Robert Pan – Ein Alchemist in seinem Labor

Er ist Künst­ler, Schicht­ar­bei­ter und Alche­mist. Der süd­ti­ro­ler Gegen­warts­künst­ler Robert Pan ist bekannt für sei­ne farb­in­ten­si­ven Objek­te in Harz. Mit tech­ni­scher Per­fek­ti­on erschuf er einen ein­zig­ar­ti­gen Bild­kos­mos an der Gren­ze von Male­rei und Bild­haue­rei. Ein Besuch in sei­nem Stu­dio in Bozen.

Künst­ler Robert Pan im Ate­lier, im Hin­ter­grund work in pro­gress, 400cm x400cm, 1997/98, Foto: Han­nes Ochsenreiter

NOBLES MATERIAL

Jeder kennt es. Es ist flüs­sig, kleb­rig und ver­här­tet sich mit der Zeit. Die Rede ist von Harz. Was erst­mal unspan­nend klingt, wird in der Indus­trie, in der Kunst und im Design viel­fach ver­wen­det. Beschich­ten, Gie­ßen, Kle­ben, Lami­nie­ren – Harz ist ein ech­ter All­roun­der. Schon die alten Ägyp­ter erkann­ten sein Poten­zi­al und nutz­ten das »Gold der Natur« zur Mumi­fi­zie­rung. Auch Robert Pan ist fas­zi­niert davon. Seit über 25 Jah­ren expe­ri­men­tiert der süd­ti­ro­ler Bild­hau­er mit dem »noblen Mate­ri­al«, wie er es nennt. Inzwi­schen ist es sein Mar­ken­zei­chen. Pan ist bekannt für sei­ne abs­trak­ten Farb­ob­jek­te – einen Mix aus Harz und Pig­men­ten. Dabei arbei­tet der Grenz­gän­ger an der Schnitt­stel­le von Male­rei und Bild­haue­rei. Pan ist natur­ver­bun­den, sieht sich als »Erd­mensch«. Pans Werk ist geprägt vom Mate­ri­al, dem Pro­zess und der (De)konstruktion. Tie­fe und Trans­pa­renz, Zeit und Zufall sind sei­ne Para­me­ter. Aus bis zu vier­zig Schich­ten baut er sei­ne Objek­te auf und schleift sie wie­der ab. Wie ein Baum mit sei­nen Jah­res­rin­gen. Da kann es schon mal zwei Jah­re dau­ern, bis ein Objekt fer­tig ist. Pans Objek­te wir­ken wie abs­trak­te Mikro­wel­ten in flim­mern­den Far­ben, For­men, Mus­tern, Punk­ten und Struk­tu­ren. Sie erin­nern an magi­sche Land­schaf­ten, fer­ne Gala­xien, che­mi­sche Pro­zes­se, wie der Blick durchs Mikro­skop oder ein Nebel­fleck im inter­stel­la­ren Raum. In sei­ner inten­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung mit Mate­ri­al und Ober­flä­che lotet Pan die Gren­zen von Raum und Flä­che, Far­be und Form, Licht und Schat­ten intui­tiv aus. Mit sei­nen leb­haf­ten, leuch­ten­den Objek­ten ent­wi­ckel­te Pan eine eige­ne Hand­schrift. Das mach­te ihn nicht nur ein­zig­ar­tig, son­dern auch erfolg­reich. Er hat­te Aus­stel­lun­gen in Mai­land, Bolo­gna, Turin, Rom, Vene­dig, Ber­lin, Frank­furt, Ams­ter­dam, Lon­don, New York, Paris, Istan­bul, Sin­ga­pur, Tokio, Tai­pei. Heu­te hän­gen sei­ne Wer­ke in der Ban­ca Inte­sa San Pao­lo Mai­land, im Mus­ei­on Bozen, in der Hypo­Ver­eins­bank, Kam­bly Art Collec­tion, in der Andrea Fen­di Art Collec­tion Rom, in der Benet­ton Art Collec­tion, Man­go Collec­tion Bar­ce­lo­na, Vale­rie Rade­ma­cher Samm­lung Lon­don, Fund­a­ci­on Ernes­to Vent­os und sind auf inter­na­tio­na­len Kunst­mes­sen wie der Art Basel, Art Colo­gne, Armo­ry Show New York, Miart und der Miami Art Fair vertreten.

