Jeffrey Deitch

Interview mit Jeffrey Deitch

DA CAPO!” ist der Titel der neu­en Aus­ga­be des Maga­zins stay­in­art. Da Capo ist ein ita­lie­ni­scher Begriff, der ursprüng­lich in der Barock­mu­sik ver­wen­det wur­de und „von Anfang an” oder „eine bestimm­te Pas­sa­ge oder eine musi­ka­li­sche Note wie­der­ho­len” bedeu­tet. Durch die gegen­wär­ti­ge welt­wei­te Gesund­heits- und Wirt­schafts­kri­se müs­sen vie­le Men­schen mit ihrem Leben und ihrer Kar­rie­re von vor­ne begin­nen oder das, was sie bereits im Leben erreicht haben, noch ein­mal wie­der­ho­len. Dies trifft ins­be­son­de­re auch auf die Kunst­welt, die Gale­rien, die Künstler*innen und Muse­en zu. Ein Online-Gespräch mit dem renom­mier­ten Kunst­händ­ler, Kura­tor und ehe­ma­li­gen Muse­ums­di­rek­tor Jef­frey Deitch könn­te dazu bei­tra­gen, die­se, der Wahr­neh­mung nach, bedrü­cken­de Situa­ti­on, durch sei­nen inno­va­ti­ven und krea­ti­ven Geist neu zu erfin­den. Das Zitat „Jef­frey fore­ver” basiert auf einer Aus­sa­ge der ita­lie­ni­schen Künst­le­rin Vanes­sa Bee­croft wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten zur Doku­men­ta­ti­on „Jef­frey Deitch’s Los Ange­les“ von Art­bound auf KCET vom Juni 2019. Es blieb mir im Gedächt­nis haf­ten, denn Jef­frey ist für immer, mit oder ohne Kri­se. Er ist hart­nä­ckig, aus­dau­ernd, über­dau­ernd, ent­schlos­sen und zukunftsorientiert.

EIN EXPERTEN-GESPRÄCH ZWISCHEN BARBARA STEFFEN (WIEN) UND JEFFREY DEITCH (LOS ANGELES)

BARBARA STEFFEN: Jeffrey, wir ken­nen uns seit 1986. Damals wur­de ich dir von einem gemein­sa­men Freund in Lon­don vor­ge­stellt. Du warst als Kunst­be­ra­ter und Kura­tor für die Samm­lung der Citi­bank in New York tätig und warst einer der ganz weni­gen Men­schen, die die Kunst­welt so defi­niert haben, wie sie heu­te ist. Dei­ne beein­dru­cken­de und krea­ti­ve Kar­rie­re kann kaum von jeman­dem in der Kunst­welt nach­ge­ahmt wer­den. Dein außer­ge­wöhn­lich guter Geschmack, dei­ne kla­re Visi­on für neue Künst­ler, dei­ne unge­wöhn­li­chen Ideen für Aus­stel­lun­gen, dein groß­ar­ti­ges Netz­werk und die Ent­schlos­sen­heit, Kunst 24 Stun­den am Tag zu leben und zu atmen, sind Teil dei­nes erstaun­li­chen Erfolgs auf einem Niveau, das uner­reich­bar ist. Vor eini­gen Jah­ren hast du mich nach LA ins Muse­um of Con­tem­pora­ry Art (MOCA) ein­ge­la­den, um ein Sym­po­si­um über den kali­for­ni­schen Künst­ler Bruce Con­ner zu orga­ni­sie­ren, den ich zuvor in der Kunst­hal­le Wien und Zürich aus­ge­stellt habe. Heu­te befin­det sich der Kunst­markt auf­grund der gegen­wär­ti­gen Gesund­heits­kri­se in einer etwas ande­ren Situa­ti­on. Ange­sichts dei­ner lang­jäh­ri­gen Erfah­rung in der Kunst­welt fra­ge ich dich, was hat sich für dich seit März 2020 verändert?

