Ein Tiermaler der Klassischen Moderne

Ludwig Heinrich Jungnickel

In der Lien­zer Dolo­mi­ten­bank-Gale­rie (Ost­ti­rol) war in den ers­ten drei Mona­ten des Jah­res 2019 ein „Tie­ri­scher Kunst­ge­nuss“ mit 142 Arbei­ten des gro­ßen Tier­ma­lers Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel zu sehen. Der Besu­cher­an­drang war gewal­tig. Die Aus­stel­lung lock­te zahl­rei­che Besu­cher aus allen öster­rei­chi­schen Bun­des­län­dern an, Kunst­in­ter­es­sier­te kamen sogar aus Frank­reich, Tsche­chi­en, Ungarn, Süd­ti­rol und Bay­ern. Gewal­tig war auch das Medi­en­in­ter­es­se!

Grund genug, um Leben und Werk die­ses Künst­lers in der Kunst­zeit­schrift „stay­in­art“ in Erin­ne­rung zu rufen. Der Zeich­ner, Gra­phi­ker und Maler Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel erblick­te im Jah­re 1881 in der deut­schen „Brun­nen-Stadt“ Wun­sie­del (Oberfranken/Fichtelgebirge) das Licht der Welt. In Mün­chen auf­ge­wach­sen, zog er bald nach Öster­reich, wobei Wien und Vil­lach (Kärn­ten) sei­ne neu­en Hei­mat­or­te wur­den. Im Jah­re 1899 nahm der Künst­ler, beein­flusst durch die von Gus­tav Klimt neu gegrün­de­te Sezes­si­on, in Wien Auf­ent­halt. Er inskri­bier­te an der Wie­ner Kunst­aka­de­mie, eini­ge Jah­re spä­ter auch an der Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te in Mün­chen.

Im Jah­re 1906 gelang Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel mit der Schaf­fung von mehr als ein Dut­zend Tier­blät­tern in Scha­blo­nen­spritz­tech­nik der Durch­bruch zur all­ge­mei­nen Aner­ken­nung. In der Lien­zer Aus­stel­lung waren die Blät­ter Libel­len und Schmet­ter­lin­ge zu sehen. Josef Hoff­mann, der genia­le Archi­tekt und Desi­gner der Wie­ner Werk­stät­te, bestimm­te Gus­tav Klimt und Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel zur Aus­ge­stal­tung des Palais Sto­clet in Brüs­sel, wobei Jung­ni­ckel das Kin­der­zim­mer mit einem deko­ra­ti­ven Tier­fries aus­stat­te­te. Als Mit­ar­bei­ter der Wie­ner Werk­stät­te schuf der Künst­ler auch sechs Post­kar­ten, die in der Lite­ra­tur als „Tier­hu­mo­res­ken“ bezeich­net sind und die Besu­cher in der Ost­ti­ro­ler Aus­stel­lung begeis­ter­ten.

Eine Serie von zehn Farb­holz­schnit­ten von Tie­ren „mit kai­ser­li­cher Sub­ven­ti­on“ aus der Mena­ge­rie von Schön­brunn ent­stan­den im Jah­re 1909, brach­ten Jung­ni­ckel inter­na­tio­na­le Aner­ken­nung und wur­den mit dem Gra­phi­ker­preis in Rom und mit der Gol­de­nen Medail­le in Ams­ter­dam aus­ge­zeich­net. Im Jah­re 1910 bezo­gen Egon Schie­le und Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel gemein­sam ein Ate­lier in der Wie­ner Grün­berg­stra­ße 31. Anläss­lich sei­ner Pro­fes­sur an der Frank­fur­ter Kunst­ge­wer­be­schu­le – Jung­ni­ckel wur­de von über hun­dert Bewer­bern aus­ge­wählt – ent­stan­den neben zahl­rei­chen Farb­holz­schnit­ten (Frank­fur­ter Ansich­ten) auch die sechs Farbli­tho­gra­phien „Tier­mas­ken­ball“ im Auf­trag der Scho­ko­la­de­fa­brik Stoll­werck. Wie­der­hol­tes Auf­se­hen gelang dem Künst­ler mit der Schaf­fung her­vor­ra­gen­der gra­phi­scher Zyklen. So ent­stand u.a. eine Map­pe mit sechs Farb­holz­schnit­ten mit dem Titel „Tie­re der Fabel“, gezeigt in einer Kli­ma­vi­tri­ne der Aus­stel­lung. In den Fol­ge­jah­ren ent­stan­den bei einer Rei­he von Stu­di­en­rei­sen nach Rom, Bos­ni­en, in die Her­ze­go­wi­na und nach Ungarn wei­te­re zahl­rei­che Tier­gra­phi­ken in den ver­schie­dens­ten Tech­ni­ken (Zeich­nun­gen, Radie­run­gen, Holz­schnit­te und Litho­gra­phien).

