Egyd Gstättner‚s Künstlerroman

REISEFÜHRER DURCH DIE WELT UM 1900

Ilm August 2013 erschien der Künst­ler­ro­man „Das Geis­ter­schiff“ vom Kärnt­ner Autor Egyd Gstätt­ner über das Leben des einst sehr bekann­ten Jugend­stil­ma­lers Josef Maria Auchental­ler, der ab 1904 sei­nen Wohn­sitz im Som­mer nach Gra­do ver­leg­te und 1949 dort ver­starb. Eine wun­der­ba­re, berüh­ren­de, ja kul­tur­ge­schicht­lich bedeu­ten­de Lebens­ge­schich­te über das tra­gi­sche, wie auch komi­sche Schick­sal eines Künst­lers, der einst neben Klimt in der Wie­ner Seces­si­on ein Fries anfer­tig­te, heu­te aber völ­lig ver ges­sen ist.

Bedeu­tend des­halb, weil Gstätt­ner sich sehr in die bio­gra­fi­schen Aspek­te des Malers und sei­nes Umfelds hin­ein ver­tieft, jedes Detail akri­bisch ver­folgt und des­we­gen auch kul­tur­ge­schicht­li­che Rele­vanz erreicht, da es ihm gelingt, den bekann­ten Auchental­ler, mit all sei­nen tra­gi­schen Schick­sals­schlä­gen, durch einen zwei­ten, „mög­li­chen“, Auchental­ler stim­mig in ein Gesamt­kunst­werk zu for­men, das sicher­lich auch Stoff für einen erfolg­rei­chen Spiel­film wäre. Da flie­ßen Dich­tung und Wahr­heit inein­an­der, so wie die Wel­len der Adria in Gra­do. Das Auchental­ler Hotel „Pen­si­on Forti­no“, eigent­lich das Hotel sei­ner Frau Emma (er fühlt sich an die­sem Ort ja bloß als unge­lieb­ter „Prinz­ge­mahl“), wird ein­mal zu Schiff, dann zum Geis­ter­schiff an der Diga, den Wel­len­bre­chern von Gra­do, ganz vorn, direkt am Meer gele­gen, mit der Früh­stücks­ter­ras­se als Bug.

Dass es pas­siert ist, ist ver­bürgt. Wie es pas­siert ist, haben wir erfunden. 

Die­ses Jugend­stil­schiff, vom berühm­ten Wie­ner Archi­tek­ten Juli­us May­re­der geplant und 1903 bis 1904 erbaut und von Auchental­ler mit sehr viel Kön­nen und Lie­be „sgraf­fi­tiert“ und orna­men­tal aus­ge­stat­tet, mach­te das knapp vor der Jahr­hun­dert­wen­de noch ziem­lich unbe­kann­te See­bad Gra­do plötz­lich unglaub­lich beliebt. Die Auchental­lers erhiel­ten für ihr „Forti­no“ die Hotel-Lizenz Nr. 4, danach folg­te ein stei­ler Auf­schwung. Das Forti­no wur­de zu ihrem Schiff durch die Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts. Als das Jugend­stil­schiff zum „Geis­ter­schiff“ wird, erreicht der Roman sei­nen Höhe­punkt. Der Maler fällt in Ohn­macht und damit treibt Gstätt­ner die Dich­tung an die Spit­ze. Der welt­be­kann­te bri­ti­sche Schrift­stel­ler Sir Arthur Con­an Doyle (Sher­lock Hol­mes) lässt in einer spi­ri­tis­ti­schen Sit­zung im Forti­no Gus­tav Klimt per­sön­lich erschei­nen. Die Wahr­heit ist viel bana­ler: Doyle hat es nur bis Vor­arl­berg ins Inter­nat geschafft, in Gra­do ist er nie gewe­sen. Als das Forti­no­schiff die ers­te Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts durch­quert hat­te, wur­de es durch den Welt­krieg zum ech­ten Geis­ter­schiff und zu Schrott gefah­ren. In den Zim­mern waren Sol­da­ten ein­quar­tiert und der Krieg hin­ter­ließ einen löch­ri­gen Dach­stuhl und es reg­ne­te her­ein. Auchental­ler leb­te noch bis 1949. Selbst der zwei­te Krieg blieb ihm in Gra­do nicht erspart. Auchentaller’s Schick­sal, von Egyd Gstätt­ner zu einem Künst­ler­ro­man geformt, wur­de zum Rei­se­füh­rer durch die­se fer­ne Zeit, die berührt, die nach­denk­lich macht…

Im Interview mit Andreas Maleta über Egyd Gstättner ’s Künstlerroman „Das Geisterschiff“

Wie viel „Wahr­heits­ge­halt“ hat Ihr Künstlerroman?

Das Mot­to eines Fil­mes über Sig­mund Freud und Gus­tav Mah­ler und ihr (rea­les) Zusam­men­tref­fen im hol­län­di­schen Lei­den lau­te­te: „Dass es pas­siert ist, ist ver­bürgt. Wie es pas­siert ist, haben wir erfun­den.“ Das könn­te auch über dem Geis­ter­schiff ste­hen. Also: Die Geschich­te des Romans ist wahr. Die Wahr­heit setzt sich zusam­men aus den Fak­ten­wahr­hei­ten und mei­ner höhe­ren künst­le­ri­schen Wahr­heit, auf die es mir ankommt. Was ich erfun­den habe, habe ich nicht quer­feld­ein erfun­den, son­dern immer genau an einer Bruch­li­nie der Realität.

Wie haben Sie recherchiert?

