Father and sons | Borowski

Die Glas­ma­nu­fak­tur Borow­ski ist bis heu­te die ein­zi­ge pri­va­te Glas­ma­nu­fak­tur in Polen, eine von weni­gen in Euro­pa und viel­leicht eine von 20 welt­weit. Hier wird mit fast allen bekann­ten Tech­ni­ken der Kalt- und Heiß­glas­ver­ar­bei­tung gear­bei­tet – das ermög­licht den Künst­lern, anspruchs­vol­le Visio­nen und immer neue, expe­ri­men­tel­le Ideen zu rea­li­sie­ren.

Ein Mann, breit und groß wie ein Bär, kniet in einer Werk­statt, die aus­sieht, als kön­ne man dar­in Loko­mo­ti­ven bau­en. Er hat die Backen zu dicken Kugeln auf­ge­bla­sen und presst die Atem­luft durch ein fast zwei Meter lan­ges Metall­rohr. Kür­zer dürf­te es nicht sein, sonst wür­de er ver­bren­nen an dem glü­hen­den Quarz­ge­misch, das ein­mal ein Kunst­werk wer­den soll. Er schwitzt nicht; er badet förm­lich in sei­nem Schweiß – ob aus Anstren­gung oder wegen der enor­men Hit­ze – ver­mut­lich bei­des. Ein Ande­rer hält mit einer lan­gen, rund geform­ten Schlin­ge an einem dicken Stiel das, was wort­wört­lich im Schwei­ße sei­nes Ange­sichts ent­ste­hen soll: Ein Frosch.

Er ist aus Glas, hat einen Durch­mes­ser von 60 cm, bekommt Glub­sch­au­gen und wird eine rote Kro­ne tra­gen. ‚Mund­ge­bla­sen‘ wird irgend­wann auf sei­nem Preis­schild ste­hen und allein das zeigt die hand­werk­li­che Leis­tung, die in einem Anwe­sen bei Bole­s­la­wi­ec in Polen unter vol­lem Kör­per­ein­satz erbracht wird. Grö­ßer kann man ein Objekt aus Glas nicht mehr bla­sen; es wür­de auch die Kapa­zi­tät der Öfen spren­gen. Sei­ne grü­ne Far­be ist nicht ein­fach dem Glas bei­gemischt. Ein so kräf­ti­ger Ton wür­de dem dicken Glas – und dick muss es sein, denn es soll ein­mal jedem Wet­ter trot­zen kön­nen – die Leucht­kraft neh­men.

Gear­bei­tet wird statt­des­sen mit der soge­nann­ten Über­fang­tech­nik: Das noch kla­re Glas wird im glü­hen­den Zustand in far­bi­gem Glas-Gra­nu­lat gewälzt, das schmilzt auf und über­zieht die Kugel mit einer sehr dün­nen, aber sta­bi­len Schicht far­bi­gen Gla­ses. Auf die­se Wei­se bleibt das Haupt­at­tri­but des Werk­stof­fes, näm­lich sei­ne durch­schei­nen­de Strahl­kraft, erhal­ten.

Dazu muss das bis zu 25 Kilo­gramm schwe­re Teil aller­dings erst mal mit lan­gen Werk­zeu­gen und ohne sich zu ver­for­men an den Gra­nu­lat-Bot­tich gewuch­tet wer­den und ein drit­ter Mann eilt zur Hil­fe. Er hat ein nas­ses Hand­tuch dabei und wischt den Kol­le­gen den Schweiß vom Gesicht, damit die Sicht nicht beein­träch­tigt wird. Der gel­be Glas­fa­den, der spi­ral­för­mig um die grü­ne Kugel gelegt wird um dem Objekt sei­ne humor­vol­le Note zu geben, ver­schmilzt mit dem Kör­per und lässt den Frosch irgend­wie dicker wir­ken. Ihm steht das.

