Azzurra Immediato im Gespräch mit Kurator Eugenio Viola

Storia della notte e destino delle comete

Eine Recher­che der Gegen­wart erfor­dert die Offen­ba­rung der kom­ple­xen Suche inner­halb einer Dyna­mik, die sich aus Pro­zes­sen ergibt, die oft in der blin­den Wut der Geschich­te und in der Ver­al­te­rung oder in den Abgrün­den getrüb­ter Gewis­sen ver­wur­zelt sind. Bei der­ar­ti­gen Ana­ly­sen hat sich die Kunst immer selbst in Fra­ge gestellt, indem sie eine kryp­ti­sche Kar­tie­rung nach­ge­zeich­net hat, die in der Lage ist, die Erfor­schung hier und jetzt zu lei­ten, die auf ein zukünf­ti­ges Wis­sen abzielt, und muti­ge und zukunfts­wei­sen­de Instru­men­te anbie­tet. Die­sem Weg folgt das Pro­jekt für den ita­lie­ni­schen Pavil­lon bei der 59. Inter­na­tio­na­len Kunst­aus­stel­lung – La Bien­na­le di Vene­zia: Sto­ria del­la Not­te e Desti­no del­le Come­te (Die Geschich­te der Nacht und Schick­sal der Kome­ten), kura­tiert von Euge­nio Vio­la und zum ers­ten Mal in der Geschich­te des ita­lie­ni­schen Pavil­lons einem ein­zi­gen Künst­ler über­las­sen: Gian Maria Tosat­ti. In der heu­ti­gen Zeit und in der Ent­schlüs­se­lung einer His­to­rie, die sich viel schnel­ler zu wan­deln scheint als wir es zu ver­ste­hen ver­mö­gen, erzählt Sto­ria del­la Not­te e Desti­no del­le Come­te, kon­zi­piert als öko­lo­gi­sche Instal­la­ti­on, von der schwie­ri­gen Ver­bin­dung, die zwi­schen Mensch und Natur, in der Schwe­be »zwi­schen den Träu­men und Feh­lern der Ver­gan­gen­heit und den Zukunfts­aus­sich­ten«, besteht. Die thea­tra­li­sche Aus­ein­an­der­set­zung in zwei Akten fügt die Fak­ten zu einer krea­ti­ven Kosmo­go­nie von befrei­en­der Bedeu­tung zusam­men, für die Euge­nio Vio­la und Gian Maria Tosat­ti eine onto­lo­gi­sche Leit­li­nie skiz­ziert haben. In die­sem Zusam­men­hang füh­ren wir wäh­rend der Vor­be­rei­tun­gen im März mit dem Kura­tor Euge­nio Vio­la, der­zeit Direk­tor des MAMBO (Museo de Arte Moder­no de Bogo­tá ), ein Gespräch.

Der Titel des für den ita­lie­ni­schen Pavil­lon kon­zi­pier­ten Pro­jekts, das Sie dem Künst­ler Gian Maria Tosat­ti anver­traut haben, erin­nert neben der lite­ra­ri­schen Prä­gung an eine traum­ähn­li­che Dimen­si­on, die auf eine sowohl fra­gen­de als auch mnes­ti­sche Refle­xi­on abzielt, in der die Ver­gan­gen­heit und die Aus­sicht auf die Zukunft sich zu tref­fen schei­nen. Wel­chen Wunsch ver­bin­den Sie damit?

