Zwischen Schmerz und Schönheit

Dino Valls

IN UNSEREM ALLTAG SIND WIR DARAN GEWÖHNT, ALLE ARTEN VON BILDERN ZU SEHEN, DIE DURCH IHRE HÄUFIGKEIT UND STÄNDIGE WIEDERHOLUNG UNS NACH UND NACH UNEMPFINDLICH GEGENÜBER GEWALT, ABER AUCH SCHÖNHEIT WERDEN LASSEN. DESHALB WIRD ES IMMER SCHWIERIGER, DASS EIN BILD, DAS NOCH NICHT EINMAL EIN ABBILD DER REALITÄT DARSTELLT, UNS ÜBERRASCHT, TRIFFT, VERSTÖRT, UNANGENEHM IST ODER SICH ZU UNSEREM BEDAUERN FEST IN DER ERINNERUNG VERANKERT. DOCH GENAU DIESE REAKTIONEN LÖSEN DIE BILDER VON DINO VALLS (* 1959, ZARAGOZA) BEIM BETRACHTER AUS, INDEM SEINE FIGUREN IHN MIT IHREM DURCHDRINGENDEN BLICK, VOR DEM ES UNMÖGLICH IST ZU ENTKOMMEN, DIREKT KONFRONTIEREN.

Valls ist ein Künst­ler mit einer star­ken Per­sön­lich­keit, der sich kraft­voll in der aktu­el­len Kunst durch sei­ne Indi­vi­dua­li­tät und sei­nen kohä­ren­ten Solo-Pfad jen­seits der momen­ta­nen künst­le­ri­schen Strö­mun­gen aus­zeich­net. Sei­ne Arbeit beschäf­tigt sich durch sei­ne erfun­de­nen Figu­ren, die dekon­tex­tua­li­sier­ten Objek­te, die Sym­bo­lis­men, die rät­sel­haf­te Dar­stel­lung und die aktua­li­sier­ten Ele­men­te der Kunst­ge­schich­te mit den Zwei­feln, Zwie­späl­ten, Ängs­ten, Schmer­zen und allem, was die Psy­che und die unbe­wuss­te Welt des Men­schen umgibt. Es ist sei­ne per­sön­li­che Art, nach Ant­wor­ten auf die ewi­gen Fra­gen zu suchen.

Sei­ne Aus­bil­dung als Künst­ler ist nicht dem kon­ven­tio­nel­len Weg gefolgt. Von Kind­heit an und dank sei­nes Vaters, Inge­nieur von Beruf und pas­sio­nier­ter Zeich­ner, begann er stän­dig mit den Stif­ten zu expe­ri­men­tie­ren. Sein Medi­zin­stu­di­um ver­band er immer mit der Kunst, so dass er nach sei­nem Abschluss nicht als Arzt, son­dern als Maler tätig war. Die­se medi­zi­ni­sche Aus­bil­dung hat­te jedoch jah­re­lang einen enor­men Ein­fluss auf die The­ma­tik sei­ner Bil­der. Durch das Wis­sen um die Ana­to­mie sei­ner Cha­rak­te­re, die Dar­stel­lung der medi­zi­ni­schen Instru­men­te, die küh­le Ästhe­tik, mit Tei­len der Ercon­fron­zäh­lung außer­halb der Sze­ne und die Rol­le sei­ner Figu­ren als pas­si­ve Pati­en­ten hat der Maler sie ver­letz­lich wer­den las­sen. Er zeigt sie hilf­los, ängst­lich und in unge­wöhn­li­chen Kör­per­stel­lun­gen, lässt ihre Kör­per von frem­den Hän­den mani­pu­lie­ren und damit die­se Situa­tio­nen zu einer künst­le­ri­schen Nor­ma­li­tät wer­den, er bedient sich des ärzt­li­chen Blick­win­kels, um die Fra­gi­li­tät des Men­schen zu reflektieren.