JEFFREY DEITCH: Vie­le von uns in der Kunst­welt haben in einer Bla­se gelebt, unser Berufs­le­ben war von Aus­stel­lungs­er­öff­nun­gen, Kunst­mes­sen, geschäft­li­chem Druck und den sozia­len Ver­pflich­tun­gen der zeit­ge­nös­si­schen Kunst­welt geprägt. Der Aus­bruch der Pan­de­mie und die Inten­si­tät der Pro­tes­te gegen Ras­sen­ge­rech­tig­keit haben die Kunst­welt in die rea­le Welt kata­pul­tiert. Es fand eine ein­schnei­den­de Abrech­nung unter Künstler*innen und Kunst­fach­leu­ten statt – im Zuge derer die Bedeu­tung und die sozia­len Aus­wir­kun­gen unse­rer Arbeit und der Sta­tus unse­rer Insti­tu­tio­nen in Fra­ge gestellt wur­den. Trotz der Qua­ran­tä­ne und der Schlie­ßung von Muse­en, Gale­rien und Treff­punk­ten der Kunst­welt habe ich fest­ge­stellt, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­on und das Gemein­schafts­ge­fühl tat­säch­lich zuge­nom­men haben. Ich habe mit Kol­le­gen tele­fo­niert, mich über Face­Time oder Zoom ver­bun­den, lan­ge Gesprä­che mit Leu­ten geführt, mit denen ich vor­her nur Small Talk bei Kunst­ver­an­stal­tun­gen prak­ti­ziert habe. In Los Ange­les habe ich an einem Pro­jekt zur Grün­dung einer Online-Gale­rie­platt­form und eines Gale­ri­en­ver­bands teil­ge­nom­men. Es hat sich defi­ni­tiv gelohnt, auf den lau­fen­den Dis­kurs mit Kol­le­gen über Gale­rie-The­men und Gemein­schafts­in­itia­ti­ven aufzubauen.

Dein Fach­wis­sen umschließt alle Teil­be­rei­che der Kunst­welt. Du bist Kunst­händ­ler, ehe­ma­li­ger Muse­ums­di­rek­tor, ehe­ma­li­ger Exper­te für Sotheby’s, Schrift­stel­ler, Ver­le­ger, Bera­ter und noch mehr. Nach dem, was ich beob­ach­te, sind die Rol­len des Gale­ris­ten und des­Ku­ra­tors dei­ne krea­tivs­ten. Du bist jemand, der die Kunst­welt prägt, der neue jun­ge Künstler*innen  ent­deckt, älte­re Künstler*innen wie­der­ent­deckt und mit der Spit­ze von Künstler*innen wie Jeff Koons, Ai Wei Wei, Bar­ba­ra Kru­ger, Kehin­de Wiley, Keith Haring, Urs Fischer und vie­len ande­ren zusam­men­ar­bei­tet. Kannst du mir sagen, wie sich dei­ne Arbeit und dei­ne Aus­wahl­kri­te­ri­en als Gale­rist von denen eines Muse­ums­di­rek­tors unter­schei­den? Wie wird eine Gale­rie im Ver­gleich zu einem Muse­um auch nach die­ser Kri­se erfolg­reich wei­ter­ar­bei­ten kön­nen? Was müs­sen Gale­rien und Muse­en tun, um die­se schwe­re Zeit zu über­le­ben und mit einem viel klei­ne­ren Publi­kum zurechtzukommen?