EUGENIO VIOLA: Der ers­te Wunsch, sich dem Pro­jekt zu nähern, war offen­sicht­lich mit der Bezie­hung zwi­schen Mensch und Ter­ri­to­ri­um, Mensch und Umwelt ver­bun­den und hät­te ange­sichts der Meta-Pan­de­mie und, wie Paul Pre­cia­do sagen wür­de, »far­mapor­no­kra­ti­schen« Zei­ten, in denen wir leben, nicht anders sein kön­nen. Des­halb wird die Sto­ria del­la Not­te im Wesent­li­chen zur Meta­pher, um die­se The­men auf­zu­grei­fen, auch weil alles, was wir erlebt haben, direkt mit der Indus­tria­li­sie­rung ver­bun­den ist und zu Las­ten der Arten­viel­falt geht. Die kata­stro­pha­len Epi­de­mien der letz­ten Jah­re sind mit dem Phä­no­men des »Spillovers«, dem Über­tra­gungs­ef­fekt, ver­bun­den, der direkt mit dem Phä­no­men der Urba­ni­sie­rung ver­knüpft ist, von der Vogel­grip­pe und Aids bis zum Covid 19. Das war der Aus­gangs­punkt, um mit der Arbeit an die­sem Pro­jekt zu begin­nen, das zwar, wie Sie zu Recht sagen, auf einem soli­den lite­ra­ri­schen Hin­ter­grund beruht, jedoch iden­tisch ist mit der Arbeits­wei­se von Gian Maria Tosat­ti und auch mit mei­ner kura­to­ri­schen Pra­xis, die stets mit einem soli­den theo­re­ti­schen Ansatz ver­bun­den ist. Sicher­lich ist es eine fra­gen­de und mnes­ti­sche Refle­xi­on, in der Ver­gan­gen­heit und Zukunft ein­an­der begeg­nen, auch weil der Pavil­lon, der in Gior­gio Agam­bens Wor­ten als »archäo­lo­gi­sche Annä­he­rung an die Gegen­wart« defi­niert wer­den könn­te, die Ver­gan­gen­heit in Erin­ne­rung rufen will, um die Gegen­wart zu hin­ter­fra­gen. Die traum­ähn­li­che Dimen­si­on gehör­te also schon immer zur Aus­drucks­pra­xis von Gian Maria Tosat­ti. Die anschau­li­che und nar­ra­ti­ve »kura­to­ri­sche Hand­schrift« des Pavil­lons basiert auf einer über­zeug­ten thea­tra­li­schen Syn­tax, die auch die Traum­di­men­si­on ver­wen­det und sich im zwei­ten Teil, dem Schick­sal der Kome­ten, aus­drückt. Es han­delt sich also um einen in zwei Akten insze­nier­ten Pavil­lon, ein­ge­lei­tet durch einen »stum­men« Prolog.

Gian Maria Tosat­ti, “Histo­ry of Night and Desti­ny of Comets” (Sto­ria del­la Not­te e Desti­no del­le Come­te), Ita­li­an Pavi­li­on at Bien­na­le Arte 2022, cura­ted by Euge­nio Vio­la, Com­mis­sio­ner of the Ita­li­an Pavi­li­on Ono­frio Cuta­ia. Cour­te­sy DGCC – MiC

Als Kura­tor haben Sie ent­schie­den, die Erzäh­lung der Bezie­hung zwi­schen Mensch und Geschich­te, Mensch und Natur, Mensch und Ethik, der Arbeit von Gian Maria Tosat­ti anzu­ver­trau­en. Eine Wahl, die zunächst vie­le Exper­ten über­rasch­te, sich aber im Gegen­teil als Etap­pe auf einem viel kom­ple­xe­ren und brei­te­ren Weg her­aus­stellt, der bei die­ser Gele­gen­heit die Ver­ei­ni­gung mit der Kunst von Tosat­ti fin­det. Was waren die wesent­li­chen und gemein­sa­men Ele­men­te des mäeu­ti­schen Prozesses?

Die Arbeit von Gian Maria Tosat­ti, das unter­strei­che ich seit lan­gem, stellt ein Uni­kat in der ita­lie­ni­schen künst­le­ri­schen For­schung dar, da sie genau die­se kom­ple­xen Pro­jek­te im Kon­text jener ent­wi­ckelt, die nur ver­ein­facht als »öko­lo­gi­sche Instal­la­tio­nen« defi­niert wer­den kön­nen, die aber in Wirk­lich­keit »kom­ple­xe inter­me­diä­re Schalt­sys­te­me« sind, die die Syn­the­se der Küns­te her­aus­for­dern, die dem Avant­gar­de-Ide­al am Her­zen liegt, und in Wahr­heit eine Rei­he von Ele­men­ten berüh­ren, die bei­spiels­wei­se mit der Tra­di­ti­on der Umwelt, der Per­for­mance usw. ver­bun­den sind. Her­vor­zu­he­ben ist neben einer abso­lu­ten Beherr­schung der Räu­me, dass es sich auch um die »Erb­sün­de« des Thea­ters han­delt. Auch ange­sichts des­sen fiel mei­ne Wahl auf Gian Maria. Schließ­lich set­zen wir die Teil­nah­me des ita­lie­ni­schen Pavil­lons mit der der ande­ren natio­na­len Betei­li­gun­gen gleich, die seit lan­gem an einer ein­heit­li­chen Visi­on fest­hal­ten, die von einem ein­zi­gen Künst­ler prä­sen­tiert wird. Ange­sichts der Über­ra­schung oder Kri­tik, die mir wegen die­ser Ent­schei­dung ent­ge­gen­ge­bracht wur­den, habe ich stets geant­wor­tet, dass ich für das Tri­ni­täts­sche­ma mei­ner Vor­gän­ger einen Künst­ler ein­ge­setzt habe, der ein­zig und drei­fal­tig ist.