DISZIPLIN ALS ERFOLGSREZEPT

Vom Kli­schee des genia­len Künst­lers hält Pan wenig. »Ich glau­be nicht an Inspi­ra­ti­on, ich glau­be an Dis­zi­plin«, sagt Pan. Man muss die Hän­de benüt­zen. Von nichts kommt nichts. Kopf und Herz müs­sen im Ein­klang ste­hen, der Rest kommt aus dem Unter­be­wusst­sein. Pan wird 1969 in Süd­ti­rols Lan­des­haupt­stadt Bozen gebo­ren. Bekannt ist Bozen vor allem für sei­ne his­to­ri­sche Alt­stadt. Hier wohnt auch Pan. Auf über tau­send Qua­drat­me­ter hat er sich ein moder­nes drei­stö­cki­ges Wohn­stu­dio errich­tet. Ursprüng­lich war das fami­liä­re Anwe­sen ein Obst­ma­ga­zin. »In 130 Jah­ren hat sich hier viel ver­än­dert. Als ich ein­ge­zo­gen bin, habe ich Stock für Stock aus­ge­baut«, so Pan. Heu­te lebt und arbei­tet hier der 53-Jäh­ri­ge mit Freun­din Ulli und den Hun­den Aris­to­te­les und Almond. »Regen und Käl­te mögen sie gar nicht, am liebs­ten son­nen sie sich am hei­ßen Beton«, lacht Pan. Bis vor eini­gen Jah­ren leb­te Pan noch in Miami in den USA, hat­te dort Aus­stel­lun­gen, ein gro­ßes Ate­lier und inter­na­tio­na­le Gale­ris­ten an sei­ner Sei­te. Drei Jah­re hielt es Pan in der Glitzerme­tro­po­le Miami, bis es ihn 2016 zurück in sei­ne Hei­mat­stadt Bozen zog.

BLADE RUNNER

Pan ist ein Wel­ten­bumm­ler, er leb­te in Paris, Lon­don, New York und Miami. Den Drang aus­zu­bre­chen hat­te er schon immer. »Frü­her war ich ein klei­ner Rebell«, wie er sagt. Von 1987 bis 1991 stu­dier­te Pan an der Aka­de­mie der Schö­nen Küns­te in Urbi­no Bild­haue­rei bei Elio Mar­che­gia­ni und Raf­fa­el­lo Sci­an­ca »Eigent­lich woll­te ich immer Künst­ler wer­den«, so Pan. 1991 ging er nach Paris. Lan­ge hielt es ihn dort nicht. Er zog wei­ter nach Lon­don, wo er für ein Jahr beim Bild­hau­er Bruce Jut­tel King stu­dier­te. 1992 bekam er die Gele­gen­heit, mit einem Sti­pen­di­um nach New York City zu rei­sen. Im hip­pen Vier­tel von Tri­be­ca gefiel es dem Süd­ti­ro­ler sicht­lich. Aus dem sechs­mo­na­ti­gen Trip wur­den schließ­lich drei Jah­re. Zurück in Bozen, eröff­ne­te Pan 1996 gleich­zei­tig in der Gale­rie Pris­ma, Gale­rie Spa­tia, Euro­päi­schen Aka­de­mie und im Mus­ei­on die Aus­stel­lung Gate. Rid­ley Scotts Zitat aus Bla­de Run­ner im Vor­spann des Kata­logs »Ich habe Din­ge gese­hen, die ihr Men­schen nie­mals glau­ben wür­det […]«, war der apo­ka­lyp­ti­sche Vor­bo­te für Pans monu­men­ta­les Tri­pty­chon im sakra­len Gold. Es erzählt von der abend­län­di­schen Kul­tur und der Schön­heit der Lee­re, ganz im Sin­ne von Ril­kes Sehn­suchts­ort. Arbei­ten aus die­ser Zeit waren noch stark geprägt von einer reli­giö­sen und mys­ti­schen Sym­bo­lik, die Pan im Lau­fe der Zeit durch Far­be und Licht als emo­tio­na­len Stim­mungs­trä­ger ersetzte.