Ich wer­de oft gefragt, wie ich viel­ver­spre­chen­de jun­ge Künst­ler find und wie ich Pro­gramm­ent­schei­dun­gen tref­fe. Die­ser Pro­zess hat sich mit zuneh­men­dem Alter wei­ter­ent­wi­ckelt, ist aber im Grun­de immer noch der­sel­be wie zu Beginn mei­ner Kar­rie­re in den frü­hen 1970er Jah­ren. Ich suche nicht nur nach indi­vi­du­el­len Talen­ten: Ich suche nach Krei­sen künst­le­ri­scher Ener­gie. Die inter­es­san­tes­ten Künst­ler tau­chen nicht iso­liert auf, son­dern als Teil­neh­mer in dyna­mi­schen Gemein­schaf­ten von Schrift­stel­lern, Musi­kern, Gale­ris­ten, Samm­lern und ande­ren Künst­lern. Ich hat­te das Glück, mich im Lau­fe der Jah­re in meh­re­ren die­ser Künst­ler­krei­se wie­der­zu­fin­den oder Teil von ihnen zu wer­den. Bei mei­nem ers­ten Gale­rie­job 1974 in der John Weber Gal­le­ry in SoHo hat­te ich das Glück – da ich mich in der Kunst­welt noch nicht aus­kann­te – mich im Epi­zen­trum der Gemein­schaft von Künst­lern, die den Kon­zep­tua­lis­mus und die ande­ren Avant­gar­de-Bewe­gun­gen der dama­li­gen Zeit präg­ten, zu befin­den. Dann fing ich an, aus­zu­ge­hen, um die neu­en Punk- und New-Wave-Bands im CBGB zu hören, und traf die Künst­ler, Schrift­stel­ler und Fil­me­ma­cher die­ser Sze­ne. Eini­ge Jah­re spä­ter kam ich in Kon­takt mit den Wild-Style-Graf­fi­ti-Autoren und den außer­ge­wöhn­lich krea­ti­ven Men­schen, die mit die­ser Gemein­schaft ver­bun­den waren. Ich bin auch heu­te noch mit die­sen Künst­lern ver­bun­den. In den bes­ten Jah­ren von Deitch Pro­jects konn­ten wir um die Gale­rie her­um eine dyna­mi­sche krea­ti­ve Gemein­schaft auf­bau­en, die uns zu einem Enga­ge­ment mit bemer­kens­wer­ten Künst­lern führ­te, die zu uns kamen und mit uns arbei­ten woll­ten. Ich muss­te nicht auf die Suche nach künst­le­ri­scher Ener­gie gehen – wir haben sie selbst erzeugt. Jetzt suche ich immer noch nach die­sen Krei­sen künst­le­ri­scher Ener­gie, aber da ich fast fünf­zig Jah­re älter als die auf­stre­ben­den Künst­ler bin, ver­las­se ich mich zuneh­mend auf talen­tier­te jün­ge­re Leu­te in mei­ner Gale­rie und in mei­nem Künst­ler­kreis, die mich lei­ten. Auch wenn ich nicht mehr um 5 Uhr mor­gens auf dem Bür­ger­steig vor einem Club her­um­hän­ge und orga­nisch mit Künst­lern zusam­men­kom­me, habe ich fest­ge­stellt, dass mei­ne gesam­mel­te Erfah­rung mit krea­ti­ven Men­schen mir einen noch schär­fe­ren Instinkt für künst­le­ri­sche Inno­va­ti­on und Qua­li­tät gege­ben hat. Eine Beob­ach­tung ist nach wie vor von größ­ter Bedeu­tung: Ech­te Inno­va­tio­nen in der bil­den­den Kunst haben fast immer Par­al­le­len in ande­ren krea­ti­ven Berei­chen; Musik, Film, Lite­ra­tur und Mode. Ich suche immer noch nach den gro­ßen ästhe­ti­schen Trends.

Was die Art und Wei­se betrifft, wie Muse­en und Gale­rien wäh­rend der Pan­de­mie und nach der Pan­de­mie arbei­ten wer­den, und nach­dem ich ihre Rol­le im Kon­text der sozia­len Gerech­tig­keit neu unter­sucht habe, den­ke ich, dass sich ihr Pro­fil aus­wei­ten und nicht schmä­lern wird. Das Online-Publi­kum, das sich wäh­rend der Pan­de­mie ent­wi­ckelt hat, wird wei­ter wach­sen, da die Kunst­welt krea­ti­ve­re und anspre­chen­de­re Wege fin­det, online zu kom­mu­ni­zie­ren. Die Muse­en und Gale­rien, die in der Lage sind, ihre Online-Initia­ti­ven zu ent­wi­ckeln, wer­den in der Lage sein, ihr Pro­gramm zu ver­bes­sern und ihr Publi­kum zu erwei­tern. Die Gale­rien und Muse­en, die die Online-Kom­mu­ni­ka­ti­on beherr­schen, wer­den ein akti­ves und enga­gier­tes glo­ba­les Publi­kum auf­bau­en. Kunst­in­sti­tu­tio­nen wer­den sich hof­fent­lich auch stär­ker in ihren loka­len Gemein­schaf­ten enga­gie­ren und ihr Enga­ge­ment über das kon­ven­tio­nel­le Kunst­pu­bli­kum hin­aus ausweiten.

Ich erin­ne­re mich, dass in dei­ner ers­ten Gale­rie in New York, Deitch Pro­jects, die Leu­te um meh­re­re Blocks in SoHo Schlan­ge stan­den, um in dei­nen Aus­stel­lungs­raum zu gelan­gen. Wür­dest du dies ger­ne noch ein­mal erle­ben, oder siehst du neue Wege, um das Publi­kum in die Gale­rie zu locken?