Die Maler, die ihn inter­es­sier­ten, hat er in sich auf­ge­saugt und zu sei­nen Meis­tern gemacht, indem er, ohne jeg­li­che vor­he­ri­ge Anlei­tung, sowohl ihre Kom­po­si­tio­nen als auch ihre künst­le­ri­schen Ver­fah­ren aktua­li­siert und repro­du­ziert hat: Tech­ni­ken wie Eitem­pe­ra, Kase­in­tem­pe­ra, Ölla­su­ren und Gold­be­schich­tun­gen als Tafel­ma­le­rei − Metho­den, die er im Lau­fe sei­nes Wer­de­gan­ges durch stän­di­ges Ver­su­chen und eige­ne Erfah­run­gen ange­passt hat. Bei den Meis­tern han­delt es sich um die Maler des Mit­tel­al­ters, von denen er gele­gent­lich die Art des Kom­po­nie­rens, den Auf­bau sei­ner Altar­bil­der oder die Iko­no­gra­phie der an König Artus erin­nern­den, oft phan­tas­ti­schen oder mons­trö­sen Cha­rak­te­re über­nom­men hat. Aber eben­so die Renais­sance­künst­ler des 15., die Manie­ris­ten des 16. und die Sur­rea­lis­ten des 20. Jahr­hun­derts, ohne dabei die kon­zep­tu­el­le Kom­po­nen­te sei­ner Wer­ke zu ver­ges­sen. Was den Künst­ler antreibt, ist die Her­aus­for­de­rung, sol­che Kom­po­si­tio­nen oder Inhal­te zu aktua­li­sie­ren und eine inter­es­san­te Arbeit für die Gegen­wart zu erschaffen.

Dino Valls
Dino Valls ist dar­an inter­es­siert, das Innen­le­ben der Figu­ren zu reflek­tie­ren, ihre Ängs­te und Pho­bien zu zei­gen und star­ke Emo­tio­nen durch ihre Kör­per, ihre Bli­cke und all die Requi­si­ten, die sie klei­den und defi­nie­ren, zu übertragen.

Zu den her­vor­ste­chen­den Ele­men­ten, die sei­ne Bil­der so kraft­voll wer­den las­sen, gehört der Blick sei­ner Figu­ren. Der Blick ist die Brü­cke zwi­schen dem, was im Inne­ren des Cha­rak­ters geschieht, und dem Zuschau­er, der unwei­ger­lich von ihm ver­folgt wird. Es ist der ers­te Peit­schen­hieb, der oft Über­ra­schung und die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Werk aus­löst. Es ist nicht leicht, die­sem Blick zu wider­ste­hen, aber dies ist unver­zicht­bar, wenn man den Inhalt unter­su­chen und die Betrach­tung des Bil­des fort­set­zen will.

Es wur­de bereits erwähnt, dass die Figu­ren die Frucht sei­ner Vor­stel­lungs­kraft sind, weil er kei­ne ech­ten Per­so­nen por­trä­tiert, son­dern alle einem − vom Künst­ler ver­folg­ten und idea­li­sier­ten − Schön­heits­ka­non gehor­chen: Er ist meist weib­lich, mit hel­ler Haut, blau­en Augen, wei­chen ana­to­mi­schen Zügen, sti­li­sier­tem Kör­per, nackt oder geschmückt mit reich bestick­ten Stof­fen, die den Kopf oder Kör­per­tei­le bede­cken. Die Dar­ge­stell­ten zei­gen oft beab­sich­tig­te Wun­den auf ihrer Haut, die dem The­ma des Gemäl­des gehor­chen, oder sind in absur­den oder schmerz­haf­ten Situa­tio­nen gefan­gen. Im Gegen­satz zu ande­ren zeit­ge­nös­si­schen Künst­lern benutzt Valls nicht die Foto­gra­fie als Vor­la­ge für die Zeich­nung oder Far­ben, son­dern allein sei­ne Vor­stel­lungs­kraft ist die Quel­le die­ser enor­men tech­ni­schen Fähig­kei­ten. Das Sze­na­rio, in dem der Prot­ago­nist situ­iert wird, ver­voll­stän­digt das The­ma des Wer­kes, indem es auf den Hin­ter­grund oder die Objek­te, die erschei­nen, Bezug nimmt. Es ist ein Spiel der Kräf­te zwi­schen den Ele­men­ten, ein zu ent­schlüs­seln­des Rät­sel. Die­se Eigen­schaft erklärt zusam­men mit der Schwie­rig­keit der ver­wen­de­ten Bild­tech­ni­ken, wie viel Zeit der Künst­ler in jedes sei­ner Gemäl­de inves­tie­ren muss. Allein die Ent­wick­lung des The­mas kann Mona­te dauern.

Es ist hier nicht wei­ter mög­lich, auf bestimm­te Details ein­zu­ge­hen, aber ich lade Sie ein, die Ele­men­te der Gemäl­de genau zu beob­ach­ten, um die Arbeit von Dino Valls zu ent­de­cken, einem Werk zwi­schen Schmerz und Schön­heit, gele­gen in der Gegenwart. 

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geschrieben von

ist Kunsthistorikerin und Leiterin der Kunstgalerie 100 Kubik in Köln. Spezialisiert auf zeitgenössische spanische und lateinamerikanische Kunst, hat sie zahlreiche Artikel und Kataloge von Künstlern veröffentlicht und viele Ausstellungen in Deutschland und Spanien kuratiert.

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