Museum Kloster Neustift

Paul Renners botanische Ikonostase, ein Kunstwerk der Bekehrung

Der Aus­druck „Her­ba­ri­um“ benann­te in der frü­hen Neu­zeit ein Kräu­ter­buch. Samm­lun­gen getrock­ne­ter Pflan­zen nann­te man „Her­ba­ri­um vivum“, „Her­ba­ri­um sic­cum“ oder auch „Hor­tus hie­ma­lis“, latei­nisch „Win­ter­gar­ten“, weil es im Win­ter die Anschau­ung der leben­den Pflan­zen im Gar­ten erset­zen soll­te. Win­ter ist es auch, als wir Paul Ren­ner in sei­nem vor­über­ge­hen­den Ate­lier im Klos­ter Neu­stift in Süd­ti­rol tref­fen. „Ich lebe und arbei­te nun vor­über­ge­hend hier im Klos­ter“, erklärt uns der umtrie­bi­ge Künst­ler, der über ein Jahr­zehnt dem Akti­ons­künst­ler Her­mann Nitsch assis­tier­te und mitt­ler­wei­le sei­ne ganz eige­ne Vor­stel­lung des Gesamt­kunst­werks ent­wi­ckelt hat.

Paul Ren­ner, Foto: Chris­ti­an Schramm

Das Ver­gäng­li­che bringt neu­es Leben, auf Metall bleibt es für die Ewigkeit 

In Paul Ren­ners künst­le­ri­schem Ansatz geht es um Kochen, Malen, Musik Schrei­ben, Skulp­tu­ren Bau­en, das expe­ri­men­tel­le Insze­nie­ren der Sin­ne und auch immer um das Rei­sen, wo er Ein­drü­cke sam­melt, um sei­ne Vor­stel­lungs­kraft aus­zu­schöp­fen. Für den Wel­ten­bumm­ler gibt es wäh­rend einer glo­ba­len Pan­de­mie dann wohl auch nichts Pas­sen­de­res, als in einem Klos­ter zu leben und eine groß­ar­ti­ge geis­ti­ge Rei­se zu ver­wirk­li­chen und zwar eine, die ihren Ursprung im male­ri­schen Klos­ter­gar­ten fin­det. Paul Ren­ner hat sich schon sehr früh dem kuli­na­ri­schen Aspekt der Kunst gewid­met, er will durch sei­ne Kunst alle Sin­ne pro­vo­zie­ren, mit „geweih­ten“ Bars, in denen beson­de­re Destil­la­te ihren Platz fin­den, mit der Ent­wick­lung von groß­flä­chi­gen Wun­der­kam­mern in Restau­rants, sei­nen Per­for­man­ces rund um den „The Hell Fire Tou­ring Club“ oder sei­nen legen­dä­ren Cuc­ca­g­nas. Ren­ners Inter­es­se wird immer dann rich­tig groß, wenn er etwas nicht ver­steht. Viel­leicht ist auch gera­de des-halb die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Her­ba­ri-um Aus­gangs­punkt für das monu­men­ta­le Werk HORTUS SANCTI AUGUSTINI, das Ren­ner mit Hil­fe der Künst­ler Chris­ti­an Than­häu­ser und Loren­zo Bri­vio für die Neue Pfor­te des Muse­ums des Klos­ter Neu­stift erar­bei­tet hat und der­zeit vor Ort umsetzt. Ren­ner ist „artist in resi­dence“ und sein Ate­lier sowohl von den Men­schen im Klos­ter als auch jenen, die in der Umge­bung woh­nen oder am Bau des neu­en Muse­ums betei­ligt sind, ger­ne besucht. Den Künst­ler umgibt eine anre­gen­de Aura, er sprüht vor Ideen und nimmt sich für alle Zeit, die die Neu­gier treibt und mehr über das Pro­jekt und den Ent­ste­hungs­pro­zess erfah­ren möchten.

