Materie, Raum, Beziehung

Jessica Stockholder

Jes­si­ca Stock­hol­der (Seat­tle, 1959) gilt als eine der bekann­tes­ten zeit­ge­nös­si­schen ame­ri­ka­ni­schen Künstler*innen, vor allem wegen ihrer füh­ren­den Rol­le bei der Form­ge­bung eini­ger der grund­le­gen­den Ideen, um die sich zeit­ge­nös­si­sche Skulp­tur und Male­rei heu­te dre­hen. Ihre viel­fäl­ti­ge und facet­ten­rei­che Arbeit, die absicht­lich über die kla­ren und prä­zi­sen Gren­zen tra­di­tio­nel­ler Medi­en hin­aus­geht, hat die außer­ge­wöhn­li­che Kraft, das Kunst­werk in eine Gele­gen­heit zu ver­wan­deln, das Den­ken zu erwei­tern und die Lau­nen des Sehens sich mani­fes­tie­ren zu las­sen in all ihrer auf­bre­chen­den, schöp­fe­ri­schen Macht. Die Künst­le­rin ver­lässt die streng bild­li­che und skulp­tu­ra­le Ver­traut­heit, ihre Gewohn­hei­ten und Bräu­che, wen­det Kon­zep­te von Form, Motiv und Far­be auf drei­di­men­sio­na­le Räu­me an, und nutzt eine Viel­zahl von Mate­ria­li­en und Unter­la­gen, um eine neue Spra­che ins Leben zu rufen, die die Instal­la­ti­on zu ihrem Lieb­lings­be­griff macht. Das Ergeb­nis sind leb­haf­te Ein­grif­fe in die Orte, an denen sie statt­fin­den und deren Chif­fre, gekenn­zeich­net durch leuch­ten­de Far­ben und die Zusam­men­stel­lung der Mate­ria­li­en, sofort wie­der erkenn­bar ist. Auf die­se Wei­se lie­fert die Künst­le­rin eine Kon­zep­ti­on von Raum und Mate­rie, von Leben und Kunst, die in einer wesent­li­chen Bezie­hung mit­ein­an­der ver­floch­ten sind. Eine Kol­li­si­on zwi­schen der Erfah­rung des Den­kens und der Erfah­rung der Exis­tenz, die Fra­gen nach der Natur der Rea­li­tät aufwirft.

Der geo­me­tri­sche und kom­po­si­to­risch kom­ple­xe Abs­trak­tio­nis­mus vie­ler ihrer Wer­ke stützt sich auf den Gedan­ken der ame­ri­ka­ni­schen mini­ma­lis­ti­schen Strö­mung, die mit Autor*innen wie Donald Judd im künst­le­ri­schen Kli­ma der 60er Jah­re einer ope­ra­ti­ven Hal­tung Platz mach­te, die durch die Ver­wen­dung pri­mä­rer mono­li­thi­scher Ein­hei­ten wie Wür­fel, Pyra­mi­den, Par­al­lel­epi­peds und der­glei­chen gekenn­zeich­net war, sowie modu­la­rer Stan­dard­ele­men­te, die in offe­nen Struk­tu­ren und seri­el­len Sequen­zen orga­ni­siert sind. Sie setzt sich aber auch mit Vertreter*innen der Male­rei wie Frank Stel­la aus­ein­an­der, der den Aus­stel­lungs­raum expli­zit in einen Dia­log mit dem illu­sio­nis­ti­schen Raum der Bild­ebe­ne stellt.

Bei Stock­hol­der lässt sich die häu­fi­ge Ver­wen­dung geo­me­tri­scher Figu­ren wie dem Drei­eck, das in vie­len ihrer Ein­grif­fe ver­wen­det wird, nicht über­se­hen – ich den­ke da zum Bei­spiel an Floo­ded Cham­bers Maid [Geflu­te­tes Dienst­mäd­chen]: eine orts­spe­zi­fi­sche Mul­ti­me­dia-Instal­la­ti­on, die 2009 auf dem Oval Lawn im Madi­son Squa­re Park (New York) erstellt wur­de. Ele­men­ta­rer Teil des Recht­ecks, auto­nom und dyna­misch, in der Lage, sich über sich selbst nach außen aus­zu­deh­nen, und des­sen unend­li­che kom­bi­na­to­ri­sche Varia­tio­nen es ermög­li­chen, ratio­na­le Ent­schei­dun­gen auf der Grund­la­ge der Schnitt­art der Lini­en zu tref­fen, aber gleich­zei­tig völ­lig uner­war­te­te und unvor­her­seh­ba­re Ergeb­nis­se erzie­len können.