Die Bien­na­le ist ein Blick in die Tie­fen und Ris­se der ultra-zeit­ge­nös­si­schen Rea­li­tät, und in den letz­ten zwei Jah­ren hat sich die Rea­li­tät in einem unkal­ku­lier­ba­ren und viel­leicht undenk­ba­ren Tem­po wei­ter­ent­wi­ckelt. Kunst und Künst­ler hat­ten aus ihrer War­te bereits bestimm­te Dyna­mi­ken unter­sucht und vor­her­ge­sagt. Wie haben Sie aus kura­to­ri­scher Sicht die Ein­la­dung, den ita­lie­ni­schen Pavil­lon zu kura­tie­ren, mit der Bit­te, »die aktu­el­len und drin­gen­den Fra­gen der heu­ti­gen Gesell­schaft anzu­ge­hen und sie mit der für zeit­ge­nös­si­sche Spra­chen typi­schen Trans­ver­sa­li­tät und Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät zu erfor­schen« wahr­ge­nom­men, und auf wel­che Wei­se hat sich die Idee entwickelt?

Die Kunst gibt uns die Mög­lich­keit, die Wider­sprü­che, die Ris­se der Rea­li­tät aus einem ande­ren, kon­trä­ren und kom­ple­men­tä­ren Blick­win­kel zu betrach­ten. Die Geschich­te der Nacht ist auch alles, was heu­te zum Bei­spiel auch in Euro­pa pas­siert: Sto­ria del­la not­te ist auch Krieg. Das, was wir in die­sen Tagen erle­ben: Auf den offi­zi­el­len sozia­len Medi­en (Insta­gram: @notteecomete, Face­book: @Notte e Come­te) haben wir gera­de einen Bei­trag zur Unter­stüt­zung des est­ni­schen Pavil­lons ver­öf­fent­licht. [01.03.2022 Hrsg.] Die Geschich­te der Nacht kann auch die bit­te­re Meta­pher von etwas sein, die grö­ßer ist als der Dis­kurs, den wir ent­wi­ckeln wer­den; ein Dis­kurs, der durch Induk­ti­on von einem spe­zi­fi­schen Pro­blem aus­geht, um auch über all­ge­mei­ne­re Pro­ble­me zu spre­chen und das ist die gro­ße meta­pho­ri­sche Kraft der Kunst. Ich lebe in Kolum­bi­en und was eine der bedeu­tends­ten leben­den kolum­bia­ni­schen Künst­le­rin­nen wie Bea­triz Gon­zá­lez, die Stim­me des Bür­ger­kriegs, oft bekräf­tigt, ist: »Kunst erzählt, was die Geschich­te nicht erzäh­len kann.« Daher war die Aus­ein­an­der­set­zung mit aktu­el­len und drän­gen­den Fra­ge­stel­lun­gen in einer für die zeit­ge­nös­si­sche Spra­che typi­schen Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät – vor­ge­se­hen auch in der Aus­schrei­bung der Bien­na­le – einer der Grün­de, die mich ver­an­lass­ten, mich sofort auf Gian Maria zu konzentrieren.

Gian Maria Tosat­ti und Euge­nio Viola
Wir leben in einer Gesell­schaft, in der alles hyper­äs­the­tisch ist und die­ses Über­maß an Ästhe­tik uns zu betäu­ben droht. Wir müs­sen uns unbe­dingt kri­tisch mit den Dring­lich­kei­ten und Wider­sprü­chen einer Gegen­wart aus­ein­an­der­set­zen, die heu­te lei­der mehr denn je unge­wiss ist.
Euge­nio Viola