Es war zwei­fels­oh­ne auf­re­gend zu sehen, wie die Leu­te um den Block Schlan­ge stan­den, um in die Gale­rie zu kom­men, und manch­mal die gan­ze Stra­ße ver­sperr­ten. Wir haben eine ein­zig­ar­ti­ge Ener­gie um Deitch Pro­jects her­um geschaf­fen, die viel mit der krea­ti­ven Gemein­schaft in New York zu der Zeit zu tun hat­te, als sich die neue Kunst, Musik und Mode begeg­ne­ten. Eine groß­ar­ti­ge Aus­stel­lung eines bahn­bre­chen­den jun­gen Künst­lers wird immer noch ein gro­ßes, begeis­ter­tes Publi­kum in New York anzie­hen kön­nen. Die Situa­ti­on in Los Ange­les ist hin­ge­gen anders. So vie­le Künst­ler und Krea­ti­ve sind in den letz­ten Jah­ren nach LA gezo­gen, aber es gibt viel weni­ger Struk­tu­ren als in New York, die etwas Ver­bin­den­des schaf­fen. Vor der Pan­de­mie kamen zwei­tau­send oder mehr Men­schen zu unse­ren Aus­stel­lungs­er­öff­nun­gen in Los Ange­les. Aus­stel­lungs­er­öff­nun­gen sind eine Platt­form für Künst­ler, die über­all in der Stadt leben, um ein­an­der zu tref­fen. Es ist groß­ar­tig, eine leb­haf­te Men­schen­men­ge bei einer Aus­stel­lungs­er­öff­nung zu sehen, aber jetzt bin ich mehr dar­an inter­es­siert, eine
sinn­vol­le Aus­stel­lung zu prä­sen­tie­ren, als ein rie­si­ges Eröff­nungs­pu­bli­kum zu emp­fan­gen. Im Gegen­satz zu eini­gen ande­ren Gale­ris­ten, die sich auf die Kunst-Insi­der kon­zen­trie­ren, woll­te ich schon immer mit einem grö­ße­ren Publi­kum in Kon­takt tre­ten. Kunst soll ein brei­tes Publi­kum anspre­chen wie die bes­te pro­gres­si­ve Pop­mu­sik. Wenn wir alle wie­der zir­ku­lie­ren dür­fen, freue ich mich dar­auf, im Außen­be­reich neben unse­rer LA-Gale­rie Per­for­man­ces und Talks zu ver­an­stal­ten, um ein Publi­kum auf­zu­bau­en. Wir pla­nen auch öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen. Ich wür­de ger­ne mei­ne New Yor­ker Kunst­pa­ra­de nach Los Ange­les bringen.

Du hast mit vie­len Kunstsammler*innen welt­weit zusam­men­ge­ar­bei­tet, die dir dafür dan­ken kön­nen, dass du ihre Samm­lung über einen lan­gen Zeit­raum auf­ge­baut hast. Fin­dest du, dass es vie­le neue Samm­ler gibt, die dei­ne kura­to­ri­sche Exper­ti­se benö­ti­gen wer­den, und wel­chen Rat wür­dest du ihnen heu­te geben? Ist die nächs­te Genera­ti­on von Samm­lern so ernst­haft wie die Samm­ler in den 80er und 90er Jah­ren? Sam­melt die­se Genera­ti­on auch auf intel­lek­tu­el­ler Ebe­ne oder kauft sie ein­fach Kunst?

Gro­ße Kunst­samm­ler sind fast so sel­ten wie gro­ße Künst­ler und Kura­to­ren. Ich habe nichts gegen Leu­te, die Kunst als Deko­ra­ti­on, als Sta­tus­sym­bol oder als Inves­ti­ti­on sam­meln, aber was mich als Kunst­be­ra­ter und Gale­rist wirk­lich moti­viert, ist, die­se beson­de­ren Men­schen zu fin­den, die das Sam­meln als künst­le­ri­sches Pro­jekt begrei­fen und ihre Samm­lun­gen mit der Öffent­lich­keit tei­len wol­len. Ich hat­te das Glück, im Lau­fe der Jah­re mit meh­re­ren außer­ge­wöhn­li­chen Kunst­mä­ze­nen zusam­men­zu­ar­bei­ten. Jetzt bera­te ich eini­ge inspi­rier­te neue, öffent­lich­keits­wirk­sa­me Samm­ler und arbei­te wei­ter­hin mit Samm­lern zusam­men, deren Bezie­hung vier­zig Jah­re zurück­reicht. Es gibt eine neue Kohor­te von „Spe­ku­lan­ten“, wie Ken­ny Schach­ter sie nennt, aber Markt­ab­schwün­ge nei­gen dazu, ihre Rei­hen zu ver­klei­nern. Ich ver­su­che sie zu ver­mei­den und mich dar­auf zu kon­zen­trie­ren, Bezie­hun­gen zu Samm­lern auf­zu­bau­en, die einen künst­le­ri­schen und öffent­li­chen Auf­trag haben.