SEHEN UND STAUNEN

Von Wei­tem wir­ken Pans Wer­ke wie klas­si­sche Ölma­le­rei­en. Weit gefehlt. Sei­ne Objek­te sind das Resul­tat aus Kunst­harz, Farb­pig­men­ten und Net­zen, die der Künst­ler in kom­ple­xen Ver­fah­ren bear­bei­tet und über­ar­bei­tet. Ganz erklä­ren will er sei­ne Tech­nik nicht, man muss auch noch rät­seln kön­nen. Pan geht es auch immer um die Hin­ter­fra­gung des klas­si­schen Werk­be­griffs. Wie ent­steht ein Werk? Wor­aus ist es gemacht? Wie erzeugt es Tie­fe? Wenn der Betrach­ter ins Stau­nen gerät, hat Pan alles rich­tig gemacht. Mit Schneid­bren­ner, Schleif­ge­rät und Atem­mas­ke aus­ge­stat­tet, gießt, schleift, dreht und wen­det er die Objek­te, ver­leiht ihnen Far­be und Glanz, Tie­fe und Trans­pa­renz. Aus dem brei­ten Spek­trum an Far­ben erge­ben sich fei­ne Nuan­cen, Über­la­ge­run­gen und Raum­tie­fe. Pan ist ein Tief­en­tau­cher und Ster­nen­rit­ter. Sei­ne Wer­ke leben von der Magie des Unbe­kann­ten und Unbe­wuss­ten, vom Zufall und der Ord­nung. Auch wenn sich sei­ne Objek­te an der Schnitt­stel­le von Male­rei und Bild­haue­rei bewe­gen, sieht sich Pan klar als Bild­hau­er. »Mir war Male­rei immer zu wenig, mich inter­es­siert die Mate­rie.« Pan ist wie ein Alche­mist in sei­nem Labor, er expe­ri­men­tiert mit den ver­schie­dens­ten Mate­ria­li­en wie Har­ze, Säu­ren, Lau­gen, Sili­co­ne, Eisen, Kup­fer, Alu­mi­ni­um, Par­af­fin, Wachs, Salz und Zucker. »Mich inter­es­sier­te schon immer Che­mie«, so Pan. War Harz zu Beginn nur ein Stil­mit­tel, ist es seit Mit­te der 90er sein zen­tra­ler Aus­drucks­trä­ger. Der aus Petro­le­um gewon­ne­ne Werk­stoff ver­leiht sei­nen Arbei­ten Fle­xi­bi­li­tät, Bestän­dig­keit und Kon­ti­nui­tät. Zeit ist für ihn rela­tiv. Der Weg ist das Ziel oder wie Pan es aus­drückt: »Egal wie lan­ge du an einem Werk arbei­test, ob zehn Tage oder zwei Jah­re, ein Künst­ler braucht ein Leben lang, um dort hinzukommen.«

SEHEN UND STAUNEN

Pan ist ein Work­aho­lic. Er arbei­tet immer an meh­re­ren Objek­ten gleich­zei­tig. Er kann und will sich nicht auf ein Werk kon­zen­trie­ren, was auch mit dem zeit­in­ten­si­ven Arbeits­pro­zess zusam­men­hängt. Das erfor­dert Aus­dau­er und Wil­le. »Ich bin ein Per­fek­tio­nist und als Künst­ler will man sich stän­dig wei­ter­ent­wi­ckeln. Eine gewis­se Unzu­frie­den­heit muss man ver­spü­ren, das gehört dazu«, so Pan. Er hat immer an sei­nen Grund­prin­zi­pi­en fest­ge­hal­ten. »Gute Kunst muss authen­tisch sein«, wie er sagt. Pan hat eine stren­ge Struk­tur, fes­te Abläu­fe und ist bes­tens orga­ni­siert. In sei­nem weit­räu­mi­gen Stu­dio fühlt er sich am wohls­ten. Hier umgibt er sich ger­ne mit Büchern und Kunst. Pan liebt die Ord­nung, jeder Raum hat eine gewis­se Funk­ti­on. In einem Raum sam­melt er Arbei­ten von sich. »Ich behal­te mir von jeder Serie ein Werk«, so der Künst­ler. Pan hat sich sein eige­nes Uni­ver­sum erschaf­fen. Hat­ten zu Beginn noch Punk­te in sei­nen Bild­wel­ten domi­niert, so sind es jetzt fei­ne Git­ter- und Waben­struk­tu­ren. Was wie wil­de Male­rei anmu­tet, ist in Wirk­lich­keit ein Sys­tem von Net­zen, die der Künst­ler mit Harz und Far­ben bear­bei­tet. In Aus­stel­lun­gen wie Aka­sha (2006), Con­stel­la­ti­on (2010), Ster­nen­staub / Qua­sar (2012), Eden (2014), Mah­di (2016) oder Cos­mic Lat­te (2018) führt uns Pan an abge­spac­te Orte. Dabei reflek­tiert und hin­ter­fragt er unser her­kömm­li­ches Bild­den­ken. Die Werk­ti­tel tun dabei ihr Übri­ges. Mit PE 6,454 VL, VL 3,917 LK oder SP 2,544 SZ zeich­net Pan sein eige­nes Koor­di­na­ten­sys­tem. Pan führt den Betrach­ter auf eine Meta­ebe­ne, wo sich Sicht­ba­res und Unsicht­ba­res ver­dich­ten und ver­flüs­si­gen. Bei Pan ergibt alles Sinn. Man muss nur in die Ster­ne blicken.

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Studium der Kunstgeschichte in Innsbruck und Wien. 2016 Promotion über Koloman Moser an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2010 bis 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Belvedere. Seit 2018 Kurator für die Sammlung Hainz in Wien. Erarbeitung der Werkverzeichnisse Koloman Moser (Belvedere) und Kurt Absolon (Sammlung Hainz). Autor zahlreicher Publikationen und Essays zur modernen und zeitgenössischen Kunst mit einem Forschungsschwerpunkt auf der Kunst der Wiener Moderne.

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