End­lich abge­kühlt, ist es Zeit für den nächs­ten Arbeits­gang: In den Boden der Glas­ku­gel muss ein Loch gesägt und damit Platz für das Leucht­mit­tel geschaf­fen wer­den, das an die brei­ten Frosch­fü­ße aus Stahl mon­tiert ist. Das ist kaum weni­ger schweiß­trei­bend, und auch nicht unge­fähr­lich, denn noch immer kann ein so gro­ßes und dickes Glas unter sei­nen Span­nun­gen oder der Bear­bei­tung sprin­gen. Erst jetzt kann die glän­zen­de Ober­flä­che sati­niert und schließ­lich an den Stel­len plan geschlif­fen wer­den, an denen die rote Kro­ne pran­gen wird und die Kuge­lau­gen einen hin­rei­ßend komi­schen Blick auf jene wer­fen, die gern mal einen Frosch küs­sen wür­den. Wer kei­ne Frö­sche mag, könn­te sich auch in ein Cha­mä­le­on ver­lie­ben oder in ein mas­si­ges Nas­horn, das schon etwas mehr Platz benö­tigt, als ein Rei­hen­haus­gärt­chen bie­tet. Von der Anti­lo­pe bis zum Zebra erbli­cken in der Glas-Manu­fak­tur Borow­ski Tie­re (und Men­schen, Pflan­zen, Autos) das Licht der Son­ne, die man getrost als Tran­qui­li­zer für die Augen bezeich­nen kann. Sie alle eint ihre posi­ti­ve Aus­strah­lung, ihr Witz und die hohe hand­werk­li­che Qua­li­tät. – Und natür­lich ihr Cha­rak­ter. Es ist die Hand­schrift der Künst­ler, die den Objek­ten die­sen unver­gleich­li­chen Aus­druck ver­leiht und man kann von Glück reden, dass es davon gleich meh­re­re gibt. Sie hei­ßen alle Borow­ski.

Sta­nis­law Wik­tor und Sta­ni Jan in der Glas­hüt­te

Den Grund­stein für das krea­ti­ve Fami­li­en­un­ter­neh­men legt Sta­nis­law Borow­ski, Jahr­gang 1944, mit selbst­ge­bau­ten Werk­zeu­gen in einer alten Gara­ge. Für sei­ne unge­wöhn­li­chen, glä­ser­nen Bild­wer­ke greift er auf fast ver­ges­se­ne Gra­vur­tech­ni­ken auf Über­fang­glas zurück und weckt damit schnell inter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit. Es fol­gen Aus­stel­lun­gen in Deutsch­land, den USA, Nie­der­lan­den und Japan. Sei­ne fan­tas­ti­schen, oft irre­al und magisch anmu­ten­den Moti­ve und Objek­te sowie sei­ne außer­ge­wöhn­li­che Kunst­fer­tig­keit im Umgang mit dem schwie­ri­gen Mate­ri­al ver­hel­fen ihm zu wich­ti­gen Aus­stel­lun­gen und Aner­ken­nung in der Glas­kunst. Vie­le Meis­ter­wer­ke von Sta­nis­law ste­hen heu­te in nam­haf­ten Muse­en, z.B. dem Corning Muse­um of Glass in New York, dem wohl wich­tigs­ten Glas­mu­se­um der Welt.

Zusam­men mit sei­nen zwei ältes­ten Söh­nen Pawel und Wik­tor grün­det er 1990 das Glas­stu­dio Borow­ski. Der Jüngs­te, Sta­ni Jan, ent­schei­det sich für ein Kunst-Stu­di­um und wird einer der krea­ti­ven Köp­fe der Fir­ma. Inzwi­schen dient nach umfang­rei­cher Sanie­rung ein Anwe­sen in Nie­der­schle­si­en der Fami­lie als Wohn­sitz, Think-Tank und Manu­fak­tur; dort ent­ste­hen die ein­zig­ar­ti­gen Glas-Objek­te, die über­all als „typisch Borow­ski“ emp­fun­den wer­den. Die künst­le­ri­sche Hand­schrift ist auf den ers­ten Blick iden­ti­fi­zier­bar. Das ist über­ra­schend, denn wenn man die Indi­vi­dua­li­tät ihrer Erschaf­fer betrach­tet, könn­te man Ande­res erwar­ten. Erst die Kon­ne­xi­on der ein­zel­nen Künst­ler schafft das Gesamt­werk.