Du betreibst der­zeit Gale­rie­räu­me in New York und Los Ange­les. In New York hast du zwei Aus­stel­lungs­räu­me, und in LA hat der renom­mier­te Archi­tekt Frank Gehry einen 1.400 Qua­drat­me­ter gro­ßen Gale­rie­raum für dich gebaut. Inwie­fern unter­schei­den sich der Kunst­markt und das Gale­rie­l­e­ben in LA und NY? Wie wirkt sich die Kri­se auf dei­ne Arbeit in New York und in LA aus, was die Eröff­nun­gen, die Aus­stel­lungs­pla­nung, die Grö­ße des Publi­kums und die Ver­käu­fe angeht?

New York und Los Ange­les haben bei­de bemer­kens­wer­te Kunst-Com­mu­nities. Die­se Gemein­schaf­ten über­schnei­den sich zuneh­mend. Vor der Pan­de­mie gab es häu­fi­ge Rei­sen zwi­schen den Städ­ten, und vie­le New Yor­ker Künst­ler sind für län­ge­re Auf­ent­hal­te nach Los Ange­les gekom­men. Ich fin­de es sehr berei­chernd, Teil bei­der Gemein­schaf­ten zu sein. Die Kunst­sze­ne von Los Ange­les scheint jetzt leb­haf­ter zu sein, aber New York hat wahr­schein­lich mehr bedeu­ten­de Künst­ler. Wäh­rend der Pan­de­mie ist Los Ange­les leben­di­ger, weil die meis­ten Künst­ler hier geblie­ben sind und nicht wie vie­le New Yor­ker Künst­ler ins Hin­ter­land oder nach Long Island gegan­gen sind. Ich bin jetzt in Los Ange­les, hei­ße Besu­cher in mei­ner Gale­rie will­kom­men und mache jede Woche meh­re­re Ate­lier­be­su­che. In Los Ange­les zie­hen wir jetzt mehr ein Cross­over- Publi­kum in die Gale­rie, mit Besu­chern aus Film‑, Musik- und Mode­krei­sen sowie Kunst-Insidern.

Kürz­lich hast du zusam­men mit ande­ren Gale­rien die GALA gegrün­det, einen Gale­ri­en­ver­band von Los Ange­les, der eine Online-Platt­form mit Online-Viewing rooms, redak­tio­nel­len Inhal­ten und Infor­ma­tio­nen über Gale­rien in Los Ange­les ist. Glaubst du, dass der Online-Ver­kauf und die Prä­sen­ta­ti­on von Kunst im Inter­net die Zukunft einer inter­ak­ti­ve­ren Kunst­welt sein wird? Was sind die Vor- und Nach­tei­le davon? Ist es nicht wich­tig, dass die Betrach­ter ein Kunst­werk mit eige­nen Augen sehen, bevor sie es kau­fen oder dar­über schreiben?

Online-Pro­gram­me wer­den bereits jetzt unver­zicht­bar und ergän­zen das per­sön­li­che Kunst­er­leb­nis. Für das loka­le Publi­kum bie­tet die Online-Prä­sen­ta­ti­on Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen über die Aus­stel­lung und dient hof­fent­lich auch als Anreiz, die Kunst per­sön­lich zu sehen. Das Online-Pro­gramm ermög­licht es der Gale­rie auch, das gro­ße inter­na­tio­na­le Publi­kum zu errei­chen, das die Gale­rie viel­leicht nur ein­mal im Jahr oder gar nicht besucht. Für Gale­rien wird es Rou­ti­ne wer­den, sowohl vir­tu­el­le als auch reel­le Pro­gram­me zu haben. Eini­ge Kunst­wer­ke funk­tio­nie­ren online genau­so gut wie per­sön­lich, aber nichts ist mit der per­sön­li­chen Erfah­rung eines Kunst­ob­jekts ver­gleich­bar. Dies wird nie­mals abneh­men, so wie auf­ge­nom­me­ne Musik wahr­schein­lich den Wunsch ver­stärkt hat, Live-Musik zu erleben.

Apro­pos Kunst im Ori­gi­nal betrach­ten: Besuchst du immer noch Künst­ler­ate­liers oder ver­bin­dest du dich jetzt online mit den Künstler*innen? Ich weiß, wie wich­tig es für dich ist, mit Men­schen in Kon­takt zu tre­ten und sie mit der Kunst in Ver­bin­dung zu brin­gen. Wie groß ist die­ses Hin­der­nis jetzt in die­ser neu­en Zeit?

