Reine alpine Kultur trifft auf internationales Design

Interview mit Martino Gamper

Ein Ort, an dem das Essen die Haupt­rol­le spielt, ein Treff­punkt, wo das Mit­ein­an­der am Tisch zum geteil­ten Erleb­nis wird, ein Wohn­zim­mer mit hei­me­li­ger Atmo­sphä­re: Das AlpiNN – Food Space & Restau­rant geht über die Idee eines klas­si­schen Restau­rants hin­aus, weil es eine Mahl­zeit in eine Mög­lich­keit ver­wan­delt, sich der alpi­nen Kul­tur auf neue Wei­se zu nähern.

Es ist eben in ers­ter Linie ein kul­tu­rel­les Kon­zept, ent­stan­den aus der Schnitt­men­ge drei­er Blick­win­kel: Der Inno­va­ti­ons­geist von Nor­bert Nie­der­ko­f­ler und Pao­lo Fer­ret­ti, die mit Mo-Food bereits Initia­to­ren von „CARE’s – The ethi­cal Chef Days“ und „Cook the Moun­tain“ sind, die inter­na­tio­na­le und iden­ti­täts­star­ke Aus­rich­tung des Desi­gners Mar­ti­no Gam­per sowie die künst­le­ri­sche Hal­tung der Tou­ris­mus­re­gi­on Kron­platz. Die­se drei Visio­nen schaf­fen einen Raum, wel­cher dem Essen die Rol­le eines Ele­ments ein­räumt, das ver­bin­det.

Im AlpiNN hat „Cook the Moun­tain“ am Ort sei­ner Bestim­mung und zum rich­ti­gen Zeit­punkt ein Zuhau­se gefun­den. Eine Art zu sein und zu han­deln, die für Ster­ne­koch Nor­bert Nie­der­ko­f­ler zu einer Art Lebens­stil wur­de. Nach sei­nen Rei­sen durch die Welt führ­te Nor­bert die Wie­der­ent­de­ckung sei­ner Wur­zeln und sei­ner Hei­mat dazu, Nach­hal­tig­keit und Regio­na­li­tät als höchs­te Prin­zi­pi­en sei­ner Koch­kunst zu ernen­nen. „Cook the Moun­tain“ geht von welt­weit geteil­ten Wer­ten aus, wel­che jene Men­schen auf kul­tu­rel­ler und sozia­ler Ebe­ne ver­bin­den, die den Berg als Res­sour­ce, Lei­den­schaft, Her­aus­for­de­rung und als zu schüt­zen­des Ver­mächt­nis begrei­fen.

Das Menü im AlpiNN basiert auf Sai­so­na­li­tät und Regio­na­li­tät. Jedes Gericht spie­gelt die Ber­ge, die har­te Arbeit der Bau­ern und Züch­ter, die Qua­li­tät ihrer Pro­duk­te, die über­lie­fer­ten Tra­di­tio­nen, die Sorg­falt und die Aus­dau­er wider. Man redu­ziert den Abfall auf ein Mini­mum. Um den Ver­brauch von Was­ser­fla­schen zu ver­mei­den, greift Nie­der­ko­f­ler auf das Was­ser der Ber­ge zurück. Ein­fa­che, rei­ne und unver­fälsch­te Roh­stof­fe sind uner­läss­lich, um den wah­ren Geschmack einer loka­len Berg­kü­che genie­ßen zu kön­nen.

Um mehr über die her­aus­ra­gen­de Design-Kom­po­nen­te in die­sem kul­tu­rel­len Kon­zept zu erfah­ren, tref­fen wir den ver­ant­wort­li­chen Desi­gner Mar­ti­no Gam­per. Er lebt und arbei­tet in Lon­don. Gam­per stu­dier­te Bild­haue­rei bei Michel­an­ge­lo Pis­to­let­to an der Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te in Wien. Er absol­vier­te im Jahr 2000 den Mas­ter am Roy­al Col­le­ge of Art in Lon­don, wo er bei Ron Arad stu­dier­te. Mar­ti­no Gam­per ist in ver­schie­de­nen Berei­chen des Designs und der Kunst tätig und enga­giert sich für eine Viel­zahl von Pro­jek­ten, dar­un­ter Aus­stel­lungs­de­sign, Innen­ar­chi­tek­tur, Auf­trags­ar­bei­ten und das Design von Pro­duk­ten für die inter­na­tio­na­le Möbel­in­dus­trie. Gam­per hat sei­ne Arbei­ten und Pro­jek­te in welt­weit sehr renom­mier­ten Design-Muse­en, Gale­rien und im Rah­men der Mai­län­der Tri­en­na­le für Archi­tek­tur prä­sen­tiert.

Herr Gam­per, mit Ihrem Pro­jekt „100 Chairs in 100 Days“ haben Sie gro­ße Aner­ken­nung in der inter­na­tio­na­len Kunst- und Design­sze­ne erfah­ren. Was hat Sie dazu bewo­gen, die­ses Pro­jekt umzu­set­zen?

