brut favorites.! feilacher’s choice

Das muse­um gug­ging wur­de im Jahr 2006 von sei­nem künst­le­ri­schen Lei­ter Johann Feila­cher gemein­sam mit Nina Katsch­nig, der Lei­te­rin der gale­rie gug­ging, gegrün­det. In die­ser musea­len Ein­rich­tung hat­ten die Wer­ke der Gug­gin­ger Künst­ler direkt am Ort des Ent­ste­hens eine per­ma­nen­te Büh­ne. Heu­te ist das muse­um gug­ging ein inter­na­tio­nal renom­mier­tes Aus­stel­lungs­haus für die Gug­gin­ger Künst­ler, Art Brut und ande­re ursprüng­li­che Kunst­rich­tun­gen. Mit Ende des Jah­res 2022 über­gibt Johann Feila­cher, der sich seit 1983 vol­ler Inbrunst der Art Brut wid­met und über eine enor­me Exper­ti­se ver­fügt, sei­ne künst­le­ri­sche Lei­tung der jün­ge­ren Generation.

Zuvor wur­de die Aus­stel­lung mit dem Titel »brut favo­ri­tes.! feilacher‘s choice« eröff­net. Sie steht ganz im Zei­chen des schei­den­den Kura­tors und zeigt sei­ne ganz per­sön­li­chen High­lights der Art Brut, die mit ande­ren Kunst-Wel­ten ver­dich­tet wer­den. Es ist eine Aus­stel­lung am Puls der Zeit, die Feila­chers kura­to­ri­sches Mar­ken­zei­chen wider­spie­gelt: eine leben­di­ge Gegen­über­stel­lung von künst­le­ri­schen Posi­tio­nen, die kunst­his­to­ri­sche Begriff­lich­kei­ten und Zuwei­sun­gen hin­ter­fra­gen und auf­zu­bre­chen versuchen.

Als Johann Feila­cher vor rund vier­zig Jah­ren sich mit Art Brut aus­ein­an­der­zu­set­zen begann, wur­de die­se Art der Kunst gera­de sozia­li­siert. »Man hat damals noch die Pro­ble­ma­tik des Schöp­fers in den Vor­der­grund gestellt und nicht sein Werk«, so Feila­cher im Gespräch mit uns und fährt fort: »Genau das habe ich ver­sucht zu ändern. Es gibt in der Art Brut genau­so vie­le gute wie schlech­te Posi­tio­nen, so wie bei jeder ande­ren Kunst­rich­tung auch.« In all die­sen Jahr­zehn­ten hat sich Wesent­li­ches zum Posi­ti­ven ver­än­dert und das ist auch der kon­se­quen­ten Arbeit Feila­chers zu ver­dan­ken, der die Wer­ke als Kura­tor stets gleich behan­delt hat wie jene der zeit­ge­nös­si­schen Kunst: »Als das Muse­um gegrün­det wur­de, habe ich von Anfang an ver­sucht die­se Pseu­do-Mys­tik raus­zu­neh­men. Ich habe demons­tra­tiv White Cube gehängt«, erin­nert er sich.

Por­trait­fo­to Johann Feila­cher © Man­fred Horvath

Mitt­ler­wei­le ist Johann Feila­chers Cre­do, dass die Art Brut eine den ande­ren Kunst­rich­tun­gen gleich­wer­ti­ge Strö­mung ist, zur Rea­li­tät gewor­den. »Die Grund­idee war es zu zei­gen, dass die Art Brut das Recht hat gleich aner­kannt zu wer­den, sowohl in psy­cho­lo­gi­scher, künst­le­ri­scher als auch finan­zi­el­ler Hin­sicht. Die­ses Ziel haben wir erreicht.« Vie­le natio­na­le und inter­na­tio­na­le Muse­en haben die­se wert­vol­le Kunst­rich­tung mitt­ler­wei­le für sich ent­deckt und in ihr Pro­gramm auf­ge­nom­men. »Schon vor eini­gen Jah­ren war ich im Gespräch mit dem MoMA New York, um zu eru­ie­ren, wie man die Art Brut dort inte­grie­ren kann. 2019 ist es dann tat­säch­lich umge­setzt wor­den. Das sehe ich als einen der wesent­lichs­ten Schrit­te.« Inzwi­schen sind auch ande­re inter­na­tio­na­le Muse­en die­sem Bei­spiel gefolgt, wie Cent­re Pom­pi­dou oder das Alber­ti­na Muse­um, um nur zwei zu nennen.

Der ers­te Teil der Aus­stel­lung »brut favo­ri­tes.! feilacher‘s choice« ist Art Brut Künstler:innen gewid­met, deren Wer­ke den Kura­tor über Jahr­zehn­te fas­zi­niert haben. Dazu gehö­ren zum Bei­spiel die spä­ten Fin­ger­zeich­nun­gen des Schwei­zers Lou­is Sout­ter, die in des­sen Schaf­fen den Höhe­punkt dar­stel­len. Der Künst­ler schuf mehr als 200 die­ser beein­dru­cken­den Wer­ke, von denen eine reprä­sen­ta­ti­ve Aus­wahl zu sehen sein wird. Auch die aus den Süd­staa­ten der USA stam­men­de Mary T. Smith gehört zu Feila­chers Favo­ri­tin­nen. Ihre kraft­vol­le Male­rei wird eben­so zu sehen sein wie die orga­ni­schen Tex­til-Skulp­tu­ren der Kali­for­nie­rin Judith Scott. In Dia­log tre­ten die­se inter­na­tio­na­len Posi­tio­nen der Art Brut mit bis­her sel­ten aus­ge­stell­ten und zum Teil nicht publi­zier­ten Zeich­nun­gen der Künst­ler aus Gug­ging. Dabei sind Ver­tre­ter der ers­ten Genera­ti­on wie Franz Gab­leck eben­so ver­tre­ten wie aktu­el­le Kunst­schaf­fen­de, so zum Bei­spiel Jür­gen Tau­scher oder Johann Gar­ber. Im zwei­ten Teil der Aus­stel­lung wur­de der Gegen­warts­künst­ler Simo­ne Pel­le­gri­ni ein­ge­la­den, sein bis­her größ­tes Werk für die Prä­sen­ta­ti­on zu kre­ieren. »Simo­ne Pel­le­gri­no, der sehr brut arbei­tet, klebt Papie­re zu rie­si­gen Tei­len zusam­men und ver­sieht die­se mit Stem­peln, die er selbst her­stellt. Er nennt sie Matri­zen. Die­se Matri­zen wer­den für jedes Bild neu gemacht«, erklärt Feilacher.