Die Kunst­ge­schich­te als Mensch­heits­ge­schich­te und Geschich­ten­kom­pen­di­um bie­tet sich als Öff­nung für eine Refle­xi­on an, die in ers­ter Linie ethi­scher Natur ist, und in der die Ästhe­tik, fern von kos­me­ti­schen Ste­reo­ty­pen, in die Tie­fe, oft sogar umständ­lich, abtaucht, um zu erzäh­len: eine Art Dol­met­scher zu sein und ein Vor­bo­te für Gedan­ken. Sto­ria del­la Not­te e Desti­no del­le Come­te wur­de als eine Erzäh­lung in zwei Akten defi­niert, zwei Kapi­tel eines Werks, das durch eine Viel­zahl von Gram­ma­ti­ken die Ver­gan­gen­heit beob­ach­tet, in die Gegen­wart sinkt und Hoff­nung auf Fort­schritt für die Zukunft bie­tet. Was wird der Fort­schritt sein, auf den wir zugehen?

Ja, zwei Kapi­tel, zwei Akte, weil ich ger­ne die thea­tra­li­sche Meta­pher mit einem stum­men Pro­log ver­wen­de. Der Fort­schritt, auf den wir zuge­hen… nun, ich kann es in Wirk­lich­keit nicht beant­wor­ten, weil der Pavil­lon schließt und das Schick­sal der Kome­ten eine opti­mis­ti­sche und beein­dru­cken­de Visi­on der Gegen­wart bie­tet. Opti­mis­mus muss in die­sen unsi­che­ren Zei­ten eine ethi­sche Not­wen­dig­keit, fast eine mora­li­sche Ver­pflich­tung sein, und die gesam­te Recher­che von Gian Maria Tosat­ti sowie mei­ne kura­to­ri­sche Erfor­schung basie­ren dar­auf. Als ich die Nach­richt erhielt, dass mir die ehren­vol­le Ver­ant­wor­tung der Betreu­ung des ita­lie­ni­schen Pavil­lons über­ge­ben wird, sag­te ich mir: »Ich wer­de alles dar­an set­zen, die­se Auf­ga­be ethisch zu erfül­len.« Ethik und Ästhe­tik sind für mich wesent­li­che Ele­men­te mei­ner Sicht­wei­se und Inter­pre­ta­ti­on des Schaf­fens. Zunächst gibt es eine ers­te Ebe­ne der Her­an­ge­hens­wei­se und das ist sicher­lich die Ästhe­tik, die­je­ni­ge, bei der etwas gefällt oder nicht gefällt, dann gibt es eine ande­re unbe­que­me Ebe­ne des Ver­ständ­nis­ses: Ich selbst stel­le oft Pro­jek­te vor, die nicht als Unter­hal­tung gedacht sind, son­dern ech­te Schlä­ge in die Magen­gru­be, denn Kunst muss zum Nach­den­ken anre­gen. Wir leben in einer Gesell­schaft, in der alles hyper­äs­the­tisch ist und die­ses Über­maß an Ästhe­tik uns zu betäu­ben droht. Wir müs­sen uns unbe­dingt kri­tisch mit den Dring­lich­kei­ten und Wider­sprü­chen einer Gegen­wart aus­ein­an­der­set­zen, die heu­te lei­der mehr denn je unge­wiss ist.

Das The­ma der Bien­na­le d’Arte 2022, inspi­riert von Leo­no­ra Car­ring­tons sur­rea­lis­ti­scher Visi­on, zielt auf eine freie Welt vol­ler neu­er und uner­war­te­ter Mög­lich­kei­ten ab, in der die Mensch­heit, indi­vi­du­el­le Iden­ti­tä­ten, die Bezie­hun­gen zu Tech­no­lo­gie und Natur sich zu einer Kon­ta­mi­na­ti­on ver­mi­schen, die uns ein­lädt, vie­le Fra­gen zu stel­len. Wel­chen Dia­log wird der ita­lie­ni­sche Pavil­lon, sei­ne Arbeit und das Werk von Tosat­ti, vor die­sem kon­zep­tio­nel­len Hin­ter­grund, eröffnen?