Alle Objek­te, die wir ver­wen­den, wur­den von jeman­dem ent­wor­fen. Bei den meis­ten von ihnen wur­den ihre Schöp­fer nicht gefei­ert. So, wie ich sie benut­ze, erken­ne ich die intel­lek­tu­el­len und füh­len­den Struk­tu­ren, die von einem ande­ren Geist ein­ge­bet­tet wurden. 

Draft, 2014 Plastic gara­ge floor tiles, cop­per tubing, foil, woo­den pep­per mill part, acry­lic paint, plastic parts, electric cord, woo­den branch, rub­ber was­hers, wire, shells, gal­va­ni­zed steel vent part, white metal bra­cket, oran­ge rope, white rope, zip ties, key chain wires, oran­ge ping pong balls, rub­ber, rivets. Light fix­tu­re: reces­sed LED cei­ling fix­tu­re. 116,8 × 91,4 × 91,4 cm. Jes­si­ca Stock­hol­der cour­te­sy of the Artist and Gal­le­ria Raf­fa­el­la Cor­te­se, Mila­no Foto: Loren­zo Palmieri 

Die Beto­nung des Bezie­hungs­pro­zes­ses wirkt jedoch als Kon­tra­punkt zur mini­ma­len Reduk­ti­on von For­men: Die zwi­schen der Arbeit und dem*der Betrachter*in, aber auch die zwi­schen Kör­per und Geist oder zwi­schen dem Kör­per und der umge­ben­den Welt. Tat­säch­lich zeich­net sich das gan­ze Werk die­ser Künst­le­rin dadurch aus, dass es nicht nur das The­ma Raum, son­dern auch das Kon­zept der Bezie­hung, das im flüs­si­gen Raum der Begeg­nung zwi­schen dem Werk und dem*der Nutznießer*in des Werks ent­steht, tief reflek­tiert. Ein mobi­ler Peri­me­ter, des­sen Gren­zen durch den gegen­sei­ti­gen Ener­gie­aus­tausch stän­dig modu­liert werden.

Kunst­ob­jek­te sind immer rela­tio­nal. Sie bie­ten phy­si­sche Berüh­rungs­punk­te zwi­schen dem Künst­ler und den ande­ren. Da mein Werk auf die eine oder ande­re Wei­se ein Bewusst­sein für den Kon­text vor­schlägt, befasst es sich auch mit der Bezie­hung zwi­schen dem sin­gu­lär ver­fass­ten Kunst­werk und dem gemein­sa­men Raum und der Kon­ven­ti­on, in und auf denen es ruht. Unse­re mensch­li­che Fähig­keit zur Abs­trak­ti­on ermög­licht es uns, mit­ein­an­der in Bezie­hung zu tre­ten. Spra­che ist abs­trakt. Wir kom­mu­ni­zie­ren mit gemein­sa­men abs­trak­ten For­men, die es uns ermög­li­chen, über die Natur unse­rer ganz beson­de­ren Erfah­run­gen nach­zu­den­ken. 2015 habe ich eine Rei­he von Wer­ken mit dem Titel Assists gestar­tet, bei denen ein Objekt, das nicht Teil des Kunst­werks ist, auf­recht ste­hen muss. Die­se ‚Requi­si­te‘ ver­schiebt sich durch das aus­ge­stell­te Leben des Assist. Jedes Mal, wenn das Werk gezeigt wird, kann es mit einer ande­ren Requi­si­te gese­hen wer­den.

Die gro­ße Auf­merk­sam­keit, die die Künst­le­rin der Kon­tex­tua­li­sie­rung der Umwelt ihrer Wer­ke wid­met, führt zu einer gleich star­ken Auf­merk­sam­keit für die Emp­fin­dun­gen, die die Arbeit gegen­über dem*der Betrachter*in erzeu­gen kann. Hier kommt seine*ihre kör­per­li­che Betei­li­gung ins Spiel, eine fast thea­tra­li­sche Betei­li­gung, bei der der Kör­per ein wesent­li­cher Bestand­teil des Werks wird. Es geht nicht um Umwelt­kunst im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes, es geht nicht dar­um, das inter­ne oder exter­ne Umfeld, in dem sich das Werk befin­det, neu zu for­mu­lie­ren, son­dern dar­um, das Werk mit dem Inne­ren und dem Äuße­ren koexis­tie­ren zu las­sen: Das Werk ist gleich­zei­tig auto­nom, hat Wert an sich, aber sei­ne Exis­tenz ist immer mit den Umstän­den ver­bun­den, die es beherbergen.

