Anja Es: Künstlerin aus Leiden-schaft

Ich moch­te das Bild schon als Kind nicht. Es hing als bil­li­ger Druck auf Struk­tur­pap­pe in einem gül­de­nen Rah­men über dem Sofa mei­ner Groß­el­tern und düns­te­te Armut aus. Der häss­li­che, alte Mann mit Schlaf­müt­ze und in Decken gehüllt, ersinnt mit der Schreib­fe­der zwi­schen den Lip­pen ein Gedicht. Die alte Matrat­ze, auf der er lagert, stinkt bis in unse­re Stu­be und die Feuch­tig­keit kriecht mir schon beim Betrach­ten des Bil­des unter die Haut. Er hat einen Schirm auf­ge­spannt, damit der Regen nicht aufs Papier tropft und vor dem Ofen lie­gen sta­pel­wei­se beschrie­be­ne Blät­ter, die dar­auf war­ten, ver­heizt zu werden.

Bes­ser kann man einem Kind die Lust am Schrei­ben nicht aus­trei­ben. Sieh her, so ergeht´s einem, wenn man sich für eine Dich­te­rin hält! So mah­nend und vor­wurfs­voll wie anders­wo ein gekreu­zig­ter Jesus aus der dunk­len Zim­mer­ecke der Kin­der­see­le Schuld zuraunt, hängt mir noch heu­te das ima­gi­nä­re Krat­zen der Feder im Ohr. Was mag der Arme Poet geschrie­ben haben? Gro­ße Wort­kunst, die im Feu­er zu Rauch auf­ging und statt des Geis­tes nur die arm­se­li­ge Kam­mer erwärm­te oder Rei­me vol­ler Herz­schmerz und Schüt­tel­schmalz – zum Ver­hei­zen gera­de recht? Wir wer­den es nicht erfah­ren, denn dar­um ging es nie. Es ging um die Poe­sie der Armut. DAS hat den Erfolg die­ses scheuß­li­chen Gemäl­des aus­ge­macht – die Roman­tik der brot­lo­sen Kunst, das Idyll der selbst­lo­sen Hin­ga­be an die Kunst und das Ide­al des Künst­lers aus Lei­den­schaft! Die­ses Bild ist schuld dar­an, dass es auch heu­te noch Men­schen gera­de­zu unan­stän­dig fin­den, wenn Künstler*innen Geld für ihre Arbeit erwar­ten, dass Aus­stel­lungs­ver­gü­tun­gen immer noch nicht selbst­ver­ständ­lich sind und hem­mungs­los gescha­chert wird, wenn es um Kunst geht. Ech­te Künstler*innen leben von Luft und Lie­be, die brau­chen nichts, denn die KUNST ist ihre Passion!

Die Unver­fro­ren­heit sol­cher Zuschrei­bun­gen wird einem sofort klar, wenn man sich mal vor­stellt, man wür­de einer belie­bi­gen ande­ren Berufs­grup­pe ein sol­ches Selbst­ver­ständ­nis zumu­ten. Hey Mau­rer, bau mir mal mein Haus, das machst du doch ger­ne! Du brennst doch dafür, sonst hät­test du das nicht als Beruf gewählt. Und beden­ke, welch eine Wer­bung für dein Hand­werk, wenn jeder dein Haus sehen kann! Das ist doch mehr als genug Lohn und du darfst das völ­lig gra­tis auf mei­nem Grund­stück tun! Aber kann man Künstler*innen und Kul­tur­schaf­fen­de mit Mau­rern ver­glei­chen? Sind Kunst und Kul­tur ein­fach nur Berufs­zwei­ge mit dem letzt­end­li­chen Ziel des Geld­erwerbs? Natür­lich nicht, denn nie­mals wären Kunst­wer­ke von so gül­ti­ger Grö­ße, Schön­heit und Erha­ben­heit ent­stan­den, wenn es den Erschaffer*innen nur um Geld gegan­gen wäre. Ganz im Gegen­teil, die größ­te Kunst ist ein­zig um ihrer selbst wil­len ent­stan­den. L’art pour l’art heißt es und setzt den unbe­ding­ten Drang des Künst­lers zur KUNST vor­aus. In dem Moment, wo er (oder sie) sich Gedan­ken dar­über macht, was beim Publi­kum ankommt und bezahlt wird, ist die Kunst ver­wäs­sert, wenn nicht gar ver­gif­tet. Kunst ist, wenn über­haupt, mehr als Hand­werk und die­ses Mehr wird gespeist von der Pas­si­on der Künst­le­rin. Die Lei­den­schaft, mit der sie sich der Kunst hin­gibt, befeu­ert die Kunst in einem Maße, das aus Idee Ide­al wer­den lässt. Lei­den-schaft – aller­dings hat, wie der Name schon sagt, ihren Preis. Wer sich ein­mal einer lei­den­schaft­li­chen Affä­re hin­ge­ge­ben hat, kann das bestä­ti­gen. Was in der Lie­be die Ehe kos­ten kann, for­dert in der Kunst einen ganz ande­ren Tri­but. Oft ist es das gan­ze Leben, das der Kunst unter­ge­ord­net und in wich­ti­gen Tei­len geop­fert wird.