Natür­lich habe ich nicht direkt mit Ceci­lia gespro­chen [Ale­ma­ni, Kura­to­rin der 59. Inter­na­tio­na­len Kunst­aus­stel­lung, Hrsg.]. Wäh­rend der Kon­zep­tio­nie­rung des ita­lie­ni­schen Pavil­lons jedoch, als die The­men in der Luft lagen, erlau­ben es uns die­se, ein­an­der zu tref­fen, und tat­säch­lich ent­spricht unser Pavil­lon abso­lut der all­ge­mei­nen traum­ähn­li­chen und sur­rea­len Visi­on, die auf der Bien­na­le Arte 2022 dar­ge­bo­ten wird. Es ist kein Zufall, dass der von Ceci­lia Ale­ma­ni 2017 kura­tier­te ita­lie­ni­sche Pavil­lon den Namen »Die magi­sche Welt« trug und heu­te eine Künst­le­rin, die ich sehr lie­be, Leo­no­ra Car­ring­ton, Inspi­ra­ti­ons­quel­le ist. Dies eröff­net einen Dia­log über die phan­ta­sie­vol­len Mög­lich­kei­ten, die Kunst bie­ten kann, denn auch unser Pavil­lon bie­tet gera­de im letz­ten Akt eine traum­haf­te, kathar­ti­sche, palin­ge­ne­ti­sche und visio­nä­re Welt. Das Schick­sal der Kome­ten steht auch dem spä­ten Paso­li­ni nahe, dem visio­närs­ten und dys­to­pischs­ten Künst­ler, der in dem Arti­kel über die Macht­lee­re in Ita­li­en, mein­te: Ich wür­de das gan­ze Mon­tedi­son für ein Glüh­würm­chen geben. Der Arti­kel wur­de im Cor­rie­re del­la Sera, am 1. Febru­ar 1975 ver­öf­fent­licht, nur weni­ge Mona­te, bevor er bru­tal ermor­det wur­de. Dar­über hin­aus hat Geor­ges Didi-Huber­man, ein Phi­lo­soph, den ich sehr mag, die­ses Kon­zept auf­ge­grif­fen, indem er den ora­kel­haf­ten Pes­si­mis­mus, der Paso­li­nis Visi­on aus­zeich­net, durch eine wahr­schein­li­che­re Lese­art umkehrt. Das kann im poli­tischs­ten Buch von Didi-Huber­man »Come le luc­cio­le« nach­ge­le­sen wer­den. Des­sen Unter­ti­tel lau­tet – wie­der ein­mal ange­mes­sen für die­se unsi­che­ren Zei­ten – »Für eine Poli­tik des Über­le­bens« und eröff­net zwangs­läu­fig eine bahn­bre­chen­de Per­spek­ti­ve auf ima­gi­nä­re Ansätze.

Eini­ge behaup­ten, dass die gesam­te zeit­ge­nös­si­sche Kunst ein Kon­ti­nu­um von Aus­stel­lungs­prak­ti­ken ist, inner­halb des­sen es schwie­rig ist, jene künst­le­ri­schen Aspek­te zu erken­nen, die zu einem frü­he­ren Kunst­sys­tem gehör­ten. In die­sem Sin­ne hat sich auch die Figur des Kura­tors gewan­delt: Die insti­tu­tio­na­li­sier­te Pra­xis hat im frei­be­ruf­li­chen Kon­zept ihr Gegen­teil gefun­den. Wie brin­gen Ihre Erfah­run­gen die bei­den Per­spek­ti­ven zusammen?

Ich arbei­te sowohl als Frei­be­ruf­ler als auch – und das seit vie­len Jah­ren – als insti­tu­tio­nel­ler Kura­tor. Am Anfang hat mich die­se Defi­ni­ti­on belas­tet, von 2009 bis heu­te war ich Kura­tor an Muse­ums­in­sti­tu­tio­nen auf drei ver­schie­de­nen Kon­ti­nen­ten und seit drei Jah­ren Chef­ku­ra­tor von MAMBO Bogo­tà, was es mir ermög­licht, Teil eines Pro­zes­ses des sozia­len und bür­ger­li­chen Wie­der­auf­baus durch die Kunst und Kul­tur zu sein, sicher­lich ein Pri­vi­leg. Die Figur des Kura­tors hat sich zwei­fel­los ver­än­dert, und mein Men­tor Ange­lo Trim­ar­co beschäf­tigt sich viel mit die­ser Ver­fla­chung und Schwä­chung der kri­ti­schen Funk­ti­on. Der heu­ti­ge Kura­tor ist zuneh­mend eine Figur mit unter­schied­li­chen Funk­tio­nen, die sich auch um die Finan­zie­rung küm­mern muss, was ich für den ita­lie­ni­schen Pavil­lon eben­falls tat, und was ich auch hier bei MAMBO mache. Also ist der Kura­tor im Wesent­li­chen ein Kul­tur­ma­na­ger. Die Akteu­re des Kunst­sys­tems haben sich ver­än­dert, Bien­na­len und Mes­sen haben sich ver­viel­facht, die Glo­ba­li­sie­rung ist Rea­li­tät in all ihren Aus­prä­gun­gen. Zwei­fel­los kom­me ich aus einer Schu­le, die alt­mo­disch erschei­nen mag, aber in Wirk­lich­keit die Grün­de für einen inne­ren Unter­schied aus­drü­cken möch­te: Für mich sind Ver­ba­li­sie­rung und Visua­li­sie­rung, um an zwei Begrif­fe zu erin­nern, die Jean-Chris­to­phe Ammann sehr am Her­zen lie­gen, zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le. Aus mei­ner Sicht, und ich bezie­he mich auf das, was ich zuvor gesagt habe, sind Recher­che, Schrei­ben und For­schung in mei­ner kura­to­ri­schen Pra­xis vor­be­rei­tend und wesent­lich, ich selbst sehe Aus­stel­lun­gen als visu­el­le Essays.

