Kunstmesse, Quo Vadis?

Interview mit Aram Haus

Anfang Febru­ar erreich­te uns über­ra­schend die Nach­richt, dass Aram Haus die künst­le­ri­sche Lei­tung der Kunst­mes­se ART BODENSEE über­nimmt. Der Kura­tor, Kon­zept­künst­ler und Grün­der der ACHSE Enter­pri­ses setzt auf die akti­ve Mit­ein­be­zie­hung der Bevöl­ke­rung durch Kunst im öffent­li­chen Raum. Zudem will er die Bezie­hun­gen von Sammler*innen sowie Galerist*innen nach­hal­tig inten­si­vie­ren. Wie immer, sind wir neu­gie­rig und tref­fen Aram Haus in Wien zu einem ent­spann­ten Gespräch über euro­päi­sche Kul­tur­pro­jek­te, die Kunst, den Kunst­markt und das Erleb­nisund Erfah­rungs­po­ten­ti­al von Kunstmessen.

Googelt man Aram Haus, stößt man auf vie­le unter­schied­li­che Ein­trä­ge. Was genau ist Ihre Berufung?

Dazu möch­te ich gleich vor­aus­schi­cken, dass ich „Eco­sia“ als Such­ma­schi­ne ver­wen­de, denn damit pflanzt man bei jedem Such­pro­zess einen Baum. Es stimmt, ich habe schon eini­ge Erfah­run­gen in mei­nem Leben gesam­melt. Ich habe Vio­li­ne stu­diert, das war mein ers­ter Beruf, danach habe ich Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten stu­diert, anschlie­ßend Per­for­mance Art in den USA und habe im Zuge des­sen als Regie Assis­tent, auch als Per­so­nal Assi­stant von Bob Wil­son gear­bei­tet. Dabei konn­te ich mit Insti­tu­tio­nen wie dem Natio­nal­thea­ter von Korea in Seo­ul, dem Barysh­ni­kov Arts Cen­ter in New York, dem Gug­gen­heim Muse­um, Lou­vre usw. arbei­ten. Mei­ne Beru­fung ist es, Kul­tur­pro­jek­te für die Euro­päi­sche Uni­on zu eta­blie­ren, die sich auf drei Säu­len stüt­zen: „Audi­ence Deve­lo­p­ment“, „Capa­ci­ty Buil­ding“ und „Cross Bor­der Mobi­li­ty“. Ich sehe dar­in einen sehr wich­ti­gen Auf­trag, um die unter­schied­li­chen Sub­kul­tu­ren und Mini­kul­tu­ren in Euro­pa zuein­an­der zu brin­gen und den Dia­log über Unter­schied­lich­kei­ten und Gemein­sam­kei­ten zu för­dern. Hier bin ich über­zeugt davon, dass die EU über die Kul­tur wesent­lich näher zusam­men­rü­cken kann als durch die Wirt­schaft. Ich arbei­te dar­an, das Inter­es­se für ande­re Kul­tu­ren zu fördern.

Sie sind in Wien zuhau­se oder? Was lie­ben Sie an die­ser Stadt besonders?

Mein Mann und ich leben in Paris, Ber­lin und Wien. Ich bin der­je­ni­ge, der tat­säch­lich mehr Zeit in Wien ver­bringt. Ich war bis­her in über 56 Haupt­städ­ten auf die­ser Welt und habe auch in eini­gen davon gear­bei­tet. In Wien ist alles so wun­der­bar kom­pakt. Es ist eine Mil­lio­nen­stadt und den­noch über­schau­bar. Man kann alles schnell errei­chen. Wien ist ja auch immer wie­der ganz vor­ne im Ran­king, wenn es um die Lebens­qua­li­tät von Groß­städ­ten geht, und das spürt man in vie­len Details: Trink­was­ser, Essen, Sicher­heit usw. Man kann von hier aus auch sehr gut ver­rei­sen. Was mich der­zeit schon sehr beschäf­tigt und mir und vie­len Künst­ler­kol­le­gen auch Sor­gen berei­tet, ist die rechts aus­ge­rich­te­te Regie­rung hier in Öster­reich, aber das soll nicht Inhalt unse­res Gesprächs sein.

Und jetzt zieht es Sie in den Wes­ten, an den Boden­see. Das muss doch ein wirk­lich guter Grund sein. Wel­che Her­aus­for­de­rung reizt sie an der ART BODENSEE?

