Hommage à VALIE EXPORT

Lentos Kunstmuseum Linz

VALIE EXPORT gilt inter­na­tio­nal als eine der wich­tigs­ten Künstler*innen kon­zep­tu­el­ler Medien‑, Per­for­mance- und Film­kunst. Zu ihrem 80. Geburts­tag prä­sen­tiert das LENTOS in Koope­ra­ti­on mit dem VALIE EXPORT Cen­ter Linz eine Aus­wahl von 30 Wer­ken und Werk­grup­pen, dar­un­ter Arbei­ten aus dem eige­nen Bestand des Kunst­mu­se­ums, der durch den Ankauf des Vor­las­ses der Künst­le­rin im Jah­re 2015 bedeut­sam erwei­tert wur­de. Die Aus­stel­lung the­ma­ti­siert die inten­si­ve und medi­al viel­fäl­ti­ge Beschäf­ti­gung VALIE EXPORTs mit dem Kör­per. Zen­tral ist dabei der Kör­per als Sub­jekt, das gesell­schaft­li­cher Regle­men­tie­rung und der Logik tech­no­lo­gi­scher Ein­schrei­bun­gen unter­wor­fen ist.

Die Gewich­tung der Aus­stel­lung liegt auf der Recher­che nach einer „Geschich­te des Kör­pers  in der Wei­se, wie sie bei VALIE EXPORT ver­han­delt wird – der Kör­per in sei­ner Ver­bin­dung zu Tech­no­lo­gien, Maschi­nen und Pro­the­sen als Mög­lich­kei­ten der Ent­gren­zung der natür­li­chen Gege­ben­hei­ten des mensch­li­chen Kör­pers und ande­rer­seits der Kör­per inner­halb der insti­tu­tio­nel­len „Appa­ra­te“. Es han­delt sich ins­ge­samt um einen codier­ten, durch gesell­schaft­li­che Pro­zes­se und Regel­wer­ke zuge­rich­te­ten Kör­per: fak­ti­sche Ein­schrei­bun­gen durch Ritua­le, Täto­wie­run­gen als Zei­chen der Zuge­hö­rig­keit zu einem über­ge­ord­ne­ten Gesell­schafts­kör­per und im über­tra­ge­nen Sin­ne Ein­schrei­bun­gen in den gebau­ten Raum, das Haus, die Stadt.

Anhand frü­her Arbei­ten der 1970er Jah­re bis in die Gegen­wart lässt sich das Ver­hält­nis von Natur und Kul­tur, die Kul­tu­ra­li­sie­rung des Kör­pers bis ins digi­ta­le Zeit­al­ter nach­zeich­nen. Der Par­cours durch die Aus­stel­lung ver­läuft ent­lang der per­for­ma­ti­ven Aktio­nen und frü­her kon­zep­tu­el­ler Foto­gra­fie der Künst­le­rin, die in Bezie­hung gesetzt wer­den zu „Nach­stel­lun­gen“ Alter Meis­ter und zu Arbei­ten post­ko­lo­nia­ler The­ma­tik, um schließ­lich an Über­le­gun­gen zu media­ler Reprä­sen­ta­ti­on von Wirk­lich­keit, der Wahr­neh­mung und des Blicks als tech­no­lo­gisch und gesell­schaft­lich kodiert, anzuschließen.