Wie Kriegs­er­eig­nis­se zwi­schen Russ­land und der Ukrai­ne haben auch Aus­wir­kun­gen auf die Bien­na­le in Vene­dig: Der Russ­land-Pavil­lon hat sein Pro­jekt zurück­ge­zo­gen und gro­ße Unsi­cher­heit herrscht beim Ukrai­ne-Pavil­lon; die Grün­de für die­se Ent­schei­dun­gen wer­den dis­ku­tiert. Was den­ken­Sie? Wird Sto­ria del­la Not­te e Desti­no del­le Come­te auf die­se Wei­se wei­te­re  onto­lo­gi­sche Schat­tie­run­gen annehmen?

Wir leben in einer Welt, in der eine Rei­he von Extre­mis­men auf allen Ebe­nen wie­der auf­ge­flammt sind: sozia­ler, poli­ti­scher, zivi­ler, geschlechts­spe­zi­fi­scher und reli­giö­ser Natur. Ich glau­be, dass Kunst immer für die Koexis­tenz aller mög­li­chen Unter­schie­de ein­tre­ten muss; ich den­ke, sie muss Brü­cken bau­en und kei­ne Bar­rie­ren. Ich glau­be auch, dass Kunst eine ent­schei­den­de Posi­ti­on ein­neh­men muss, wenn bestimm­te Para­dig­men feh­len – was ich auch in mei­ner Posi­ti­on hier in Kolum­bi­en als Lei­ter der Kul­tur­po­li­tik der ers­ten Insti­tu­ti­on, die sich der Gegen­wart der Kunst in die­sem Land wid­met, fest­ge­stellt habe. Wie Jean­net­te Win­ter­son sagen wür­de, »Kunst wider­spricht« und muss wider­spre­chen. Wenn also in einem Staat, der sich auch nur annä­hernd als demo­kra­tisch defi­nie­ren will, die Gren­zen über­schrit­ten wer­den, muss die Kunst eine Ent­schei­dung tref­fen und sich klar posi­tio­nie­ren. Des­halb unter­stüt­ze ich heu­te die Ukrai­ne, den Ukrai­ne-Pavil­lon und mei­ne Ach­tung vor dem litaui­schen Kura­tor des Russ­land-Pavil­lons, der sich mutig ent­schie­den hat, abzu­tre­ten. Ich hät­te es genau­so gemacht.

Gian Maria Tosat­ti, Foto: Mad­da­le­na Tartaro

Da künst­le­ri­sche Ent­schei­dun­gen mensch­li­che Ent­schei­dun­gen sind, ber­gen sie immer einen poli­ti­schen Hin­ter­grund. In der Ver­gan­gen­heit wur­den Sie als »Arti­vist« bezeich­net, sowohl wegen der Kohä­renz kura­to­ri­scher Pro­zes­se als auch wegen der Zusam­men­ar­beit mit Künst­lern, deren Pro­jek­te einen gewis­sen phi­lo­so­phi­schen Kern hat­ten. Heu­te fällt mir beson­ders Ihre Recher­che zu Boris Mikhai­l­ov ein und wie sehr dies die Vor­aus­sag­bar­keit von Kunst oder gar ihren Wert als mit­un­ter grau­sa­mer Spie­gel der Rea­li­tät demons­triert. In wel­che Rich­tung wird also die neue Zusam­men­ar­beit mit Gian Maria Tosat­ti gehen?