1924 wur­de Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel Mit­glied des Wie­ner Künst­ler­hau­ses. Gro­ße Ehrun­gen folg­ten mit dem Gro­ßen Öster­rei­chi­schen Staats­preis für bil­den­de Kunst und mit der Gol­de­nen Ehren­me­dail­le der Genos­sen­schaft der bil­den­den Künst­ler Wien. Der schrul­li­ge und ängst­li­che Künst­ler wur­de auch Opfer von Intri­gen und Denun­zia­tio­nen und auf­grund sei­ner Kon­tak­te zu Juden fälsch­li­cher­wei­se als ent­ar­te­ter Künst­ler ein­ge­stuft. Dar­auf­hin emi­grier­te Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel im Jah­re 1938 nach Jugo­sla­wi­en. Er zeich­ne­te und mal­te nun in Bos­ni­en, Sara­je­vo, Dubrov­nik, Split und es ent­stan­den Aqua­rel­le von heu­te beson­ders gesuch­ten „Dal­ma­ti­ni­schen Esel­paa­ren“. Als Zeich­ner gehör­te Jung­ni­ckel nun neben Egon Schie­le, Oskar Kokosch­ka und Albin Egger-Lienz zu den bedeu­tends­ten Ver­tre­tern der expres­sio­nis­ti­schen Kunst in Öster­reich. Wäh­rend der Kriegs- und Nach­kriegs­jah­re leb­te er völ­lig ver­einsamt und mit­tel­los in Opa­ti­ja (Abbaz­zia). Sei­ne trau­ri­ge Situa­ti­on wird durch Über­schrif­ten dama­li­ger Zei­tungs­ar­ti­kel doku­men­tiert: „Kunst geht bet­teln!“

Pro­fes­sor Dr. Leo­pold, der gro­ße öster­rei­chi­sche Kunst­ex­per­te und Kunst­samm­ler, erzähl­te mir vor Jah­ren im Wie­ner Café „Tiro­lerhof“, dass er Jung­ni­ckel im Jah­re 1952 über­re­den konn­te, nach Öster­reich zurück­zu­keh­ren. Die Gra­phi­sche Samm­lung Alber­ti­na in Wien und die Neue Gale­rie am Lan­des­mu­se­um Joan­ne­um in Graz wid­me­ten Jung­ni­ckel nun je eine Per­so­nal­aus­stel­lung und ver­hal­fen ihm schnell wie­der zu Anse­hen in Österreich.Eine Rei­he von Ehrun­gen wur­de dem Künst­ler zuteil: Er erhielt vom öster­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten eine Ehren­ga­be auf Lebens­zeit, die Gesell­schaft der bil­den­den Künst­ler in Wien ver­lieh ihm den „Gol­de­nen Lor­beer“, im Jah­re 1957 wur­de er mit der Bron­ze­me­dail­le für Ver­diens­te um die Repu­blik Öster­reich aus­ge­zeich­net. Ein Jahr spä­ter war er wie­der­um auf der Bien­na­le in Vene­dig ver­tre­ten, wur­de anschlie­ßend zum Pro­fes­sor und im Jah­re 1964 zum Ehren­mit­glied des Wie­ner Künst­ler­hau­ses ernannt.

Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel (1930)

Am 14. Febru­ar 1965 starb Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel im Alter von 84 Jah­ren an den Fol­gen eines Schlag­an­falls in Wien. Er wur­de dort in einem Ehren­grab auf dem Kalks­bur­ger Fried­hof – direkt gegen­über dem Gra­be Hugo von Hof­mannsthals – bestat­tet.