Ein Buch aus der Klos­ter­bi­blio­thek hat mich inspi­riert. In einem Her­ba­ri­um aus dem 17. Jahr­hun­dert habe ich Pflan­zen gefun­den, die nicht immer in ihrer Pracht dar­ge­stellt waren, son­dern auch im ver­rot­te­ten Zustand, das hat mir gefal­len“, so der Künst­ler. Die frü­hes­ten Her­ba­ri­en wur­den in der ers­ten Hälf­te des 16. Jahr­hun­derts mit der Grün­dung von bota­ni­schen Gär­ten in Mit­tel­ita­li­en ange­legt. Das frü­hes­te erhal­te­ne Her­ba­ri­um, heu­te in Flo­renz, ist das des ita­lie­ni­schen Bota­ni­kers und Pries­ters Miche­le Meri­ni, das um 1545 ange­legt wur­de. Die Erfin­dung wird sei­nem Leh­rer Luca Ghi­ni zuge­schrie­ben, der mit dem „Orto bota­ni­co“ in Pisa auch den welt­weit ers­ten bota­ni­schen Gar­ten begrün­de­te. Das ver­mut­lich ältes­te erhal­te­ne deut­sche Her­bar ist das von Cas­par Rat­zen­ber­ger von 1592, es ist heu­te im Natur­kun­de­mu­se­um Otto­ne­um in Kas­sel aus­ge­stellt. Waren die­se frü­hen Her­ba­ri­en zunächst noch mehr oder weni­ger so etwas wie zusam­men­ge­tra­ge­ne Kurio­si­tä­ten­ka­bi­net­te, begann im Anschluss an die Arbei­ten von John Ray, Joseph Pit­ton de Tour­ne­fort, Carl von Lin­né, Augus­tin Pyra­me de Can­dol­le und ande­ren For­schern ihrer Zeit die Auf­stel­lung von sys­te­ma­ti­schen Herbaren.

Artist in Resi­dence Ate­lier im Klos­ter Neu­stift, Foto: Chris­ti­an Schramm

Wer Paul Ren­ner kennt, weiß, dass ihm die Erfor­schung eines neu­en The­mas noch nicht Her­aus­for­de­rung genug ist, also ent­wi­ckel­te er kur­zer­hand für die Umset­zung auch eine ganz neue Tech­nik. „Blät­ter, Zwei­ge, Grä­ser, Früch­te wer­den befeuch­tet und auf Metall­plat­ten gelegt. Nach Stun­den hin­ter­lässt der Rost reli­ef-arti­ge Spu­ren. Die­se wer­den mit Spe­zi­al­lack fixiert. Es ist die umge­kehr­te Form der Male­rei“, erklärt er. Ren­ner muss also mit dem Vor­der­grund eines Bil­des begin­nen, der Hin­ter­grund folgt erst am Schluss. Inso­fern kann er nicht von vorn­her­ein an einer fixen Idee fest­hal­ten, wie sich das Kunst­werk zu ent­wi­ckeln hat, son­dern er muss sich auch von den natür­li­chen Vor­gän­gen trei­ben las­sen, er muss sich auf die­sen Pro­zess ein­las­sen und von Plat­te zu Plat­te in der Lage sein, auf die Natur zu reagieren.

Prä­lat Edu­ard Fischnal­ler ist in den Pro­zess lau­fend ein­ge­bun­den und er fin­det augen­schein­lich Gefal­len an die­sem inno­va­ti­ven Zugang: „Laut der Legen­de hat­te der hei­li­ge Augus­ti­nus in einem Gar­ten in Mai­land ein Schlüs­sel­er­leb­nis und wur­de bekehrt. Daher legen wir Wert auf unse­ren Gar­ten, der sich nun in den Wer­ken Ren­ners auch im Inne­ren des Klos­ters spiegelt.“