So erzählt die Nach­bar­schaft von Akti­ons­ho­se Geni­tal­pa­nik als radi­ka­le, eman­zi­pa­to­ri­sche Pro­vo­ka­ti­on und Selbst­por­trät mit Kopf als sprich­wört­lich ver­stei­ner­te his­to­ri­sche Zeit im Wech­sel­spiel von Gedächt­nis und Fort­schritt eine kom­ple­xe Geschich­te der Blick­be­zie­hun­gen zwi­schen der Ver­fü­gungs­ge­walt über den weib­li­chen Kör­per und des­sen Wider­stand dage­gen und dem Gefan­gen­sein in einem ver­fes­tig­ten Bild des weib­li­chen Sub­jekts. Das medu­sen­haf­te Haupt in bei­den Arbei­ten dient als Abschre­ckung vor dem Zugriff im Sin­ne eines „Noli me tan­ge­re“ und es zeugt vom Schre­cken des Erbli­ckens des eige­nen Spie­gel­bil­des ange­sichts des Gewahr­wer­dens einer unauf­lös­ba­ren Gespal­ten­heit in ein „natür­li­ches“ und ein auf­er­leg­tes Selbst.

Akti­ons­ho­se: Geni­tal­pa­nik, 1969 © VALIE EXPORT, Bild­recht Wien, 2020

Die­se star­ken Posen begeg­nen den his­to­ri­schen „Nach­stel­lun­gen“ der von der Künst­le­rin iso­lier­ten „Pathos­for­meln“ (War­burg) aus Bild­zu­sam­men­hän­gen Alter Meis­ter, die in die­ser Her­vor­he­bung erst deut­lich wer­den als Codes der Ser­vi­li­tät und Unter­wer­fung mit Poten­ti­al zu inne­rem Wider­stand gegen­über eben jenen kör­per­lich sich mani­fes­tie­ren­den Zuwei­sun­gen von gesell­schaft­li­chen und geschlechts­spe­zi­fi­schen Regulativen.

Die Nach­stel­lun­gen an einer lan­gen Wand sind von for­mal stren­gen Bän­dern ud Wand­tren­nern aus der Serie der „kon­zep­tu­el­len Foto­gra­fie“ wie archi­tek­to­nisch struk­tu­riert. Die Wand selbst wird dadurch zum Bild. Fast erschei­nen die Seri­en als Film­strei­fen mit einer Abfol­ge von oft nahe­zu iden­ti­schen Auf­nah­men, die durch den Wech­sel der Flucht­punk­te ein poly­pho­nes Bild von Wirk­lich­keit erzeu­gen. Alles eine Fra­ge des Stand­punk­tes. Allent­hal­ben neh­men Moti­ve wie ein Mast, ein Weg, eine Lei­ter, Trep­pen oder ein Zug – von EXPORT oft ver­wen­de­te Moti­ve – alle­go­ri­sche Funk­tio­nen ein. Sie die­nen als Meta­pher – meta­phorá, über­tra­gen, über­set­zen, trans­por­tie­ren – für eine Rei­se ins Unge­wis­se, eine Rei­se in zwei Rich­tun­gen, das Erklim­men eines Ziels oder die Poten­tia­li­tät von Rich­tungs­wech­seln nach oben oder nach unten, in die Ver­gan­gen­heit oder in die Zukunft. Und ste­hen Ruth und Oprah, zwei Frau­en aus der bibli­schen Erzäh­lung, in Petri/fikation, nicht an einer ris­kan­ten, schick­sals­haf­ten Weg­ga­be­lung, die ihr Leben ent­schei­den wird? Ent­schei­den sie sich für die Unter­ord­nung unter das Patri­ar­chat oder ein unsi­che­res Leben unter Frau­en? Oder die iso­lier­te Figur der Maria Mag­da­le­na am Ran­de von Rogier van der Wey­dens Kreuz­ab­nah­me (1435–1440), die in Klei­dung und Ges­tus als fre­vel­haft und Büße­rin aus­ge­wie­sen ist. In Domus Asso­lu­ta wie­der­um ist das Weib­li­che als Urgrund des Sün­den­falls, Eva, (Nach­stel­lung von Michiel Coxci­es Sün­den­fall, Mit­te 16. Jh.) in ihrer Ges­te der Anma­ßung und Über­tre­tung dargestellt.

