­hei­ten und Erin­ne­run­gen nicht über Goog­le auf­find­bar, sie war­ten dar­auf, dass wir, die Foto­gra­fen und Geschich­ten­er­zäh­ler, sie ent­de­cken. Ich arbei­te­ger­ne mit natür­li­chem Licht ohne Blitz, um die Auf­nah­me rea­lis­tisch zu hal­ten. Fil­me­ma­cher haben die Mög­lich­keit, Bild, Bewe­gung und Ton ein­zu­fan­gen, wir nicht, also ver­su­che ich, Bil­der zu machen, die der Betrach­ter füh­len kann.

Wie und war­um haben Sie sich für die Aus­bil­dung zum Doku­men­tar­fo­to­gra­fen ent­schie­den?

Um ganz ehr­lich zu sein, ich den­ke, die Foto­gra­fie hat sich für mich ent­schie­den, ich habe Betriebs­wirt­schaft stu­diert und mich eines Tages ent­schie­den, an einem Foto­wett­be­werb teil­zu­neh­men, den die Uni­ver­si­tät orga­ni­siert hat. Am Abend der Preis­ver­lei­hung erfuhr ich, dass ich den Wett­be­werb gewon­nen hat­te. Ich moch­te Foto­gra­fie schon immer, aber als Hob­by. Am Tag nach mei­nem Gewinn des Wett­be­werbs ent­schied ich mich, Foto­gra­fie zu stu­die­ren. Dann ent­deck­te ich die doku­men­ta­ri­sche Foto­gra­fie und das Geschich­ten­er­zäh­len. Das gab mir die Mög­lich­keit, mich wirk­lich zu enga­gie­ren und sen­si­bler für die Geschich­ten ande­rer zu sein, es gab mir die Mög­lich­keit, die Din­ge aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve zu sehen.

Ws braucht ein guter Foto­graf, um ein Natio­nal Geo­gra­phic Foto­graf zu wer­den?

Es ist wich­tig die Din­ge mit ethi­schen Grund­sät­zen, Lei­den­schaft und der rich­ti­gen Ein­stel­lung anzu­ge­hen. Ich den­ke auch, dass man neu­gie­rig und mutig genug sein muss, um sein Leben außer­halb der per­sön­li­chen Kom­fort-Zone zu leben. Es geht nicht rein um Foto­gra­fie an sich, son­dern eben auch um die Ein­stel­lung, wenn man Teil die­ser Fami­lie sein möch­te.

Ihr Arbeits­pro­zess fin­det in ers­ter Linie in der Natur statt. Wie den­ken Sie über die Ent­wick­lung der öko­lo­gi­schen Rea­li­tät?

Geschich­ten über Natur­schutz ver­wan­deln sich immer in Geschich­ten über Ver­hal­tens­wei­sen von Men­schen. Geschich­ten von Men­schen, die ihr Leben dafür ein­set­zen, um das Gleich­ge­wicht auf unse­rem Pla­ne­ten wie­der­her­zu­stel­len, und auch Geschich­ten von Men­schen, die unse­rer Umwelt scha­den. Die aktu­el­le Situa­ti­on ist nicht sehr posi­tiv, aber es wäre gera­de noch früh genug, um ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ter zu han­deln. Des­halb ver­traue ich der Foto­gra­fie und dem Geschich­ten­er­zäh­len, denn die Men­schen sehen, füh­len und ver­ste­hen ler­nen, dass unser ein­zi­ges Zuhau­se uns braucht. Ich per­sön­lich mei­ne, dass die Jugend der­zeit schon sehr weit ist. Ich habe Vor­trä­ge und Prä­sen­ta­tio­nen für jun­ge Men­schen in Latein­ame­ri­ka gehal­ten, und sehr wohl das Gefühl, dass sie sich um unse­re Zukunft küm­mern, dass sie sich von Geschich­ten, die ich zei­ge, berüh­ren las­sen. Ich ver­traue auf die nächs­te Genera­ti­on.

Sie sind Grün­der eines sehr berühm­ten Foto­fes­ti­vals in Ihrer Hei­mat­stadt. Wie sind Sie auf die­se Idee gekom­men?

