Nave di Carta | Papierboot

Alex Rinesch

Immer wie­der habe ich in mei­nen Arbei­ten das Papier­boot ver­wen­det, in der Aus­stel­lung „Nave di Car­ta“ steht es im Mit­tel­punkt. Klein und zer­brech­lich, in redu­zier­ten, sti­li­sier­ten Land­schaf­ten irgend­wo zwi­schen Him­mel und Meer, meist am Hori­zont. Oft endet des­sen Linie in einer Spi­ra­le aus­ser­halb des Bil­des als Sym­bol sei­ner Unendlichkeit.

Aqua­rel­le, manch­mal in Kom­bi­na­ti­on mit drei­di­men­sio­na­len Radie­run­gen auf meh­re­ren Schich­ten aus Ple­xi­glas teils Col­la­gen und Objek­te aus ver­schie­de­nen Mate­ria­li­en: Fund­stü­cke, altes Holz, Plas­tik und sons­ti­ges Treib­gut, von den Strän­den Elba’s, auch ros­ti­ge Tei­le alter Wracks vom Schiffs­fried­hof. Auch eini­ge Arbei­ten in Öl auf Lein­wand. Manch­mal inte­griert ins Bild fin­det sich ein poe­ti­scher oder sati­ri­scher Text.

Das Papier­schiff in den Bil­dern steht für Träu­me, Fern­weh, den Wunsch sich auf das Was­ser zu bege­ben und damit hin­aus­zu­fah­ren in die Welt… 

Es ist mein Sym­bol für das Boot schlecht­hin. Das Boot… mit Sicher­heit eine der wich­tigs­ten Erfin­dung der Men­schen schlecht­hin. Wich­ti­ger viel­leicht als das Rad. In sei­ner ein­fachs­ten Form, als Baum­stamm und Floß erfand man es schon viel frü­her. Ein Hilfs­mit­tel wel­ches uns Men­schen ermög­licht, uns in einer feind­li­chen Umwelt ohne zu ertrin­ken, zu bewe­gen und auf­zu­hal­ten. Frem­de Wel­ten zu erkun­den. Geschich­ten, neue Erfah­run­gen und aller­lei Din­ge von dort zurück zu brin­gen. Han­del zu trei­ben, aber auch Krie­ge zu füh­ren und… auf über­la­de­nen unsi­che­ren Schlauch­boo­ten in bes­se­re Wel­ten zu fliehen.

Selbst das größ­te Con­tai­ner­schiff ist jedoch gegen­über der Kraft der Natur­ge­wal­ten und der Grö­ße der end­los schei­nen­den Wei­te des Mee­res nichts als eine klei­ne Nuss­scha­le. Ver­gäng­lich. Es zer­bricht im Sturm und sei­ne Tei­le ros­ten und ver­wit­tern. Genau­so wie das Papier­boot, das kleins­te aller Boo­te. Nur etwas lang­sa­mer. Und das Ein­zi­ge was am Ende bleibt, mit oder ohne uns, ist das Meer.

DAS MEER
Als Kon­ti­nen­tal Euro­pä­er, in Wien gebo­ren, weit ab von der Küs­te, war das Meer immer schon Sym­bol für Wei­te und Fer­ne. Und auch ein Syn­onym für Frei­heit. Als Kind schon an der Adria, unse­rer Feri­en Desti­na­ti­on, habe ich vom Ufer den Schif­fen am Hori­zont nach­ge­schaut, mich dort hin oder dahin­ter gesehnt und von der wei­ten Welt geträumt. Ich habe mich auf sei­ner Ober­flä­che trei­ben las­sen oder bin tief hin­ein getaucht. Habe mei­ne Fer­tig­kei­ten mit dem Schlauch­boot und dem Surf­board in der Bran­dung erprobt. Bis heu­te bewe­ge ich mich auf sei­nen Wel­len voll Lei­den­schaft, am liebs­ten unter Segel. Das Wich­tigs­te aber, ich habe gelernt das Meer zu respek­tie­ren. Stun­den­lang kann ich ein­fach so auf das Meer hin­aus­schau­en, die Wei­te des Hori­zon­tes vor Augen. Je nach­dem, von einer Anhö­he oder einem Berg qua­si aus der Vogel­per­spek­ti­ve, vom Ufer aus oder auf einem Boot.