In die Aus­stel­lung reiht sich auch ein Zyklus mit Ein­schrei­bun­gen ande­rer Art: Zyklus der Zivi­li­sa­ti­on. Zur Mytho­lo­gie zivi­li­sa­to­ri­scher Pro­zes­se (1972). Es sind die ritu­el­len Ein­schrei­bun­gen, die den Kör­per mar­kie­ren, ihn gesell­schaft­lich kodie­ren. EXPORT nimmt als Aus­gangs­punkt die Foto­gra­fie einer Initia­ti­on aus Gre­go­ry Bate­sons anthro­po­lo­gi­schen Stu­die Naven von 1936 und kon­tras­tiert sie mit ihren eige­nen Aktio­nen der Inzi­sio­nen, Täto­wie­run­gen, Inskrip­tio­nen, um in einem zwei­ten Teil der Serie zivi­li­sa­to­ri­sche Pro­zes­se zu beschrei­ben, die den Weg von der Natur zum gebau­ten, urba­nen Raum der Moder­ne – den Weg der „Kon­text­ver­schie­bun­gen“ – über die Unter­su­chung der damit ein­her­ge­hen­den zivi­li­sa­to­ri­schen „Bedeu­tungs­ver­än­de­run­gen“ beschreiben.

Im star­ken Kon­trast und in Reso­nanz dazu steht die Ver­mark­tung des dres­sier­ten Kör­pers in der Sati­re Ein per­fek­tes Paar oder die Unzucht wech­selt ihre Haut (1986), auf wel­che eine Art Feld­for­schungs­stu­die zu den Ritua­len weib­li­cher Geni­tal­ver­stüm­me­lung durch Beschnei­dung in Vio­la­ti­on-Schnit­te (1997) „ant­wor­tet“.

Ein nächs­ter Teil der Aus­stel­lung kon­zen­triert sich auf die Fra­gen von Wahr­neh­mung, Tech­no­lo­gie und die Prä­gung des (weib­li­chen) Kör­pers durch den sozia­len Kör­per, der sich im gebau­ten Raum, vor allem der Städ­te am deut­lichs­ten zeigt. EXPORT ana­ly­siert ihre Metho­de in einer Rei­he von Foto­gra­fien, die sie Kör­per­kon­fi­gu­ra­tio­nen (1972–1982) nennt, als „foto­gra­fi­sche Fixie­rung in einem phy­si­ka­li­schen Kon­text (Haus, Stadt, Land)“. Damit gelingt es ihr den „Kör­per­code“, der sich an der „gefro­re­nen Geschich­te der Kul­tur“ in ihrer archi­tek­to­ni­schen Ver­fes­ti­gung bei gleich­zei­ti­gem „Schwei­gen über den Kör­per“ deut­lich zeigt, auf­zu­bre­chen, und zugleich vor­zu­füh­ren, wie die angeb­li­che Kor­re­spon­denz zwi­schen Geo­me­trie und bio­lo­gi­schem Kör­per mit dem Men­schen als „Maß aller Din­ge“ beschaf­fen ist, und wie der „Umge­bungs­kör­per“* und mit­hin der gesell­schaft­li­che Kör­per und der mensch­li­che, indi­vi­du­el­le Kör­per inein­an­der ver­schränkt sind.

Und es geht um Fra­gen des Bewusst­seins, der Wahr­neh­mung, der Unter­schie­de zwi­schen Wirk­lich­keit und einer durch die Appa­ra­te ver­mit­tel­ten Rea­li­tät. Bei­spie­le sind hier eine frü­he Arbeit, Selbst­bild­nis mit Kame­ra, ein Ideo­gramm von Per­zep­ti­on, wenn man so will, sowie direkt gegen­über Der Blick des Bli­ckes – Beob­ach­tun­gen, in der For­men des Eye­tracking als Ana­ly­se­instru­ment des Sehens unter­sucht wer­den. Oder Onto­lo­gi­scher Sprung, in wel­cher der Dif­fe­renz des Rea­len zum Ver­mit­tel­ten über das Abbild nach­ge­gan­gen wird. Tech­ni­ken der Digi­ta­li­sie­rung mar­kie­ren eine wei­te­re Erwei­te­rung des Reper­toires von VALIE EXPORT ab den spä­ten 1980er Jah­ren, wobei sie die digi­ta­le Mon­ta­ge ver­wen­det, um gleich­zei­tig die Fol­gen eben jener neu­en Tech­no­lo­gien für das moder­ne Sub­jekt zu untersuchen.