Es reizt mich, dass der Stand­ort eine 5‑Län­der-Regi­on als Ein­zugs­ge­biet hat. Das ent­spricht sehr mei­nem Aus­tausch­ge­dan­ken inner­halb des Kunst­mi­lieus. Die­ser Aspekt wird nun auch sei­tens der Mes­se pro­ak­tiv bedient. Im Zuge die­ses Allein­stel­lungs­merk­mals einer Mes­se, von 5 Län­dern umkreist zu sein, ist es nur posi­tiv, die­sen Aus­tausch auch zu för­dern. Die Gegen­den am Boden­see sind kul­ti­viert und ich lie­be das Bewusst­sein für Archi­tek­tur in Vor­arl­berg. Ich sehe enor­mes Poten­ti­al in der Mes­se, weil häu­fig ein Pro­blem von Kunst­mes­sen ja jenes ist, dass kei­ne poten­ti­el­len Käu­fer in der Nähe sind. Das ist am Boden­see defi­ni­tiv nicht so, da es eine wohl­si­tu­ier­te Regi­on ist. Jetzt gilt es, die Her­aus­for­de­run­gen zu meis­tern, und dazu zählt die künst­le­ri­sche Aus­rich­tung, eine künst­le­ri­sche Iden­ti­tät zu schaf­fen. Dafür habe ich unter­schied­li­che Boards ins Leben geru­fen, die sehr ehren­haft und ziel­füh­rend behilf­lich sind. Die Iden­ti­tät muss eta­bliert und dann sorg­fäl­tig kom­mu­ni­ziert wer­den. Ges­tern hat­te ich bei­spiels­wei­se ein lan­ges Gespräch mit Karin Schnei­der von der Uni­ver­si­tät für ange­wand­te Kunst in Wien. Gegen­warts­kunst ist ein gro­ßes Nischen­pro­dukt, davon bin ich über­zeugt. Je mehr Sekun­där­in­for­ma­tio­nen man mit den Besucher*innen teilt, des­to eher erwächst auch ein Ver­ständ­nis für die­se Art von Kunst, für die Prei­se, die Zugän­ge, den Markt, den Künst­ler selbst. Ich glau­be, Kunst­kom­mu­ni­ka­ti­on ist noch sehr unter­schätzt, denn das ist ein wich­ti­ger Fak­tor, um zu ver­ste­hen, wie ein Kunst­markt funktioniert.

Por­trait Aram Haus

Der grie­chi­sche Phi­lo­soph Hera­klit hat gesagt: In jedem Men­schen ist die Weis­heit zu fin­den, wenn man sich nur die Zeit nimmt, lan­ge genug zuzu­hö­ren. Dar­an glau­be ich auch, und dem fol­ge ich sehr. Des­halb ist mei­ne Arbeit für die ART BODENSEE anfäng­lich haupt­säch­lich das Zuhören. 

Aram Haus

Wieso hat sich die ART BODENSEE dazu ent­schlos­sen, einen künst­le­ri­schen Lei­ter einzusetzen?

Das weiß ich eigent­lich nicht so genau. Es gab kei­ne Aus­schrei­bung für die­se neue Posi­ti­on, son­dern ich wur­de emp­foh­len. Es wur­de her­um­ge­fragt, wer den Relaunch mit­ge­stal­ten könn­te. Der­je­ni­ge, der mich emp­foh­len hat, weiß, was er tut. Ich bin sehr dank­bar für die­se Auf­ga­be, denn es macht mir extre­men Spaß. Ich berei­se seit Anfang des Jah­res alle Kunst­mes­sen, die in Euro­pa statt­fin­den. Das ist schon etwas, das mir sehr liegt, etwas Bestehen­des wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, neu zu betrach­ten, kri­tisch durch­zu­ar­bei­ten und mit einer Gemein­schaft zusam­men eine neue Iden­ti­tät zu schaffen.

Expe­ri­ence ist das The­ma die­ser Aus­ga­be. Wie defi­nie­ren Sie die „ArtFair“-„Experience“ der Zukunft? Was muss man bie­ten, was erwar­ten sich die Samm­ler* innen und Interessierten.