Sta­nis­law Borow­ski hat sich in den spä­ten 1970er Jah­ren einen gro­ßen Namen in der Stu­dio­g­las­be­we­gung gemacht. Mit sei­nen gra­vier­ten und bild­haue­ri­schen Wer­ken hat er eine bis dahin unbe­kann­te Qua­li­tät bewie­sen und die­se in zahl­rei­chen Aus­stel­lun­gen in Euro­pa, Asi­en und den USA einer brei­ten Öffent­lich­keit prä­sen­tiert. Er spielt vir­tu­os mit den viel­sei­ti­gen Gestal­tungs­tech­ni­ken des Mate­ri­als Glas. Über die Jah­re hin­weg hat sich ein inten­si­ver Werk­kom­plex ent­wi­ckelt, der sich mit den poli­ti­schen The­men sei­ner Zeit und der mensch­li­chen Exis­tenz aus­ein­an­der­setzt. Es ent­ste­hen mund­ge­bla­se­ne, mehr­fach über­fan­ge­ne Hohl­kör­per, die gra­viert und zusam­men mit frei an der Glas­pfei­fe geform­ten Skulp­tu­ren zu kom­ple­xen bild­haue­ri­schen Kom­po­si­tio­nen mon­tiert wer­den. Sei­ne Kunst­wer­ke sind aus­schließ­lich Uni­ka­te und über­aus begehr­te Samm­ler­stü­cke. Die bes­ten Muse­en und Gale­rien der Welt sowie berühm­te Per­sön­lich­kei­ten – unter ande­rem Sting, Mick Jag­ger, Jack Nichol­son, Who­opi Gold­berg und Nico­las Cage – haben sei­ne Wer­ke in ihren Samm­lun­gen.

Auch sein ältes­ter Sohn Pawel Borow­ski erschafft uni­ka­te Meis­ter­wer­ke. Deren hand­werk­li­cher und künst­le­ri­scher Anspruch fließt auch in die Ent­wick­lung der regu­lä­ren Kol­lek­tio­nen ein. Pawel ist als viel­sei­ti­ger Glas­künst­ler der Lei­ter der Manu­fak­tur und maß­geb­lich ver­ant­wort­lich für die künst­le­ri­sche Gestal­tung der Glas­krea­tio­nen aus dem Hau­se Borow­ski.

Edle und zugleich humor­vol­le Glas­kunst­ob­jek­te sind das Mar­ken­zei­chen von Sta­ni Jan Borow­ski. Als Desi­gner und krea­ti­ver Kopf arbei­tet er zusam­men mit sei­nen Brü­dern für die Mar­ke Borow­ski. Neben Krea­tio­nen für die Kol­lek­ti­on ent­ste­hen far­ben­fro­he Uni­ka­te sowie kunst­vol­le Klein­se­ri­en. Dar­über hin­aus geht er als frei­schaf­fen­der Künst­ler sei­nen eige­nen Ent­wür­fen nach, die sich deut­lich von der Mar­ke unter­schei­den. Es mag die gene­ti­sche Dis­po­si­ti­on sein oder der fami­liä­re Zusam­men­halt, der die Stil­si­cher­heit und den homo­ge­nen Cha­rak­ter der gesam­ten Kol­lek­ti­on erklärt aber es ist wahr­schein­lich die indi­vi­du­el­le Frei­heit, die jedem Mit­glied der Fami­lie gewährt wird, die aus krea­ti­ver Viel­falt eine kunst­vol­le Mar­ke macht.