Der kura­to­ri­sche Ansatz ver­folgt absicht­lich poin­tier­te, über­ra­schen­de, mit­un­ter hete­ro­ge­ne Nach­bar­schaf­ten, die in Inhalt und Medi­um zwar unter­schied­li­che Metho­den ver­fol­gen und unter­schied­li­che Peri­oden anspre­chen, aber gera­de dadurch in Kon­ver­sa­ti­on zuein­an­der tre­ten und eine viel­stim­mi­ge Nar­ra­ti­on ent­wi­ckeln. Viel­fäl­ti­ge Blick­be­zie­hun­gen zwi­schen Werk­grup­pen ver­fol­gen ein leben­di­ges Fra­ge-Ant­wort-Spiel, das die Betrachter*innen auf­ruft und involviert.

Wie ein roter Faden zieht sich ein pro­gram­ma­ti­scher Bild­text von 1990 und ein gleich­na­mi­ger Vor­trag von 1995 zur Metho­de von VALIE EXPORT durch die Aus­stel­lung „Media­le Ana­gram­me“. Dabei beschreibt sie ihre Inten­ti­on, „Brü­che der Bil­der als Trans­for­ma­ti­on zu betrach­ten“ und als Erkun­dung der „Grenz­ge­bie­te dif­fe­ren­ter For­men­spra­chen“, der „Gren­zen zwi­schen rea­ler und mög­li­cher Wirk­lich­keit“. So wie EXPORT ihre Metho­de aus­ge­hend von den frü­hen Arbei­ten bis zur Digi­ta­len Foto­gra­fie dar­in erläu­tert, so ver­mit­telt die Aus­stel­lung mit visu­el­len Reso­nan­zen, wie sehr letzt­lich alles mit allem zusam­men­hängt im Sin­ne eines „poly­pho­nen, inter­me­dia­len expan­si­ven Pro­zes­ses“, wie es EXPORT formuliert.

Die tex­tu­el­len Rah­mun­gen an den Wän­den der Aus­stel­lung, zumeist Zita­te der Künst­le­rin, ver­deut­li­chen die sprach­li­che Pro­gram­ma­tik, die Teil der künst­le­ri­schen, mit­un­ter inter­tex­tu­el­len Pra­xis von VALIE EXPORT selbst ist. Die Ver­we­bung von Bild und Text führt zur wech­sel­sei­ti­gen Poten­zie­rung der Sug­ges­ti­vi­tät des Bil­des zum einen und der sprach­lich mani­fes­tier­ten Denk­fi­gu­ren zum anderen.


LENTOS Kunst­mu­se­um Linz

Hom­mage à VALIE EXPORT, Kura­to­rin: Sabi­ne Folie
bis zum 10. Jän­ner 2021
www.lentos.at

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geschrieben von

Sie ist Kunsthistorikerin, Autorin und freischaffende Kuratorin. Sie ist Direktorin des VALIE EXPORT Center Linz Forschungszentrum für Medien- und Performancekunst und Professorin für Performance und zeitbezogene Medien an der Kunstuniversität Linz. Sie lehrte Theorie an der Bauhaus Universität Weimar im Rahmen des MFA Public Art and New Artistic Strategies (2017-19). Von 2008 bis 2014 war sie Direktorin der Generali Foundation, Wien, und von 1998 bis 2008 Chefkuratorin der Kunsthalle Wien.

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