Oft sucht die Künst­le­rin nach Orten, an denen Ele­men­te wie z. B. Bän­ke ein­ge­fügt wer­den kön­nen, die die Trenn­li­nie zwi­schen der Kunst und dem Flie­ßen des all­täg­li­chen Lebens auf­he­ben und dem*der Betrachter*in das Erle­ben des Wer­kes ermög­li­chen, ein kon­struk­ti­ver und kon­sti­tu­ti­ver Teil von ihm zu wer­den. Aktio­nen wie das Öff­nen der Fens­ter der Gale­rien, in denen ihre Aus­stel­lun­gen statt­fin­den, ist nichts Neu­es für sie, um das Inne­re mit dem Äuße­ren zu ver­bin­den, in einem Dia­log der gegen­sei­ti­gen Gegen­sei­tig­keit, der die Fül­le der Kunst zum Leben erweckt, sie ent­wirft und her­stellt. Auf die­se Wei­se wer­den die Schein­wer­fer auch auf die Fra­ge der Bewe­gung und auf die der unter­schied­li­chen Wahr­neh­mung gerich­tet, die das Werk je nach der Posi­ti­on haben kann, von der aus es betrach­tet wird. Aus einer bestimm­ten Per­spek­ti­ve betrach­tet, kann es in sei­ner Bedeu­tung sehr line­ar und ein­deu­tig erschei­nen, aber in Wirk­lich­keit erscheint es in sei­ner gan­zen Kom­ple­xi­tät, wenn man es aus ande­ren Blick­win­keln betrach­tet und eine Bezie­hung zu ihm her­stellt, gezackt und offen für eine Viel­zahl von Interpretationen.

In die­ser Zwei­glei­sig­keit reist Stock­hol­ders Recher­che, immer auf der Suche nach dem Gleich­ge­wicht zwi­schen der orches­trier­ten und for­ma­len Ord­nung, die sie in ihr Werk ein­be­zieht, und dem chao­ti­schen Cha­os der Welt und ihrer selbst als Künst­le­rin in die­ser Welt.

Dazu trägt auch die Ver­wen­dung hete­ro­ge­ner und unter­schied­lich mit­ein­an­der ver­bun­de­ner Mate­ria­li­en bei, die den Raum ver­än­dern und sei­ne Wahr­neh­mung und Nutz­bar­keit radi­kal ver­än­dern. Eine Poe­tik aus Haus­halts­ma­te­ria­li­en wie Küchen­uten­si­li­en, die neben Plas­tik­be­häl­tern exis­tie­ren, Stüh­le, die sich mit Lam­pen ver­mi­schen, eine Ansamm­lung und eine kon­ti­nu­ier­li­che Anord­nung von Ele­men­ten, insta­bil, weil sie nicht durch eine vor­her fest­ge­leg­te hier­ar­chi­sche Ord­nung regu­liert wer­den und von außer­or­dent­li­cher chro­ma­ti­scher Sen­si­bi­li­tät durch­drun­gen sind mit hel­len, leben­di­gen, sogar dis­so­nan­ten Tönen. Zufäl­li­ge Begeg­nun­gen zwi­schen Din­gen, die sich in Rich­tung einer anti-for­ma­len Über­win­dung des Mini­ma­lis­mus bewe­gen, und die zum Nach­den­ken über den welt­li­chen und kurz­le­bi­gen Cha­rak­ter anre­gen, der unse­re Exis­tenz kenn­zeich­net, laden uns ein, über die Natur und die Mecha­nis­men mensch­li­cher Erfah­rung nachzudenken.

Alle Objek­te, die wir ver­wen­den, wur­den von jeman­dem ent­wor­fen. Bei den meis­ten von ihnen wur­den ihre Schöp­fer nicht gefei­ert. So, wie ich sie benut­ze, erken­ne ich die intel­lek­tu­el­len und füh­len­den Struk­tu­ren, die von einem ande­ren Geist ein­ge­bet­tet wur­den. Die­se Infor­ma­ti­on beglei­tet mein Bewusst­sein, dass die For­men, die ich benut­ze, im Dia­log mit vie­len ande­ren Gedan­ken in der Kunst­ge­schich­te ste­hen. Mein Werk hat mich auf die unzäh­li­gen Arten der Ver­ar­bei­tung auf­merk­sam gemacht, von denen all die­se ver­schie­de­nen Mate­ria­li­en und Objek­te zeu­gen.