In den ver­gan­ge­nen zwei Wochen habe ich die Ate­liers von Mr. Wash in Comp­ton, Say­re Gomez, Mario Aya­la und Celes­te Dupuy-Spen­cer in Indus­trie­ge­bie­ten in der Nähe der Innen­stadt von LA und Jonas Wood in der Nähe des klei­nen El Sal­va­dor besucht. Ich traf mich auch mit Urs Fischer zu einem Abend­essen unter frei­em Him­mel auf sei­nem wun­der­ba­ren Gelän­de in der Nähe des Ely­si­an Parks. Ich freue mich auf Ate­lier­be­su­che mit Künst­lern, die an der bevor­ste­hen­den Aus­stel­lung teil­neh­men wer­den, die mei­ne Gale­rie­lei­te­rin Melahn Frier­son zusam­men mit A. J. Girard orga­ni­siert. Wir tra­gen Mas­ken und hal­ten uns an die Abstands­re­geln, sind aber den­noch in der Lage, anre­gen­de Gesprä­che zu füh­ren. Wir haben in LA den Vor­teil, dass wir uns in unse­ren Autos fort­be­we­gen kön­nen – wäh­rend der Pan­de­mie habe ich es ver­mie­den, öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel zu benut­zen und mit Taxis zu fahren.

Jeffrey, du hast auch mit allen gro­ßen Auk­ti­ons­häu­sern zusam­men­ge­ar­bei­tet, dort Kunst gekauft, sie bera­ten und sie mit Samm­lern ver­netzt. Wie siehst du die Zukunft der Kunst­auk­tio­nen aus der Per­spek­ti­ve des Käu­fers und des Ver­käu­fers? Wel­chen Rat wür­dest du den Auk­ti­ons­häu­sern jetzt geben?

Die Auk­tio­nen wer­den zuneh­mend sowohl online als auch live umge­setzt wer­den. Ich erwar­te, dass die Online-Tech­no­lo­gie immer inter­es­san­ter wird. Noch ist die­se eher pri­mi­tiv. Die inter­es­san­tes­te Neue­rung in der Zeit der Pan­de­mie war Loic Gou­zers Fair Warning. Was sie so erfolg­reich macht, ist, dass sie fokus­siert und kura­tiert ist. Die Auk­ti­ons­an­ge­bo­te waren über­wäl­ti­gend, und die meis­ten Samm­ler konn­ten sich nicht kon­zen­trie­ren, wenn in jeder Run­de ein drei Fuß (fast 1 Meter) hoher Sta­pel von Auk­ti­ons­ka­ta­lo­gen ein­traf. Live-Auk­tio­nen waren in den 1980er Jah­ren sehr auf­re­gend, als fast alle Käu­fer im Saal saßen. Sie wur­den lang­wei­lig, da die meis­ten Gebo­te irgend­wann ohne­hin am Tele­fon abge­ge­ben wur­den. Ein Online-Live-Hybrid könn­te den Pro­zess span­nen­der machen, wenn die Auk­ti­ons­häu­ser die Tech­no­lo­gie auf die nächs­te Stu­fe heben.

In dei­nem neu­en Raum in Los Ange­les prä­sen­tierst du sehr gro­ße Kunst­in­stal­la­tio­nen wie das über 600 Stüh­le umfas­sen­de Pro­jekt „Zodiac, von Ai Wei Wei, oder dei­ne jüngs­te Skulp­tu­ren­aus­stel­lung, „Peop­le“. Du hast nun das sel­te­ne Pri­vi­leg, dei­ne eige­nen Aus­stel­lun­gen zu kura­tie­ren und Instal­la­tio­nen zu plat­zie­ren, was nor­ma­ler­wei­se in die­sem Umfang nur Muse­en kön­nen. In gewis­ser Wei­se hast du jetzt alles: die kura­to­ri­sche Aus­wahl, die Mög­lich­keit, sel­te­ne Instal­la­tio­nen zu prä­sen­tie­ren, nie­man­dem für dei­ne Aus­wahl Rechen­schaft able­gen zu müs­sen und durch den Ver­kauf von Kunst Geld zu ver­die­nen. Gibt es noch etwas, das du ger­ne tun wür­dest, um dein Leben noch mehr zu erfüllen?

Ich muss mir die Zeit neh­men, um zu schrei­ben. Ich wer­de stän­dig gefragt, wann ich mei­ne Memoi­ren publi­zie­ren wer­de. Ich habe das gro­ße Glück, fast fünf­zig Jah­re lang im Zen­trum des Kunst­dis­kur­ses gestan­den zu haben. Ich habe eini­ge gute Geschich­ten zu erzählen.