ART – NOTHING ELSE MATTERS
Gleich­zei­tig kann Kunst so unglaub­lich beglü­ckend sein, dass sie jeden Ver­zicht wert ist. Sowohl das Betrach­ten, Erfüh­len, Erfas­sen und Emp­fin­den von Kunst, als auch das Erschaf­fen selbst kann eine berau­schen­de Wir­kung haben und bleibt, ähn­lich wie die Lie­be, ein Mys­te­ri­um. In die­sem Mys­te­ri­um liegt die Erklä­rung für all die Inbrunst, mit der man­che Künst­ler oder Samm­ler der Kunst frö­nen, was sie dafür erdul­den, hin­neh­men, erlei­den. Das Herz­blut, das in ihre Wer­ke ein­fließt und der Ver­ve, mit dem sie zur Voll­endung stre­ben, mar­kiert den Grenz­über­tritt von Fleiß, Talent und Lust zur Pas­si­on. Was wäre die Welt ohne die­se bedin­gungs­lo­se Hin­ga­be? Umso rät­sel­haf­ter bleibt der Erfolg des »Armen Poe­ten« von Spitz­weg. Was, zur Höl­le, gefällt bloß den Leu­ten an der Armut von Künst­lern? Viel­leicht sehen sie in ihnen Ide­al­bil­der, die es ableh­nen, sich und ihre Arbeits­kraft zu ver­kau­fen. Absurd dar­an ist, dass die­sel­ben Leu­te denen, die ihr künst­le­ri­sches Talent zur Her­stel­lung deko­ra­ti­ons­taug­li­cher Wand­be­hän­ge miss­brau­chen, das Geld in den Hals wer­fen und genau die­je­ni­gen ver­hun­gern las­sen, deren kom­pro­miss­lo­se Hin­ga­be an die Kunst sie zu wah­ren Meis­ter­wer­ken befä­higt. Das liegt wahr­schein­lich dar­an, dass die meis­ten wirk­li­chen Künstler*innen ihrer Zeit vor­aus sind und als Pio­nie­re neue Wege beschrei­ten. Sie sind Grenz­gän­ger, oft Grenz­über­schrei­ter und ihre Lieb­lings­gren­ze ist die Schmerz­gren­ze. Dafür gibt’s Aner­ken­nung erst von der über­über­über­nächs­ten Genera­ti­on, also post­hum, das ist ja auch bil­li­ger. Wie schön könn­te es sein, wenn es anders­rum wäre: Die­je­ni­gen, die ihre Mach­wer­ke zu Mark­te tra­gen, nut­zen ihre Lein­wän­de und Tex­te zum Hei­zen und die Künstler*innen schwel­gen im Luxus! Ich bin sicher, nicht nur die Künst­ler – auch die Welt wäre reicher!

Natür­lich gibt es sie, die Künstler*innen, die gera­de wegen ihrer kom­pro­miss­lo­sen und im wahrs­ten Sin­ne frei­en Kunst gefei­ert (und bezahlt) wer­den – aber es ist ein ver­schwin­dend klei­ner Teil Glück­li­cher, die von För­de­rern und Gale­ris­tin­nen erkannt und gehypt wer­den. Die abso­lut über­wie­gen­de Zahl der der Kunst lei­den­schaft­lich Ver­fal­le­nen, die sich im wahrs­ten Sin­ne für die Kunst ver­zeh­ren, war­tet ver­ge­bens auf Aner­ken­nung, die sich auch mone­tär mani­fes­tiert. Augen auf bei der Berufs­wahl, denkt sich man­cher viel­leicht und ver­gisst dabei, dass Kunst weit mehr ist als ein Stu­di­en­gang. Wie hem­mungs­los Lie­ben­de, sind Künst­ler oft Getrie­be­ne, die ihrer Pas­si­on fol­gen MÜSSEN. Eben­so gibt es aber auch Mäzen­in­nen und Gön­ner, die ihr Augen­merk weni­ger auf die Roman­tik der Armut legen, son­dern die Lei­den­schaft für die Kunst tei­len und wert­schät­zen. Mal ehr­lich: Was gibt es Schö­ne­res, als zwei in Lei­den­schaft Ver­bun­de­ne, die besin­nungs­los ihrer Pas­si­on frö­nen? Nix!

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