Die Licht­re­fle­xe auf sei­ner Ober­flä­che, ein Kalei­do­skop von sich jede Sekun­de neu erfin­den­den Far­ben, die gran­dio­sen Son­nen­un­ter­gän­ge, oder die wil­den Stür­men mit end­los sich wie­der­ho­len­den Wel­len bewir­ken in mir kein „Déjà-vus“, kei­ne lan­ge Wei­le son­dern sind span­nen­der als so man­cher Film. Ich spü­re mei­ne eige­ne Unwich­tig­keit gegen­über die­ser wun­der­schö­nen, end­los schei­nen­den Wei­te, und die Zeit steht still. Für Minu­ten, Stun­den, Tage. Es herrscht ein medi­ta­ti­ver Zustand des Frie­dens. Redu­ziert auf ein ein­zi­ges “Sein AM MEER“. Natür­lich bin ich mir auch bewusst, dass das Meer für vie­le Men­schen wenig oder nichts von die­ser mei­ner Roman­tik hat. Für Men­schen aus Län­dern im Krieg, mit Unter­drü­ckung, Unfrei­heit oder wirt­schaft­li­cher Not ist es eine fast unüber­wind­ba­re Bar­rie­re. Das Mit­tel­meer gilt heu­te mit über 33700 Tote in nur 17 Jah­ren als die gefähr­lichs­te Gren­ze weltweit.

Es bringt auch Tod und Zer­stö­rung, ver­ur­sacht durch Tsu­na­mi, Flut­wel­len und Stür­me. Aller­dings oft auch des­we­gen, weil uns inzwi­schen der Respekt vor der Gewalt der Natur, abhan­den gekom­men ist. Im bes­ten Fall ist das Meer ein Kräf­te abver­lan­gen­der Arbeits­platz, durch Fische­rei- Ölin­dus­trie und Berufs­schiff­fahrt plan­los aus­ge­beu­tet und ver­schmutzt mit immer knap­per wer­den­den Res­sour­cen. Eine beque­me, nur end­los schei­nen­de, bil­li­ge Depo­nie für unse­ren Abfall. All das inspi­riert mich in mei­ner Arbeit. Oft auch nur unbe­wusst. Die Schön­heit der Natur, die Wei­te des Mee­res. Die Magie des Unend­li­chen einer­seits. Mein damit ver­bun­de­nes Fern­weh. Unse­re eige­ne Win­zig­keit auf die­se Erde und wie acht­los wir Men­schen auf ihr leben. Die durch uns ver­schul­de­te Umwelt­pro­ble­ma­tik, Ver­schmut­zung und Über­fi­schung, Küs­ten­li­ni­en fun­gie­ren wie­der als natür­li­chen Gren­zen, wie in mei­nem Pro­jekt, der Instal­la­ti­on „Coast­li­ne Connected“.

Das Meer, wel­ches Alex Rinesch beschreibt, von sei­ner gelieb­ten Insel Elba bis hin zu den ent­fern­tes­ten bis­wei­len sogar nicht ein­mal exis­tie­ren­den Küs­ten, ist ein Kon­zen­trat an Schön­heit wie deren Ver­let­zung. Der Ort, an dem man viel­leicht eher die Welt ver­steht, in wel­cher wir leben. Denn es ist jenes Was­ser in dem sich all unse­re Geschich­ten ver­tei­len. Nicht nur jene Träu­me Sehn­süch­te und Rufe, son­dern auch der Abfall unse­rer Städ­te, das Dra­ma der Immi­gran­ten, die Waren wel­che auf fer­nen Schif­fen dahin­glei­ten und die Mensch­heit die schwei­gend zuschaut. Ein gro­ßer Teil der künst­le­ri­schen Arbeit von Alex Rinesch kennt und ver­steht, auch wie er selbst Meer und Inseln, wie auch das Leben an Bord das selbst in schein­bar sor­gen­frei­en Momen­ten span­nend und inten­siv bleibt. Viel­leicht kann die Inten­si­tät und Kraft sei­ner Far­ben bes­ser als Alles Ande­re erklä­ren, wie wich­tig die von uns unter­bro­che­ne Ver­bin­dung zwi­schen Land und Meer ist, zur Wah­rung des Gleich­ge­wichts unse­rer Natur. (Admi­ral der ita­lie­ni­schen Mari­ne Vit­to­rio Ales­san­dro, Ex Prä­si­dent des Natio­nal­par­kes Cin­que Terre).

Die gefähr­lichs­te Welt­an­schau­ung ist die der Leu­te, wel­che die Welt nie ange­schaut haben. 

Alex­an­der v. Humboldt

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geschrieben von

(*1955 in Wien) Bildender Künstler, arbeitet in Wien und Italien (Elba). Zeichner, Maler, Installationskünstler Cartoonist. Arbeitete mit Andre Heller (Theaterplastik), Hundertwasser (Bühnenbild), Buchillustrationen für das Burgtheater, den Orf, Cartoonbücher bei Ars Edition, Picus Verlag, Hachette. Cartoons weltweit bei Verkerke bis 1999. 2012-16 „Coastline Connected“ (Prag, Wien, Portoferraio, Lugano) Eine Installationsprojekt, inspiriert von der Farbenpracht des Thyrrenischen Meeres und der weltweiten Verschmutzung der Meere. Küstenbilder (Öl/Leinwand) aneinandergereiht zu einer 35 m langen Küstenline, installiert über einem durch Plastik und Treibgut verschmutzten Strand.

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