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Ein Theatermensch zwischen Genie und Wahnsinn

Reinhard von der Thannen

Ein Teil des Publikums findet seine skurrilen phantasievollen Ausstattungen genial, der andere Teil hält sie für eine Provokation und ihn für verrückt. Viele bejubeln ihn, genauso viele buhen ihn aus. Der Kostüm- und Bühnenbildner und Regisseur Reinhard von der Thannen regt auf – so oder so. Seit fast 30 Jahren bilden er und der 1941 geborene Regisseur Hans Neuenfels ein kongeniales Team. Zusammen begeistern oder verstören sie mit ungewöhnlichen Inszenierungen für Oper, Theater oder Film.

Berliner Staatsoper 2000, Giuseppe Verdi, „Nabucco“: Babylonische Priester schwärmen als Biene-Mayas mit Sammeleimerchen aus. Sie tragen lustige Antennenfühler, kleine Flügelchen und mächtige gelbe Plüschhinterteile, aus denen blitzschnell ein stählerner Stachel ausfährt. Sonnenblumenfelder werden von Gärtnern in grünen Schürzen gepflegt, Texte erscheinen auf einem riesigen Internet-Display. Noch während der Aufführung kommt es zu tumultartigen Szenen im Publikum, zu hitzigen Wortgefechten, Schreiduellen. Ein Skandal, wie ihn das ehrwürdige Opernhaus noch nie erlebt hatte.

Die Phantasie des 1957 geborenen Vorarlbergers Reinhard von der Thannen scheint unerschöpflich zu sein.

Salzburger Sommerfestspiele 2001, Wolfgang Amadeus Mozarts „Così fan tutte“: Riesige Insekten und bunte Frösche tummeln sich unter Riesenblumen auf der Bühne. Frauen erscheinen als Fliegenpilze und die Männer als Hähne mit rot leuchtenden Kämmen und ausgespreizten Federn, zwei Sklaven mit riesigen Dobermann-Tierkopf-Masken. Zurück bleibt ein hitzig erregtes Publikum.

Salzburger Festspiele 2001, Johann Strauß, „Die Fledermaus“: Das konservative Publikum sieht sich um eine traditionelle Walzerseligkeit-Operette betrogen, es tobt, brüllt, pfeift. Es hat weder faschistoide Fledermäuse in schwarzen Seidenanzügen noch eine Koks schnupfende Festgesellschaft, noch einen Hermann-Göring-Imitator in der Rolle des Herrn von Eisenstein auf der Bühne erwartet.

Bayreuth 2010, Richard Wagners „Lohengrin“: Der riesige Chor wuselt als rotäugige, langschwänzige Ratten in Kostümen aus Neopren, Fieberglas und Silikon über die Bühne. Sie tanzen, sie schubsen sich, spielen fangen, reiben sich an den Nasen und bringen in Wagners „traurigster Oper“ die Zuschauer zum Lachen. Bei der Premiere vom aufgebrachten Publikum ausgebuht, wird diese Inszenierung nach 5 Jahren zur beliebtesten der letzten Spielsaisonen.

Berlin 2013, Komische Oper, Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“: Regie, Ausstattung und Bühnenbild. Und wieder sind sich Kritiker und Publikum nicht einig, ob die Inszenierung nun stilvoll oder nur schön und harmlos ist, oder irrwitzig und unverständlich. Eine Videoeinspielung, die einen Wald aus Messern und Gabeln zeigt, das Hexenhaus ein zuckergusstriefender Kuchen, Hänsel und Gretel sind wie der dickbäuchige Kinderchor weiß gekleidet, die Mutter im schwarzen Outfit und mit roten Haaren, dazu eine in grün geschminkte Revue-Hexe in einem grünen Pailletten-Hosenanzug.

Salzburger Festspielsommer 2016, Charles Gounod, „Faust“: Regie, Ausstattung und Bühnenbild. Mit der revuehaften Inszenierung, mit glatzköpfigen Clowns in Ganzkörperanzügen, einem Bühnenbild, das dem österreichischen Fernsehen nachempfunden erscheint, einem Riesenskelett, der überdimensionalen Margerite und dem Lichter-Zylinder, der sich um Gretchens begrüntes Schlafzimmer schließt, kann sich nur ein Teil anfreunden.

Bereits während seines Studiums der Bühnen-, Kostüm- und Filmgestaltung an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien und an der Wiener Akademie der Bildenden Künste unter Erich Wonder ist er als Kostüm- und Bühnenbildner am Schauspielhaus Hamburg, an den Opernhäusern in Frankfurt und Köln und am Residenztheater in München tätig. Von 1987 bis 1992 ist von der Thannen Bühnen- und Kostümbildner an der Freien Volksbühne Berlin, dessen Intendant Hans Neuenfels ist. Daneben gastiert er an der Opéra de Paris, am Thalia Theater Hamburg, Schauspielhaus Hamburg, Theater Basel, Schauspielhaus Zürich, Burgtheater, Schauspielhaus Düsseldorf, in Mainz, Darmstadt und Stuttgart, am Schillertheater und an der Deutschen Oper Berlin, bei den Wiener Festwochen, an der Wiener Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen.

Im Staatstheater Darmstadt übernimmt von der Thannen 1994 im Stück „Catilina“ von Antonio Salieri erstmals Ausstattung und Regie. Seine Kostüme für „Die Frösche“ von Aristophanes und „Ich und ich“ von Else Lasker-Schüler erhielten den Berliner Kunstpreis für die herausragende Ausstattung, und seine Zeichnungen wurden vom Berliner Museum angekauft. Bereits 4 Mal wurde von der Thannen von der Zeitschrift „Opernwelt“ zum „Kostümbildner des Jahres“ gewählt. Es ist die bedeutendste Auszeichnung für Theaterschaffende in ganz Europa und wurde ihm für die Opern „Nabucco“ von Giuseppe Verdi, „Fidelio“ von Ludwig van Beethoven, „Idomeneo“ von Wolfgang Amadeus Mozart und Richard Wagners „Lohengrin“ verliehen. Viele seiner Arbeiten wurden von Sammlungen angekauft und in Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert, u.a. vom Berlin Museum, der Österreichischen Theatersammlung und der Sammlung Preußischer Kulturbesitz.

Von der Thannen lehrt seit 2006 Kostümdesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Zurzeit arbeitet er mit Hans Neuenfels und Zubin Mehta an der Vorbereitung der Oper „Salome“ von Richard Strauss für die Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden Berlin, deren Premiere im März 2018 stattfinden wird.

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geschrieben von

ist Unternehmerin, Kunstexpertin, Journalistin und betreibt die Kulturmanagement Künstlervermittlung Agentur von Schilgen. Von Schilgen studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien mit Abschluss als „Magistra artium“. Sie erhielt einen Preis des Bundespräsidenten für außerordentliche Leistung. Als Journalistin schreibt sie für Diplomatische Corps und internationale Organisationen, für Fachmagazine und Magazine über Themen aus Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Fremdenverkehr, Kunst und Kultur, Mode und Life-Style.

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