Ich muss­te viel, weil auf drei Ebe­nen recher­chie­ren: Ein­mal, bis ich die Geschich­te, die ich erzäh­len woll­te, mit ihrem Per­so­nal, ihren Schau­plät­zen, ihren Requi­si­ten klar vor mir sah (da waren Lek­tü­re, Gesprä­che, Recher­chen vor Ort nötig). Ein zwei­tes Mal, um ihre Kom­po­si­ti­on fest­zu­set­zen. Wie erzäh­le ich ein 84 Jah­re dau­ern­des Leben auf 300 Sei­ten? (Und zwar so, dass auch der Leser, in die Geschich­te, die ich ihm anbie­te, ein­steigt – und bis zum Ende ger­ne und gespannt drin­nen bleibt). Und aus wel­cher (wel­chen) Perspektive(n) erzäh­le ich sie? Das ist etwas ganz ande­res, als wenn ich zum Bei­spiel ein ein­zel­nes uner­hör­tes Ereig­nis beschrei­be und berich­te. Bei jeder ein­zel­nen Sze­ne die Fra­ge: Wie rol­le ich sie auf? Wie ver­knüp­fe ich sie mit dem Gan­zen? Die Lösung sol­cher Kom­po­si­ti­ons­pro­ble­me ist ja nicht natur- oder vor­ge­ge­ben. Auch das muss der Autor am Schreib­tisch erfin­den und mit sich selbst aus­ma­chen… und es muss mit dem Stoff abge­stimmt sein.

Und auf der drit­ten Ebe­ne schließ­lich, um all die Bau­stei­ne zusam­men­zu­tra­gen. Hun­der­te, wenn nicht tau­sen­de Men­schen, die heu­te leben und mir irgend­wo irgend­wann begeg­net sind, haben mit unzäh­li­gen Satz­fet­zen, Wor­ten, klit­ze­klei­nen Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten, Eigen­hei­ten, Ges­ten, Bewe­gun­gen, Redens­ar­ten, Hand­lungs­wei­sen dazu bei­getra­gen und könn­ten sich in dem Buch wie­der­fin­den, aber natür­lich in ganz ande­ren Situa­tio­nen und Zusam­men­hän­gen, an ande­ren Schau­plät­zen. Jah­re­lang stol­pe­re ich tag­täg­lich über irgend­ein (visu­el­les oder sprach­li­ches) Detail, dre­he es hin, dre­he es her, begut­ach­te es und sage dann wie James Joy­ce: „Das wer­de ich ver­wen­den!“ Das heißt: Das Mosa­ik­bild zeigt (auf den ers­ten Blick) eine Ver­gan­gen­heit. Aber die Mil­lio­nen Mosa­ik­stein­chen, aus denen es besteht, stam­men samt und son­ders aus der Gegen­wart, und dar­um ist auch das Bild (auf den zwei­ten Blick) alles ande­re als Ver­gan­gen­heit. Das ist mein Arbeitssystem.

In einem Kunst­werk muss ja alles fun­keln, alles muss sich spie­geln, alles muss sym­bo­lisch und über­trag­bar, nichts darf ein­deu­tig sein. Wenn ich allein an die ver­schie­de­nen Bedeu­tungs­va­ri­an­ten des Wor­tes „Geist“ den­ke! (Vom „Geis­tes­men­schen“ – also Intel­lek­tu­el­len – über den Spi­ri­tis­ten (Spi­ri­tis­mus ist ja unein­ge­stan­de­ne Trauma­be­wäl­ti­gung…) und den Geis­ter­fah­rer bis zum Gespenst und zur völ­li­gen Lee­re (ein „Geis­ter­spiel“ etwa ist eines, bei dem die Zuschau­er aus­ge­sperrt sind). Eben­so ist es dann im Wort „Geis­ter­schiff“… Alle kom­men da als Pas­sa­gie­re mit.

Was hat Sie an Auchental­ler als ers­tes interessiert?

Und was am meis­ten? Zu aller­erst sei­ne gro­ße und viel­schich­ti­ge Kunst. Dar­aus ergab sich die Fra­ge nach sei­ner Kar­rie­re, nach dem Kunst­be­trieb und des­sen Mecha­nis­men (auch den konn­te ich, da ich kein Maler bin, auf einer Stell­ver­tre­ter­ebe­ne abhan­deln, was mir ange­nehm war). Spä­ter die Fra­ge nach sei­ner Bezie­hung, sei­ner Ehe, sei­ner Fami­lie, sei­ner Frau – die zwei­te Haupt­fi­gur des Romans und die, wie ich es sehe, wirk­lich eine Hel­din ist, eine der moderns­ten Frau­en ihrer Zeit, eine Visio­nä­rin. Und schließ­lich die Fra­ge nach den Tou­ris­mu­spio­nie­ren und nach sei­nem frei­wil­li­gen Exil in Gra­do. Im Roman schmie­gen sich vie­le Moti­ve ganz natür­lich aneinander .

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Andreas Maleta, geb. 1951, studierte in Wien und Indien, später war er Journalist, Auslandskorrespondent im Nahen Osten und Dokumentarfilmer. Sein Interesse an Auchentallers Werk beginnt rein zufällig, aus journalistischer Neugier. Daraus entwickelt sich ein großes persönliches Engagement und detaillierte Kenntnis über das Gesamtkunstwerk Auchentallers und sein vielfältiges Umfeld in Wien um 1900. In den letzten Jahren trat er bei allen Ausstellungen als Leihgeber und/oder Verfasser von Katalogbeiträgen auf. Er hält Multimediapräsentationen über den Künstler, arbeitet an einem poetischen Film über das Leben des Malers und gründete 2014 die „Galerie punkt12“ in Wien.

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