Mini­mal Art, Land Art, Rela­tio­nal Art sind alles Orte des Den­kens, aus denen der*die Künstler*in wahr­schein­lich schöpft, und den­noch hebt er*sie sich von allen ande­ren irgend­wie ab. Der hybri­de und in gewis­sem Sin­ne unbe­stimm­te Cha­rak­ter ihrer Arbeit hat sei­ne Wur­zeln genau gese­hen im Schmelz­tie­gel sei­ner Exis­tenz. Stock­hol­der wur­de als Toch­ter zwei­er nicht prak­ti­zie­ren­der Juden aus New York, bei­de Universitätsprofessor*innen, in Seat­tle gebo­ren und wuchs in Van­cou­ver auf. Sie hat in ver­schie­de­nen Tei­len der Welt gelebt, für kur­ze Zeit auch in Gha­na, und vie­le ver­schie­de­ne Schu­len besucht.

Das Werk wächst aus dem Bestre­ben her­aus, all die­se Kom­ple­xi­tät zu ver­ste­hen. Ich den­ke, mei­ne Arbeit besteht auf Schön­heit und Kohä­renz ange­sichts von Schwie­rig­kei­ten, Kämp­fen und ver­wir­ren­der Kom­ple­xi­tät.

Das Werk Stock­hol­ders wird vom 5. Febru­ar bis 16. Mai 2021 in Ita­li­en im Bina­rio 1 & 2 der OGR – Offi­ci­ne Gran­di Ripa­ra­zio­ni in Turin in Zusam­men­ar­beit mit „la Caixa“ Foun­da­ti­on & Fon­da­zio­ne per l’Ar­te­Mo­der­na e Con­tem­pora­nea CRT gezeigt. Seit den acht­zi­ger Jah­ren orga­ni­siert die Stif­tung „la Caixa“ Aus­stel­lun­gen, die sich auf zeit­ge­nös­si­sche Künstler*innen kon­zen­trie­ren und eine kon­ti­nu­ier­li­che Ana­ly­se der künst­le­ri­schen Spra­chen des 20. Jahr­hun­derts dar­stel­len. OGR hat Wer­ke von „la Caixa“ mit Wer­ken aus der Samm­lung CRT ver­eint und die Künst­le­rin Jes­si­ca Stock­hol­der ein­ge­la­den, eine Aus­stel­lung zu kura­tie­ren, die die Gren­zen und das Poten­zi­al des im wei­tes­ten Sin­ne ver­stan­de­nen Bild­me­di­ums unter­sucht, und für die Räu­me der OGR einen neu­en site spe­ci­fic Auf­trag umzu­set­zen. Eine kom­pli­zier­te ‚Bezie­hung‘ zwi­schen den bei­den. Auf die­se Wei­se stel­le ich die glei­chen Fra­gen zur Gren­ze, die ich in mei­nen ‚Instal­la­tio­nen‘ gestellt habe, bei denen Archi­tek­tur zum Ein­satz kommt.

Im Früh­jahr 2021 wird dann in der Gale­rie Raf­fa­el­la Cor­te­se in Mai­land eine Ein­zel­aus­stel­lung der Künst­le­rin gezeigt, die aus einer Rei­he von Zeich­nun­gen mit dem Titel „Coro­na Home­works“ besteht, die die Künst­le­rin daheim wäh­rend der Zeit des von der Pan­de­mie beding­ten Lock­downs geschaf­fen hat.

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ist Autorin, unabhängige Kuratorin und Performerin. Sie schreibt für verschiedene Zeitschriften über zeitgenössische Kunst, kuratiert Kunstbücher, Ausstellungskataloge, Ausstellungen der Fotografie und der zeitgenössischen Kunst und verfasst Videokunstkritiken. Seit 2016 ist sie als Performerin tätig. Sie hat an mehreren Videoperformances teilgenommen und öffentliche Performances realisiert, an Kurzfilmen und Filmen mit experimentellem Charakter mitgewirkt, die auf internationalen Festivals präsentiert wurden.

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