Pro­fes­sor Leo­pold Schmied sag­te in sei­ner Grab­re­de: „Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel leb­te in einer spar­ta­ni­schen Beschei­den­heit, ver­gleich­bar mit einem Fra Ange­li­co da Fie­so­le. In einer Ecke sei­nes Arbeits­rau­mes lag am Boden sei­ne Matrat­ze, auf der er schlief. Der übri­ge Boden war bedeckt mit Blät­tern sei­ner flei­ßi­gen Hän­de. Wir beu­gen uns vor sei­ner Meis­ter­schaft.“ Pro­fes­sor Alfons Rie­del, dama­li­ger Prä­si­dent des Wie­ner Künst­ler­hau­ses, schrieb: „Mit Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel ver­liert Öster­reich sei­nen bedeu­tends­ten Tier­ma­ler. Durch sei­ne Lie­be zur Krea­tur, sei­ne inten­si­ve Beob­ach­tung und sei­nen rast­lo­sen Fleiß wur­de er ein Meis­ter von euro­päi­schem For­mat.“ Und Pro­fes­sor Otto Ben­esch, lang­jäh­ri­ger Direk­tor der Gra­phi­schen Samm­lung Alber­ti­na in Wien berich­tet: „Jung­ni­ckel ver­wen­det schwar­ze und bun­te Krei­den, Koh­le und Aqua­rell zur Aus­füh­rung sei­ner meis­ter­li­chen Blät­ter, und es kann kei­nem Zwei­fel unter­lie­gen, dass er der größ­te Tier­dar­stel­ler unse­res Jahr­hun­derts in Zeich­nung und Gra­phik ist.“

Das OEu­vre von Lud­wig Hein­rich Jung­ni­ckel ist heu­te welt­weit ver­streut. Die umfang­reichs­te öffent­li­che Kol­lek­ti­on besit­zen die Gra­phi­sche Samm­lung Alber­ti­na in Wien und die Samm­lung Dr. Leo­pold im Wie­ner Museumsquartier.Exponate des Künst­lers befin­den sich in nahe­zu allen öster­rei­chi­schen Muse­en, wei­ters befin­den sich Wer­ke Jung­ni­ckels in Muse­en in Ber­lin, Mün­chen, Dres­den, Leip­zig, Frank­furt, Stutt­gart, Prag, Buda­pest, Buka­rest, Rom, Vene­dig, San Fran­cis­co und Washing­ton.

Die in der Lien­zer Dolo­mi­ten­bank­ga­le­rie gezeig­ten 142 Jung­ni­ckel-Wer­ke von hei­mi­schen und exo­ti­schen Tie­ren stam­men zu 90 Pro­zent von einer Ost­ti­ro­ler Pri­vat­samm­lung, der Rest wur­de vom Nach­lass­ver­wal­ter und Groß­nef­fen des Künst­lers, Peter Weber aus Friedberg/Augsburg, sowie von Wie­ner und Kärnt­ner Pri­vat­be­sit­zern dan­kens­wer­ter­wei­se leih­wei­se zur Ver­fü­gung gestellt. Ver­knüpft war die Aus­stel­lung mit dem Gewinn von 100 Jung­ni­ckel-Gra­phi­ken zuguns­ten des Tier­schutz­ver­ei­nes Ost­ti­rol, und Aus­stel­lungs­ku­ra­tor Erich Mair konn­te € 36.000 für den Tier­schutz über­rei­chen.

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geschrieben von

Dipl.-Vw Erich Mair, geboren in Lienz. 1967 Graduierung zum Diplom-Volkswirt (Wirtschaftswissenschaften) an der Universität Innsbruck. Über drei Jahrzehnte Tourismus- und Kurdirektor in Lienz und Villach. Kurator von Ausstellungen. Autor von wissenschaftlichen Publikationen über die Künstler Ludwig Heinrich Jungnickel,Josef und Ludwig Willroider und Karl Untergasser. Experte für Bilder des 19. und frühen 20. Jahrhunderts für Kunstauktionshäuser. Gerichtlich beeideter Sachverständiger für Gemälde.

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