Als ich die ers­te Aus­stel­lung zu Boris Mikhai­l­ov kura­tier­te, der damals 2017 die Ukrai­ne auf der Bien­na­le ver­trat, hät­te ich nicht gedacht, dass das, was wir in die­sen Tagen erle­ben, hät­te pas­sie­ren kön­nen. Also ja, manch­mal hat Kunst eine Vor­her­sa­ge­kraft und sogar unser Pavil­lon hat grau­sa­me Aspek­te, aber wie Céli­ne über die Natur sag­te, die Natur hat ihre eige­nen Geset­ze, die aus unse­rer Sicht als grau­sam defi­niert wer­den kön­nen, die sich aber auf eine Ord­nung bezie­hen, die über mensch­li­che Geset­ze hin­aus gehen. Aus die­sem Grund unter­schei­det sich die Grau­sam­keit, auf die sich der ita­lie­ni­sche Pavil­lon bezieht, von der Grau­sam­keit der mensch­li­chen Rea­li­tät, die wir in die­sen Tagen erle­ben. Eine Rea­li­tät, die nie ein­deu­tig ist, es gibt zum Bei­spiel Tau­sen­de von Men­schen, die in Russ­land fest­ge­nom­men wur­den, weil sie gegen den Krieg pro­tes­tiert haben. Auf der gan­zen Welt haben sich Rus­sen und Ukrai­ner auf den Stra­ßen umarmt, um gegen den Krieg zu demons­trie­ren, und das soll­te einem gründ­lich zu den­ken geben. Um die neue Zusam­men­ar­beit mit Gian Maria zu ver­deut­li­chen: Es han­delt sich nicht um einen neu­en Weg, son­dern um eine Rei­se, die fort­ge­setzt wird, gespickt mit einer Rei­he von unun­ter­bro­che­nen Über­gän­gen, denn unse­re Zusam­men­ar­beit basiert auf einer Arbeits­wei­se, die mit dem drei­jäh­ri­gen Pro­jekt »Set­te sta­gio­ni del­lo spi­ri­to« (Sie­ben Jah­res­zei­ten des Geis­tes) begann. Eine authen­ti­sche kura­to­ri­sche Saga, die mit der Aus­stel­lung im MADRE Muse­um in Nea­pel ende­te und zugleich für mich das letz­te Pro­jekt als Kura­tor der nea­po­li­ta­ni­schen Insti­tu­ti­on dar­stell­te, die mei­nem Umzug nach Aus­tra­li­en vor­aus­ging [Seni­or Cura­tor am Perth Insti­tu­te of Con­tem­pora­ry Arts, Hrsg.]. Jetzt geht es also wie­der los und wir knüp­fen an genau jene Über­gangs­rei­he mit einer »süd­lich trei­ben­den Kraft« an, die sich von Nea­pel und dem Süden aus­ge­hend mit ande­rem verbindet.

Werden wir jemals zu einer »Geschich­te des Tages und dem Schick­sal neu­er Kon­stel­la­tio­nen« gelangen?

Ich möch­te zu einer Geschich­te des Tages und dem Schick­sal neu­er Kon­stel­la­tio­nen gelan­gen, das ist der Wunsch und auch jene The­ma­tik, die das Schick­sal der Kome­ten am Höhe­punkt und am Ende der Geschich­te der Nacht auf­wirft, der wir lei­der bis­her noch nicht ent­kom­men sind.

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ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Kritikerin, Senior Partnerin und Kuratorin von Arteprima Progetti. Redakteurin für ArtsLife, Photolux Magazine, Il Denaro, Ottica Contemporanea, Rivista Segno und andere Zeitschriften. Sie untersucht multidisziplinäre künstlerische Projekte mit den Schwerpunkten Fotografie, darstellende Kunst und Videokunst und ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des IAR-Projekts, International Artist Residency. Sie gehört zu den Förderern und Unterzeichnern des Art Thinking Manifesto. Seit 2018 ist sie künstlerische Leiterin der Sektion Fotografie des Festivals VinArte und gemeinsam mit Massimo Mattioli Initiatorin des Projekts Imago Murgantia. Darüber hinaus hat sie im Jahr 2020 eine Zusammenarbeit mit der Kanzlei Studio Jaumann srl begonnen, wobei sie die Welt der Kunst mit der des Rechts und des geistigen Eigentums verbindet.

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