Wie ent­wi­ckelst du in dei­nem Kopf Ideen über zukünf­ti­ge Pro­gram­me? Nimmst du dei­ne Ideen aus exter­nen Erfah­run­gen, zum Bei­spiel aus Kennt­nis­sen der Kunst­ge­schich­te, Ate­lier­be­su­chen, poli­ti­schen Refle­xio­nen, oder kommt dei­ne krea­ti­ve Visi­on von Innen und du han­delst dann danach? Wie wich­tig ist dir der intel­lek­tu­el­le Rah­men für die Kunst?

Es gibt Zei­ten, in denen Künst­ler und Kri­ti­ker einen engen, selbst­de­fi­nie­ren­den Kunst­be­griff haben. Ich habe immer einen wei­ter gefass­ten Blick­win­kel ein­ge­nom­men und mich mit Kunst ver­bun­den, die gesell­schaft­li­che Ten­den­zen und par­al­le­le Ent­wick­lun­gen in ande­ren krea­ti­ven Berei­chen wider­spie­gelt. Um die Rich­tung der zeit­ge­nös­si­schen Kunst bes­ser zu ver­ste­hen, ver­su­che ich, die inno­va­tivs­te zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur, Musik und Film zu ver­fol­gen und mit der Pop­kul­tur Schritt zu hal­ten. Einer der Fak­to­ren, den ich an der Kunst anzie­hend fin­de, ist die Art und Wei­se, wie sie auf ihre Geschich­te auf­baut. Ich habe mich dafür inter­es­siert, wie eine Rei­he zeit­ge­nös­si­scher Künst­ler die Zeit „zum Ein­sturz brin­gen”, indem sie his­to­ri­sche und zeit­ge­nös­si­sche Refe­ren­zen mit­ein­an­der ver­bin­den. Ich suche immer nach einer intel­lek­tu­el­len oder kon­zep­tu­el­len Struk­tur in einem Kunst­werk. Sol LeWitt hat mir eine groß­ar­ti­ge Lek­ti­on in Sachen Kunst­ken­ner­schaft erteilt, als ich als nai­ver 21-Jäh­ri­ger mei­ne Begeis­te­rung für die Male­rei mit bra­vou­rö­sem Pin­sel­strich eines Künst­lers zum Aus­druck brach­te, der, der John Weber Gal­le­ry bei­getre­ten war. „Nur Ober­flä­che, kei­ne Struk­tur”, kom­men­tier­te LeWitt abwei­send. Seit­dem suche ich immer nach dem intel­lek­tu­el­len und kon­zep­tu­el­len Rah­men. Ohne tie­fe intel­lek­tu­el­le Inhal­te, die abs­trakt sein kön­nen, und nicht etwas, das ver­bal arti­ku­liert wer­den muss, kann ein Kunst­werk kei­ne Grö­ße anstreben.

In einem Inter­view für den Doku­men­tar­film ‚Jef­frey Deitch’s Los Ange­les‘ von Art­bound hast du die Kunst von Wien 1900 als die Ära der Moder­ne in der Kunst bezeich­net. Da ich der­zeit in Wien lebe und zuvor eine gro­ße Muse­ums­aus­stel­lung von Wien 1900 in der Fon­da­ti­on Beye­ler bei Basel kura­tiert habe, könn­ten wir da nicht die Ver­bin­dung zwi­schen Wien 1900 und Los Ange­les 2020 in Kunst, Stil, Zeit­rah­men und Dyna­mik her­stel­len? Wien war auf der einen Sei­te eine sehr rei­che Stadt mit gebil­de­ten, wohl­ha­ben­den Men­schen und auf der ande­ren Sei­te sehr ras­sis­tisch und mit­ten im Ers­ten Welt­krieg. Die Künst­ler muss­ten unter schwie­ri­gen Bedin­gun­gen arbei­ten und waren arm. Los Ange­les ist eine viel rei­che­re Stadt mit vie­len Mög­lich­kei­ten, doch auf­grund der aktu­el­len Poli­tik wer­den die Men­schen immer noch dis­kri­mi­niert, sie demons­trie­ren, und das Sozi­al­sys­tem ver­sagt. Brau­chen Künst­ler irgend­wie die sozio­po­li­ti­sche Kon­fron­ta­ti­on in der Welt, in der sie leben, um Kunst zu schaf­fen, und erzeu­gen Cha­os und Auf­ruhr mehr Adre­na­lin, um krea­tiv und pro­duk­tiv zu sein? Wie wür­de Kunst aus­se­hen, wenn wir alle in einer voll­kom­men glück­li­chen Wun­der­welt leben würden?