Das Pro­jekt hat als per­sön­li­che Recher­che des Stuh­les begon­nen; ich woll­te mir 100 Tage Zeit geben, um den Stuhl jeden Tag neu zu defi­nie­ren.

Welche Rol­le kann Design Ihrer Erfah­rung nach in einem gas­tro­no­mi­schen Kon­text spie­len?

Sowohl die Gas­tro­no­mie als auch das Design spie­len sehr stark mit Aus­druck und Erleb­nis, und wenn bei­de zusam­men­spie­len sol­len, dann braucht es ein kla­res Ent­wurfs­kon­zept. Die bei­den Kon­tex­te müs­sen mit­ein­an­der in einen Dia­log tre­ten. Stel­len Sie sich vor, Sie sit­zen in einem Restau­rant, wo sehr viel Wert auf die Qua­li­tät des Essens gelegt wird, aber die Tische und Stüh­le pas­sen über­haupt nicht zu dem, was der Koch erzäh­len will, da fehlt dann etwas oder?

Sie zeich­nen für das Inte­rior-Design des Restau­rants AlpiNN ver­ant­wort­lich. Wie wür­den Sie den krea­ti­ven Pro­zess zwi­schen Ihnen als Desi­gner und Nor­bert Nie­der­ko­f­ler als 3‑S­ter­ne-Chef beschrei­ben?

Der Pro­zess war sehr offen, und Nor­bert hat mir vom Anfang an Car­te blan­che gege­ben. Trotz­dem hat­ten wir viel Aus­tausch und Gesprä­che; auch die Zusam­men­ar­beit mit dem Archi­tek­ten Ger­hard Mahl­knecht war sehr inten­siv und wir haben vie­le Details gemein­sam aus­ge­ar­bei­tet.

Por­trät Mar­ti­no Gam­per © Luca Dal­ges­so

Ich woll­te den rus­ti­ka­len Alpi­nen Stil neu gestal­ten, und zwar auf eine ehr­li­che­re Art.

Die Auf­ga­be war es, das Kon­zept „Cook the Moun­tain“ in Ihre Design-Spra­che zu über­set­zen. Wel­che wesent­li­chen inhalt­li­chen Ele­men­te haben Sie hier ver­ar­bei­tet?

Der Aus­gangs­punkt waren die Alpen. Ich woll­te den rus­ti­ka­len Alpi­nen Stil neu gestal­ten, und zwar auf eine ehr­li­che­re Art ohne Ver­schnör­ke­lung und Kitsch.

Inwie­fern haben Sie die Per­spek­ti­ve des Nut­zers, also in die­sem Fall des Gas­tes, in die Ent­wick­lung des Designs ein­be­zo­gen?

Die Per­spek­ti­ve des Nut­zers ist im AlpiNN sehr stark, da die Aus­sicht so phä­no­me­nal ist! Den Gast muss man mit­ein­be­zie­hen, aber auch ein wenig her­aus­for­dern. Und den idea­len Gast gibt es in mei­nem Den­ken nicht; des­halb woll­te ich in die­sem Kon­zept mit dem Gast etwas spie­len.

Die Natur steht bei „Cook the Moun­tain“ im Vor­der­grund. Wie kann Design im 21. Jahr­hun­dert eine respekt­vol­le Hal­tung der Mensch­heit gegen­über der Natur unter­stüt­zen?

Ich den­ke, dass Nor­bert und ich in die­sem Punkt eine sehr ähn­li­che Auf­fas­sung vom Respekt für die Natur und die Pro­duk­te haben. Design ist und wird in die­ser Hin­sicht eine immer wert­vol­le­re Rol­le spie­len müs­sen und kön­nen.

Welche Wech­sel­wir­kun­gen fin­den sich im AlpiNN zwi­schen Design und Regio­na­li­tät?

Mei­ne ers­te Idee war jene, dass alle Mate­ria­li­en und Hand­wer­ker vom Kron­platz aus zu sehen sind. Das bedeu­tet, das Lär­chen­holz für den Boden kommt aus dem Ahrn­tal, der Stoff für die Decke ist in Bruneck bei Moess­mer gewo­ben, das Per­ga­ment kommt aus Schef­fau in Nord­ti­rol usw.

Funk­tio­na­li­tät oder Ästhe­tik: was über­wiegt im Design des Restau­rants AlpiNN?

Die Funk­tio­na­li­tät ist immer im Wech­sel­spiel mit der Ästhe­tik. In die­sem Fal­le ist die Decke in Wol­le gewo­ben und macht zunächst einen ästhe­ti­schen Ein­druck, ist aber eine funk­tio­na­le akus­ti­sche Decke.

Woran arbei­ten Sie aktu­ell, bzw. dür­fen Sie uns etwas über Ihre zukünf­ti­gen Pro­jek­te ver­ra­ten?

In mei­nem Stu­dio gibt es immer eine gute Anzahl von Pro­jek­ten, die sich meist über­schnei­den. Der­zeit arbei­ten wir bei­spiels­wei­se an eini­gen Tisch­kom­mis­sio­nen, Stüh­len, einer Mikro­ar­chi­tek­tur und an der Krea­ti­on ganz neu­er Pro­duk­te.

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