Der gro­ße Erfolg die­ser Mar­ke erklärt sich aller­dings allein dadurch noch nicht. Wik­tor Borow­ski küm­mert sich von Deutsch­land aus um den Ver­trieb, die Logis­tik, das Manage­ment und das Mar­ke­ting. Die far­ben­fro­hen Borow­ski-Kol­lek­tio­nen, bestehend aus Wohn­ac­ces­soires, Außen­ob­jek­ten und Kunst­ob­jek­ten in Klein­se­ri­en wer­den inter­na­tio­nal in aus­ge­such­ten Gale­rien und exklu­si­ven Geschäf­ten gehan­delt. Die Orga­ni­sa­ti­on von Aus­stel­lun­gen und Mes­se­prä­sen­ta­tio­nen gehört zu den wich­tigs­ten Auf­ga­ben von Wik­tor Borow­ski. Sie machen die Mar­ke bekannt und zei­gen die Viel­fäl­tig­keit und Qua­li­tät der Arbei­ten. Die Prä­sen­ta­ti­on eines Gar­tens mit Borow­ski-Objek­ten auf der Chel­sea Flower Show in Lon­don gewann im letz­ten Jahr eine Gold-Medail­le. Hier­für hat­ten die Künst­ler Was­ser­spei­er und Pflan­zen aus Glas ent­wor­fen, ange­fer­tigt und per­sön­lich nach Eng­land gebracht. Neben zahl­rei­chen ande­ren Prä­sen­ta­tio­nen hat­te Borow­ski 2018 mit der Aus­stel­lung Fables & Fai­ry­ta­les in den Fla­min­go Gar­dens in Flo­ri­da – einem Bota­ni­schen Gar­ten und Natur­re­ser­vat – Pre­mie­re in den USA und konn­te dort mehr als 70 Außen­ob­jek­te zei­gen.

Die Kom­bi­na­ti­on von Glas und Metall, meist Cor­ten­stahl, der ein­mal aus­blüht und in der Fol­ge nicht wei­ter ros­tet, ver­leiht beson­ders der Kol­lek­ti­on OUTDOOR OBJECTS einen beson­de­ren Charme. Die Objek­te fügen sich mit ihren strah­len­den Far­ben und rost­brau­nen Ele­men­ten har­mo­nisch in ihre natür­li­che Umge­bung ein. Aber auch in den fein gear­bei­te­ten Skulp­tu­ren aus der Pre­mi­um­kol­lek­ti­on ART OBJECTS fin­den sich des öfte­ren Metall­parts. Alle Arbei­ten die­ser Kol­lek­ti­on stam­men von Pawel oder Sta­ni Jan, sind signiert und meis­tens Uni­ka­te. Dabei haben die klei­nen und gro­ßen Kunst­wer­ke nichts Eli­tä­res. Die fan­ta­sie­vol­len und wit­zi­gen Vasen, Scha­len und Leuch­ten aus der Serie STUDIO LINE machen auch bei klei­nen Woh­nun­gen und Bud­gets ordent­lich was her. Auch sie tra­gen natür­lich die unver­wech­sel­ba­re Hand­schrift und den Humor der Borow­ski-Brü­der und sind mit viel Lie­be zum Detail von Hand gear­bei­tet.

Ver­mut­lich ist es eben die­se Kom­bi­na­ti­on aus Lei­den­schaft für das Glas, Cha­rak­ter, Humor und Befä­hi­gung, die das Unter­neh­men Borow­ski so erfolg­reich macht. Die fami­liä­re Ver­bin­dung, die anders­wo zu einem gefähr­li­chen Fall­strick wer­den kann, scheint hier die indi­vi­du­el­len Fähig­kei­ten zu poten­zie­ren. Der hei­te­re Kunst­be­griff, der anschei­nend nicht nur die Brü­der, son­dern auch die Mit­ar­bei­ter ver­bin­det, führt dazu, dass die Ergeb­nis­se ihrer Zusam­men­ar­beit aus­ge­spro­chen amü­sant aus­fal­len. Die schweiß­trei­ben­de und har­te Arbeit, die dahin­ter steckt, sieht man den Objek­ten nicht an.

Und so soll es sein, bei guter Kunst.

Sta­ni Borow­ski RODEO BANG BANG, 2018, 75 x 80 x 60 cm
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geschrieben von

Malt, schreibt, performt und bringt Texte und Bilder als Gesamtkunstwerk mit Musikern auf die Bühne. Ausstellungen und Performances in Deutschland und Dänemark. Mit ihrer Bildserie „La Gonzesse“ in Sammlungen, Galerien und Medien erfolgreich. Anja Es: KUNST! in der Alten Vogtei, Travemünde.

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