Die gro­ßen emi­grier­ten Fil­me­ma­cher, Kom­po­nis­ten, Archi­tek­ten und Schrift­stel­ler, die von Wien nach Los Ange­les kamen, schu­fen eine dau­er­haf­te Ver­bin­dung zwi­schen den Städ­ten. Wie Paris in der Frü­hen Neu­zeit und New York in der Mit­te bis zum Ende des 20. Jahr­hun­derts, so sind Wien und Los Ange­les heu­te leben­di­ge Städ­te mit einer kom­ple­xen und viel­fäl­ti­gen sozia­len Struk­tur. Ja, wir haben gese­hen, dass künst­le­ri­sche Inno­va­ti­on in Städ­ten ent­steht, in denen Men­schen mit unter­schied­li­chem Hin­ter­grund und wirt­schaft­li­chem Sta­tus zusam­men­kom­men, und nicht in Städ­ten mit einer star­ren sozia­len Struk­tur. Los Ange­les könn­te heu­te die gro­ße mul­ti­kul­tu­rel­le Stadt der Welt sein.

Darf ich dich nach Wien ein­la­den, um die Kunst­sze­ne hier ken­nen zu ler­nen und Kon­tak­te für Künst­ler in Los Ange­les zu knüp­fen? Die Lis­te der berühm­ten Öster­rei­cher in Los Ange­les geht zurück auf Josef von Stern­berg, Erich von Stroh­heim, Richard Neu­tra, Bil­ly Wil­der, Hedy Lamarr, Fritz Lang, Fred Zin­ne­mann, Wolf­gang Puck und Arnold Schwar­zen­eg­ger, um nur eini­ge zu nennen.

Ich freue mich dar­auf, wie­der rei­sen zu kön­nen, ins­be­son­de­re nach Wien, einer Stadt, die mir so viel künst­le­ri­sche und intel­lek­tu­el­le Inspi­ra­ti­on gege­ben hat.

Jef­frey Deitch blickt sehr opti­mis­tisch in die Zukunft und ist der Mei­nung, dass die gegen­wär­ti­ge Kri­se vor­über­zie­hen wird und im Kunst­be­reich zukünf­tig noch inten­si­ver gear­bei­tet wer­den kann. Der Gale­rist und Kura­tor been­det unser Gespräch mit dem Satz: 

Art is an opti­mistic enter­pri­se. Artists work for the future.“

Jef­frey Deitch in sei­ner Gale­rie in Los Ange­les. Foto: Isa­bel­la Vosmikova

Über Jef­frey Deitch: Er ist ein ame­ri­ka­ni­scher Gale­rist, Kunst­händ­ler und Kura­tor. Er grün­de­te sei­ne Gale­rie Deitch Pro­jects (1996–2010) in New York und kura­tier­te bahn­bre­chen­de Aus­stel­lun­gen wie Lives (1975) und Post Human (1992) in pri­va­ten Muse­en. Deitch war von 2010 bis 2013 Direk­tor des Muse­um of Con­tem­pora­ry Art, Los Ange­les (MOCA). Der­zeit besitzt er die Jef­frey Deitch Gal­le­ry, eine Gale­rie mit Stand­or­ten in New York und Los Ange­les. Im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re mit Sta­tio­nen in der John Weber Gal­le­ry in SoHo, in der Kunst­fi­nanz­ab­tei­lung der Citi­bank und als erfolg­rei­cher Pri­vat­händ­ler und Kunst­be­ra­ter, hat sich Deitch eine ein­zig­ar­ti­ge Posi­ti­on in der Kunst­welt geschaf­fen, die es ver­steht, das kura­to­ri­sche Pro­fil mit der geschäft­li­chen Sei­te der Kunst zu verbinden.

Beitrag teilen
geschrieben von

lebte von 1988 bis 2003 in New York und Los Angeles, wo sie an der Eli Broad Art Foundation in Santa Monica, an einer der größten Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst der USA, als Kuratorin tätig war. Am Solomon R. Guggenheim Museum in New York rief Steffen u.a. den Hugo-Boss-Kunstsponsoring-Preis ins Leben. Sie gründete das International Director’s Council (IDC), das mit einer Gruppe von internationalen Kunstsammlern den Ankauf zeitgenössischer Kunst finanzierte. Steffen kuratierte in Europa unter anderem folgende Ausstellungen: „Francis Bacon und die Bildtradition“, Kunsthistorisches Museum Wien; „Visions of America”, Sammlung Essl, Klosterneuburg; „Wien 1900 – Klimt, Schiele und ihre Zeit”, Fondation Beyeler, Basel; „Gerhard Richter – Aquarelle und Zeichnungen”, Albertina, Wien.

Einkaufswagen
Kein Magazin im Einkaufswagen.
Weiter einkaufen
0