Im Jahr 2008 zog ich nach New York City, um an einem Prak­ti­kums­pro­gramm mit der preis­ge­krön­ten VII Pho­to Agen­cy teil­zu­neh­men, ich durf­te von die­sen groß­ar­ti­gen Foto­gra­fen viel  ler­nen. Wäh­rend ich dort war, ent­deck­te ich so vie­le neue Din­ge über Foto­gra­fie und das Erzäh­len von Geschich­ten, dass ich beschloss, nach Mexi­ko zurück­zu­keh­ren und die­se Erfah­rung und die­ses Wis­sen mit ande­ren zu tei­len. Das war der Ursprung des Foto­fes­ti­vals „Pho­to­fest“. Die Idee war, Foto­aus­stel­lun­gen aus ver­schie­de­nen The­men, The­men und Per­spek­ti­ven auf das Fes­ti­val zu brin­gen, um Foto­gra­fen und Men­schen zu stär­ken.

Ihre Arbei­ten sind Teil einer Aus­stel­lung des LUMEN Muse­ums am Kron­platz. Wie gut ken­nen Sie Süd­ti­rol und die Dolo­mi­ten?

Um ehr­lich zu sein, bin ich nicht sehr ver­traut mit die­sen Orten, ich habe eini­ge Bil­der gese­hen und von den Dolo­mi­ten viel gehört. Mei­ne Arbei­ten ent­ste­hen in Latein­ame­ri­ka. Ich habe aber natür­lich Süd­ti­rol und die Dolo­mi­ten gegoo­gelt und bin dabei mich zu ver­lie­ben! Orte wie die­se sind die­je­ni­gen, die einem den Atem rau­ben und buch­stäb­lich der Grund dafür sind, war­um wir unse­ren Pla­ne­ten unbe­dingt schüt­zen müs­sen. Ich wer­de die­sen Ort auf der Kar­te, die ich in mei­nem Büro habe mar­kie­ren, um zu wis­sen, dass ich ihn zumin­dest ein­mal im Leben besu­chen muss.

Wlche Ihrer Wer­ke sind in der Aus­stel­lung zu sehen?

Ich wer­de eini­ge mei­ner Arbei­ten von Mexi­ko, Pata­go­ni­en und Feu­er­land im süd­lichs­ten Teil Argen­ti­ni­ens und Chi­les zei­gen, unbe­rühr­te Orte ganz in der Nähe der Ant­ark­tis. Die­se Ber­ge mit noch gesun­den Glet­schern sind ein ein­zig­ar­ti­ges Erleb­nis. Die Betrach­ter* innen wer­den sich den Bil­dern stel­len und ihre inne­re Stim­me zum Spre­chen brin­gen. Jeder wird ein ande­res Erleb­nis haben, aber alle wer­den emo­tio­nal sein. Foto­gra­fie schafft Erin­ne­rung und wird sie den Men­schen zugäng­lich gemacht, wie im LUMEN, ist sie der phy­si­sche Beweis dafür, dass wir an die­sen Orten in den Ber­gen waren, um einen Moment zu erle­ben. Dadurch wird sie Teil der Geschich­te der mensch­li­chen Evo­lu­ti­on.

Lau­fen­de Wech­sel­aus­stel­lun­gen:

  • Dolomytica:“Artist in Resi­dence: PROJECT LIGHTCATCHER – KURT MOSER
    Zeit­raum: bis 11. Okto­ber 2020
  • Ber­ge der Kon­ti­nen­te“: JAROSLAV PONCAR
    Zeit­raum: bis 11. Okto­ber 2020

www.lumenmuseum.it

Upco­m­ing:

  • ULRICH ACKERMANN. Ver­ti­cal Dolo­mi­tes
    Zeit­raum: bis 19. April 2020
  • RICARDO AZARCOYA. Mexi­ko und Pata­go­ni­en.
    An exhi­bi­ti­on form Natio­nal Geo­gra­fic
    Zeit­raum: bis 19. April 2020
  • SISSA MICHELI. Reflec­ting Histo­ry
    Beginn: Som­mer­sai­son 2020; Ver­nis­sa­ge 6. Juni 2020
Beitrag teilen
geschrieben von

Das Kunstmagazin, das mehr Zeit zum Lesen und mehr Raum zum Schauen beansprucht: ein Gegentrend zu vielen Megatrends. Geeignet für Kunstliebhaber, die tiefer gehen möchten und bereit sind, inspiriert zu werden. Intellektuell anspruchsvolle Inhalte, innovatives Layout und elegantes Design auf höchstem Qualitätsstandard.

Einkaufswagen
Kein Magazin im Einkaufswagen.
Weiter einkaufen
0