In der fer­nen Zukunft wird das alles sehr vir­tu­ell ablau­fen kön­nen, viel­leicht sogar mit Bril­len von zuhau­se aus. Bis dort­hin ist es sehr wich­tig, eine Iden­ti­tät fest­zu­le­gen. Die Inter­es­sen­ge­bie­te über­schnei­den sich sel­ten. Man spürt auch, dass die gro­ßen Mes­sen wie­der ver­su­chen, ihr Pro­fil zu schär­fen. In die­sem Jahr ist es noch ein Pot­pour­ri aus mei­ner „Expe­ri­ence“ und jener der Board-Mit­glie­der. Wir wer­den das aber in Zukunft viel mehr schärfen.

Wie schät­zen Sie per­sön­lich den der­zei­ti­gen Kunst­markt ein?

Ich darf vor­aus­schi­cken, dass ich aus dem Kul­tur­be­reich kom­me und einen gro­ßen Unter­schied mache zwi­schen einer Kul­tur­ver­an­stal­tung und einer Kunst­markt­ver­an­stal­tung. Eine Kunst­mes­se ist ein­deu­tig eine Kunst­markt­ver­an­stal­tung, die ande­re Bedürf­nis­se hat und ande­re Zie­le ver­folgt. Es geht um „Sales“, das ist ganz wich­tig für die Aus­stel­ler und für die Atmo­sphä­re unter den Besucher*innen. Natür­lich ist die Mes­se auch Platt­form für ein Kul­tur­er­leb­nis, weil man dort Expo­na­te sehen kann, die in der Regi­on nicht all­täg­lich bestaunt wer­den können.

Stich­wort Koope­ra­tio­nen und Netz­wer­ke: Wel­chen Bei­trag kann eine Kunst­mes­se hier leis­ten? Wel­chen Mehr­wert den Aussteller*innen bringen?

Es ist so: Wir haben zwei, drei Netz­werk­for­ma­te instal­liert. Das eine sind die Boards. Im Com­mu­ni­ty Board sind kul­tu­rel­le Schlüs­sel­po­si­tio­nen Vor­arl­bergs, die wich­ti­ge Insti­tu­tio­nen ver­tre­ten. Dann gibt es ein Kul­tur­quar­tier direkt auf der Mes­se als Prä­sen­ta­ti­ons­mög­lich­keit für Kul­tur­ein­rich­tun­gen. Die Flä­che stel­len wir im Aus­tausch gegen eine Kom­mu­ni­ka­ti­ons­leis­tung zur Ver­fü­gung. Es sind also ca. 20 Insti­tu­tio­nen, die ihre Netz­wer­ke infor­mie­ren und auf die Mes­se auf­merk­sam machen. Das erlaubt es uns, stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on zu leis­ten, ohne viel Print­wer­be­bud­get ein­zu­set­zen. An funk­tio­nie­ren­de und ehr­lich enga­gier­te Netz­werk­ar­beit glau­be ich viel mehr als an klas­si­sche Mar­ke­ting­maß­nah­men. Es freut mich auch irr­sin­nig, dass so vie­le Insti­tu­tio­nen schon in die Mes­se ein­ge­bun­den wer­den konnten.

Um kon­kret über den Markt­platz ART BODENSEE zu spre­chen: Wie war das Echo der bestehen­den Aus­stel­ler* innen auf die­sen Relaunch?

Es ist so schön. Ich habe die Galerist*innen um ihre Exper­ti­se gebe­ten. Alle waren groß­zü­gig bereit, ihr Wis­sen zu tei­len. Da hat­te ich das Gefühl, dass auch die Freu­de auf der ande­ren Sei­te groß ist, wenn sich ein­mal jemand die Zeit nimmt und zuhört. Ich habe so viel gelernt aus die­sen Gesprä­chen. Es wird auch ein For­mat direkt auf der Mes­se geben, wo wir die Galerist*innen zusam­men­brin­gen und alle ganz ehr­lich unse­re Gedan­ken tei­len. Ich glau­be an die Intel­li­genz der Mas­se und an die Kraft einer Gemeinschaft.

Junge Künstler*innen haben es schwer. Der Markt scheint über­sät­tigt, der Ein­tritt in den Markt ist oft nur mit vie­len Hür­den oder schlicht­weg mit genü­gend Kapi­tal  mög­lich. Schafft die ART BODENSEE „Raum“ für jun­ge Positionen?