Die­se monu­men­ta­le neue Arbeit des Ita­lie­ners trifft auf eine Aus­wahl künst­le­risch beein­dru­cken­der Schil­de aus dem Hoch­land von Neu­gui­nea, die von einer die Jahr­tau­sen­de über­dau­ern­den Bild­spra­che geprägt sind und die inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung des Kura­tors mit Tri­bal Art bele­gen. »Der Begriff Art Brut fasst jene Kunst­schaf­fen­den zusam­men, die nicht von kul­tu­rel­ler Kunst beein­flusst sind, kei­nen Bezug zur Kunst der Ver­gan­gen­heit oder der Gegen­wart haben, weil sie das nicht inter­es­siert. Daher kön­nen sie von sich her­aus machen, was sie wol­len, kön­nen frei arbei­ten«, defi­niert Feila­cher und meint wei­ter: »Die Tri­bal Art ist eine ursprüng­li­che Stam­mes­kunst, eine Form der Volks­kunst, aber in einem viel frü­he­ren Sta­di­um. Sie ist ursprüng­lich, weil sie von Men­schen gemacht wird, deren Lebens­um­feld auch noch sehr ursprüng­lich ist. Die Stäm­me leben nicht in grö­ße­ren staat­li­chen Ein­hei­ten mit demo­kra­ti­schen Ver­hält­nis­sen, son­dern in sehr klei­nen Grup­pen. Es waren west­li­che Künst­ler, wie Pablo Picas­so, die die Tri­bal Art als künst­le­risch wert­voll ent­deckt haben. In jeder gro­ßen Gegen­warts­samm­lung fin­det man mitt­ler­wei­le auch Stam­mes­kunst.« Für Feila­cher ist es also das Ursprüng­li­che, das der Art Brut und der Tri­bal Art gemein ist. »Die Kunst aus dem Hoch­land von Neu­gui­nea kennt man erst seit den 30er Jah­ren. Im Zuge der Kriegs­füh­rung wur­den dort Waf­fen aus Holz und Stein und Abwehr­schil­de her­ge­stellt. Die Schil­de dien­ten dem Zweck, das Über­le­ben des Krie­gers zu sichern, also wur­den sie bemalt, um sich gegen­über dem Geg­ner hero­isch aus­zu­drü­cken. Da haben sich über Jahr­tau­sen­de groß­ar­ti­ge ästhe­ti­sche Phä­no­me­ne ent­wi­ckelt.« Johann Feila­cher sam­melt die­se Schil­de selbst, weil sie hoch­ste­hen­de Kunst aus einer ursprüng­li­chen Umge­bung sind.

Ergän­zend hat Feila­cher für die Aus­stel­lung auch Arte­fak­te aus­ge­wählt – Zufalls­pro­duk­te, die wäh­rend des künst­le­ri­schen Pro­zes­ses ent­stan­den sind und die den­noch von der Hand­schrift der jewei­li­gen Kunst­schaf­fen­den zeu­gen. Die­se »side effects«, wie etwa die Matri­zen Pel­le­gri­nis, die bekrit­zel­ten Map­pen und Mal­un­ter­la­gen der Zeichner:innen aus Gug­ging oder die Palet­te, die wäh­rend der Restau­rie­rung des August-Wal­la-Zim­mers ent­stand, wer­den als eigen­stän­di­ge Kunst­wer­ke prä­sen­tiert und zei­gen, wie gut die­se in den Kon­text der Rezep­ti­on der Gegen­warts­kunst pas­sen. »Das ist ein Grenz­be­reich, der erst Mit­te bis Ende des 20. Jahr­hun­derts inter­es­sant für die Kunst wur­de«, so Feilacher.

brut favo­ri­tes.! prä­sen­tiert nicht nur Meis­ter­wer­ke der Art Brut. Mit sei­ner Aus­stel­lung für das muse­um gug­ging zeigt Johann Feila­cher ein­mal mehr auf, wie die Gegen­über­stel­lung von schein­bar Gegen­sätz­li­chem zu Dis­kurs und Dia­log füh­ren kann. Damit for­dert er von den Besucher:innen Offen­heit ein, eine For­de­rung, die seit 1986, als er sei­ne Tätig­keit in Gug­ging auf­nahm, nichts an Aktua­li­tät ein­ge­büßt hat.

Der Arti­kel ist in der Print-Aus­ga­be 3.22 REFLECTION erschienen.

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Aktuelle Ausstellung

BRUT FAVORITES.! FEILACHER‘S CHOICE
Sonderausstellung
bis zum 12.03.2023

muse­um gugging
Diens­tag bis Sonntag
Fei­er­ta­ge 10:00 – 17:00 Uhr
Mon­tag (außer Fei­er­tag) geschlos­sen
www.museumgugging.at

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