Paul Ren­ner zeigt uns im Ate­lier sein Modell und erklärt, wie er das Kunst­werk Schritt für Schritt ent­wi­ckelt hat und wel­che Sym­bo­lik dar­in ver­wo­ben ist. Das Werk hat einen ver­ti­ka­len und einen hori­zon­ta­len Ver­lauf. Hori­zon­tal ste­hen die Sin­ne im Vor­der­grund: Sehen, Tas­ten, Rie­chen, Hören, Schme­cken, weil der Betrach­ter nahe am Bild ist und es auch angrei­fen soll. Ver­ti­kal wer­den die Ele­men­te Luft, Erde, Was­ser und Feu­er dar­ge­stellt. Von oben erstrahlt die ewi­ge Licht­quel­le, die Son­ne, und man erahnt die unend­li­che Wei­te und Gunst des Him­mels. Davon aus­ge­hend arbei­tet sich das Werk bis tief in die dunk­le Erde hin­ein in die Vege­ta­ti­on bis unter die Erde, wo dann auch das Feu­er eine Rol­le spie­len wird. Der was­ser­spei­en­de Löwen­kopf unter­halb der Son-ne ent­stammt moti­visch einer Stu­cka­tur des Brun­nens im Klos­ter­gar­ten. Das Was­ser läuft über den gan­zen Lift­schacht hin­un­ter bis zum Erd­ge­schoss und ver­wan­delt sich dort in Wein. Die Glo­cke, die sich auf der Höhe des Löwen­kopfs befin­det, läu­tet der­ma­ßen kraft­voll, dass sie im Begriff ist, sich selbst zu spren­gen und wäh­rend man wei­ter Rich­tung Boden hin­ab­steigt, begeg­net man der far­ben- und for­men­fro­hen irdi­schen Vege­ta­ti­on und Tier­welt. Schmet­ter­lin­ge flat­tern durch die Luft und lan­den auf den Blu­men und im Gebüsch. Im Erd­ge­schoss domi­niert dann das Motiv der Blät­ter und Früch­te aus dem klös­ter­li­chen Wein­gar­ten und man kann die mytho­lo­gi­sche Ver­wand­lung von Was­ser in Wein förm­lich spüren.

Auch farb­lich wählt Paul Ren­ner den expe­ri­men­tel­len Ansatz, denn er weiß im Vor­feld nicht, wel­che Farb­nu­an­cen durch das Anpres­sen der Pflan­zen auf den Plat­ten ent­ste­hen, wel­che Reak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen wer­den. Die Nega­tiv­plat­ten ver­wen­det der Künst­ler des­halb immer wie­der, um zu erfor­schen und zu erpro­ben, was ent­ste­hen kann. Die­se Plat­ten kön­nen im Zuge des Pro­jekts erwor­ben wer­den – es ist eine Art Spen­de, die der Rea­li­sie­rung dient. Inner­halb der Neu­en Pfor­te, der von Matteo Sca­gnol ent­wor­fe­nen Archi­tek­tur, ent­steht eine leben­di­ge bota­ni­sche Iko­no­sta­se, der HORTUS SANCTI AUGUSTINI, ein ver­ti­ka­ler Gar­ten, der alle Ele­men­te umschließt. Mon­tiert erge­ben die ein­zel­nen Plat­ten ein gro­ßes Gan­zes, erzäh­len eine Geschich­te. „Das Ver­gäng­li­che bringt neu­es Leben, auf Metall bleibt es für die Ewig­keit“, meint Ren­ner, wäh­rend wir gemein­sam auf der Bau­stel­le ste­hen und ein ers­tes Zwi­schen­er­geb­nis bestau­nen. Ein­mal fer­tig gestellt, soll sich das gan­ze Kunst­werk nicht auf­drän­gen. Das Detail liegt im Klei­nen, das sich dem Betrach­ter erst erschließt, indem man sich die Trep­pe ent­lang nach unten bewegt. Paul Ren­ners Genie­streich ist es, ein Ver­fah­ren ent­wi­ckelt zu haben, das auf sub­ti­le Art und in ein­heit­li­cher Form und Far­be die Pflan­zen so dar­stellt, dass sie erst unbe­wusst wahr­ge­nom­men werden.

Beitrag teilen
geschrieben von

Das Kunstmagazin, das mehr Zeit zum Lesen und mehr Raum zum Schauen beansprucht: ein Gegentrend zu vielen Megatrends. Geeignet für Kunstliebhaber, die tiefer gehen möchten und bereit sind, inspiriert zu werden. Intellektuell anspruchsvolle Inhalte, innovatives Layout und elegantes Design auf höchstem Qualitätsstandard.

Warenkorb
Es sind keine Produkte in deinem Warenkorb!
weiter stöbern
0
Consent Management Platform von Real Cookie Banner