Das hof­fe ich sehr. Wir haben schon die­ses Jahr eini­ge jun­ge Gale­rien dabei im Emer­ging Sek­tor, die auch jun­ge Posi­tio­nen zei­gen. Das ist mir auch ein per­sön­li­ches Bedürf­nis, jun­ge Kunst und neue Kon­zep­te zu för­dern. Es wird sicher­lich auch in Zukunft ein wesent­li­cher Teil der Kunst­mes­se sein. Die­ses Jahr wer­den wir den Schwer­punkt auf „Fema­le Empower­ment“ legen – z.B. weib­li­che Gale­ris­tin­nen, die weib­li­che „artists“ ver­tre­ten. Stich­wort: Gleich­be­rech­ti­gung, Eman­zi­pa­ti­on, Feminismus.

Wie schät­zen Sie das Publi­kum der ART BODENSEE ein?

Ich neh­me an, das Publi­kum wird zahl­reich erschei­nen. Ich hof­fe sehr, dass wir die Bar­rie­ren durch unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on abbau­en kön­nen und auch Men­schen die Mes­se besu­chen, die noch gar kei­ne Erfah­rung mit Kunst haben. Jede und jeder soll sich unbe­dingt trau­en, sich der Kunst hin­zu­ge­ben, man kann es schlecht fin­den, gut fin­den oder ein­fach gar nicht fin­den – es ist ledig­lich wich­tig, dass man sich auf den Weg macht.

Was wol­len Sie mit der Mes­se in den nächs­ten 5 Jah­ren errei­chen? Gibt es einen Mas­ter­plan oder eine Strategie?

Ja, die gibt es schon. Da ich mich für nach­hal­ti­ge Kon­zep­te inter­es­sie­re, und zwar viel mehr, als schnell irgend­et­was zum Explo­die­ren zu brin­gen, habe ich schon von Anfang an die Kon­zep­ti­on auf Nach­hal­tig­keit ange­legt. Da geht es um The­men wie Kin­der- und Jugend­pro­gram­me, die Samm­le­rin­nen und Samm­ler von mor­gen, „Emer­ging Artists & Gal­le­ries“. Wir wer­den über die nächs­ten Jah­re ein groß ange­leg­tes Rah­men­pro­gramm ent­wi­ckeln, viel­leicht sogar ein klei­nes For­mat im Win­ter umset­zen, damit die Mes­se nicht in Ver­ges­sen­heit gerät. Wir zeich­nen alle Podi­ums­ge­sprä­che auf, die wir dann unterm Jahr als Con­tent dem Publi­kum anbie­ten usw.

Kommen wir noch­mals auf die dies­jäh­ri­ge Aus­ga­be der ART BODENSEE zu spre­chen: Was sind die High­lights? Wird es auch Über­ra­schun­gen geben?

Es sind fan­tas­ti­sche Gale­rien dabei. Außer­dem konn­ten wir Elke Sil­via Kry­stu­fek, die ja schon 2009 auf der Bien­na­le Öster­reich ver­tre­ten hat, für eine groß­ar­ti­ge Son­der­schau gewin­nen. Außer­dem haben wir zum ers­ten Mal einen „Artist in Resi­dence“ vor Ort, der sich schon vor der Kunst­mes­se mit Publi­kum aus­ein­an­der­set­zen wird: Milan Mladenovic.

Elke Sil­via Kry­stu­fek, „hes­cape“, 2009, 200 x 300 cm

Es wird eben das vor­hin erklär­te Kul­tur­quar­tier geben. Die Aus­stel­lung „Sta­te of the Kunst“ wird bedeu­ten­de Wer­ke deutsch­spra­chi­ger Künstler*innen zei­gen; das ist auch für die Galerist*innen selbst ein klei­nes Unter­hal­tungs­pro­gramm. Ich glau­be, dass durch die Kul­tur­for­ma­te auf der Kunst­markt­platt­form die Wei­chen für die gute Stim­mung, die Qua­li­tät der Kunst und die Iden­ti­täts­schaf­fung gestellt wer­den kön­nen. Und Überraschungen…

Ja, auch Über­ra­schun­gen wird es geben, wir haben näm­lich sehr span­nen­de Podi­um­s­run­den mit inter­na­tio­na­len Prot­ago­nis­ten, die sicher­lich für hoch­ka­rä­ti­ge Gesprä­che sor­gen. Die Details dazu möch­te ich aber eben noch nicht ver­ra­ten, nur eines: Das Werk von Fran­cis Bacon wird dabei auch eine Rol­le spielen.

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